<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>yvonne-friedrich &#8211; Psycho-Path WordPress-Seite</title>
	<atom:link href="https://psycho-path.de/tag/yvonne-friedrich/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://psycho-path.de</link>
	<description>Zeitung, Veranstaltungen von und für Psychologie-Studierende und jede Menge Süßes</description>
	<lastBuildDate>Sun, 24 Sep 2023 18:18:42 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.0</generator>

<image>
	<url>https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2017/02/cropped-Versuch-Profilbild-32x32.png</url>
	<title>yvonne-friedrich &#8211; Psycho-Path WordPress-Seite</title>
	<link>https://psycho-path.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Interview mit Rektorin Prof. Dr. Ursula Staudinger</title>
		<link>https://psycho-path.de/interview-mit-rektorin-prof-dr-ursula-staudinger/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Feb 2023 04:59:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#mehr_campus]]></category>
		<category><![CDATA[frauen-in-der-wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[interview]]></category>
		<category><![CDATA[paula-böhlmann]]></category>
		<category><![CDATA[staudinger]]></category>
		<category><![CDATA[tu-dresden]]></category>
		<category><![CDATA[work-life]]></category>
		<category><![CDATA[yvonne-friedrich]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://psycho-path.de/?p=1979</guid>

					<description><![CDATA[Die Psychologin an der Spitze der TU Dresden YVONNE FRIEDRICH und PAULA BÖHLMANN. Prof. Dr. Ursula Staudinger ist seit August 2020 Rektorin der Technischen Universität Dresden. Die Psychologin forschte zuvor beim Max-Planck-Institut in Berlin und an Universitäten in Dresden, Bremen und New York zu Prozessen des Alterns. In der Geschichte der TU Dresden ist sie [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Die Psychologin an der Spitze der TU Dresden</h2>



<p class="wp-block-paragraph">YVONNE FRIEDRICH und PAULA BÖHLMANN. <em>Prof. Dr. Ursula Staudinger ist seit August 2020 Rektorin der Technischen Universität Dresden. Die Psychologin forschte zuvor beim Max-Planck-Institut in Berlin und an Universitäten in Dresden, Bremen und New York zu Prozessen des Alterns. In der Geschichte der TU Dresden ist sie die zweite Frau und erste Psychologin im leitenden Amt. Für uns war das Grund genug nachzufragen, wie das so ist, Rektorin einer großen Uni zu sein – und ob dabei überhaupt noch Zeit für eine Work-Life-Balance bleibt.</em></p>



<span id="more-1979"></span>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Frau Prof. Staudinger, fangen wir erstmal mit den Basics an. Was sind eigentlich Ihre Aufgaben als Rektorin?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da kann man wahrscheinlich eher fragen: Was sind sie nicht? Nee <em>[lacht],</em> es ist zumindest ein sehr breites Portfolio. Da gibt es zum einen all die wichtigen Selbstverwaltungsgremien der Universität: Das Rektorat selbst und den Senat. Dazu kommen regelmäßige Treffen mit allen Dekanen, den Bereichssprechern, den studentischen Senator:innen, dem StuRa (Studierendenrat), den wissenschaftlichen Mitarbeitenden und den Mitarbeitenden in Technik und Verwaltung. Das sind ganz viele Meetings und wichtige Kommunikationsprozesse, in denen man sich abstimmt, gegenseitig Informationen einholt und sich berät. Außerdem veranstalten wir einmal im Monat „Let&#8217;s Talk Over Lunch“, ein digitales Mittagessen, wo sich mit vorheriger Anmeldung jeder einwählen kann. Auch die „Universitätsentwicklung“ habe ich direkt bei mir angesiedelt. Da geht es um Qualitätsmanagement, evidenzbasierte Universitätsentwicklung und langfristige Strategien. Außerdem gibt es noch die ganzen Preise, die wir als Universität selbst vergeben oder für die wir uns bewerben wollen. Auch für Grußworte bei wichtigen Veranstaltungen unserer Universität werde ich angefragt wie beispielsweise dem Richtfest für den Beyer-Bau.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann spielt die „TU Dresden als zivile Akteurin“ eine große Rolle. Gemeinsam mit der Prorektorin Universitätskultur sind wir bei öffentlichen Veranstaltungen aktiv und im Gespräch mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren, zum Beispiel unserem Oberbürgermeister, aber auch unseren Museen und der Philharmonie. Wir halten den Kontakt in die Politik, also mit den Abgeordneten im Landtag und den Fraktionen, die sich speziell mit Wissenschaft beschäftigen. Auch die Landesrektorenkonferenz und die Hochschulrektorenkonferenz sind wichtige Vernetzungsgremien für unsere Universität. Sie merken: Der Tag ist zu kurz.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Genau darauf zielt meine nächste Frage: Wie schaffen Sie das eigentlich alles? Hat man als Rektorin noch so etwas wie eine Work-Life-Balance?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, die versuche ich mir zu erhalten. Einfach weil ich in den vergangenen Jahrzehnten die Erfahrung gemacht habe, dass man sich ausbrennt, wenn man keinen Ausgleich schafft. Dann hat man irgendwann keine Lust mehr auf einen Job, der einem eigentlich sehr viel Spaß macht. Deshalb mache ich zum Beispiel in der Regel nach 18 Uhr keine Termine mehr. Am Wochenende versuche ich mir einen Tag freizuhalten, was aber nicht immer klappt. Außerdem laufe ich ins Büro und vom Büro zurück. Also zumindest ein Stück. Ich schaffe nicht die ganze Strecke, das wäre zu viel Zeit. Aber so bewege ich mich erzwungenermaßen zumindest ein bisschen jeden Tag – als Ausgleich zu dem vielen Sitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Lebenseinsicht und Weisheit – Prof. Staudinger im Psycho-Path</strong><br>Beim Durchforsten unserer alten Ausgaben haben wir ein echtes Fundstück erspäht: Frau Prof. Staudinger ist nicht zum ersten Mal im Psycho-Path! Im Jahr 2000 hat sie in unserer allerersten Ausgabe einen selbstgeschriebenen Artikel veröffentlicht. Damals lehrte sie an der TU Dresden und forschte zu verschiedenen Aspekten des Alterns. Unter dem Titel „Lebenseinsicht und Weisheit: Wie viele Wege führen nach Rom?“ erläuterte sie, warum es leider nicht reicht, älter zu werden, um Weisheit zu erlangen und welche Erfahrungen und Eigenschaften zusätzlich wichtig sind. Nachlesen könnt ihr den Artikel auf unserer Website unter https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2018/11/psychopath1.pdf Wir geben eine klare Leseempfehlung!</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was sind die drei größten Ziele, die Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen haben?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines der großen Ziele ist natürlich, dass wir weiter Exzellenzuniversität bleiben und darin hoffentlich (endlich) verstetigt werden. Ein zweites, ganz wichtiges Ziel ist, dass wir eine moderne Organisation werden. Das bedeutet, dass wir mithilfe der Digitalisierung die Verwaltungsprozesse, die durch die hohe Forschungs- und Lehrproduktivität an uns herangetragen wurden, noch effizienter und effektiver bewältigen wollen. Und das dritte, was uns im Rektorat sehr wichtig ist, ist, dass wir uns als Universität stärker bewusst werden, dass wir eine Gemeinschaft sind. Eine Gemeinschaft, die durch bestimmte Werte getragen wird, die wir jeden Tag nach innen wie nach außen leben. Deswegen habe ich das Prorektorat Universitätskultur begründet. Für mich gehört dazu, dass wir einen Campus gestalten, der es ermöglicht, sich immer wieder zu begegnen und gemeinsam Dinge zu machen. Für mich gehört auch dazu, dass wir diese Gemeinschaft deutlicher nach außen tragen und uns mit anderen Akteur:innen zu wichtigen Themen unserer Zeit verknüpfen. Sei es nun die Bewältigung der Klimakrise oder der Schutz unserer demokratischen Rechtsordnung. In dieser Rolle sehen wir uns auch in großer Verantwortung beim Strukturwandel in der Lausitz. Die Verbesserung des Transfers unserer Forschung in die Wirtschaft und der Beitrag, den unsere Universität auf diese Weise zur Produktivität unseres Landes leistet, ist ein weiteres wichtiges Thema.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was sind die größten Hürden und Herausforderungen bei der Umsetzung der Ziele?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einfach sehr viele Rädchen, die gleichzeitig in Bewegung gesetzt werden und dann noch ineinandergreifen müssen. Das hat viel mit der Größe der Institution zu tun. Das ist auch bei großen Wirtschaftsunternehmen so. Ich habe früher in meiner Forschung mit VW, Mercedes oder Bosch zusammengearbeitet und es dort ähnlich erlebt. Da überlegt sich die Geschäftsführung etwas und bis das dann unten in den Tiefen der Institutionen ankommt, ist der Weg weit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Sie sind ja auch Psychologin. Welche psychologischen Sichtweisen haben Ihnen als Leiterin der TU geholfen?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube, dass uns unsere Fachdisziplin für all das fit macht, wo Menschen zueinanderkommen, miteinander umgehen und gemeinsam versuchen, Ziele zu erreichen. Die Psychologie hilft uns, weil wir eben jenseits der inhaltlichen Fragestellungen auch wissen: Wir sind alle Menschen. Wir wissen durch unsere Wissenschaft, welche Regeln und Gesetzmäßigkeiten häufig greifen, wenn es um Emotionen, Motivlagen und Handlungssteuerung geht.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Sie arbeiteten von 1999 bis 2003 bereits als Professorin an der TU Dresden und haben die Entwicklungspsychologie geleitet. Wie hat sich die Psychologie in Dresden seitdem verändert?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war damals meine erste Professur. Als ich vom Max-Planck-Institut weggegangen bin, hatte ich drei verschiedene Rufe. Da war es keine schwierige Entscheidung nach Dresden zu kommen. Die Psychologie in Dresden war damals schon eines der größten Institute in Deutschland und in den Naturwissenschaften angesiedelt. Das war für mich sehr attraktiv. Als ich mit dem damaligen Kanzler verhandelt hatte, hat er gar nicht mit der Wimper gezuckt, als ich ihm meine Start-Up-Vorstellungen präsentierte, weil er aus den Naturwissenschaften ganz andere Zahlen gewohnt war. Außerdem war die Psychologie in Dresden schon zu DDR-Zeiten inhaltlich sehr gut aufgestellt. Die arbeitsbezogene Handlungstheorie, vertreten durch Professor Hacker, war vergleichbar mit dem Ruf der kognitiven Psychologie an der Humboldt-Universität mit Professor Klix.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam damals zu einer Zeit, als der Generationenwechsel im Institut für Psychologie gerade begann. Die Dresdner Psychologie hat da eigentlich einen Siegeszug angetreten. Sie war die erste Psychologie in Deutschland, die einen Sonderforschungsbereich (SFB) in Sprecherfunktionen eingeworben hatte. Das war kein dünnes Brett. Da zieh ich den Hut vor den Kollegen und Kolleginnen, die das durch tolle Zusammenarbeit hinbekommen haben. Besonders Thomas Goschke hat hier Herausragendes für die Dresdner Psychologie geleistet. Der SFB wurde dann noch zweimal verlängert.&nbsp; Außerdem gab es schon immer eine starke klinische Psychologie in Dresden. Jetzt sind wir stolz, dass wir unsere eigene Hochschulambulanz mit den Geschäftsführern Prof. Endrass und Prof. Kanske gegründet haben und freuen uns auf den Start des neuen Psychotherapeuten-Studiengangs nächstes Wintersemester.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Sie haben gerade die Klinische Psychologie in Dresden angesprochen. Ein Thema, das uns Studierende sehr getroffen hat, ist der Fall „Wittchen“ (s. Kasten). Können Sie uns sagen, was getan wird, damit so etwas nicht wieder passiert?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, natürlich. Das hat mich ja auch sehr getroffen. Seit ich das Amt angetreten und diese Problemlage geerbt habe, habe ich dafür gesorgt, dass wir das sogenannte Compliance-Management in unserer Universität ausbauen und visibler machen. Wir müssen also sicherstellen, dass die Regeln in den Bereichen gute wissenschaftliche Praxis, zwischenmenschliche Praxis und finanzielle Verwaltungspraxis eingehalten werden. Und das haben wir getan, seit wir im Amte sind. Im neuen Rektorat haben wir die Verfügbarkeit der Informationen zu all unseren Compliance-Officers erhöht. Wir haben Beschwerdestellen für alle drei Bereiche und noch im Dezember 2020 eine neue Satzung für die gute wissenschaftliche Praxis verabschiedet. Weiterhin werden wir Anfang 2022 eine elektronische Beschwerde-Plattform live schalten, wo es möglich ist, anonym online Beschwerden jedweder Art kundtun zu können und dabei die Whistleblower zu schützen. Das war mir ein wichtiges Anliegen – aus diesem unglücklichen Fall heraus.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Die TU Dresden wurde in 62 Amtszeiten von Männern geführt und in zwei Amtszeiten von Frauen. Haben Sie das Gefühl, allein durch die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, als Rektorin anders behandelt zu werden?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist eine schwierige Frage, besonders für eine Verhaltenswissenschaftlerin, weil es keine Kontrollgruppe gibt. Ich kann nicht parallel auf mich als männliche Variante gucken und beurteilen, wie ich dann behandelt werden würde. In der Zusammensetzung unseres Rektorats habe ich darauf geachtet, dass wir eine Parität haben, also gleich viele Männer wie Frauen. Von daher spielt es in unserem Umgang miteinander eine untergeordnete Rolle. Ich erlebe aber im Umfeld der Universität immer mal wieder eine eher traditionelle Orientierung. Da müssen sich manche noch daran gewöhnen, dass sie jetzt einer Frau gegenüberstehen – und dass diese Tatsache nicht relevant ist, sondern dass im Fokus steht, dass diese Frau die TU Dresden leitet. Diesen Eindruck hatte ich manchmal, aber das kann ich wie gesagt nicht eindeutig darauf zurückführen, dass ich eine Frau und kein Mann bin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt noch eine Sache bei Frauen in Führungspositionen, die mir wichtig ist: Es wird auch von Frauen in Leitungspositionen erwartet, dass sie mit mehr Zugewandtheit, Empathie und Geduld agieren, als dies von einem Mann in der gleichen Position erwartet würde. Das Gegenüber ist dann häufig überrascht, wenn das nicht der Fall ist, sondern Sachorientierung und klare Ansagen im Vordergrund stehen. Das wird dann nicht selten gegen die Frau in der Führungsposition gewendet. Da hat unsere Gesellschaft noch Einiges dazuzulernen: Zu vergessen, ob es ein Mann oder eine Frau ist und zu verstehen, dass die Führungsposition im Vordergrund steht und dass damit unabhängig vom Geschlecht bestimmte Zwänge einhergehen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass bei Männern klare Ansagen und gewisses Durchregieren eher verziehen bzw. sogar erwartet werden, als das bei einer Frau der Fall ist.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was würden Sie den Frauen raten?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist schwierig. Ich würde sagen, es wäre wichtig, dass wir alle unsere Geschlechtsstereotype reflektieren. Man sollte sich – auch als Frau – immer mal fragen: „Warum habe ich diese Erwartungshaltung?“, damit man aus stereotyp-orientierten Verhaltensweisen herauskommt, die uns sicher noch eine ganze Weile begleiten werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Vielen Dank für Ihre Zeit!</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-style-default is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:100%">
<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Zur Person<sup> [1,2]</sup></strong><br><em>Seit 08/2020</em>: Rektorin der TU Dresden<br><em>2013 &#8211; 2020</em>: Professorin und Gründungsdirektorin, Columbia Aging Center, Columbia University (New York)<br><em>2003 &#8211; 2013</em>: Professorin und Vizepräsidentin der Jacobs University Bremen<br><em>1999 &#8211; 2003</em>: Professorin für Entwicklungspsychologie an der TU Dresden<br><em>1997:</em> Habilitation (Psychologie) an der FU Berlin<br><em>1992 &#8211; 1999</em>:  Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung<br><em>1988 &#8211; 1992</em>: Wissenschaftliche Referentin an der Westberliner Akademie der Wissenschaften<br><em>1988</em>: Promotion (Psychologie) an der FU Berlin<br><em>1978–1984:</em> Studium der Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Clark University (USA)<br><em>1959</em>:  Geb. in Nürnberg</p>
</div>
</div>
</blockquote>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Der Fall „Wittchen“ <sup>[4,5]</sup></strong><br>Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen leitete 17 Jahre lang das Institut für Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden und gilt als einer der meistzitiertesten Forscher:innen seiner Disziplin. Zuletzt machte seine Arbeit jedoch Negativschlagzeilen. Zwei seiner Mitarbeitenden erhoben Ende 2018 schwere Vorwürfe gegen ihn: Er soll Daten einer 2,5-Mio. € schweren Studie manipuliert haben. Dabei geht es um die sogenannte Studie PPP (Personalausstattung in  Psychiatrie und Psychosomatik), die der Gemeinsame Bundesausschuss, das zentrale Gremium des deutschen Gesundheitswesens, in Auftrag gegeben hatte. H.-U. Wittchen hatte die Aufgabe die Personalausstattung in deutschen Psychiatrien zu erfassen. Auf dieser Grundlage sollte durch ein neues Gesetz der Personalschlüssel aktualisiert werden. Das Problem: Es nahmen nicht genügend Psychiatrien teil. Statt der von Wittchen angegebenen 93 Kliniken hatte sein Team höchstens 73 besucht. Für die restlichen Kliniken wurden einfach Duplikate der Daten von bereits besuchten Kliniken verrechnet. Diese Art der „Hochrechnung“ hatte H.-U. Wittchen nicht kenntlich gemacht. Aber das ist nicht alles: Er soll Gelder zweckentfremdet haben: Private Reisen und Essen als geschäftlich abgerechnet haben, Konferenzen erfunden und seiner Tochter ohne Arbeitsleistung eine Vollzeitstelle aus Projektgeldern finanziert haben. Weiterhin berichteten Mitarbeitende von einem Arbeitsklima mit Wutausbrüchen, Beleidigungen und Tränen. Die TU Dresden beauftragte daraufhin eine Untersuchungskommission, die nach zwei Jahren die Vorwürfe in ihrem Abschlussbericht weitestgehend bestätigt. H.-U. Wittchen habe seine Mitarbeitenden nicht nur bewusst zur Datenmanipulation angehalten, sondern sei auch bei dem Versuch, die Manipulationen nachträglich zu verschleiern, betrügerisch vorgegangen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. H.-U. Wittchen hat die Vorwürfe bisher abgestritten. Der Betrug ereignete sich noch zu Amtszeiten des TUD-Rektors H. Müller-Steinhagen, die Untersuchungen wurden aber erst im Jahr 2021 abgeschlossen.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:12px">Quellen: <br>[1] https://www.ursulastaudinger.com/de/profil/<br>[2] https://tu-dresden.de/tu-dresden/organisation/rektorat/rektorin<br>[3] https://www.stadtwikidd.de/wiki/Liste_von_Rektoren_der_TU_Dresden<br>[4] https://www.buzzfeed.de/politik/staatsanwaltschaft-ermittelt-faelschungsskandal-psychologie-wittchen-tu-dresden-zr-90356695.html<br>[5] https://www.sueddeutsche.de/wissen/wittchen-faelschung-tu-dresden-ppp-studie-psychiatrie-1.5226427</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Dem Leben die Hand reichen &#8211;Probleme und Perspektiven derSinnfrage</title>
		<link>https://psycho-path.de/dem-leben-die-hand-reichen-probleme-und-perspektiven-dersinnfrage/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Jan 2023 04:08:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#34 Sinn]]></category>
		<category><![CDATA[#mehr_unterhaltung]]></category>
		<category><![CDATA[Gedicht]]></category>
		<category><![CDATA[sinn]]></category>
		<category><![CDATA[yvonne-friedrich]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://psycho-path.de/?p=1970</guid>

					<description><![CDATA[YVONNE FRIEDRICH. Ich bücke mich, um meine Schnürsenkel zu binden.Ich studiere, um einen rentablen Beruf ergreifen zu können.Ich blättere in der Zeitung, um meine Langeweile zu vertreiben.Ich denke, um zu verstehen.Schreibe, um verstandenund am Ende wieder vergessen zu werden. Es gibt kaum eine Handlung im Leben,um deren Sinn und Zweck wir wirklich verlegen wären.Außer vielleicht:dem [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">YVONNE FRIEDRICH.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bücke mich, um meine Schnürsenkel zu binden.<br>Ich studiere, um einen rentablen Beruf ergreifen zu können.<br>Ich blättere in der Zeitung, um meine Langeweile zu vertreiben.<br>Ich denke, um zu verstehen.<br>Schreibe, um verstanden<br>und am Ende wieder vergessen zu werden.</p>



<span id="more-1970"></span>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt kaum eine Handlung im Leben,<br>um deren Sinn und Zweck wir wirklich verlegen wären.<br>Außer vielleicht:<br>dem Leben selbst.<br>Wie schmerzhaft,<br>wenn unsere heilige Ratio<br>das zerlegt, was die Basis unserer Existenz bilden soll.<br>Wenn unsere sauberen Finalketten nicht greifen.<br>Weil es nichts gibt,<br>um sie daran aufzuhängen.<br>Weil das schwächste Glied<br>das erste und das letzte sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 1: Gib mir eine Aufgabe und ich messe mich daran!</strong><br>Kinder kriegen.<br>Geld verdienen.<br>Welt retten.<br>Und am Ende unseres Lebens,<br>da gibt es welche, die es geschafft haben<br>auf einer Likert-Skala von 1 bis 5.<br>Und solche, die am unteren Ende<br>der Gaußschen Verteilung landen.<br>Schade.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 2: Jeder ist seines Glückes Schmied</strong><br>Wieso sollte irgendjemand<br>auf dieser Erde<br>das Recht haben,<br>mir vorzuschreiben,<br>wozu ich da bin?<br>Wegen Befangenheit disqualifiziert.<br>Soll doch jeder selber wissen.<br>Was er daraus macht.<br>Und ob’s ihm gefällt.<br>Die absolute Subjektivierung von Sinn:<br>Familie, Freunde, Nächstenliebe.<br>Blumen gießen oder Briefmarken sammeln.<br>Irgendwie seltsam.<br>Das kann mir doch keiner erzählen,<br>dass alles erlaubt ist<br>und sich niemand an der Moral probiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 3: Irgendwas Moralisches</strong><br>Lasst uns Gutes tun.<br>Oder es zumindest versuchen.<br>Und dann als Lehrer falsche Theorien verbreiten.<br>Als Politiker ein schädliches System unterstützen.<br>Als Mutter einen Amokläufer großziehen.<br>Oder als Physiker die Atombombe erfinden.<br>Was wäre, wenn uns das aus Versehen passiert?<br>Lieber nicht.<br>Aber was wäre, wenn<br>die Welt so gemacht ist, dass<br>Gutes auf der einen Seite<br>Leid auf der anderen bringt.<br>Zwangsläufig.<br>Als Naturgesetz menschlicher Wahrnehmung.<br>Der Energieerhaltung verpflichtet.<br>Und dem ökologischen Gleichgewicht.<br>Oder was meinst du &#8211;<br>wenn alle Menschen 100.000 Jahre lang die Welt verbessern,<br>ist es dann nicht mal soweit?<br>Für die bessere Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 3: Kein für uns erfassbarer Sinn</strong><br>Vielleicht gibt es einen überirdischen Sinn,<br>der, weil mit menschlicher Sprache erfragt<br>mit menschlicher Ratio und Konstrukten nicht begreifbar ist.<br>Aber das Wissen, dass da was sein könnte,<br>lässt mich aufatmen.<br>Zurücklehnen.<br>Ein bisschen gesucht. Ein bisschen gefunden.<br>Pflicht erfüllt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 4: Es gibt ihn nicht und das ist ok</strong><br>Schweißnass, schwer atmend, aber glücklich<br>&#8211; so kennen wir ihn:<br>den Mythos des Sisyphos.<br>Von den Griechen ersonnen<br>und durch Camus verstanden.<br>Die Analogie des Felsbrockens,<br>der Tag für Tag<br>laut polternd ins Tal zurückrollt.<br>Weil das Leben absurd ist<br>und sich immer im Spannungsfeld<br>zwischen der unbändigen Sehnsucht nach Sinn<br>und dem glorreichen Scheitern der Suche derselben<br>den Berg hinaufzwingt.<br>Die Antwort sei einfach:<br>Erkenne dies und du wirst frei sein!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 5: Falsche Frage</strong><br>Monsieur Arrogance par excellence<br>wird keine Sekunde seines Lebens dieser Suche widmen.<br>Er weiß Bescheid.<br>Über den Fehler.<br>Den grundsätzlichen. In der Frage.<br>Per definitionem zum Unsinn verdammt.<br>Glücklicherweise.<br>Ist sie irrelevant.<br>Und Ausdruck geistiger Schwäche.<br>Schäm dich.<br>Denn was erwartest du?<br>Wie soll etwas<br>entweder aus sich selbst heraus<br>oder in Bezug zu etwas Äußerem<br>erklärt werden können,<br>wo es doch selbst alles,<br>also auch das Äußerste,<br>umfasst?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 6: Carpe diem</strong><br>Und den Moment dazu.<br>Atme tief ein.<br>Die Blumen, die Liebe,<br>den Gestank und das Versagen.<br>Das Leben als Selbstzweck.<br>Sei dir selbst genug.<br>Es lebt sich doch gar nicht schlecht.<br>So im Grünen. Unter Gleichgesinnten.<br>Mit Glückskeksen und dem literarischen Katzenkalender.<br>Ein hoch auf die Lebensberatung.<br>Ab und zu ein Stückchen Schokolade.<br>Ausatmen nicht vergessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 7: Selbstreflektion</strong><br>Warum frage ich überhaupt?<br>Komme ja doch nicht vorwärts.<br>Lebe ich nicht gut und gern – auch ohne Antwort?<br>Aber wenn ich nicht frage,<br>Wonach soll ich mich richten?<br>Was ist mein Ziel?<br>Wenn jedes andere der Absurdität überführt wird.<br>Warum soll ich dann überhaupt weiter &#8211;<br>weiterlaufen, weiterlernen, weiterleben?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 42: Der Weg ist das Ziel</strong><br>Sieh doch.<br>Jetzt hast du dir so viele, so wunderbare Gedanken gemacht.<br>So klug, so weise.<br>So reflektiert ins Leere hinein.<br>Die Sinnsuche als Lebensaufgabe.<br>Wen macht sie unglücklich,<br>wenn sie doch das Schönste bereithalten soll?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antwort 1001: Verzweifelt</strong><br>Je mehr ich suche und frage,<br>desto weniger Antworten offenbaren sich mir.<br>Lauter Fragmente.<br>Die wie Puzzleteile verschiedener Systeme<br>nie zusammenpassen werden.<br>Weil sie aus verschiedenen Welten stammen.<br>Manchmal erliege ich der Versuchung.<br>Greife zur Schere. Wild und entschieden.<br>Schneide all die Ecken und Kanten ab.<br>Dann halte ich ihre aalglatten Seiten aneinander.<br>Und lache. Tue so, als würde es passen.<br>Und wenn ich den Griff löse, fallen sie auseinander.<br>Dann liegen sie da.<br>Einzeln. Zusammenhangslos.<br>Schauen mich an. Oder eigentlich nicht.<br>Bin ihnen gleichgültig.<br>Jemand, der Antworten sucht.<br>Oder zumindest die richtigen Fragen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gutmenschen – Weltverbesserer – Effektiver Altruismus</title>
		<link>https://psycho-path.de/gutmenschen-weltverbesserer-effektiver-altruismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Dec 2022 07:54:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Adventsartikel]]></category>
		<category><![CDATA[altruismus]]></category>
		<category><![CDATA[effektiv]]></category>
		<category><![CDATA[gutes tun]]></category>
		<category><![CDATA[gutmenschen]]></category>
		<category><![CDATA[spenden]]></category>
		<category><![CDATA[weltverbesserer]]></category>
		<category><![CDATA[yvonne-friedrich]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://psycho-path.de/?p=1910</guid>

					<description><![CDATA[YVONNE FRIEDRICH. Du sparst Strom, kaufst Fairtrade und in deiner Freizeit hilfst du bei der Tafel? Bringt alles nichts, sagt der Effektive Altruismus. Er hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viel Gutes in der Welt zu bewirken. Soweit nichts Neues. Aber anders. Wissenschaftlich abgesichert, rational abwägend und Kalkül statt emotionsbasiert. Er beschreibt sich als Ansatz, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>YVONNE FRIEDRICH. <strong>Du sparst Strom, kaufst Fairtrade und in deiner Freizeit hilfst du bei der Tafel? Bringt alles nichts, sagt der Effektive Altruismus. Er hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viel Gutes in der Welt zu bewirken. Soweit nichts Neues. Aber anders. Wissenschaftlich abgesichert, rational abwägend und Kalkül statt emotionsbasiert. Er beschreibt sich als Ansatz, der Kopf und Herz verbindet.</strong></p>
<p><span id="more-1910"></span></p>
<p>Dabei erscheint er zunächst sehr kopflastig. Die ökonomische Ausgangslage legt er in die Begrenztheit unserer Ressourcen Zeit und Geld. Nun fragt sich der Effektive Altruismus, im Folgenden EA abgekürzt (um der Effizienz der Effektivität Rechnung zu tragen): Wie können Zeit und Geld so eingesetzt werden, dass sie den maximal positiven Effekt erzielen? Die Beantwortung dieser Frage erfordert eine Abwägung von Kosten und Nutzen. Aufseiten des Nutzens fordert er die wissenschaftliche Untersuchung von Wirksamkeit. Aufseiten der Kosten betrachtet er, wofür die Ressourcen Zeit und Geld alternativ eingesetzt werden könnten. Das bietet eine neue Perspektive im Vergleich von verschiedenen Hilfsorganisationen, Berufen und Konsumverhalten. Die konkreten Implikationen werden in den ersten drei Abschnitten des Artikels vorgestellt.</p>
<p>Zur besseren Einordnung des Konzepts sollte erwähnt werden, dass der EA an den ethischen Utilitarismus angelehnt ist. Dieser bewertet Handlungen nach ihren Folgen und ihrem Nutzen, nicht nach ihrer Intention. Eine Spende an eine unwirksame Hilfsorganisation ist demzufolge zwar gut gemeint, aber eigentlich schädlich, da dasselbe Geld anderswo einen viel größeren positiven Effekt gehabt hätte. Dieser Grundgedanke wird an folgendem Beispiel illustriert. Die Ausbildung eines Blindenhundes in den Staaten kostet etwa 50.000 Dollar. Mit demselben Geld könnte aber auch die Operation von 500 Menschen in Entwicklungsländern finanziert werden, die an einem Trachom leiden. Sie würden somit vor dem Erblinden bewahrt werden. Für den Effektiven Altruisten ist die Wahl klar. Für ihn ist jedes Menschenleben gleich viel wert – egal ob in Deutschland oder Afrika. So erläutert es zumindest Peter Singer in seinem TED Talk „The why and how of effective altruism”. Er gilt als einer der Wegbereiter des EA und gehört schon zu den alten Hasen des ansonsten noch sehr jungen Ansatzes.</p>
<p>Auch William MacAskill gehört zu den Multiplikator:innen des EA. Mit seinen 29 Jahren hat er es gerade mal zum Oxford-Professor gebracht. Er beginnt sein Buch „Gutes besser tun“ mit einem eindrücklichen Beispiel. PlayPump ist ein Projekt, das den Bau von speziellen Wasserpumpen in Afrika finanziert. Designt wie klassische Kinderspielplatzkarusselle soll nur mithilfe kindlicher Spielenergie Wasser zutage befördert werden. Im Jahr 2000 gewann das Hilfsprojekt den World Bank Development Marketplace Award und hatte bis 2009 etwa 1.800 PlayPumps in Südafrika, Mosambik, Swasiland und Sambia installiert. <br>Der einzige Haken: Eine Untersuchung von UNICEF [1] entlarvte den praktischen Nutzen der PlayPumps. Das Karussell anzuschieben erforderte viel Kraft, sodass die Kinder bald erschöpft waren. Letztlich schoben die Frauen selbst das Karussell an, was sie als ermüdend und erniedrigend empfanden. Obendrein förderten die PlayPumps fünfmal weniger Wasser als die früheren Handpumpen, waren aber viermal so teuer. Demgegenüber stellt William MacAskill die Arbeit einer niederländischen Hilfsorganisation namens Investing in Children and Their Societies, ICS. Diese untersuchte die Effekte verschiedener Maßnahmen, um die Bildung kenianischer Kinder zu fördern, mit randomisierten&nbsp; Kontrollgruppen. Die anfänglichen Ergebnisse waren ernüchternd: Neue&nbsp; Schulbücher: kein Effekt. Zusätzliche Lehrer: kein Effekt. Kostenlose Schuluniformen: kein Effekt. [2] Das Erfolgsrezept waren Wurmkuren. Sie verringerten die Abwesenheitsraten um 25 Prozent. Folgestudien zeigten auf, dass diejenigen, die als Schüler entwurmt worden waren, durchschnittlich 20 Prozent mehr verdienten als die Kontrollprobanden.[3]</p>
<p></p>
<p><span style="color: #008080;"><strong>GIVE WELL: EFFEKTIV SPENDEN</strong></span></p>
<p>Jeden Tag sterben 16.000 Kinder an vermeidbaren Krankheiten. Sogar jemand, der in den USA unter der Armutsgrenze von 11.000 Dollar Jahresgehalt lebt, ist immer noch reicher als 85 Prozent der Weltbevölkerung. Diese extrem ungleiche Verteilung führt dazu, dass wir mit dem gleichen Geldbetrag in armen Ländern 100-mal mehr bewirken als in unserem Heimatland. William MacAskill nennt dies den100x Multiplikator und empfiehlt, nicht an Hilfsprojekte in Industrienationen zu spenden.</p>
<p>Der Effektive Altruismus hat das Spenden neu entdeckt. Die meisten Menschen spenden aus persönlicher Betroffenheit. Ein Todesfall in der Familie, ein Unglück im lieb gewonnenen Urlaubsland, eine Reportage über eine schlimme Krankheit. Wir wollen beeinflussen, was uns berührt. Der EA will unterstützen, was wirklich funktioniert. Deshalb gibt es Give Well. Klassische Vergleichsportale betrachten lediglich das Verhältnis von bürokratischen Kosten und Mitteln, die tatsächlich bei den Bedürftigen ankommen. Doch das reicht nicht, sagt die Meta-Organisation, die dem Gedanken des Effektiven Altruismus Rechnung tragen will. Zur Evaluation von Hilfswerken zieht sie vier zentrale Kriterien heran:</p>
<ol>
<li><strong><span dir="ltr" role="presentation">Nachweis der Wirksamkeit:</span></strong> <span dir="ltr" role="presentation">Gibt es Untersu</span><span dir="ltr" role="presentation">chungen zur Wirksamkeit? Wie verlässlich er</span><span dir="ltr" role="presentation">scheinen sie? Gibt es Metaanalysen? Erfolgten diese von&nbsp; unabhängiger Stelle?</span></li>
<li><span dir="ltr" role="presentation"><strong> Kostenwirksamkeit:</strong> Wie viel finanzielle Mittel müssen eingesetzt werden, um ein Menschenleben zu retten? Wie hoch sind die Kosten für ein Quality-adjusted Life Year, QALY? Zur Erläuterung: Ein qualitätskorrigiertes Lebensjahr stützt sich auf Umfragedaten zur Lebensqualität mit verschiedenen Krankheiten oder Behinderungen. Die Lebensqualität nach einem überstandenen Schlaganfall wird<br role="presentation">beispielsweise auf 75 Prozent eingestuft.</span></li>
<li><span dir="ltr" role="presentation"><strong>Potenzial zur Nutzung zusätzlicher Finanzmittel:</strong> Macht mein Beitrag einen Unterschied? Wie schwer fällt es der Organisation, die Tätigkeiten auszuweiten?</span></li>
<li><span dir="ltr" role="presentation"><strong>Transparenz/Implementierung:</strong> Gesteht die Organisation vergangene Fehler ein? Ist sie offen für Untersuchungen und Evaluationen?</span></li>
</ol>
<p><strong><span dir="ltr" style="color: #008080;" role="presentation">AND THE WINNER IS ..</span></strong></p>
<p>W<span dir="ltr" role="presentation">elche Hilfsorganisation konnte all diesen Krite</span><span dir="ltr" role="presentation">rien standhalten? Zumindest keine der bekannten. </span><span dir="ltr" role="presentation">Wer nach Amnesty International, UNICEF oder dem&nbsp; </span><span dir="ltr" role="presentation">Deutschen Roten Kreuz schaut, sucht vergeblich. </span><span dir="ltr" role="presentation">Solche großen Organisationen haben zu viele </span><span dir="ltr" role="presentation">verschiedene Projekte, die nicht einheitlich bewertet </span><span dir="ltr" role="presentation">werden können und unter denen sich zwangsläufig </span><span dir="ltr" role="presentation">bessere und schlechtere befinden. Give Well emp</span><span dir="ltr" role="presentation">fiehlt daher Hilfswerke zu unterstützen, die sich auf </span><span dir="ltr" role="presentation">ein wirklich effektives Programm konzentrieren.</span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Deshalb befindet sich die Against Malaria Foun</span><span dir="ltr" role="presentation">dation auf Platz eins. Sie stellt Gelder für robuste, </span><span dir="ltr" role="presentation">mit Insektiziden behandelte Bettnetze für Haushalte</span><br role="presentation"><span dir="ltr" role="presentation">in Subsahara-Afrika bereit. Das Kosten-Nutzen-Ver</span><span dir="ltr" role="presentation">hältnis ist nicht schlecht. Ein Bettnetz kostet etwa </span><span dir="ltr" role="presentation">5 bis 7 Dollar, ein QALY etwa 100 Dollar, die Rettung</span><br role="presentation"><span dir="ltr" role="presentation">eines Menschenlebens 3.400 Dollar. </span><span dir="ltr" role="presentation">Weiter aufgeführt wird GiveDirectly, das Barüber</span><span dir="ltr" role="presentation">weisungen an Familien in Kenia und Uganda orga</span><span dir="ltr" role="presentation">nisiert. Von jedem Spendendollar stehen den Emp</span><span dir="ltr" role="presentation">fängern 0,90 Dollar zur freien Verfügung &#8211; ganz ohne </span><span dir="ltr" role="presentation">Bedingungen. Auch die Deworm the World Initiative </span><span dir="ltr" role="presentation">aus der Einleitung begegnet uns hier wieder. Sie un</span><span dir="ltr" role="presentation">terstützt die Entwurmung von Kindern in Entwick</span><span dir="ltr" role="presentation">lungsländern. </span><span dir="ltr" role="presentation">Insgesamt wird die Dominanz von Gesundheits</span><span dir="ltr" role="presentation">programmen in Entwicklungsländern augenschein</span><span dir="ltr" role="presentation">lich. Begründen lässt sich die Tatsache damit, dass </span><span dir="ltr" role="presentation">sie sich direkt auf die verwendeten Maße wie QALYs </span><span dir="ltr" role="presentation">und gerettete Menschenleben auswirken.</span></p>
<p></p>
<p><strong><span style="color: #008080;"><span dir="ltr" role="presentation">80,000 HOURS – LEBENSARBEITSZEIT NUT</span><span dir="ltr" role="presentation">ZEN</span></span></strong></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Durchschnittlich arbeiten wir 80.000 Stunden in </span><span dir="ltr" role="presentation">unserem Leben. Die Organisation 80,000 hours geht </span><span dir="ltr" role="presentation">der Frage nach, warum wir uns nicht nur über den </span><span dir="ltr" role="presentation">sozialen Impact unseres Ehrenamtes, sondern viel</span><span dir="ltr" role="presentation">mehr über den unserer Berufswahl Gedanken ma</span><span dir="ltr" role="presentation">chen sollten. Neben einer kostenlosen individuellen</span><br role="presentation"><span dir="ltr" role="presentation">Berufsberatung bietet ihre Webseite auch generelle </span><span dir="ltr" role="presentation">Empfehlungen. </span><span dir="ltr" role="presentation">Um eines vorwegzunehmen: Den Beruf des Arz</span><span dir="ltr" role="presentation">tes/der Ärztin findet man nicht an erster Stelle. Es geht nicht </span><span dir="ltr" role="presentation">um die direkte persönliche Wirkung, sondern darum, </span><span dir="ltr" role="presentation">einen Unterschied auszumachen. Die zentrale Frage </span><span dir="ltr" role="presentation">lautet: Wie viel effektiver wäre ich in der&nbsp; Position als </span><span dir="ltr" role="presentation">der- oder diejenige, der/die sonst den Job übernommen hätte? </span><span dir="ltr" role="presentation">Eine Ärztin in den USA rettet durchschnittlich 30 Le</span><span dir="ltr" role="presentation">ben während ihrer Berufszeit, ein&nbsp; Arzt in einem Ent</span><span dir="ltr" role="presentation">wicklungsland etwa 300</span> <span dir="ltr" role="presentation">[4]</span><span dir="ltr" role="presentation">. Ein minimal schlechter </span><span dir="ltr" role="presentation">qualifizierter Arztwürde vielleicht 28 beziehungswei</span><span dir="ltr" role="presentation">se 280 Menschenleben retten. Also hätte die erstge</span><span dir="ltr" role="presentation">nannte Ärztin effektiv nur 2 oder 20 Menschenleben </span><span dir="ltr" role="presentation">gerettet. </span><span dir="ltr" role="presentation">Würde sie mit demselben Potenzial allerdings In</span><span dir="ltr" role="presentation">vestmentbanker werden und alles über 18.000 Dol</span><span dir="ltr" role="presentation">lar Jahresgehalt spenden (wie W. MacAskill), könnte </span><span dir="ltr" role="presentation">sie mit diesem Geld vielleicht 2 zusätzliche Ärzt:innen fi</span><span dir="ltr" role="presentation">nanzieren und hätte 60 beziehungsweise 600 Men</span><span dir="ltr" role="presentation">schenleben gerettet. Ein alternativer Investmentban</span><span dir="ltr" role="presentation">ker hätte dagegen nicht gespendet. </span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Dieser Ansatz wird tatsächlich vom EA verfolgt </span><span dir="ltr" role="presentation">und nennt sich Earning to Give. Damit sich allerdings </span><span dir="ltr" role="presentation">niemand mit anfänglich guten Absichten in der Men</span><span dir="ltr" role="presentation">talität der Börsenhaie verliert, gibt es die Plattform </span><span dir="ltr" role="presentation">Giving what we Can. Hier kann sich jeder verpflich</span><span dir="ltr" role="presentation">ten, zum Beispiel zehn Prozent seines Jahresgehal</span><span dir="ltr" role="presentation">tes an effektive Hilfsorganisationen zu spenden. </span><span dir="ltr" role="presentation">Zum Glück ist dies nicht die einzige ethische Be</span><span dir="ltr" role="presentation">rufswahl laut 80,000 hours. Im Wesentlichen werden </span><span dir="ltr" role="presentation">vier Karrierepfade vorgeschlagen. </span></p>
<ol>
<li><strong><span dir="ltr" role="presentation">Earning to Give:</span></strong> <span dir="ltr" role="presentation">Möglichst viel verdienen, um </span><span dir="ltr" role="presentation">möglichst viel zu spenden. Vorgeschlagene </span><span dir="ltr" role="presentation">Branchen sind Softwareentwicklung, Unter</span><span dir="ltr" role="presentation">nehmertum im Technologiesektor und Mar</span><span dir="ltr" role="presentation">keting.</span></li>
<li><span dir="ltr" role="presentation"><strong>Forschung:</strong></span> <span dir="ltr" role="presentation">Hier bitte Lösungen für gesell</span><span dir="ltr" role="presentation">schaftlich bedeutsame Fragen finden und </span><span dir="ltr" role="presentation">nicht für theoretisch interessante. Sinnvolle </span><span dir="ltr" role="presentation">Bereiche</span> <span dir="ltr" role="presentation">liegen</span> <span dir="ltr" role="presentation">in</span> <span dir="ltr" role="presentation">der</span> <span dir="ltr" role="presentation">Wirtschaftswissen</span><span dir="ltr" role="presentation">schaft, Statistik, Informatik und &#8211; hört, hört – </span><span dir="ltr" role="presentation">„einigen Bereichen der Psychologie“.</span></li>
<li><strong><span dir="ltr" role="presentation">Politik und Interessensvertretung:</span></strong> <span dir="ltr" role="presentation">Um mög</span><span dir="ltr" role="presentation">lichst viele Menschen zu erreichen.</span></li>
<li><strong><span dir="ltr" role="presentation">&nbsp;Direkthilfe:</span></strong> <span dir="ltr" role="presentation">Aber nur in wirklich effektiven Or</span><span dir="ltr" role="presentation">ganisationen.</span></li>
</ol>
<p><br role="presentation"><span dir="ltr" role="presentation">Weiter gibt 80,000 hours bestimmte Berufsfelder </span><span dir="ltr" role="presentation">an, die man trotz eines hohen Gehalts nicht ausüben </span><span dir="ltr" role="presentation">sollte. In der Liste finden sich neben der&nbsp; Massentier</span><span dir="ltr" role="presentation">haltung, Waffenforschung, Steuerberatung für Su</span><span dir="ltr" role="presentation">perreiche und Homöopathie, auch die Promotion von </span><span dir="ltr" role="presentation">Zigaretten und anderen Suchtprodukten sowie das </span><span dir="ltr" role="presentation">Fundraising für unwirksame Hilfsorganisationen.</span></p>
<p></p>
<p><strong><span style="color: #008080;"><span dir="ltr" role="presentation">ETHISCHER KONSUM: WEM NÜTZT SCHON </span><span dir="ltr" role="presentation">FAIRTRADE?</span></span></strong></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Ein sozial und ökologisch verantwortungsvolles </span><span dir="ltr" role="presentation">Leben</span> <span dir="ltr" role="presentation">wird</span> <span dir="ltr" role="presentation">unweigerlich</span> <span dir="ltr" role="presentation">mit</span>&nbsp; <span dir="ltr" role="presentation">ethischem</span> <span dir="ltr" role="presentation">Konsum </span><span dir="ltr" role="presentation">verbunden. Das Urteil des EA: Bringt wenig oder gar </span><span dir="ltr" role="presentation">nichts.</span><br role="presentation"><span dir="ltr" role="presentation">Warum? Beginnen wir mit dem Kleidungskauf. Die </span><span dir="ltr" role="presentation">Produkte von H&amp;M, Primark,&nbsp; Deichmann und Co. wer</span><span dir="ltr" role="presentation">den mit Kinderarbeit, einstürzenden Fabrikgebäuden</span><br role="presentation"><span dir="ltr" role="presentation">und furchtbaren Arbeitsbedingungen assoziiert. Die </span><span dir="ltr" role="presentation">Produktion findet in sogenannten Sweatshops, also </span><span dir="ltr" role="presentation">Fabriken in armen Ländern, überwiegend in Asien </span><span dir="ltr" role="presentation">und Südamerika, statt. Berichte über Näher:innen in </span><span dir="ltr" role="presentation">Bangladesch und Spielzeugfabriken in China gaben </span><span dir="ltr" role="presentation">Anlass, Produkte aus solchen Fabriken zu boykottie</span><span dir="ltr" role="presentation">ren und Kleidung und Spielzeug aus heimischer Produktion zu vorzuziehen. William MacAskill sagt, das ist falsch. Durch diese Reaktion verschlechtern wir sogar die Lage der Menschen. Die Arbeit in solchen<br role="presentation">Fabriken seien die besseren Jobs. Als Alternativen bleiben sonst nur Landarbeit, Arbeitslosigkeit und das Sammeln von Abfällen.[5] Die beste Handlungsmöglichkeit für uns stellt daher die Unterstützung von Unternehmen dar, die in armen Ländern produzieren, aber bessere Arbeitsbedingungen schaffen (z.B. People Tree, Indigenous). </span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Ähnlich verhält es sich mit Fairtrade-Produkten. Das Fairtrade-Siegel wird an Produzierende vergeben, die bestimmte Kriterien erfüllen wie Sicherheitsvorkehrungen und Mindestlohn. Diese Produzierenden<br role="presentation">stammen meist aus Mexiko oder Costa Rica, also Ländern, die zehnmal reicher sind als zum Beispiel Äthiopien. Mit dem Kauf eines nicht fair hergestellten Kaffees aus Äthiopien würden wir deshalb ein ärmeres Land unterstützen.<br role="presentation">Zudem macht die Fairtrade Foundation keinerlei Angaben dazu, wie viel Geld tatsächlich bei den Erzeuger:innen ankommt. Eine Studie von Prof. Kilian und<br role="presentation">Kollegen ergab, dass es von den 5 Dollar-Aufpreis eines Fairtrade-Kaffees gerade einmal 0,40 Dollar sind.[6] Der Rest versandet bei Mittelsmännern und -frauen. </span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Als letzte Kategorie bewertet William MacAskill unsere Bemühungen, CO² zu verringern. Statt Strom zu sparen, sollten wir lieber auf Fleisch verzichten, weniger reisen und &#8211; wer hätte das gedacht &#8211; spenden. Zum Beispiel an Cool Earth. Das vorgeschlagene Programm fördert die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Gemeinden im Regenwald, sodass diese ihr Land nicht an Holzfäller:innen verkaufen müssen. [7] Mit 105 Dollar pro Jahr kann der Durchschnitts-US-Bürger seinen klimabelastenden Lebensstil ausgleichen. </span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Zusammenfassend kommt der ethische Konsum nicht besonders gut weg. Ein zentrales Problem sieht William MacAskill darin, dass der ethische Konsument häufig annimmt, seinen Beitrag zur Welt in ausreichendem Maße geleistet zu haben. Der ethische Konsument glaubt, eine „Moralische Lizensierung“ zu genießen. [8] Diese beinhaltet, dass er unethisches gegen ethisches Verhalten aufrechnet. Eine Studie zeigte, dass Proband:innen, die sich sogar nur vorstellen sollten, einem/einer ausländischen Studierenden bei einem Vortrag zu helfen, weniger bereit waren, Geld für einen guten Zweck zu spenden als die Kontrollgruppe. Wer sich jetzt zurücklehnt, die Heizung auf 5 dreht und herzhaft in seine Knacker beißt, wird dem EA allerdings auch nicht gerecht. Es geht nicht darum, zu glauben, dass man als einzelne Person bis auf Spenden nichts ausrichten kann. Der EA bedient sich zur Verdeutlichung des Erwartungswertes. Sicherlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass aufgrund eines persönlichen Fleischverzichts, weniger Tiere sterben, relativ gering. Aber irgendwo muss der/die Filialleiter:in sein Absatzkriterium, ab dem er weniger Fleischprodukte bestellt, setzen und irgendwo liegt auch die Grenze der Rentabilität eines Massentierhaltungsstalls. So wäre der Wert oder Nutzen, den der persönliche Fleischverzicht erzeugen&nbsp; kann, so hoch, dass es sich doch lohnt, diesen einzugehen.<br></span></p>
<p></p>
<p><strong><span dir="ltr" style="color: #008080;" role="presentation">KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG</span></strong></p>
<p><strong><span dir="ltr" role="presentation">Mit dem System, nicht dagegen</span></strong><br role="presentation"><span dir="ltr" role="presentation">Es ist kein Wunder, dass Give Well nur Gesund</span><span dir="ltr" role="presentation">heitsprogramme</span> <span dir="ltr" role="presentation">und</span> <span dir="ltr" role="presentation">Direkthilfen</span> <span dir="ltr" role="presentation">auflistet.</span> <span dir="ltr" role="presentation">Der </span><span dir="ltr" role="presentation">EA stützt sich auf ein eher quantitatives Wissen</span><span dir="ltr" role="presentation">schaftsverständnis. Zahlen kann man miteinander </span><span dir="ltr" role="presentation">vergleichen, Qualitatives eher nicht. Gesamtgesell</span><span dir="ltr" role="presentation">schaftliche Wirkungen, Toleranz und Offenheit, Dis</span><span dir="ltr" role="presentation">kriminierungen, das lässt sich alles viel schwieriger </span><span dir="ltr" role="presentation">messen. Give Well unterstützt keine&nbsp; Organisationen, </span><span dir="ltr" role="presentation">die sich für Frauenrechte, Gleichheit oder Demokra</span><span dir="ltr" role="presentation">tie einsetzen. Der EA will globale Ungleichheit ohne </span><span dir="ltr" role="presentation">Kritik am System beheben. Jemand arbeitet an der </span><span dir="ltr" role="presentation">Wall Street, kein Problem, solang er/sie genug spen</span><span dir="ltr" role="presentation">det. Der Kapitalismus ist nun einmal unser System. </span><span dir="ltr" role="presentation">Strukturelle Lösungen maßt sich der EA nicht an.</span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation"><strong>Was, wenn alles falsch ist?</strong><br role="presentation">Eine aufgebrachte amazon-Rezension zum Buch von Peter Singer beginnt mit</span> <span dir="ltr" role="presentation">folgenden</span> <span dir="ltr" role="presentation">Worten </span><span dir="ltr" role="presentation">„Effektiver Altruismus ist der Gott und Singer sein Prophet“. Sicherlich erfüllt der EA nicht die Definition einer Religion. Denn diese begründet sich auf dem Glauben an transzendente, also übernatürliche Kräfte, die nicht im Sinne der Wissenschaftstheorie&nbsp; beweisbar sind. Trotzdem hat der EA etwas Dogmatisches. Er dreht den Spieß um. Er vergöttert die Wissenschaft. Wir dürfen nur an Hilfsorganisationen spenden, deren Wirkung wissenschaftlich belegt werden kann. Bloß was, wenn das alles nicht stimmt? Oder nur die Hälfte? Wenn der Alpha-Fehler wütet, wenn methodische Fehler Ergebnisse verzerren, wenn Versuchsleiter:innen für Signifikanz sorgen oder oder&#8230; Gerade uns Psycholog:innen sollte die Relativität des Wissens bewusst sein. Die Replikationskrise führt uns doch deutlich vor Augen, wie wenig verlässlich wissenschaftliche Ergebnisse sein können – auch die mit&nbsp; randomisierten Kontrollgruppen. Wie kann man dann Entscheidungen zur Rettung von Menschenleben auf einer solchen Basis vornehmen? Ist es dann nicht sicherer, direkt vor Ort ein Lächeln zu erzeugen, auch wenn das nicht mal einem QALY entspricht? </span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation"><strong>Menschenleben sind eine harte Währung</strong><br role="presentation">Wie viel muss ich geben, um ein guter Mensch zu sein? Habe ich ein Leben auf dem Gewissen, wenn ich nicht spende &#8211; oder noch schlimmer an PlayPumps gespendet habe? Darf ich Kinder kriegen, wenn ich in einem anderen Land mit demselben&nbsp; Geld mehr Kindern Leben schenken könnte? Und noch viel wichtiger: Wie kann ich mich wertschätzen, wenn ich einfach nicht viel tauge? Wenn ich nicht intelligent und diszipliniert genug bin, Informatik oder Mathe oder überhaupt zu studieren. Wenn ich arbeitslos bin und der Welt mehr koste, als ich ihr geben kann. </span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Der EA postuliert: Lebensrecht für alle, Lebenspflicht für keinen. Das ist schön. Ich darf leben, auch wenn ich rechnerisch nicht genug verdiene, um Menschenleben zu&nbsp; retten. Auch wenn man mit meinen Lebenskosten, mehr als ein Menschenleben retten könnte. Der EA befürwortet die Sterbehilfe für ältere Menschen. Ich weiß, dass laut dem EA jeder Mensch ein Recht auf Leben hat, aber das Prinzip eines Kosten-Nutzung-Kalküls impliziert eine radikale Denkweise. Der EA muss sich in der Philosophie, die er vertritt, bewusst sein, welche Gedanken er in kranken, älteren, behinderten und wenig leistungsstarken Menschen auslösen kann. Und in der Außenbetrachtung von diesen.</span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation"><strong>Liebe fragt nicht – Effektiver Altruismus schon</strong><br role="presentation">Das, was die meisten am Effektiven Altruismus </span><span dir="ltr" role="presentation">stört, ist, dass er nicht liebt. Zumindest nicht bedin</span><span dir="ltr" role="presentation">gungslos. Der traditionelle Altruismus ist da anders. </span><span dir="ltr" role="presentation">Für ihn liegt der Fokus auf dem/der Helfenden, dem/der Ge</span><span dir="ltr" role="presentation">benden. Gibt er/sie sich auf, handelt er/sie selbstlos, handelt</span><span dir="ltr" role="presentation">er altruistisch. Dieses Prinzip ist für den/die Einzelne:n </span><span dir="ltr" role="presentation">sehr viel leichter anzuwenden. Wenn ich mich aufop</span><span dir="ltr" role="presentation">fere, geht es anderen dafür besser. Der EA bezweifelt </span><span dir="ltr" role="presentation">das. Ihm ist das „Wie“ der Handlung eigentlich egal. </span><span dir="ltr" role="presentation">Er bewertet anhand der Folgen und alternativen Kon</span><span dir="ltr" role="presentation">sequenzen. Laut ihm gibt es lost-lost-Situationen </span><span dir="ltr" role="presentation">genauso wie win-win-Situationen. Eine gute Absicht </span><span dir="ltr" role="presentation">entbindet uns nicht von der Kritischen Reflektion al</span><span dir="ltr" role="presentation">ler Folgen. Das steht diametral zu dem Konzept der </span><span dir="ltr" role="presentation">(christlichen) Nächstenliebe. Mit einem halben Man</span><span dir="ltr" role="presentation">tel kann keiner was anfangen? Das ist egal, es geht </span><span dir="ltr" role="presentation">um die Geste, darum, Liebe und Mitgefühl und Aufop</span><span dir="ltr" role="presentation">ferung zu zeigen. </span><span dir="ltr" role="presentation">Die Nächstenliebe betont die Intention der Hand</span><span dir="ltr" role="presentation">lung, der Effektive Altruist die Konsequenz.</span></p>
<p></p>
<p><strong><span dir="ltr" style="color: #008080;" role="presentation">FAZIT</span></strong></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Der Effektive Altruismus passt zu unserer Zeit. Er </span><span dir="ltr" role="presentation">passt zu einer Zeit, in der man nach Geld, Noten und </span><span dir="ltr" role="presentation">Leistungsmaßen genauso fragt wie nach dem vege</span><span dir="ltr" role="presentation">tarischen Gericht auf der Karte und Gemüse aus re</span><span dir="ltr" role="presentation">gional-ökologischem Anbau. Der EA erlaubt gleich</span><span dir="ltr" role="presentation">zeitig die persönliche Selbstverwirklichung und eine </span><span dir="ltr" role="presentation">soziale Verantwortung. Doch an den Gedanken, dass </span><span dir="ltr" role="presentation">der neue Gutmensch nun nicht mehr von der Sparte aufopfernde:r Sozialarbeiter:in im Öko-Pulli, sondern Businessman/-frau mit Excel-Tabelle vertreten wird, muss sich noch gewöhnt werden. </span></p>
<p><span dir="ltr" role="presentation">Der Effektive Altruismus öffnet neue Perspektiven für die Bewertung von Hilfsorganisationen und persönlichen Handlungsoptionen. Er zwingt uns, bisherige Muster kritisch zu reflektieren. Allerdings mag eine wissenschaftliche Betrachtung zwar die beste Option sein, die wir momentan haben, wird aber vom EA zu wenig kritisch behandelt. Die Vorteile des EA liegen im Kleinen und quantitativ Messbaren, in Systembetrachtungen stößt er auf klare Grenzen. Letztendlich muss der EA aufpassen, kein Ansatz der Gebildeten und Intelligenten zu sein, er gibt bisher keine zufriedenstellende Wertschätzung gegenüber behinderten, kranken, älteren und wenig leistungsstarken Menschen.</span></p>
<p></p>
<p><strong data-rich-text-format-boundary="true">FürInteressierte:</strong><br data-rich-text-line-break="true">MacAskill, W. (2016). Gutes besser tun: Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern könnten. Berlin: Ullstein Buchverlag<br data-rich-text-line-break="true">www.80000hours.org<br data-rich-text-line-break="true">www.givewell.org<br data-rich-text-line-break="true">www.givingwhatwecan.org<br data-rich-text-line-break="true">www.ea-stiftung.or</p>


<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:12px">Quellen:<br>[1] UNICEF, An Evaluation of the PlayPump Water System as an Appropriate Technology for Water, Sanitation and Hygiene Programs, Oktober 2007.<br>[2] Michael Kremer, »Randomized Evaluations of Educational Programs in Developing Countries: Some Lessons«, in: American Economic Review, 93, Nr. 2, (Mai 2003): S. 102-6.<br>[3] Edward Miguel und Michael Kremer, »Worms: Identifying Impacts on Education and Health in the Presence of Treatment Externalities«, in: Econometrica 72, Nr. 1 (Januar 2004): S. 159-217.<br>[4] »The Role of Medical Care in Contributing to Health Improvements within Societies«, in: International Journal of Epidemiology 30, Nr. 6 (Dezember 2001): I, S. 260-3.<br>[5] Nicholas D. Kristof, »Where Sweatshops are a Dream«, in: New York Times, 14. Januar 2009.<br>[6] Bernard Kilian, Connie Jones, Lawrence Pratt und Andrés Villalobos, »Is Sustainable Agriculture a Viable Strategy to Improve Farm Income in Central America? A Case Study on Coffee«, in: Journal of Business Research 59, Nr. 3 (März 2006): S. 322-30.<br>[7] »Rainforest Facts«, Cool Earth, 12. Juli 2013, http.//www.coolearth.org/rainforest-facts/rainforest-fact-260-22-tonnes-of-co2.<br>[8] Anna C. Merritt, Daniel A. Effron und Benoît Monin, »Moral Self-licensing: When Being Good Frees Us to Be Bad«, in: Social and Personality Psychology Compass 4, Nr. 5 (Mai 2010): S. 344-57.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Willensfreiheit aus der Neuro-Perspektive. Interview mit Prof. Dr. Kai Kaila</title>
		<link>https://psycho-path.de/willensfreiheit-aus-der-neuro-perspektive-interview-mit-prof-dr-kai-kaila/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Jan 2021 13:29:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#37 Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[#mehr_titel]]></category>
		<category><![CDATA[freier-wille]]></category>
		<category><![CDATA[interview]]></category>
		<category><![CDATA[Neurowissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[willensfreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[yvonne-friedrich]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://psycho-path.de/?p=1618</guid>

					<description><![CDATA[„Neurowissenschaftler haben es gelöst: Der freie Wille ist nur eine Illusion unseres Bewusstseins.“ YVONNE FRIEDRICH. Wie oft wurden wir schon von Schlagzeilen dieser Art enttäuscht. Der nächste Artikel belegt dann das genaue Gegenteil. Wissenschaftlich erscheinen sie beide nicht. Ja – nein – vielleicht – oder doch nicht? Was ist es denn, das die Erforschung der [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Neurowissenschaftler haben es gelöst: Der freie Wille ist nur eine Illusion unseres Bewusstseins.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">YVONNE FRIEDRICH. <strong>Wie oft wurden wir schon von Schlagzeilen dieser Art enttäuscht. Der nächste Artikel belegt dann das genaue Gegenteil. Wissenschaftlich erscheinen sie beide nicht. Ja – nein – vielleicht – oder doch nicht? Was ist es denn, das die Erforschung der Willensfreiheit so schwer macht? Welche Ansätze gibt es bisher? Und warum hat es in den letzten Jahren kaum Fortschritte gegeben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe mich mit Prof. Dr. Kai Kaila, einem Neurobiologen der Universität von Helsinki, zusammengesetzt, um den Implikationen und Fallstricken von Willensfreiheit, möglichen Leib-Seele-Modellen und dem Verständnis von Bewusstsein auf den Grund zu gehen.<a href="#_ftn1">[1]</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Gibt es einen freien Willen?</strong><span id="more-1618"></span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste ernüchternde Antwort, die mir Prof. Kaila geben musste, war eine entschiedene Absage an die ontologische Erforschung der Willensfreiheit. „Nein, ob es einen sogenannten freien Willen gibt oder nicht, das kann weder die Neurowissenschaft noch eine andere empirisch arbeitende Wissenschaft herausfinden.“ Die Frage nach dem <em>Was</em>, nach der Art und Existenz, sei eine ontologische und somit philosophische. Neurowissenschaft könne nur das <em>Warum</em>, also mögliche Funktionen oder evolutionäre Hintergründe, oder das <em>Wie</em>, also zugrundeliegende Prozesse, erforschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was meint Willensfreiheit?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch bevor wir uns ganz Prof. Kailas Antworten widmen, ein paar Grundlagen vorneweg: Was meinen wir eigentlich, wenn wir über Willensfreiheit sprechen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Allgemeinen nehmen wir an, dass Entscheidungen, die wir als frei einstufen, drei Bedingungen erfüllen: Erstens soll es uns unter identischen Ausgangsbedingungen möglich sein, anders zu entscheiden. Zweitens möchten wir selbst Urheber der Entscheidung oder Handlung gewesen sein &#8211; und keine äußeren Kräfte. Und drittens soll sich diese Urheberschaft in bewussten mentalen Prozessen manifestieren und nicht nur Folge unbewusster Prozesse unseres Gehirns sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wieso widersprechen sich Determinismus und Willensfreiheit (nicht)?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor allem die Vorstellung alternativer Entscheidungsmöglichkeiten steht im klaren Widerspruch zu einem deterministischen Weltbild: Laut dem Determinismus ist alles, was in der Welt geschieht, kausale Folge vorangegangener Ereignisse und wird eindeutig durch sie bestimmt. So wie wir beispielsweise genau rekonstruieren können, warum eine Brücke eingestürzt ist, so wären rein theoretisch alle vorangegangenen Faktoren bestimmbar, die unsere Handlungen alternativlos erscheinen lassen. Nehmen wir an, wir sehen das Licht einer grünen Ampel. Die eingehende sensorische Information wird bestimmte Nervenzellen zum Feuern bringen, diese werden weitere Nervenzellen erregen, einige andere inhibieren und immer so weiter, bis am Ende der Kausalkette das Motorprogramm eine Bewegung unserer Beine initiiert. Dabei wäre das Feuermuster der Neuronen durch die sensorische Information bestimmt und die Struktur des neuronalen Netzwerkes durch unsere Gene sowie vorherige Erfahrungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Übrig bleibt dabei die Frage: Wo ist da noch Platz für einen freien Willen? An welcher Gabelung könnte der freie Wille „eingreifen“ und eine alternative Entscheidung veranlassen? Auch auf diese Zweifel hat Prof. Kaila eine klare Antwort: „Niemand hat bisher einen vollständigen Determinismus nachgewiesen. Deshalb sehe ich keinen Grund, nicht an einen freien Willen zu glauben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der wissenschaftlichen Praxis wird von einer deterministischen Verursachung ausgegangen und nach kausalen Effekten und Reaktionsketten geforscht. Doch widerspricht es eben der alltäglichen Erfahrung persönlicher Willensfreiheit. „Auch in der Physik gibt es konkurrierende, nicht kompatible Theorien. Die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik sind beide fundamentale physikalische Modelle und passen in keinster Weise zusammen. Die meisten Physiker sind trotzdem glücklich damit.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich würde ein freier, von außen teilweise unabhängiger, Wille in starkem Kontrast zu einem ansonsten streng deterministischen System stehen. Ungeklärt bleibt daher, wie ein solches Einwirken aussehen sollte und vor allem woher dieser unabhängige Wille stammen würde. „Da gebe ich lieber zu, keine finale Antwort zu haben, als vorschnell Theorien zu propagieren. Viele Menschen sehen hier ihre Chance, Religion in Bereiche der Wissenschaft einzuschleusen, die noch nicht erklärt werden können. Sir John Eccles war zum Beispiel der Meinung, dass Gottes Wille durch kortikale Säulen auf den Menschen einwirkt. Eine eher seltsame Vorstellung.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Prof. Kaila liegt der beste Grund für einen freien Willen auf gesellschaftlicher Ebene: „In dieser Angelegenheit bin ich Pragmatiker. Unsere persönliche Überzeugung von der oder gegen die Existenz eines freien Willens ist etwas sehr Grundlegendes. Es bestimmt unser Welt- und Menschenbild und somit unser Verhalten in der Gesellschaft. Wenn Probanden in Experimenten zum Beispiel von einem unfreien Willen überzeugt werden, verhalten sie sich egoistischer und aggressiver. Wenn man Menschen dagegen in eine Gruppe bringt, die von Selbstverantwortung und Altruismus geprägt ist, dann verhalten sie sich selbst auch altruistischer. Solange wir nicht genau wissen, was stimmt, gehe ich lieber von einem freien Willen aus und bringe nicht das ganze Moral- und Rechtssystem zum Einsturz.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Verschiedene Arten von Freiheit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Willensdebatte kann Freiheit allerdings sehr unterschiedlich definiert werden. Es sei ein häufiges Missverständnis, dass es keinen freien Willen geben könne, weil soziale Konventionen, Regeln und Gesetze unser Handeln bestimmen, meint Prof Kaila. „Das wir nicht alles tun können, was physikalisch möglich ist, steht natürlich außer Frage.“ Willensfreiheit wird in den Sozialwissenschaften häufig anders verwendet als in den Neurowissenschaften. In den Sozialwissenschaften meint ein freier Willensakt meist einen Idealzustand völliger Unabhängigkeit von (sozialen) Determinanten. Den Neurowissenschaften ist eine stärkere oder schwächere Abhängigkeit von sozialer Umwelt erst einmal egal. Hier geht es um die Frage eines lückenlosen biologischen Determinismus gegenüber der prinzipiellen Möglichkeit alternativer Handlungen &#8211; sei die Bandbreite auch noch so klein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leib-Seele-Modelle</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Schon vor vielen tausend Jahren haben sich Philosoph*innen über Willens(un)freiheit den Kopf zerbrochen. Ein Knackpunkt stellt dabei das sogenannte Leib-Seele-Problem dar. Dieses wird durch drei Annahmen charakterisiert, die auf den ersten Blick alle korrekt erscheinen, aber nicht gleichzeitig wahr sein können:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir annehmen, dass die physikalische Welt einem strikten Determinismus folgt, in dem jedes Ereignis von vorherigen Ereignissen bestimmt wird, müsste der Wille, um als (teilweise) frei von äußeren Determinanten zu gelten, außerhalb der physikalischen Welt existieren. (1) Mentales Geschehen wäre also etwas substanziell Anderes als physikalisches. Die Annahme zweier unterschiedlicher Entitäten nennt sich Dualismus. Nehmen wir weiterhin an, dass (2) mentales Geschehen kausal in den Bereich des Physikalischen einwirkt, kann die letzte Annahme (3) einer kausal geschlossenen physikalischen Welt nicht mehr gelten. Letztere ist aber eine klare Implikation des Determinismus‘.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verschiedene Leib-Seele-Modelle versuchten einzelne Annahmen zu verneinen oder zu umgehen, um das sogenannte dualistische Trilemma zu lösen. Historische Modelle umfassen u.a. den Interaktionismus (R. Descartes) und den Parallelismus (G. W. Leibniz). Neuere Modelle unterscheiden sich vor allem darin, dass sie die dualistische Annahme zweier unterschiedlicher Entitäten verwerfen und die mentale Entität entweder verneinen oder anders umschreiben. Prof. Kaila meint: „Um heute etwas auf die Bühne zu bringen, muss man schon Monist sein, also von der Existenz nur einer Entität ausgehen.“ Beispiele sind der eliminative Materialismus (D. C. Dennett), die Identitätstheorie (J. Smart, U. Place), der Funktionalismus (H. Putnam) oder die Emergenztheorie (J. Searle).</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Im Grunde genommen scheitern all diese Theorien“, resümiert Prof. Kaila. Am überzeugendsten finde er noch die Argumentation von John Searle, der vor allem seine Vorgänger kritisiere. Er schlägt stattdessen die Emergenztheorie vor. Diese beschreibt, dass aus der Interaktion von physikalischen Faktoren etwas qualitativ Neuartiges entstehen kann, das nicht allein durch seine Ausgangsfaktoren erklärt werden kann. „Das ist so wie in der Chemie, wenn Sauerstoff und Wasserstoff zusammenkommen und plötzlich sehen wir Wasser.“ Allerdings muss Prof. Kaila zugeben: „Ich denke nicht, dass die Emergenztheorie viel erklärt. Es ist mehr eine gute Beschreibung. Im Alltag sind wir wahrscheinlich alle Dualisten, weil es bisher eben keine zufriedenstellende Lösung gegeben hat. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Neurowissenschaften uns eine geben würde. Wir wissen ja nicht einmal, welche Fragen wir stellen und erforschen sollen, um uns dem ontologischen <em>Was</em> von Bewusstseinanzunähern. Wir tappen völlig im Dunkeln.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Bewusstsein</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Diskussion um das Mentale als eine andersartige Entität bringt uns also zur Charakterisierung unseres Bewusstseins. Ein freier Wille erfordert zwangsläufig ein Bewusstsein, in dem Möglichkeiten bewusst abgewogen und gewichtet werden können. Unser Bewusstsein umfasst dabei aber noch viel mehr. Es macht unsere komplette Lebenswelt aus! Ohne Bewusstsein haben wir weder Zugriff auf äußere noch auf unsere eigenen inneren Zustände.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Interessant ist dabei, dass unser Bewusstsein seriell arbeitet, während die restliche Verarbeitung im Gehirn parallel stattfindet.“ Schauen wir uns ein fahrendes Auto an, so werden unterschiedliche Eigenschaften wie Farbe, Form und Bewegungsrichtung zur selben Zeit in unterschiedlichen Gehirnregionen analysiert. Am Ende nehmen wir bewusst ein ganzheitliches Objekt wahr &#8211; und zwar nur eines zur selben Zeit. „Basierend auf sensorischen Informationen, bisherigen Erfahrungen und Erwartungen kreiert unser Gehirn ein Modell der Wirklichkeit, von dem uns immer nur ein ganz kleiner Teil bewusst ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Bewusstsein kann man sich wie eine Plattform vorstellen, die verschiedene Ideen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gedächtnisinhalte beinhalten kann. Dabei verwenden wir oft die Metapher eines Scheinwerferlichts, das je nach Aufmerksamkeitslenkung analysierte Aspekte mal aus diesem oder jenem Areal beleuchtet.“ Wie die Informationen dann zusammengebracht werden oder wie das „Scheinwerferlicht“ gelenkt wird, sind allerdings noch ungeklärte Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich halte die Erforschung neurophysiologischer Prozesse, die kognitiven Vorgängen zugrunde liegen, für deutlich vielversprechender als die der Willensfreiheit.“ Spannende Beobachtungen kann man zum Beispiel machen, wenn sich der Zugriffsbereich des Bewusstseins verändert. Durch Training, Meditation oder Drogen können wir plötzlich Zugang zu Vorgängen erhalten, die wir vorher nicht bewusst erleben konnten. „Ich kenne Menschen, die beispielsweise das luzide Träumen erlernt haben, ihre Träume also bewusst wahrnehmen, lenken und kontrollieren können.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andersherum kann das Bewusstsein auch Zugänge oder Informationen verlieren. Agnosien sind eine Gruppe neuropsychologischer Störungen, bei denen aufgrund zentralnervöser oder entwicklungsbedingter Schädigungen bestimmte Sinnesverarbeitungen nicht mehr funktionieren. Bei Prosopagnosie handelt es sich beispielsweise um die Unfähigkeit Personen an ihren Gesichtern zu erkennen und bei der Bewegungsagnosie um eine Beeinträchtigung des Bewegungssehens. „Interessant ist dabei, dass das Bewusstsein meist nicht verrät, dass diese Information fehlt. Sie wird aufgefüllt oder einfach nicht vermisst. Betroffenen fällt es häufig schwer, den kognitiven Defizit von allein direkt zu erkennen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Können Roboter Bewusstseinszustände entwickeln?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf die Frage nach möglichem Bewusstsein von künstlicher Intelligenz reagiert Prof. Kaila mit einem entschiedenen „Nein“. Im Verständnis von Bewusstsein und Willensakten müsse die Eco-Evo-Perspektive eingenommen werden. Wir Menschen und Tiere seien Produkte unserer Evolution und darauf angepasst, in bestimmten Umwelten zurechtzukommen – und nur so könnten unsere Funktionen verstanden werden. Diese mehrere Millionen Jahre lange Geschichte könne man nicht einfach überspringen und das gegenwärtige Produkt nachbauen. „Maschinen werden niemals echte Gefühle haben. Natürlich können Gefühlsreaktionen wie beim Schmerz simuliert werden, aber der subjektive, qualitative Teil wird immer fehlen.“ In diesem Fall scheint es schwer, eine dualistische Perspektive zu umgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Haben Tiere Bewusstsein?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dieser Frage weist Prof. Kaila auf sehr intelligente Tiere wie zum Beispiel Krähen und Papageien hin. Sie können Werkzeuge nutzen, sind zu deduktiven Schlussfolgerungen fähig, kooperieren und verstehen es sogar, andere Vögel zu täuschen. Täuschung und Kooperation erfordern im Allgemeinen eine Art <em>Theory of Mind</em>, also die Annahme, dass man selbst und andere mentale Zustände haben, die sich gleichen oder unterscheiden können. Krähen würden sich zumindest so verhalten, als hätten sie diese Vorstellung. Sie verwenden verschiedene Strategien, um Futterdiebe auszutricksen – allerdings nur, wenn sie selbst schon einmal Futter aus einem fremden Versteck stibitzt haben. „It takes a thief to know a thief“, sagt Prof. Kaila und lacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit absoluter Sicherheit könne man die Frage natürlich nicht beantworten. Letztendlich ist uns das nicht einmal bei unserem menschlichen Gegenüber möglich. Das subjektive Gefühl von Bewusstsein und Willensakten bleibt immer eine ganz persönliche Erfahrung, auf die niemand anderes Zugriff hat.  Dies schließt natürlich nicht aus, dass wir im Alltag permanent überlegen, welche Intention oder Gedanken hinter der Handlung eines anderen stecken könnten. Bisher gibt es allerdings keinen wissenschaftlichen Test dafür, ob jemensch oder jetier ein Bewusstsein derselben Art hat. „Im deutschen Sprachraum gibt es dazu die Idee der <em>Du-Evidenz</em>: ‚Weil Du mir so ähnlich erscheinst, nehme ich an, dass Du so ähnlich funktionierst wie ich.‘ So ist der stärkste Prädiktor, ob ein Philosoph von Bewusstsein bei Hunden ausgeht, die Tatsache, ob er selbst mal einen Hund als Haustier hatte. Demgegenüber müssen wir bei solch intuitiven Urteilen natürlich vorsichtig sein, weil Menschen die starke Tendenz besitzen, Intention und Menschlichkeit in Dinge zu interpretieren, die ganz klar nicht-menschlich sind. Wie zum Beispiel im Masken- oder Puppentheater.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nehmen wir die evolutionäre Perspektive ein, hat sich die Annahme der <em>Theory of Mind</em> in unserem Zusammenleben und insbesondere der Vorhersage der Handlungen anderer bewährt. „Die Menschen sind eine äußerst soziale Spezies und haben es vor allem durch Kooperation geschafft zu überleben. Daher scheinen Bewusstsein und <em>Theory of Mind</em> wichtige Funktionen in unserer Lebenswelt zu übernehmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nehmen wir aufgrund der dargestellten Evidenz ähnliche höhere kognitive Funktionen bei Vögeln wie bei Menschen an, scheinen sich diese unabhängig voneinander entwickelt zu haben. „Konvergente Evolution nennt sich das. Unsere einzigen gemeinsamen Vorfahren mit Vögeln sind Reptilien. Bei diesen wurde allerdings noch nichts beobachtet, was auf komplexe Gedankengänge rückschließen lässt. Wenn die Evolution die gleichen höheren Funktionen, wie beispielsweise Bewusstsein und <em>Theory of Mind</em>, unabhängig voneinander mehrmals hervorgebracht hat, scheinen sie von einzigartigem Wert zu sein.“</p>



<figure class="wp-block-image size-medium is-resized"><img decoding="async" class="wp-image-1626" src="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-251x300.jpg" alt="" width="188" height="225" srcset="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-251x300.jpg 251w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-600x719.jpg 600w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-644x771.jpg 644w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-768x920.jpg 768w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-676x810.jpg 676w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila.jpg 800w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></figure>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><strong>Prof. Dr. Kai Kaila</strong> arbeitet seit mehr als 50 Jahren in der Wissenschaft und hat bisher keinen Tag davon bereut. Er ist Leiter des Labors für Neurobiologie an der Universität von Helsinki sowie Gründer und Koordinator des Promotionsprogramms „Brain and Mind“. Ursprünglich ausgebildet in der Tierphysiologie ist er ein großer Freund und Förderer der Interdisziplinarität. Obwohl er sich hauptsächlich mit molekularen und elektrophysischen Vorgängen in Nervenzellen und Netzwerken beschäftigt, berücksichtigt er gern gesellschaftliche, medizinische und psychologische Perspektiven. Aktuell forscht er u.a. zu Epilepsie und <em>birth asphyxia</em>, einer pathologisch verlängerten Sauerstoffdeprivation während der Geburt, die möglicherweise strukturelle Grundlagen für die spätere Entwicklung psychiatrischer Störungen legt.</p>


<hr class="wp-block-separator" />


<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1">[1]</a> Alle Antworten wurden von der Autorin vom Englischen ins Deutsche übersetzt und von Prof. Kaila bestätigt.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
