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	<title>interview &#8211; Psycho-Path WordPress-Seite</title>
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	<description>Zeitung, Veranstaltungen von und für Psychologie-Studierende und jede Menge Süßes</description>
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		<title>Interview mit Rektorin Prof. Dr. Ursula Staudinger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Feb 2023 04:59:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#mehr_campus]]></category>
		<category><![CDATA[frauen-in-der-wissenschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Psychologin an der Spitze der TU Dresden YVONNE FRIEDRICH und PAULA BÖHLMANN. Prof. Dr. Ursula Staudinger ist seit August 2020 Rektorin der Technischen Universität Dresden. Die Psychologin forschte zuvor beim Max-Planck-Institut in Berlin und an Universitäten in Dresden, Bremen und New York zu Prozessen des Alterns. In der Geschichte der TU Dresden ist sie [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Die Psychologin an der Spitze der TU Dresden</h2>



<p class="wp-block-paragraph">YVONNE FRIEDRICH und PAULA BÖHLMANN. <em>Prof. Dr. Ursula Staudinger ist seit August 2020 Rektorin der Technischen Universität Dresden. Die Psychologin forschte zuvor beim Max-Planck-Institut in Berlin und an Universitäten in Dresden, Bremen und New York zu Prozessen des Alterns. In der Geschichte der TU Dresden ist sie die zweite Frau und erste Psychologin im leitenden Amt. Für uns war das Grund genug nachzufragen, wie das so ist, Rektorin einer großen Uni zu sein – und ob dabei überhaupt noch Zeit für eine Work-Life-Balance bleibt.</em></p>



<span id="more-1979"></span>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Frau Prof. Staudinger, fangen wir erstmal mit den Basics an. Was sind eigentlich Ihre Aufgaben als Rektorin?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da kann man wahrscheinlich eher fragen: Was sind sie nicht? Nee <em>[lacht],</em> es ist zumindest ein sehr breites Portfolio. Da gibt es zum einen all die wichtigen Selbstverwaltungsgremien der Universität: Das Rektorat selbst und den Senat. Dazu kommen regelmäßige Treffen mit allen Dekanen, den Bereichssprechern, den studentischen Senator:innen, dem StuRa (Studierendenrat), den wissenschaftlichen Mitarbeitenden und den Mitarbeitenden in Technik und Verwaltung. Das sind ganz viele Meetings und wichtige Kommunikationsprozesse, in denen man sich abstimmt, gegenseitig Informationen einholt und sich berät. Außerdem veranstalten wir einmal im Monat „Let&#8217;s Talk Over Lunch“, ein digitales Mittagessen, wo sich mit vorheriger Anmeldung jeder einwählen kann. Auch die „Universitätsentwicklung“ habe ich direkt bei mir angesiedelt. Da geht es um Qualitätsmanagement, evidenzbasierte Universitätsentwicklung und langfristige Strategien. Außerdem gibt es noch die ganzen Preise, die wir als Universität selbst vergeben oder für die wir uns bewerben wollen. Auch für Grußworte bei wichtigen Veranstaltungen unserer Universität werde ich angefragt wie beispielsweise dem Richtfest für den Beyer-Bau.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann spielt die „TU Dresden als zivile Akteurin“ eine große Rolle. Gemeinsam mit der Prorektorin Universitätskultur sind wir bei öffentlichen Veranstaltungen aktiv und im Gespräch mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren, zum Beispiel unserem Oberbürgermeister, aber auch unseren Museen und der Philharmonie. Wir halten den Kontakt in die Politik, also mit den Abgeordneten im Landtag und den Fraktionen, die sich speziell mit Wissenschaft beschäftigen. Auch die Landesrektorenkonferenz und die Hochschulrektorenkonferenz sind wichtige Vernetzungsgremien für unsere Universität. Sie merken: Der Tag ist zu kurz.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Genau darauf zielt meine nächste Frage: Wie schaffen Sie das eigentlich alles? Hat man als Rektorin noch so etwas wie eine Work-Life-Balance?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, die versuche ich mir zu erhalten. Einfach weil ich in den vergangenen Jahrzehnten die Erfahrung gemacht habe, dass man sich ausbrennt, wenn man keinen Ausgleich schafft. Dann hat man irgendwann keine Lust mehr auf einen Job, der einem eigentlich sehr viel Spaß macht. Deshalb mache ich zum Beispiel in der Regel nach 18 Uhr keine Termine mehr. Am Wochenende versuche ich mir einen Tag freizuhalten, was aber nicht immer klappt. Außerdem laufe ich ins Büro und vom Büro zurück. Also zumindest ein Stück. Ich schaffe nicht die ganze Strecke, das wäre zu viel Zeit. Aber so bewege ich mich erzwungenermaßen zumindest ein bisschen jeden Tag – als Ausgleich zu dem vielen Sitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Lebenseinsicht und Weisheit – Prof. Staudinger im Psycho-Path</strong><br>Beim Durchforsten unserer alten Ausgaben haben wir ein echtes Fundstück erspäht: Frau Prof. Staudinger ist nicht zum ersten Mal im Psycho-Path! Im Jahr 2000 hat sie in unserer allerersten Ausgabe einen selbstgeschriebenen Artikel veröffentlicht. Damals lehrte sie an der TU Dresden und forschte zu verschiedenen Aspekten des Alterns. Unter dem Titel „Lebenseinsicht und Weisheit: Wie viele Wege führen nach Rom?“ erläuterte sie, warum es leider nicht reicht, älter zu werden, um Weisheit zu erlangen und welche Erfahrungen und Eigenschaften zusätzlich wichtig sind. Nachlesen könnt ihr den Artikel auf unserer Website unter https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2018/11/psychopath1.pdf Wir geben eine klare Leseempfehlung!</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was sind die drei größten Ziele, die Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen haben?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines der großen Ziele ist natürlich, dass wir weiter Exzellenzuniversität bleiben und darin hoffentlich (endlich) verstetigt werden. Ein zweites, ganz wichtiges Ziel ist, dass wir eine moderne Organisation werden. Das bedeutet, dass wir mithilfe der Digitalisierung die Verwaltungsprozesse, die durch die hohe Forschungs- und Lehrproduktivität an uns herangetragen wurden, noch effizienter und effektiver bewältigen wollen. Und das dritte, was uns im Rektorat sehr wichtig ist, ist, dass wir uns als Universität stärker bewusst werden, dass wir eine Gemeinschaft sind. Eine Gemeinschaft, die durch bestimmte Werte getragen wird, die wir jeden Tag nach innen wie nach außen leben. Deswegen habe ich das Prorektorat Universitätskultur begründet. Für mich gehört dazu, dass wir einen Campus gestalten, der es ermöglicht, sich immer wieder zu begegnen und gemeinsam Dinge zu machen. Für mich gehört auch dazu, dass wir diese Gemeinschaft deutlicher nach außen tragen und uns mit anderen Akteur:innen zu wichtigen Themen unserer Zeit verknüpfen. Sei es nun die Bewältigung der Klimakrise oder der Schutz unserer demokratischen Rechtsordnung. In dieser Rolle sehen wir uns auch in großer Verantwortung beim Strukturwandel in der Lausitz. Die Verbesserung des Transfers unserer Forschung in die Wirtschaft und der Beitrag, den unsere Universität auf diese Weise zur Produktivität unseres Landes leistet, ist ein weiteres wichtiges Thema.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was sind die größten Hürden und Herausforderungen bei der Umsetzung der Ziele?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einfach sehr viele Rädchen, die gleichzeitig in Bewegung gesetzt werden und dann noch ineinandergreifen müssen. Das hat viel mit der Größe der Institution zu tun. Das ist auch bei großen Wirtschaftsunternehmen so. Ich habe früher in meiner Forschung mit VW, Mercedes oder Bosch zusammengearbeitet und es dort ähnlich erlebt. Da überlegt sich die Geschäftsführung etwas und bis das dann unten in den Tiefen der Institutionen ankommt, ist der Weg weit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Sie sind ja auch Psychologin. Welche psychologischen Sichtweisen haben Ihnen als Leiterin der TU geholfen?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube, dass uns unsere Fachdisziplin für all das fit macht, wo Menschen zueinanderkommen, miteinander umgehen und gemeinsam versuchen, Ziele zu erreichen. Die Psychologie hilft uns, weil wir eben jenseits der inhaltlichen Fragestellungen auch wissen: Wir sind alle Menschen. Wir wissen durch unsere Wissenschaft, welche Regeln und Gesetzmäßigkeiten häufig greifen, wenn es um Emotionen, Motivlagen und Handlungssteuerung geht.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Sie arbeiteten von 1999 bis 2003 bereits als Professorin an der TU Dresden und haben die Entwicklungspsychologie geleitet. Wie hat sich die Psychologie in Dresden seitdem verändert?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war damals meine erste Professur. Als ich vom Max-Planck-Institut weggegangen bin, hatte ich drei verschiedene Rufe. Da war es keine schwierige Entscheidung nach Dresden zu kommen. Die Psychologie in Dresden war damals schon eines der größten Institute in Deutschland und in den Naturwissenschaften angesiedelt. Das war für mich sehr attraktiv. Als ich mit dem damaligen Kanzler verhandelt hatte, hat er gar nicht mit der Wimper gezuckt, als ich ihm meine Start-Up-Vorstellungen präsentierte, weil er aus den Naturwissenschaften ganz andere Zahlen gewohnt war. Außerdem war die Psychologie in Dresden schon zu DDR-Zeiten inhaltlich sehr gut aufgestellt. Die arbeitsbezogene Handlungstheorie, vertreten durch Professor Hacker, war vergleichbar mit dem Ruf der kognitiven Psychologie an der Humboldt-Universität mit Professor Klix.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam damals zu einer Zeit, als der Generationenwechsel im Institut für Psychologie gerade begann. Die Dresdner Psychologie hat da eigentlich einen Siegeszug angetreten. Sie war die erste Psychologie in Deutschland, die einen Sonderforschungsbereich (SFB) in Sprecherfunktionen eingeworben hatte. Das war kein dünnes Brett. Da zieh ich den Hut vor den Kollegen und Kolleginnen, die das durch tolle Zusammenarbeit hinbekommen haben. Besonders Thomas Goschke hat hier Herausragendes für die Dresdner Psychologie geleistet. Der SFB wurde dann noch zweimal verlängert.&nbsp; Außerdem gab es schon immer eine starke klinische Psychologie in Dresden. Jetzt sind wir stolz, dass wir unsere eigene Hochschulambulanz mit den Geschäftsführern Prof. Endrass und Prof. Kanske gegründet haben und freuen uns auf den Start des neuen Psychotherapeuten-Studiengangs nächstes Wintersemester.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Sie haben gerade die Klinische Psychologie in Dresden angesprochen. Ein Thema, das uns Studierende sehr getroffen hat, ist der Fall „Wittchen“ (s. Kasten). Können Sie uns sagen, was getan wird, damit so etwas nicht wieder passiert?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, natürlich. Das hat mich ja auch sehr getroffen. Seit ich das Amt angetreten und diese Problemlage geerbt habe, habe ich dafür gesorgt, dass wir das sogenannte Compliance-Management in unserer Universität ausbauen und visibler machen. Wir müssen also sicherstellen, dass die Regeln in den Bereichen gute wissenschaftliche Praxis, zwischenmenschliche Praxis und finanzielle Verwaltungspraxis eingehalten werden. Und das haben wir getan, seit wir im Amte sind. Im neuen Rektorat haben wir die Verfügbarkeit der Informationen zu all unseren Compliance-Officers erhöht. Wir haben Beschwerdestellen für alle drei Bereiche und noch im Dezember 2020 eine neue Satzung für die gute wissenschaftliche Praxis verabschiedet. Weiterhin werden wir Anfang 2022 eine elektronische Beschwerde-Plattform live schalten, wo es möglich ist, anonym online Beschwerden jedweder Art kundtun zu können und dabei die Whistleblower zu schützen. Das war mir ein wichtiges Anliegen – aus diesem unglücklichen Fall heraus.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Die TU Dresden wurde in 62 Amtszeiten von Männern geführt und in zwei Amtszeiten von Frauen. Haben Sie das Gefühl, allein durch die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, als Rektorin anders behandelt zu werden?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist eine schwierige Frage, besonders für eine Verhaltenswissenschaftlerin, weil es keine Kontrollgruppe gibt. Ich kann nicht parallel auf mich als männliche Variante gucken und beurteilen, wie ich dann behandelt werden würde. In der Zusammensetzung unseres Rektorats habe ich darauf geachtet, dass wir eine Parität haben, also gleich viele Männer wie Frauen. Von daher spielt es in unserem Umgang miteinander eine untergeordnete Rolle. Ich erlebe aber im Umfeld der Universität immer mal wieder eine eher traditionelle Orientierung. Da müssen sich manche noch daran gewöhnen, dass sie jetzt einer Frau gegenüberstehen – und dass diese Tatsache nicht relevant ist, sondern dass im Fokus steht, dass diese Frau die TU Dresden leitet. Diesen Eindruck hatte ich manchmal, aber das kann ich wie gesagt nicht eindeutig darauf zurückführen, dass ich eine Frau und kein Mann bin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt noch eine Sache bei Frauen in Führungspositionen, die mir wichtig ist: Es wird auch von Frauen in Leitungspositionen erwartet, dass sie mit mehr Zugewandtheit, Empathie und Geduld agieren, als dies von einem Mann in der gleichen Position erwartet würde. Das Gegenüber ist dann häufig überrascht, wenn das nicht der Fall ist, sondern Sachorientierung und klare Ansagen im Vordergrund stehen. Das wird dann nicht selten gegen die Frau in der Führungsposition gewendet. Da hat unsere Gesellschaft noch Einiges dazuzulernen: Zu vergessen, ob es ein Mann oder eine Frau ist und zu verstehen, dass die Führungsposition im Vordergrund steht und dass damit unabhängig vom Geschlecht bestimmte Zwänge einhergehen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass bei Männern klare Ansagen und gewisses Durchregieren eher verziehen bzw. sogar erwartet werden, als das bei einer Frau der Fall ist.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was würden Sie den Frauen raten?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist schwierig. Ich würde sagen, es wäre wichtig, dass wir alle unsere Geschlechtsstereotype reflektieren. Man sollte sich – auch als Frau – immer mal fragen: „Warum habe ich diese Erwartungshaltung?“, damit man aus stereotyp-orientierten Verhaltensweisen herauskommt, die uns sicher noch eine ganze Weile begleiten werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Vielen Dank für Ihre Zeit!</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-style-default is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:100%">
<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Zur Person<sup> [1,2]</sup></strong><br><em>Seit 08/2020</em>: Rektorin der TU Dresden<br><em>2013 &#8211; 2020</em>: Professorin und Gründungsdirektorin, Columbia Aging Center, Columbia University (New York)<br><em>2003 &#8211; 2013</em>: Professorin und Vizepräsidentin der Jacobs University Bremen<br><em>1999 &#8211; 2003</em>: Professorin für Entwicklungspsychologie an der TU Dresden<br><em>1997:</em> Habilitation (Psychologie) an der FU Berlin<br><em>1992 &#8211; 1999</em>:  Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung<br><em>1988 &#8211; 1992</em>: Wissenschaftliche Referentin an der Westberliner Akademie der Wissenschaften<br><em>1988</em>: Promotion (Psychologie) an der FU Berlin<br><em>1978–1984:</em> Studium der Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Clark University (USA)<br><em>1959</em>:  Geb. in Nürnberg</p>
</div>
</div>
</blockquote>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Der Fall „Wittchen“ <sup>[4,5]</sup></strong><br>Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen leitete 17 Jahre lang das Institut für Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden und gilt als einer der meistzitiertesten Forscher:innen seiner Disziplin. Zuletzt machte seine Arbeit jedoch Negativschlagzeilen. Zwei seiner Mitarbeitenden erhoben Ende 2018 schwere Vorwürfe gegen ihn: Er soll Daten einer 2,5-Mio. € schweren Studie manipuliert haben. Dabei geht es um die sogenannte Studie PPP (Personalausstattung in  Psychiatrie und Psychosomatik), die der Gemeinsame Bundesausschuss, das zentrale Gremium des deutschen Gesundheitswesens, in Auftrag gegeben hatte. H.-U. Wittchen hatte die Aufgabe die Personalausstattung in deutschen Psychiatrien zu erfassen. Auf dieser Grundlage sollte durch ein neues Gesetz der Personalschlüssel aktualisiert werden. Das Problem: Es nahmen nicht genügend Psychiatrien teil. Statt der von Wittchen angegebenen 93 Kliniken hatte sein Team höchstens 73 besucht. Für die restlichen Kliniken wurden einfach Duplikate der Daten von bereits besuchten Kliniken verrechnet. Diese Art der „Hochrechnung“ hatte H.-U. Wittchen nicht kenntlich gemacht. Aber das ist nicht alles: Er soll Gelder zweckentfremdet haben: Private Reisen und Essen als geschäftlich abgerechnet haben, Konferenzen erfunden und seiner Tochter ohne Arbeitsleistung eine Vollzeitstelle aus Projektgeldern finanziert haben. Weiterhin berichteten Mitarbeitende von einem Arbeitsklima mit Wutausbrüchen, Beleidigungen und Tränen. Die TU Dresden beauftragte daraufhin eine Untersuchungskommission, die nach zwei Jahren die Vorwürfe in ihrem Abschlussbericht weitestgehend bestätigt. H.-U. Wittchen habe seine Mitarbeitenden nicht nur bewusst zur Datenmanipulation angehalten, sondern sei auch bei dem Versuch, die Manipulationen nachträglich zu verschleiern, betrügerisch vorgegangen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. H.-U. Wittchen hat die Vorwürfe bisher abgestritten. Der Betrug ereignete sich noch zu Amtszeiten des TUD-Rektors H. Müller-Steinhagen, die Untersuchungen wurden aber erst im Jahr 2021 abgeschlossen.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:12px">Quellen: <br>[1] https://www.ursulastaudinger.com/de/profil/<br>[2] https://tu-dresden.de/tu-dresden/organisation/rektorat/rektorin<br>[3] https://www.stadtwikidd.de/wiki/Liste_von_Rektoren_der_TU_Dresden<br>[4] https://www.buzzfeed.de/politik/staatsanwaltschaft-ermittelt-faelschungsskandal-psychologie-wittchen-tu-dresden-zr-90356695.html<br>[5] https://www.sueddeutsche.de/wissen/wittchen-faelschung-tu-dresden-ppp-studie-psychiatrie-1.5226427</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Willensfreiheit aus der Neuro-Perspektive. Interview mit Prof. Dr. Kai Kaila</title>
		<link>https://psycho-path.de/willensfreiheit-aus-der-neuro-perspektive-interview-mit-prof-dr-kai-kaila/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Jan 2021 13:29:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#37 Freiheit]]></category>
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		<category><![CDATA[Neurowissenschaften]]></category>
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		<category><![CDATA[yvonne-friedrich]]></category>
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					<description><![CDATA[„Neurowissenschaftler haben es gelöst: Der freie Wille ist nur eine Illusion unseres Bewusstseins.“ YVONNE FRIEDRICH. Wie oft wurden wir schon von Schlagzeilen dieser Art enttäuscht. Der nächste Artikel belegt dann das genaue Gegenteil. Wissenschaftlich erscheinen sie beide nicht. Ja – nein – vielleicht – oder doch nicht? Was ist es denn, das die Erforschung der [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Neurowissenschaftler haben es gelöst: Der freie Wille ist nur eine Illusion unseres Bewusstseins.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">YVONNE FRIEDRICH. <strong>Wie oft wurden wir schon von Schlagzeilen dieser Art enttäuscht. Der nächste Artikel belegt dann das genaue Gegenteil. Wissenschaftlich erscheinen sie beide nicht. Ja – nein – vielleicht – oder doch nicht? Was ist es denn, das die Erforschung der Willensfreiheit so schwer macht? Welche Ansätze gibt es bisher? Und warum hat es in den letzten Jahren kaum Fortschritte gegeben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe mich mit Prof. Dr. Kai Kaila, einem Neurobiologen der Universität von Helsinki, zusammengesetzt, um den Implikationen und Fallstricken von Willensfreiheit, möglichen Leib-Seele-Modellen und dem Verständnis von Bewusstsein auf den Grund zu gehen.<a href="#_ftn1">[1]</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Gibt es einen freien Willen?</strong><span id="more-1618"></span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste ernüchternde Antwort, die mir Prof. Kaila geben musste, war eine entschiedene Absage an die ontologische Erforschung der Willensfreiheit. „Nein, ob es einen sogenannten freien Willen gibt oder nicht, das kann weder die Neurowissenschaft noch eine andere empirisch arbeitende Wissenschaft herausfinden.“ Die Frage nach dem <em>Was</em>, nach der Art und Existenz, sei eine ontologische und somit philosophische. Neurowissenschaft könne nur das <em>Warum</em>, also mögliche Funktionen oder evolutionäre Hintergründe, oder das <em>Wie</em>, also zugrundeliegende Prozesse, erforschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was meint Willensfreiheit?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch bevor wir uns ganz Prof. Kailas Antworten widmen, ein paar Grundlagen vorneweg: Was meinen wir eigentlich, wenn wir über Willensfreiheit sprechen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Allgemeinen nehmen wir an, dass Entscheidungen, die wir als frei einstufen, drei Bedingungen erfüllen: Erstens soll es uns unter identischen Ausgangsbedingungen möglich sein, anders zu entscheiden. Zweitens möchten wir selbst Urheber der Entscheidung oder Handlung gewesen sein &#8211; und keine äußeren Kräfte. Und drittens soll sich diese Urheberschaft in bewussten mentalen Prozessen manifestieren und nicht nur Folge unbewusster Prozesse unseres Gehirns sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wieso widersprechen sich Determinismus und Willensfreiheit (nicht)?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor allem die Vorstellung alternativer Entscheidungsmöglichkeiten steht im klaren Widerspruch zu einem deterministischen Weltbild: Laut dem Determinismus ist alles, was in der Welt geschieht, kausale Folge vorangegangener Ereignisse und wird eindeutig durch sie bestimmt. So wie wir beispielsweise genau rekonstruieren können, warum eine Brücke eingestürzt ist, so wären rein theoretisch alle vorangegangenen Faktoren bestimmbar, die unsere Handlungen alternativlos erscheinen lassen. Nehmen wir an, wir sehen das Licht einer grünen Ampel. Die eingehende sensorische Information wird bestimmte Nervenzellen zum Feuern bringen, diese werden weitere Nervenzellen erregen, einige andere inhibieren und immer so weiter, bis am Ende der Kausalkette das Motorprogramm eine Bewegung unserer Beine initiiert. Dabei wäre das Feuermuster der Neuronen durch die sensorische Information bestimmt und die Struktur des neuronalen Netzwerkes durch unsere Gene sowie vorherige Erfahrungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Übrig bleibt dabei die Frage: Wo ist da noch Platz für einen freien Willen? An welcher Gabelung könnte der freie Wille „eingreifen“ und eine alternative Entscheidung veranlassen? Auch auf diese Zweifel hat Prof. Kaila eine klare Antwort: „Niemand hat bisher einen vollständigen Determinismus nachgewiesen. Deshalb sehe ich keinen Grund, nicht an einen freien Willen zu glauben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der wissenschaftlichen Praxis wird von einer deterministischen Verursachung ausgegangen und nach kausalen Effekten und Reaktionsketten geforscht. Doch widerspricht es eben der alltäglichen Erfahrung persönlicher Willensfreiheit. „Auch in der Physik gibt es konkurrierende, nicht kompatible Theorien. Die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik sind beide fundamentale physikalische Modelle und passen in keinster Weise zusammen. Die meisten Physiker sind trotzdem glücklich damit.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich würde ein freier, von außen teilweise unabhängiger, Wille in starkem Kontrast zu einem ansonsten streng deterministischen System stehen. Ungeklärt bleibt daher, wie ein solches Einwirken aussehen sollte und vor allem woher dieser unabhängige Wille stammen würde. „Da gebe ich lieber zu, keine finale Antwort zu haben, als vorschnell Theorien zu propagieren. Viele Menschen sehen hier ihre Chance, Religion in Bereiche der Wissenschaft einzuschleusen, die noch nicht erklärt werden können. Sir John Eccles war zum Beispiel der Meinung, dass Gottes Wille durch kortikale Säulen auf den Menschen einwirkt. Eine eher seltsame Vorstellung.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Prof. Kaila liegt der beste Grund für einen freien Willen auf gesellschaftlicher Ebene: „In dieser Angelegenheit bin ich Pragmatiker. Unsere persönliche Überzeugung von der oder gegen die Existenz eines freien Willens ist etwas sehr Grundlegendes. Es bestimmt unser Welt- und Menschenbild und somit unser Verhalten in der Gesellschaft. Wenn Probanden in Experimenten zum Beispiel von einem unfreien Willen überzeugt werden, verhalten sie sich egoistischer und aggressiver. Wenn man Menschen dagegen in eine Gruppe bringt, die von Selbstverantwortung und Altruismus geprägt ist, dann verhalten sie sich selbst auch altruistischer. Solange wir nicht genau wissen, was stimmt, gehe ich lieber von einem freien Willen aus und bringe nicht das ganze Moral- und Rechtssystem zum Einsturz.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Verschiedene Arten von Freiheit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Willensdebatte kann Freiheit allerdings sehr unterschiedlich definiert werden. Es sei ein häufiges Missverständnis, dass es keinen freien Willen geben könne, weil soziale Konventionen, Regeln und Gesetze unser Handeln bestimmen, meint Prof Kaila. „Das wir nicht alles tun können, was physikalisch möglich ist, steht natürlich außer Frage.“ Willensfreiheit wird in den Sozialwissenschaften häufig anders verwendet als in den Neurowissenschaften. In den Sozialwissenschaften meint ein freier Willensakt meist einen Idealzustand völliger Unabhängigkeit von (sozialen) Determinanten. Den Neurowissenschaften ist eine stärkere oder schwächere Abhängigkeit von sozialer Umwelt erst einmal egal. Hier geht es um die Frage eines lückenlosen biologischen Determinismus gegenüber der prinzipiellen Möglichkeit alternativer Handlungen &#8211; sei die Bandbreite auch noch so klein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Leib-Seele-Modelle</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Schon vor vielen tausend Jahren haben sich Philosoph*innen über Willens(un)freiheit den Kopf zerbrochen. Ein Knackpunkt stellt dabei das sogenannte Leib-Seele-Problem dar. Dieses wird durch drei Annahmen charakterisiert, die auf den ersten Blick alle korrekt erscheinen, aber nicht gleichzeitig wahr sein können:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir annehmen, dass die physikalische Welt einem strikten Determinismus folgt, in dem jedes Ereignis von vorherigen Ereignissen bestimmt wird, müsste der Wille, um als (teilweise) frei von äußeren Determinanten zu gelten, außerhalb der physikalischen Welt existieren. (1) Mentales Geschehen wäre also etwas substanziell Anderes als physikalisches. Die Annahme zweier unterschiedlicher Entitäten nennt sich Dualismus. Nehmen wir weiterhin an, dass (2) mentales Geschehen kausal in den Bereich des Physikalischen einwirkt, kann die letzte Annahme (3) einer kausal geschlossenen physikalischen Welt nicht mehr gelten. Letztere ist aber eine klare Implikation des Determinismus‘.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verschiedene Leib-Seele-Modelle versuchten einzelne Annahmen zu verneinen oder zu umgehen, um das sogenannte dualistische Trilemma zu lösen. Historische Modelle umfassen u.a. den Interaktionismus (R. Descartes) und den Parallelismus (G. W. Leibniz). Neuere Modelle unterscheiden sich vor allem darin, dass sie die dualistische Annahme zweier unterschiedlicher Entitäten verwerfen und die mentale Entität entweder verneinen oder anders umschreiben. Prof. Kaila meint: „Um heute etwas auf die Bühne zu bringen, muss man schon Monist sein, also von der Existenz nur einer Entität ausgehen.“ Beispiele sind der eliminative Materialismus (D. C. Dennett), die Identitätstheorie (J. Smart, U. Place), der Funktionalismus (H. Putnam) oder die Emergenztheorie (J. Searle).</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Im Grunde genommen scheitern all diese Theorien“, resümiert Prof. Kaila. Am überzeugendsten finde er noch die Argumentation von John Searle, der vor allem seine Vorgänger kritisiere. Er schlägt stattdessen die Emergenztheorie vor. Diese beschreibt, dass aus der Interaktion von physikalischen Faktoren etwas qualitativ Neuartiges entstehen kann, das nicht allein durch seine Ausgangsfaktoren erklärt werden kann. „Das ist so wie in der Chemie, wenn Sauerstoff und Wasserstoff zusammenkommen und plötzlich sehen wir Wasser.“ Allerdings muss Prof. Kaila zugeben: „Ich denke nicht, dass die Emergenztheorie viel erklärt. Es ist mehr eine gute Beschreibung. Im Alltag sind wir wahrscheinlich alle Dualisten, weil es bisher eben keine zufriedenstellende Lösung gegeben hat. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Neurowissenschaften uns eine geben würde. Wir wissen ja nicht einmal, welche Fragen wir stellen und erforschen sollen, um uns dem ontologischen <em>Was</em> von Bewusstseinanzunähern. Wir tappen völlig im Dunkeln.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Bewusstsein</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Diskussion um das Mentale als eine andersartige Entität bringt uns also zur Charakterisierung unseres Bewusstseins. Ein freier Wille erfordert zwangsläufig ein Bewusstsein, in dem Möglichkeiten bewusst abgewogen und gewichtet werden können. Unser Bewusstsein umfasst dabei aber noch viel mehr. Es macht unsere komplette Lebenswelt aus! Ohne Bewusstsein haben wir weder Zugriff auf äußere noch auf unsere eigenen inneren Zustände.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Interessant ist dabei, dass unser Bewusstsein seriell arbeitet, während die restliche Verarbeitung im Gehirn parallel stattfindet.“ Schauen wir uns ein fahrendes Auto an, so werden unterschiedliche Eigenschaften wie Farbe, Form und Bewegungsrichtung zur selben Zeit in unterschiedlichen Gehirnregionen analysiert. Am Ende nehmen wir bewusst ein ganzheitliches Objekt wahr &#8211; und zwar nur eines zur selben Zeit. „Basierend auf sensorischen Informationen, bisherigen Erfahrungen und Erwartungen kreiert unser Gehirn ein Modell der Wirklichkeit, von dem uns immer nur ein ganz kleiner Teil bewusst ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Bewusstsein kann man sich wie eine Plattform vorstellen, die verschiedene Ideen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gedächtnisinhalte beinhalten kann. Dabei verwenden wir oft die Metapher eines Scheinwerferlichts, das je nach Aufmerksamkeitslenkung analysierte Aspekte mal aus diesem oder jenem Areal beleuchtet.“ Wie die Informationen dann zusammengebracht werden oder wie das „Scheinwerferlicht“ gelenkt wird, sind allerdings noch ungeklärte Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich halte die Erforschung neurophysiologischer Prozesse, die kognitiven Vorgängen zugrunde liegen, für deutlich vielversprechender als die der Willensfreiheit.“ Spannende Beobachtungen kann man zum Beispiel machen, wenn sich der Zugriffsbereich des Bewusstseins verändert. Durch Training, Meditation oder Drogen können wir plötzlich Zugang zu Vorgängen erhalten, die wir vorher nicht bewusst erleben konnten. „Ich kenne Menschen, die beispielsweise das luzide Träumen erlernt haben, ihre Träume also bewusst wahrnehmen, lenken und kontrollieren können.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andersherum kann das Bewusstsein auch Zugänge oder Informationen verlieren. Agnosien sind eine Gruppe neuropsychologischer Störungen, bei denen aufgrund zentralnervöser oder entwicklungsbedingter Schädigungen bestimmte Sinnesverarbeitungen nicht mehr funktionieren. Bei Prosopagnosie handelt es sich beispielsweise um die Unfähigkeit Personen an ihren Gesichtern zu erkennen und bei der Bewegungsagnosie um eine Beeinträchtigung des Bewegungssehens. „Interessant ist dabei, dass das Bewusstsein meist nicht verrät, dass diese Information fehlt. Sie wird aufgefüllt oder einfach nicht vermisst. Betroffenen fällt es häufig schwer, den kognitiven Defizit von allein direkt zu erkennen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Können Roboter Bewusstseinszustände entwickeln?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf die Frage nach möglichem Bewusstsein von künstlicher Intelligenz reagiert Prof. Kaila mit einem entschiedenen „Nein“. Im Verständnis von Bewusstsein und Willensakten müsse die Eco-Evo-Perspektive eingenommen werden. Wir Menschen und Tiere seien Produkte unserer Evolution und darauf angepasst, in bestimmten Umwelten zurechtzukommen – und nur so könnten unsere Funktionen verstanden werden. Diese mehrere Millionen Jahre lange Geschichte könne man nicht einfach überspringen und das gegenwärtige Produkt nachbauen. „Maschinen werden niemals echte Gefühle haben. Natürlich können Gefühlsreaktionen wie beim Schmerz simuliert werden, aber der subjektive, qualitative Teil wird immer fehlen.“ In diesem Fall scheint es schwer, eine dualistische Perspektive zu umgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Haben Tiere Bewusstsein?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dieser Frage weist Prof. Kaila auf sehr intelligente Tiere wie zum Beispiel Krähen und Papageien hin. Sie können Werkzeuge nutzen, sind zu deduktiven Schlussfolgerungen fähig, kooperieren und verstehen es sogar, andere Vögel zu täuschen. Täuschung und Kooperation erfordern im Allgemeinen eine Art <em>Theory of Mind</em>, also die Annahme, dass man selbst und andere mentale Zustände haben, die sich gleichen oder unterscheiden können. Krähen würden sich zumindest so verhalten, als hätten sie diese Vorstellung. Sie verwenden verschiedene Strategien, um Futterdiebe auszutricksen – allerdings nur, wenn sie selbst schon einmal Futter aus einem fremden Versteck stibitzt haben. „It takes a thief to know a thief“, sagt Prof. Kaila und lacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit absoluter Sicherheit könne man die Frage natürlich nicht beantworten. Letztendlich ist uns das nicht einmal bei unserem menschlichen Gegenüber möglich. Das subjektive Gefühl von Bewusstsein und Willensakten bleibt immer eine ganz persönliche Erfahrung, auf die niemand anderes Zugriff hat.  Dies schließt natürlich nicht aus, dass wir im Alltag permanent überlegen, welche Intention oder Gedanken hinter der Handlung eines anderen stecken könnten. Bisher gibt es allerdings keinen wissenschaftlichen Test dafür, ob jemensch oder jetier ein Bewusstsein derselben Art hat. „Im deutschen Sprachraum gibt es dazu die Idee der <em>Du-Evidenz</em>: ‚Weil Du mir so ähnlich erscheinst, nehme ich an, dass Du so ähnlich funktionierst wie ich.‘ So ist der stärkste Prädiktor, ob ein Philosoph von Bewusstsein bei Hunden ausgeht, die Tatsache, ob er selbst mal einen Hund als Haustier hatte. Demgegenüber müssen wir bei solch intuitiven Urteilen natürlich vorsichtig sein, weil Menschen die starke Tendenz besitzen, Intention und Menschlichkeit in Dinge zu interpretieren, die ganz klar nicht-menschlich sind. Wie zum Beispiel im Masken- oder Puppentheater.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nehmen wir die evolutionäre Perspektive ein, hat sich die Annahme der <em>Theory of Mind</em> in unserem Zusammenleben und insbesondere der Vorhersage der Handlungen anderer bewährt. „Die Menschen sind eine äußerst soziale Spezies und haben es vor allem durch Kooperation geschafft zu überleben. Daher scheinen Bewusstsein und <em>Theory of Mind</em> wichtige Funktionen in unserer Lebenswelt zu übernehmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nehmen wir aufgrund der dargestellten Evidenz ähnliche höhere kognitive Funktionen bei Vögeln wie bei Menschen an, scheinen sich diese unabhängig voneinander entwickelt zu haben. „Konvergente Evolution nennt sich das. Unsere einzigen gemeinsamen Vorfahren mit Vögeln sind Reptilien. Bei diesen wurde allerdings noch nichts beobachtet, was auf komplexe Gedankengänge rückschließen lässt. Wenn die Evolution die gleichen höheren Funktionen, wie beispielsweise Bewusstsein und <em>Theory of Mind</em>, unabhängig voneinander mehrmals hervorgebracht hat, scheinen sie von einzigartigem Wert zu sein.“</p>



<figure class="wp-block-image size-medium is-resized"><img decoding="async" class="wp-image-1626" src="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-251x300.jpg" alt="" width="188" height="225" srcset="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-251x300.jpg 251w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-600x719.jpg 600w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-644x771.jpg 644w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-768x920.jpg 768w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila-676x810.jpg 676w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Kai-Kaila.jpg 800w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></figure>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><strong>Prof. Dr. Kai Kaila</strong> arbeitet seit mehr als 50 Jahren in der Wissenschaft und hat bisher keinen Tag davon bereut. Er ist Leiter des Labors für Neurobiologie an der Universität von Helsinki sowie Gründer und Koordinator des Promotionsprogramms „Brain and Mind“. Ursprünglich ausgebildet in der Tierphysiologie ist er ein großer Freund und Förderer der Interdisziplinarität. Obwohl er sich hauptsächlich mit molekularen und elektrophysischen Vorgängen in Nervenzellen und Netzwerken beschäftigt, berücksichtigt er gern gesellschaftliche, medizinische und psychologische Perspektiven. Aktuell forscht er u.a. zu Epilepsie und <em>birth asphyxia</em>, einer pathologisch verlängerten Sauerstoffdeprivation während der Geburt, die möglicherweise strukturelle Grundlagen für die spätere Entwicklung psychiatrischer Störungen legt.</p>


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<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1">[1]</a> Alle Antworten wurden von der Autorin vom Englischen ins Deutsche übersetzt und von Prof. Kaila bestätigt.</p>
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