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		<title>Vom Zoom-Call zur Zoom-Fatigue </title>
		<link>https://psycho-path.de/vom-zoom-call-zur-zoom-fatigue/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jul 2024 01:44:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[# 45 wunder]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie Online-Meetings uns erschöpfen können JÖRDIS GRASSL. Ob via Zoom, Microsoft Teams, Skype oder Big Blue Button – Videokonferenzen sind mindestens seit dem Beginn der Corona-Pandemie 2020 aus dem Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken, sei das im Studium, auf der Arbeit oder aber auch im privaten Bereich. Virtuelle Meetings haben viele Vorteile im [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading"><strong>Wie Online-Meetings uns erschöpfen können</strong></h3>



<p>JÖRDIS GRASSL. <em>Ob via Zoom, Microsoft Teams, Skype oder Big Blue Button – Videokonferenzen sind mindestens seit dem Beginn der Corona-Pandemie 2020 aus dem Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken, sei das im Studium, auf der Arbeit oder aber auch im privaten Bereich. Virtuelle Meetings haben viele Vorteile im Vergleich zu ihren analogen Gegenstücken – die geographische Distanz zwischen den Teilnehmenden spielt keine Rolle mehr, die Arbeit im Homeoffice wird erleichtert, man muss weniger Wege zurücklegen und kann, wenn man denn möchte, alle Meetings in Jogginghosen abhalten. Sie fordern aber auch ihren Preis. Dies legt zumindest das Phänomen der Zoom-Fatigue, eine Erschöpfung durch Videokonferenzen, nahe. </em></p>



<span id="more-2274"></span>



<p>Im Frühling 2020 höre ich zum ersten Mal von Zoom. Ich bin gerade dabei, mich auf mein Abitur vorzubereiten, während um mich herum die Welt stillsteht. Meine Freund:innen habe ich zum letzten Mal am Montag, den 16. März gesehen, als wir alle gemeinsam unsere Spinde in der Schule ausgeräumt haben. Seitdem besteht unsere Kommunikation aus Memes und gemeinsamen Stadt-Land-Fluss-Abenden über Discord. Die Welt der videobasierten Online-Kommunikation ist mir also nicht völlig fremd, als ich zu meinem ersten Bewerbungsgespräch für eine FSJ-Stelle über Zoom eingeladen werde. Ich bin aufgeregt, nicht nur wegen der mir bis dahin unbekannten Bewerbungssituation, sondern auch wegen der Plattform, auf der das Gespräch stattfinden soll. Circa eine Stunde vorher laufe ich mit meinem Laptop durch die Wohnung, um den besten Videohintergrund zu finden. Ich überprüfe immer wieder meine Internetverbindung, teste Kamera und Sound und hoffe, dass wenigstens auf technischer Seite alles glatt geht. Das tut es. Das Gespräch läuft gut, ich bekomme den FSJ-Platz. Mit Zoom komme ich auch soweit zurecht, obwohl es zwischendurch ab und an hakt und seine Macken hat.</p>



<p>Seit dem ist viel passiert. Ich habe mein Abitur gemacht, einen Freiwilligendienst geleistet, ein Studium begonnen und einen Nebenjob angefangen. Die letzten Corona-Schutzmaßnahmen sind am 7. April 2023, also vor fast einem Jahr, ausgelaufen, seit ungefähr zwei Semestern habe ich wieder Präsenzlehre. Aber Zoom und die vielen anderen Videokonferenzplattformen sind Teil meines Alltags geblieben, sei das über virtuelle Arbeitsbesprechungen oder hybride Lehreinheiten an der Uni.&nbsp;</p>



<p>Wie ich das finde, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Häufig erwische ich mich in Vorlesungen dabei, mir die Zoom-Veranstaltungen zurückzuwünschen. In einem vollbesetzten Vorlesungssaal fällt es auf, wenn man nebenbei den Campingkocher auspackt und sein Mittagessen aufwärmt, und stumm schalten kann man sich auch nicht, was vor allem in den vorderen Reihen manchmal zum Problem wird. Die Zeiten, in denen jede Lehrveranstaltung über Zoom stattfand, wünsche ich mir trotzdem nicht zurück. Eine Woche mit mehreren langen Videokonferenzen lässt einen mit einer anderen Art der Müdigkeit zurück, die mir in dieser Form seit dem Wiederanfang der Präsenzlehre nicht mehr begegnet ist. Und scheinbar bin ich nicht die Einzige mit diesem Problem. Mit dem Boom von Videokonferenzen zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 häuften sich auch die Berichte über Erschöpfung durch ebendiese, und der Begriff <em>Zoom-Fatigue</em>, oder auch etwas sperriger <em>Videokonferenz-Fatigue</em>, etablierte sich schnell. [1]</p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-33b4151b04ba04ad5698a83338c02893"><strong>Was ist Zoom Fatigue?</strong></p>



<p>Als Zoom-Fatigue bezeichnet man zusammengefasst Erschöpfungssymptome nach einem längeren und wiederholten Gebrauch von Videokonferenz-Tools. [2] Konkrete Symptome, die von Betroffenen empfunden werden können, sind unter anderem eine Reduktion der Konzentrationsfähigkeit, eine erhöhte Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen sowie Schlaf- und Sehstörungen. [3]</p>



<p>Tipps gegen Zoom-Fatigue klingen häufig wie allgemeine Hinweise für Menschen, die generell viel an Bildschirmen arbeiten – aktive Pausen, Meetingzeiten begrenzen oder gleich auf Anrufe oder E-Mails umsteigen. [4] Wo liegt dann aber der spezielle Faktor, der die Ermüdung durch Videokonferenzen von anderen Bildschirmarbeiten abgrenzt?</p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-67de1f977650efabdae5b6fb1be3ef19"><strong>Wie entsteht Zoom-Fatigue? Das Grobe.</strong></p>



<p>Natürlich steht die Forschung hier noch ganz am Anfang. Es gibt aber durchaus theoretische Erklärungsansätze für die spezielle Entstehung von Zoom-Fatigue. Rump und Brandt (2020) konnten beispielsweise in einer Befragung drei Kategorien von Belastungstreibern gefunden werden, welche maßgeblich zu dem Empfinden von Zoom-Fatigue bei den Befragten beitrugen. Diese wurden als zwischenmenschliche Aspekte, organisatorische Rahmenbedingungen und Technik bezeichnet, wobei die Autor:innen fehlende menschliche Kommunikation als einen der wichtigsten Treiber identifizierten. So gaben circa 70% der Befragten an, dass sie durch das Fehlen nonverbaler Hinweise während der virtuellen Meetings eine Belastung empfanden, jeweils circa 45% empfanden explizit fehlende Gestik und Mimik als belastend. Weiterhin wurden aber auch fehlende Pausen zwischen oder während der Meetings von circa 45% als Belastung wahrgenommen, sowie technische Mängel in der Umsetzung der Meetings, zum Beispiel schlechte Tonqualität oder eine instabile Internetverbindung. [3]&nbsp;</p>



<p>Diese Faktoren passen auch gut zu einem konzeptionellen Modell von Döring et al. (2022) zur Entstehung von Zoom-Fatigue, welches zum einen persönliche sowie organisatorische, technische und umweltbedingte Faktoren benennt. Gemeint sind damit beispielsweise individuelle soziodemographische oder kognitive Faktoren, aber auch soziale, entweder in der Interaktion in der Videokonferenz selbst oder im Umfeld einer Person. [1]</p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-367e83038c269437a361c77ece0434a7"><strong>Wie entsteht Zoom-Fatigue? Die (nonverbale) Kommunikation.</strong></p>



<p>Natürlich sind technische und organisatorische Rahmenbedingungen wichtige Faktoren bei der Entstehung von Zoom-Fatigue, aber aus psychologischer Sicht finde ich hier vor allem den bereits erwähnten Aspekt der nonverbalen Kommunikation interessant. So könnte zum Beispiel ein Problem bei virtuellen Meetings, das letztlich zu Zoom-Fatigue bei den Teilnehmenden führt, eine nonverbale Überlastung sein, unter anderem ausgelöst durch das Design von Zoom. Denkbare Faktoren, die zu so einer nonverbalen Überlastung führen könnten, wären dabei die ständige Selbstbeobachtung auf dem Bildschirm, unnatürlicher exzessiver Blickkontakt über eine ungewohnt kurze Distanz oder eine allgemein höhere kognitive Beanspruchung durch die Kompensation fehlender nonverbaler Signale in der Kommunikation. [5]</p>



<p>In meiner Recherche bin ich auf ein sehr interessantes Framework von Riedl (2022) gestoßen. Es basiert auf der sogenannten Media Naturalness Theorie (Kock, 2009). Laut dieser sind Menschen durch evolutionäre Bedingungen prädisponiert für eine direkte „face-to-face“ (F2F) Kommunikation, also für das direkte Sprechen und Kommunizieren miteinander, von Angesicht zu Angesicht. Dadurch bringt elektronische Kommunikation, in diesem Fall virtuelle Meetings, bestimmte Probleme mit sich, da diese als weniger natürlich empfunden wird. [6] [7]</p>



<p>Das Framework legt nahe, dass die Probleme durch fehlende Informationen im Vergleich zu F2F-Kommunikation und durch einen Informations-Overload aufgrund von zusätzlichen Features der Zoom-Benutzeroberfläche zustande kommen. Dieses gleichzeitige Fehlen von Informationen und die Anreicherung der Kommunikation durch neue Features führt zu einem Rückgang der Natürlichkeit der Kommunikation, wie sie normalerweise F2F stattfinden würde. [2]</p>



<p>Riedl (2022) benennt jeweils drei Auslöser in den zwei Prozessen, welche laut seiner Theorie zu einer erhöhten kognitiven Anstrengung und damit auch zu Stress bei den Teilnehmenden eines virtuellen Meetings führen können. Auslöser, die zu einem Mangel an Informationen führen, sind demnach die Asynchronität der Kommunikation, der Mangel an wahrgenommener Körpersprache sowie ein Mangel an Augenkontakt. Die drei anderen Auslöser, welche ein Überangebot von Informationen zur Folge haben, sind Multitasking, eine erhöhte Selbstwahrnehmung während des virtuellen Meetings und die Interaktion mit mehreren Gesichtern während eines virtuellen Meetings. All diese Faktoren. Dies resultiert dann in den Symptomen, die wir als Zoom-Fatigue bezeichnen. [2]</p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-e7e3f3abc2e76fd4d981617cbaddf665"><strong>Und was nun?</strong></p>



<p>Die Erklärungsansätze, die ich hier vorgestellt habe, sind bisher natürlich größtenteils nur das – Ansätze. Sie sind zudem unglaublich vielfältig und Lösungen betreffen teilweise sehr unterschiedliche Forschungsgebiete.&nbsp;</p>



<p>Zum einen sind da natürlich Aspekte, die man auf das Design von Videokonferenzplattformen zurückführen kann, wie die nonverbale Überlastung oder fehlende Natürlichkeit der Kommunikation. Dagegen kann man teilweise etwas tun – es wird beispielsweise empfohlen, die Eigenansicht auszuschalten oder andere Ansichtsmodi im Meeting zu verwenden. [4] Aber wie behebt man als einfacher User zum Beispiel das Problem der Asynchronität? Selbst mit Lan-Anschluss bleiben kleine zeitliche Verzerrungen im Meeting, die sich aufsummieren und den natürlichen Fluss der Kommunikation stören können. Und so lange nicht alle Teilnehmenden mit High-End Geräten ausgestattet sind, bleibt es weiterhin schwierig, Gestik, Mimik und Körpersprache über den verpixelten Laptop-Bildschirm so klar und eindeutig wahrzunehmen, wie wenn man sich real gegenübersitzt.</p>



<p>Und zum anderen gibt es Aspekte, die gar nicht so viel mit den Plattformen an sich zu tun haben. Da wären die bereits erwähnten technischen Voraussetzungen der Teilnehmenden, aber auch die Dauer oder Häufigkeit einer Videokonferenz. Es ist anzunehmen, dass wir mit zunehmendem Verständnis für die Entstehung von Zoom-Fatigue auch bessere Strategien entwickeln, um mit umzugehen. Bis dahin helfen vielleicht die Tipps aus der Infobox.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-cc6f22666f2f86e439679290c774ff44"><strong>Was tun gegen Zoom-Fatigue? Tipps aus der Wissenschaft und aus der Redaktion [3] [4]</strong></p>



<ul class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-block-list wp-elements-d41202a243c95aa5d816c20d89c2cc2c">
<li>Pausen zwischen oder während der Meetings – Aufstehen, Beine vertreten, Augenyoga etc.</li>



<li>Meetings zeitlich begrenzen, sowie in ihrer Anzahl begrenzen</li>



<li>Multitasking vermeiden – keine zusätzlichen Tabs öffnen, parallel keine Mails beantworten etc.</li>



<li>Stimuli auf dem Bildschirm reduzieren – Eigenansicht ausblenden, überflüssige Videoansichten verstecken</li>



<li>Auf andere Kommunikationswege umsteigen – Anrufe, Mails etc.</li>



<li>Wenn möglich, die Videokonferenz in die Natur/in den Garten verlegen</li>



<li>Wenn möglich Anzahl der Teilnehmenden begrenzen</li>



<li>Überlegen, ob eine Teilnahme wirklich notwendig ist</li>
</ul>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-48da17a2cf29dae143a1879c5451ac75" style="font-size:12px">Quellen<br>[1] Döring, N., Moor, K. D., Fiedler, M., Schoenenberg, K., &amp; Raake, A. (2022). Videoconference Fatigue: A Conceptual Analysis. <em>International Journal of Environmental Research and Public Health</em>, <em>19</em>(4), Article 4. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph19042061">https://doi.org/10.3390/ijerph19042061</a><br>[2] Riedl, R. (2022). On the stress potential of videoconferencing: Definition and root causes of Zoom fatigue. <em>Electronic Markets</em>, <em>32</em>(1), 153–177.<a href="https://doi.org/10.1007/s12525-021-00501-3"> https://doi.org/10.1007/s12525-021-00501-3</a><br>[3] Rump, J., &amp; Brandt, M. (2020). Zoom-Fatigue. <em>Institut Für Beschäftigung Und Employability IBE</em>.<br>[4] Fosslien, L., &amp; Duffy, M. W. (2020, April 29). How to Combat Zoom Fatigue. <em>Harvard Business Review</em>.<a href="https://hbr.org/2020/04/how-to-combat-zoom-fatigue"> https://hbr.org/2020/04/how-to-combat-zoom-fatigue</a><br>[5] Bailenson, J. N. (2021). Nonverbal overload: A theoretical argument for the causes of Zoom fatigue. <em>Technology, Mind, and Behavior</em>, <em>2</em>(1).<a href="https://doi.org/10.1037/tmb0000030"> https://doi.org/10.1037/tmb0000030</a><br>[6] Kock, N. (2005). Media richness or media naturalness? The evolution of our biological communication apparatus and its influence on our behavior toward E-communication tools. IEEE Transactions on Professional Communication, 48(2), 117–130. <a href="https://doi.org/10.1109/TPC.2005.849649">https://doi.org/10.1109/TPC.2005.849649</a><br>[7] Kock, N. (2009). Information Systems Theorizing Based on Evolutionary Psychology: An Interdisciplinary Review and Theory Integration Framework. <em>MIS Quarterly</em>, <em>33</em>(2), 395–418.<a href="https://doi.org/10.2307/20650297"> https://doi.org/10.2307/20650297</a></p>



<p><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>WE ARE WEIRD</title>
		<link>https://psycho-path.de/we-are-weird/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jul 2024 10:39:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[# 45 wunder]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie sonderbare Stichproben unsere Vorstellung der Menschheit beeinflussen HELENE KÜHN. Wenn du das hier liest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du weird bist. Bevor du denkst, ich verurteile dich: diese Abkürzung steht im Englischen für Western, Educated, Industrialized, Rich und Democratic und wurde von Joseph Henrich und seinen Kolleg:innen geprägt. Henrich argumentiert, dass wir weird [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading">Wie <em>sonderbare</em> Stichproben unsere Vorstellung der Menschheit beeinflussen</h3>



<p>HELENE KÜHN. <em>Wenn du das hier liest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du weird bist. Bevor du denkst, ich verurteile dich: diese Abkürzung steht im Englischen für Western, Educated, Industrialized, Rich und Democratic und wurde von Joseph Henrich und seinen Kolleg:innen geprägt. Henrich argumentiert, dass wir weird beziehungsweise im Deutschen sonderbar und damit als Standardversuchspersonen nicht gut geeignet seien, um repräsentativ für den Homo sapiens zu stehen.</em><br><em>Was hat uns weird gemacht? Und wie wirkt sich unsere Sonderbarkeit auf die psychologische Forschung aus?</em></p>



<span id="more-2272"></span>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-4a990492577ff7291c6657c7df84f650"><strong>Disclaimer:</strong><br>1. Die binäre Einteilung in <em>weird</em> und nicht-<em>weird</em>, beziehungsweise <em>sonderbar</em> und nicht-<em>sonderbar</em>, ist natürlich stark vereinfacht und der Tatsache geschuldet, dass sie statistische Vergleiche und Zusammenfassungen leichter machen, beziehungsweise dass Ethnizitäten in Studien nicht unbedingt differenziert berichtet werden. Es handelt sich in der Realität weniger um scharf getrennte Gegensätze, sondern um ein Kontinuum, denn Kulturen können sich mischen. Zudem finden sich Unterschiede zwischen Stichproben auch beispielsweise zwischen Generationen oder zwischen Populationen aus ländlichen und städtischen Regionen. <br>2. <em>Weird</em> oder <em>sonderbar</em> bezieht sich sowohl auf das Akronym, als auch auf die Tatsache, dass wir tatsächlich sonderbar sind, also relativ zur Weltbevölkerung in vielen Aspekten eine Ausnahme oder Ausreißer darstellen. Auf einige wird im folgenden Text eingegangen.<br>3. Dieser Text basiert vorwiegend auf der Arbeit von J. Henrich und seinen Kolleg:innen, die sie in dem Paper „The weirdest people in the world?“ [4] veröffentlichten. Außerdem stützt sich der Artikel auf Henrichs Buch „Die seltsamsten Menschen der Welt“ [3]. Studien werden der Einfachheit halber direkt aus diesen beiden Arbeiten zitiert.</p>



<ol class="wp-block-list"></ol>



<p>Wenn wir Studienergebnisse analysieren und diskutieren, möchten wir diese am liebsten generalisieren. Schließlich klingt es besser und sinnvoller, wenn wir mit unserer Arbeit Erkenntnisse über die Menschheit als Ganzes erhalten.</p>



<p>Aber wen untersuchen wir meistens? Kommiliton:innen aus der Psychologie, oft Anfang 20, oft weiblich, meistens Rechtshänder:innen, … Kurz: eine relativ homogene Stichprobe. Laut einer Untersuchung nutzen psychologische Studien zu 96% <em>sonderbare</em> Menschen, obwohl diese nur 12% der Weltbevölkerung ausmachen. Dabei sind 68% der Versuchspersonen aus den USA, und auch bei den Erstautor:innen handelt es sich zu 73% um Forschende amerikanischer Universitäten. Außerdem sind weit über die Hälfte der Studienteilnehmenden Psychologiestudierende aus dem Bachelor [4].</p>



<p>Daraus ergeben sich zwei Probleme. Erstens: Verhaltenswissenschaftliche Ergebnisse basieren auf Untersuchungen einer wenig diversen Gruppe von Menschen, das heißt es gibt einen <em>Sample Bias</em>. Zweitens: Verhaltenswissenschaftler:innen gehen davon aus, dass alle Menschen zumindest ähnliche kognitive und affektive Prozesse aufweisen und dass ihre Ergebnisse allgemeingültig sind, sodass sie damit das Verhalten der Menschheit, oder des <em>Homo sapiens</em>, erklären können.</p>



<p>Begeben wir uns zu den Anfängen des Homo Sapiens. Ursprünglich lebten wir in kleinen Gruppen von Jäger:innen und Sammler:innen. Dabei waren Familienbünde am wichtigsten; es gab keine Schulen, Regierungen oder andere Institutionen und jede Gruppe sorgte selbst für ihr Überleben. Die Menschen legten jeden Tag weite Strecken zu Fuß zurück, aßen insgesamt weniger und tätigten wesentlich mehr körperliche Arbeit.</p>



<p>Im Vergleich dazu ist die Umwelt, in der wir heute aufwachsen, mit ihren ergonomisch geformten Stühlen, Autos und fertigem Essen aus dem Supermarkt sehr ungewöhnlich und weit entfernt von unserem Ursprung. Wir sind <em>westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch</em> und haben nur noch wenig mit unseren Vorfahren gemeinsam &#8211; geschweige denn mit nicht-<em>sonderbaren</em> Menschen, auf die diese Eigenschaften nicht zutreffen, die aber den Großteil der Weltbevölkerung ausmachen.</p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-cb22b4d01052ab45acc9bf5734b0b9e6"><strong>Wie konnte es dazu kommen, dass wir </strong><strong><em>sonderbar</em></strong><strong> geworden sind?</strong></p>



<p>Es gibt einige Aspekte, die uns <em>sonderbar</em> gemacht haben. Dazu gehören eine Veränderung im Denken über Zeit, Arbeit, Pünktlichkeit und Geduld, sowie eine Entwicklung bestimmter Dispositionen und eines einheitlichen „Ichs“, aber auch religiöse Einflüsse, Veränderungen von Familienstrukturen, und selbst klimatische Faktoren.</p>



<p>Um nur ein Beispiel zu nennen: Im europäischen Spätmittelalter traten die ersten mechanischen Uhren auf, verbreiteten sich rasant bis in die meisten Kirchen und/oder Rathäuser und bestimmten von da an den Alltag. Dazu zwei interessante Fakten: Erstens, wir sind versessen darauf, Zeit zu sparen, und verbringen den ganzen Tag damit, auf die Uhr zu schauen. Das ist in Jäger- und Sammlerkulturen nie der Fall gewesen. Zweitens, unsere <em>sonderbare</em> Zeitpsychologie lässt sich beobachten, indem man die Gehgeschwindigkeit in verschiedenen Ländern unauffällig betrachtet. Durchschnittlich gehen Menschen in <em>sonderbaren</em> Ländern 30% schneller als in nicht-<em>sonderbaren</em> Regionen. Je <em>sonderbarer</em> ein Land, desto schneller gehen seine Bewohner:innen.&nbsp;</p>



<p>Mit der Erfindung der mechanischen Uhr veränderte sich auch die Arbeit: Stundenlöhne wurden eingeführt, Pünktlichkeit gewann an Wichtigkeit und Arbeit wurde insgesamt effizienter. So gibt es auch einen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Einführung der Uhr und dem wirtschaftlichen Wachstum. Der Wohlstand trat dabei erst einige Generationen später ein, da es eine Weile dauert, bis das Denken und Handeln von Personen sich anpasst.</p>



<p></p>



<p>Anpassungen im Verhalten und die Entwicklung unterschiedlicher Kulturen hatte auch neuroanatomische Folgen. Zu den Veränderungen gehört unter anderem eine Verdickung des Corpus Callosum, eine Verlagerung der Gesichtserkennung in die rechte Hemisphäre, sowie eine Reduktion der Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, und die Entwicklung des Broca-Areals aus dem präfrontalen Kortex. All diese Umformungen führen unter anderem dazu, dass du diesen Text gerade lesen kannst. Beim Lesenlernen entstehen Netzwerke, die es uns dann ermöglichen, Zeichen als Buchstaben zu erkennen und diese zu Wörter zusammenzusetzen, zumindest solange es sich um ein Alphabet handelt, mit dem man vertraut ist. Das geschieht&nbsp; automatisch und unbewusst, ob wir das gerade wollen oder nicht.</p>



<p>Ein Beispiel für eine veränderte Verarbeitung von Stimuli aufgrund kultureller Einflüsse, ist die rechtshemisphärische Tendenz bei der Gesichtserkennung. Versuchspersonen an westlichen Universitäten zeigten. Das Ergebnis wurde so oft an westlichen Universitäten repliziert, dass man schloss man, dies stelle ein allgemeines Merkmal des Menschen dar. Jedoch handelt es sich mehr um ein Nebenprodukt der Alphabetisierung, die zu neuroanatomischen Veränderungen führte und die sich vor allem in <em>sonderbaren</em> Ländern ausbreitete. Breit alphabetisierte Gesellschaften gab es vor einigen hundert Jahren noch nicht, sodass sich auch unsere Neuroanatomie von unseren Vorfahren unterscheidet.&nbsp;</p>



<p>Das Problem, das sich hierbei ergibt, ist zwar eher eine Missachtung des Bildungsstandes (schließlich gibt es auch heute noch eine relativ hohe Zahl nicht-alphabetisierter Menschen) als ein Unterschied zwischen <em>sonderbaren</em> und nicht-<em>sonderbaren</em> Personen, zeigt jedoch, dass kulturelle Einflüsse das Gehirn verändern können und einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf Studienergebnisse und Annahmen über das menschliche Gehirn haben.&nbsp;</p>



<p>Verschiedene Entwicklungen haben uns zu dem gemacht, was wir <em>Sonderbaren</em> heute sind:&nbsp; individualistisch, selbstverliebt, kontrollorientiert, nonkonformistisch und analytisch. Damit unterscheiden wir uns nicht nur erheblich von unseren Vorfahren, sondern auch von nicht-<em>sonderbaren</em> Menschen, die laut der Argumentation von Henrich und Kolleg:innen eher dem ursprünglichen <em>Homo sapiens</em> ähneln.</p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-e99f27b643a3c89d8b6feb28fa5461c1"><strong>Wie wirkt sich das Ganze nun auf die psychologische Forschung aus?&nbsp;</strong></p>



<p>Im Folgenden einige Beispiele&nbsp;</p>



<p><em>Räumliche Wahrnehmung</em></p>



<p>Abhängig von der Sprache werden Wege, das Farbspektrum oder die Mengen von Objekten auf bestimmte Arten und Weisen beschrieben. In indo-europäischen Sprachen geschehen diese räumliche Beschreibungen egozentrisch, das heißt, ein Ort oder Objekt wird relativ zum Selbst betrachtet. Fast sämtliche anderen Sprachen haben eine allozentrische Sichtweise, das heißt, entweder sind die Beschreibungen geozentrisch (also ausgehend von Himmelsrichtungen) oder objektzentriert (also ausgehend von einem Koordinatensystem um das Objekt). In einer Studie, die niederländische und Tzeltal-Muttersprachler:innen vergleicht, wurde den Versuchspersonen an einem Tisch ein Pfeil gezeigt, der entweder nach rechts (Richtung Norden) oder nach links (Richtung Süden) zeigte. Dann sollten sie sich um 180 Grad drehen und sahen auf einem zweiten Tisch zwei Pfeile, einer der nach links (Richtung Norden) und einer der nach rechts (Richtung Süden) zeigte. Die Aufgabe war es zu bestimmen, welcher der beiden Pfeile dem Pfeil des ersten Tisches entsprach. Abhängig von ihrer Muttersprache antworteten die Niederländer:innen relativ, und die Teltzal-Sprachler:innen absolut. Die relative Lösung ist der Pfeil, der auf beiden Tischen ausgehend von einem selbst nach rechts zeigt; die absolute Lösung der Pfeil, der auf beiden Tischen nach Norden zeigt.</p>



<p>Laut einer weiteren ähnlichen Studie, die verschiedene Affenarten und vierjährige europäische Kinder vergleicht, zeigen auch kleine Kinder egozentrischer Sprachen eine allozentrische Orientierung, wobei diese „überschrieben“ wird, sobald sie ihre Sprache besser beherrschen [2].</p>



<p><em>Analytisch vs. Holistisch</em></p>



<p><em>Sonderbare</em> Menschen denken eher analytisch, nicht-<em>sonderbare</em> eher holistisch. Auf analytischer Ebene werden Objekte von ihrem Kontext distanziert und Verhalten wird auf Basis von Regeln oder Kategorien erklärt und vorhergesagt. Im holistischen Denken wird der Kontext als Ganzes betrachtet, und Dinge oder Verhalten werden auf Basis von Beziehungen zueinander erklärt und vorhergesagt. Prinzipiell sind wir zwar zu beidem fähig, aber unsere Präferenz ergibt sich aus unserer Kultur und unseren Erfahrungen. Wenn beispielsweise Eigenschaften einer Person in einer Situation beschrieben werden sollen, würden analytisch denkende Menschen eher die Person unabhängig von der Situation betrachten und davon ausgehen, dass die Eigenschaften stabil sind. Holistisch denkende Menschen würden argumentieren, dass die Situation die Eigenschaften der Person kontrolliert und dass sie veränderbar sind. Eine Situation zu ignorieren und nur auf Dispositionen zu fokussieren ist ein Ergebnis, dass so oft repliziert wurde, dass man es als „fundamental attribution error“ bezeichnete und daraus schloss, dass es ein allgemein menschliches Verhalten sei.</p>



<p>Seinen Ursprung hat dies in Unterschieden in der Selbstdefinition: independent (<em>sonderbar</em>) oder interdependent (nicht-<em>sonderbar</em>), also Fokus auf eigene Fähigkeiten oder Fokus auf die Rolle in der Gruppe.</p>



<p><em>Individualismus vs. Kollektivismus</em></p>



<p>Den Satz „Ich bin ____“ vervollständigen <em>sonderbare</em> Menschen eher mit so etwas wie „Ich bin neugierig“ oder „Ich bin Lehrerin“, jedoch selten mit „Ich bin Sabines Sohn“. Wir fokussieren uns auf unsere Eigenschaften und Leistungen statt auf unsere Beziehungen und soziale Rollen. Unsere eigenen Überzeugungen sind uns wichtiger als die Anpassung an Autoritätspersonen. Wir wollen möglichst eigene Meinungen und Entscheidungen treffen, egal ob diese konform sind mit der Gesellschaft oder nicht.</p>



<p>Im Gegensatz dazu ist in kollektivistischen Gesellschaften das Kollektiv am wichtigsten, das heißt das Wohl der Gruppe. Die Menschen identifizieren sich als Teil einer Gruppe, zum Beispiel über ihre Rolle in der Familie oder der Gesellschaft.&nbsp;</p>



<p>Außerdem tritt in individualistischen Gesellschaften eher das Gefühl der Schuld in den Vordergrund, während kollektivistische Gesellschaften eher Scham empfinden. Schuld tritt bei uns oft auf, wenn wir das Gefühl haben, nicht den individuellen Normen zu entsprechen, während sich Personen schämen, weil sie gegen soziale Normen verstoßen.</p>



<p>Auf Individualismusskalen liegt die USA an einem Extrem, Japan und Deutschland befinden sich eher mittig, und China befindet sich am unteren Ende, ist also am kollektivistischsten im Ländervergleich.&nbsp;</p>



<p><em>Konformitätseffekt</em></p>



<p>In dem bekannten Experiment von Solomon Asch werden Teilnehmenden eine Referenzlinie sowie drei weitere Linien vorgelegt. Die Aufgabe ist zu bestimmen, welche der drei Linien der Ziellinie entspricht, also dieselbe Länge hat. Die Versuchsperson geht dabei zusammen mit drei weiteren Personen in einen Raum, wobei sie nicht weiß, dass die anderen Kompliz:innen des Versuchsleiters sind. Bei vorher festgelegten Trials geben alle drei Kompliz:innen dieselbe falsche Antwort, bevor die tatsächliche Versuchsperson antworten muss. Ist die Versuchsperson allein, gibt sie in 98% der Fälle die richtige Antwort. Sind die anderen drei Personen dabei, muss sie die Meinung der anderen ausblenden und ihrer eigenen Wahrnehmung trauen, um die richtige Antwort zu geben. Wie oft sie das tut, wird als Konformitätseffekt bezeichnet, und dieser unterscheidet sich beträchtlich zwischen Kulturen: <em>Sonderbare</em> Teilnehmende lassen sich kaum in ihrer Antwort beeinflussen, während sich nicht-<em>sonderbare</em> Teilnehmende eher konform verhalten. Dabei ergibt sich eine negative Korrelation zwischen der Konformität und dem Individualismusindex eines Landes.</p>



<p><em>Entscheidungen</em></p>



<p>Generell ist es Menschen wichtig, Entscheidungen treffen zu können und Auswahlmöglichkeiten zu haben. Allerdings gibt es Differenzen, wie sehr <em>sonderbare</em> und nicht-<em>sonderbare</em> Personen Entscheidungen schätzen. Beispielsweise ziehen es europäisch-amerikanische Kinder vor, an Aufgaben zu arbeiten, die sie sich selber ausgesucht haben, während asiatisch-amerikanische Kinder bei selbst ausgesuchten und von anderen ausgewählten Aufgaben gleich motiviert sind. Auch gibt es nicht überall dieselbe Wahrnehmung von Wahlmöglichkeiten: So haben <em>sonderbare</em> Menschen eher das Gefühl, die Wahl über ihren Job oder andere Dinge im Leben zu haben und treffen eher Entscheidungen, die mit ihren persönlichen Präferenzen übereinstimmen, als nicht-sonderbare.</p>



<p>Generell sind US-Amerikaner:innen übrigens am äußersten Ende des <em>sonderbaren</em> Kontinuums: In Experimenten finden sie zum Beispiel Wahlmöglichkeiten besser als andere westliche Personen, das heißt sie ziehen es vor, aus 50 statt aus 10 Eissorten zu wählen.&nbsp;</p>



<p><em>Gemeinsamkeiten</em></p>



<p>Neben all den Unterschieden sei erwähnt, dass es natürlich auch Gemeinsamkeiten oder zumindest Ähnlichkeiten zwischen <em>sonderbaren</em> und nicht-<em>sonderbaren</em> Menschen gibt. So geben über Kulturen hinweg eher Männer als Frauen an, dass ihnen die Attraktivität ihrer Partnerin wichtig ist, während Frauen eher angeben, dass ihnen Ambition in der Partnerschaft wichtig ist. Außerdem finden sich auch die Fünf Faktoren der Persönlichkeit über Länder hinweg, und <em>sonderbare</em> wie nicht-<em>sonderbare</em> Menschen „bestrafen“ Trittbrettfahrer:innen in Studien, das heißt, dass Spieler:innen, die wenig zum Erfolg beitragen, weniger Geld gegeben wird.</p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-8ee92f83a1f7f0655025062507b4dfcc"><strong>Was bedeutet das für die Forschung?</strong></p>



<p>All die aufgeführten Experimente kommen zu dem gleichen Schluss: das Verhalten, das bei US-amerikanischen Studierenden (oder anderen <em>sonderbaren</em> Menschen) beobachtet wurde, ist für die Menschheit repräsentatives Verhalten. Lange ging man auch davon aus, da die Ergebnisse vielfach repliziert wurden (natürlich mit ähnlichen Stichproben von Universitäten). Darauf aufbauend wäre es logisch zu schlussfolgern, dass sich Menschen selten konform verhalten, dass sie individualistisch sind und sich mehr auf eigene Leistungen als auf Beziehungen konzentrieren, dass Kinder allozentrisch und Erwachsene egozentrisch denken. Wie wir gesehen haben, stimmt das jedoch nicht. Es handelt sich vielmehr um <em>sonderbares</em> Verhalten, das von anderen Bevölkerungsgruppen sowie von unseren Vorfahren so nicht gezeigt wird und wurde. Damit ist die Standardstichprobe nicht repräsentativ für die Spezies, sondern sie stellen sogar die Ausreißer dar und sind somit eine der am wenigsten geeigneten Populationen, um Ergebnisse zu generalisieren. Außerdem führt es dazu, dass in Studien untersuchte Themen limitiert sind (und Themen wie Rituale und Polygamie, die bei uns nicht so sehr verbreitet sind, weniger untersucht werden). Gering ausgeprägte Verhaltensweisen oder Dispositionen (wie zum Beispiel Konformität) können in <em>sonderbaren</em> Menschen auch nur schlecht erforscht werden können.</p>



<p>Neben der Psychologie findet sich das Problem auch in anderen Bereichen: Neurowissenschaftler:innen sind ebenfalls anfällig für denselben Bias, schließlich nutzen sie vorwiegend <em>sonderbare</em> Gehirne für ihre Forschung (Chiao &amp; Cheon, 2010). 90% der neurowissenschaftlichen Studien stammen von westlichen Universitäten und Instituten. Das ist allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass die Technologien zum einen noch relativ neu sind, zum anderen so teuer, dass sie nicht für alle Forschenden zugänglich sind.</p>



<p>Unterschiede gibt es nicht nur in der Anatomie, sondern auch in der Hirnaktivität, zum Beispiel zwischen <em>sonderbaren</em> und ostasiatischen Personen. <em>Sonderbare</em> Menschen zeigen unterschiedliche Aktivität im medialen Präfrontalkortex, wenn sie über sich selbst oder über enge Freunde/Verwandte nachdenken, während Personen aus Ostasien diesen Unterschied in der Aktivität nicht zeigen. Im Bereich der Hirnforschung fehlen zwar noch viele Studien, um weitere spezifische Aussagen treffen zu können, allerdings gilt es als relativ sicher, dass es Unterschiede gibt, ob aufgrund von kulturellen, behavioralen oder anderen Umweltfaktoren.</p>



<p>Selbst bei der Verwendung von Schimpansen als Versuchstiere gibt es einen Bias [5]. Sie haben auch ihr eigenes Akronym: BIZARRE (raised in <em>Barren, Institutional, Zoo, And Other Rare Rearing Environments</em>). <em>Bizarre</em> Schimpansen zeigen ebenfalls Verhaltensweisen, die sehr unterschiedlich von ihren Artgenossen in Freiheit sind. Dennoch gibt es auch viele Erkenntnisse aus der Psychologie, die auf Experimenten mit bizarren Schimpansen oder anderen Tieren basieren.</p>



<p>Das Problem wird weiterhin bestehen, weil wir Experimente sehr oft auf vorherigen Studien aufbauen und Hypothesen aus älteren Forschungsergebnissen ableiten [1]. Dementsprechend vertiefen wir unser Wissen auf Grundlage von Ergebnissen derselben homogenen Stichprobe.&nbsp;</p>



<p>Das Ziel des Artikels von Henrich und Kolleg:innen ist vor allem, Verhaltenswissenschaftler:innen auf den <em>Sample Bias</em> aufmerksam zu machen und zu motivieren, ihre Stichproben diverser zu gestalten. Außerdem wird erklärt, wieso sich „unsere“ Psychologie im Laufe der Geschichte so stark verändert hat. Es mag nicht immer das Ziel sein zu generalisieren, die genannten Beispiele mögen Extrembeispiele sein und auch methodische Artefakte mögen eine Rolle spielen. Außerdem kann das Einschließen nicht-<em>sonderbarer</em> Gruppen schon an der Finanzierung scheitern, oder an der Tatsache, dass Journals mehrere Studien oder große Stichproben fordern, was wesentlich einfacher zu erreichen ist, indem man Studierende rekrutiert. Dementsprechend handelt es sich auch um ein institutionelles Problem und nicht nur um einen fehlenden Willen von Seiten der Forscher:innen. Allerdings gibt es Möglichkeiten, auch außerhalb der Universitäten Versuchspersonen zu rekrutieren, wie es in anderen Disziplinen durchaus üblich ist.&nbsp;</p>



<p>Im ersten Schritt ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass es einen <em>Sample Bias</em> gibt, um dann zu versuchen, etwas zu verändern, mit dem Ziel in Zukunft menschliches Verhalten umfassender erklären zu können. </p>



<p class="has-white-color has-dark-gray-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-589f1c6f04573ffe312246646097095d">Sehr detailliert nachgelesen werden können die hier aufgegriffen Aspekte in dem Buch „Die seltsamsten Menschen der Welt“ von Joseph Henrich, das 2020 im Suhrkamp Verlag erschien.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-a78dac1da529974452c5f87b87947985" style="font-size:12px"><strong>Quellen:</strong><br>[1] Chiao, J. Y., &amp; Cheon, B. K. (2010). The weirdest brains in the world. <em>Behavioral and Brain Sciences</em>, <em>33</em>(2–3), 88–90. <a href="https://doi.org/10.1017/S0140525X10000282">https://doi.org/10.1017/S0140525X10000282</a><br>[2] Haun, D. B. M., Rapold, C. J., Call, J., Janzen, G., &amp; Levinson, S. C. (2006). Cognitive cladistics and cultural override in Hominid spatial cognition. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences</em>, <em>103</em>(46), 17568–17573. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.0607999103">https://doi.org/10.1073/pnas.0607999103</a><br>[3] Henrich, J. (2022). <em>Die seltsamsten Menschen der Welt: Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde.</em>Suhrkamp Verlag.<br>[4] Henrich, J., Heine, S. J., &amp; Norenzayan, A. (2010). The weirdest people in the world? <em>Behavioral and Brain Sciences</em>, <em>33</em>(2–3), 61–83. <a href="https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X">https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X</a><br>[5] Leavens, D. A., Bard, K. A., &amp; Hopkins, W. D. (2010). BIZARRE chimpanzees do not represent “the chimpanzee.” <em>Behavioral and Brain Sciences</em>, <em>33</em>(2–3), 100–101. https://doi.org/10.1017/S0140525X10000166</p>
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		<item>
		<title>„Honne und Tatemae“ –  Die Maskerade über dem wahren Gefühl </title>
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		<pubDate>Tue, 09 Jul 2024 04:32:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[# 45 wunder]]></category>
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					<description><![CDATA[MAIKE BORCHARDT. Das Privileg, im Rahmen meiner Asienreise für zwei Monate in Japan zu leben, gab mir die Möglichkeit, die japanische Kultur und gesellschaftlichen Werte besser kennenzulernen. Ich war sehr überrascht, wie meine ursprüngliche Begeisterung für die japanische Kultur und einzigartige Natur im Laufe meines Aufenthalts mehr und mehr von kritischen Eindrücken ergänzt wurde. Ich [&#8230;]]]></description>
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<p>MAIKE BORCHARDT. <em>Das Privileg, im Rahmen meiner Asienreise für zwei Monate in Japan zu leben, gab mir die Möglichkeit, die japanische Kultur und gesellschaftlichen Werte besser kennenzulernen. Ich war sehr überrascht, wie meine ursprüngliche Begeisterung für die japanische Kultur und einzigartige Natur im Laufe meines Aufenthalts mehr und mehr von kritischen Eindrücken ergänzt wurde. Ich habe viele gedankenanstoßende Beobachtungen und Gespräche über gesellschaftlich-soziale Probleme und psychologische Phänomene machen können, die in mir eine paradoxe Haltung zu diesem Land wachsen ließen. Einige dieser psychologischen Phänomene möchte ich in diesem Artikel beschreiben. Ich möchte betonen, dass diese Gedanken durch meine subjektiven Eindrücke, durch alltägliche Beobachtungen und durch Interaktionen mit einigen anderen Japaner*innen oder in Japan lebenden Menschen entstanden sind.</em></p>



<span id="more-2270"></span>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-f684634db1b379464d4715cd31848e57"><strong>„Honne und Tatemae“ (</strong><strong>本音と建前</strong><strong>)</strong></p>



<p>Die Mentalität von „Honne und Tatemae“ ist wohl das Phänomen, was mir seit meiner Ankunft in Japan am meisten in den verschiedensten Situationen begegnet ist – daher gibt es wahrscheinlich auch einen spezifischen japanischen Ausdruck für diese Mentalität. „Honne“ (jap. 本音) bedeutet so viel wie echtes oder authentisches Gefühl, welches die Japaner*innen im Alltag in den meisten Fällen hinter „Tatemae“ (jap. 建前), einer Fassade oder Maske, verstecken. Statt die wahren Gefühle oder Bedürfnisse zu offenbaren, wird eine Art unauthentische Maske voller Freundlichkeit und Höflichkeit vor allem in der Öffentlichkeit getragen. In seltenen Fällen wird Honne vor engen, vertrauensvollen Freund*innen gezeigt, aber über den Großteil der Zeit wird die Maske getragen. Die langfristige Problematik ergibt sich vor allem durch die fehlende Übereinstimmung von Tatemae und Honne, da die nach außen gezeigten Gefühle im Gegensatz zu den „echten“ stark voneinander abweichen können. Man möchte im Gegenüber keine Verärgerung provozieren oder einen Konflikt verursachen. Die soziale Harmonie („wa“) wird höher priorisiert und soll durch das Verstecken der echten Gefühle und das Nichtäußern einer kritischen oder abweichenden Meinung aufrechterhalten werden [1]. So sollen beispielsweise auch Stolz und Selbstbewusstsein hinter einer Fassade von Demut und Bescheidenheit versteckt werden. Für ein Kompliment über das Aussehen sollte man sich beispielsweise nicht bedanken, sondern abstreiten, dass es der Realität entspreche. Unfaire oder schwierige Bedingungen am Arbeitsplatz werden vor dem/der Chef*in nicht oder selten thematisiert, sondern ebenfalls hinter einer Fassade von Freundlichkeit und Loyalität verborgen. Psychische Belastungen werden nicht angesprochen, da sie im Gegenüber ein Unwohlsein verursachen und die soziale Schein-Harmonie gefährden würden. Ich persönlich habe die Erfahrung mit Tatemae gemacht, wenn ich unbeabsichtigt ein Verhalten gezeigt habe, welches in geringem Maße von den impliziten sozialen Normen abwich. In diesem Fall hat mich niemand auf mein Verhalten zur Korrektur hingewiesen, da dies als konfrontativ und unangenehm empfunden werden würde. Aus historischer Perspektive haben Honne und Tatemae die japanische Gesellschaft schon seit dem 8. bis 12. Jahrhundert (Heian-Epoche) geprägt [2]. Heutzutage ist diese Mentalität in allen Bereichen von Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft bis zu verschiedensten Formen der Kommunikation wiederzufinden [1].&nbsp;</p>



<p>Natürlich habe ich einige der eben genannten Beispiele zugespitzt dargestellt, aber sie sollen meinen Eindruck von Japan verdeutlichen. Aufgrund von Honne und Tatemae habe ich mich in einigen Situationen sehr unwohl gefühlt, weil ich mir eine authentische Reaktion meines Gegenübers gewünscht hätte, um diese Person besser kennenzulernen oder mich – im Falle eines nicht intendierten Fehlverhaltens &#8211; an Regeln anpassen könne. Auf andere Weise ausgedrückt: Oft war mir die gespielte Freundlichkeit und Höflichkeit einfach zu viel, da ich keine „echte“ Verbindung zu meinem Gegenüber aufbauen konnte. Das hat dazu beigetragen, dass ich zu Beginn meines Japan-Aufenthalts eine Art Kulturschock erlebt habe, den ich in einem modernen und digitalisierten Industriestaat wie Japan weniger erwartet hatte. </p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-7e957eca53bcf7202cca04947a54958f"><strong>Sozialer Rückzug von Schule und Arbeit – „Hikikomori“&nbsp;</strong></p>



<p>Das Tragen einer Maske zum Verstecken der echten Gefühle kann in einer leistungsorientierten Gesellschaft wie Japan Versagensängsten schüren, die mentale Belastung im Allgemeinen erhöhen und in einigen Fällen zu „Hikikomori“ führen. Dieses Phänomen des sozialen Rückzugs aus Schule oder Arbeit tritt zwar selten auf, aber ist besonders für die japanische Kultur typisch. Betroffene mit Hikikomori verbringen den Großteil ihres Alltags zu Hause und haben kein Interesse oder Motivation, in die Schule oder auf die Arbeit zu gehen. Damit geht auch eine Reduktion sozialer Kontakte zu Freund*innen oder Familienmitgliedern einher. Es können Symptome auftreten, die einer Depression, Angst (u.a. soziale Phobie), Schizophrenie, Entwicklungsstörungen oder einer vermeidenden oder schizoiden Persönlichkeitsstörung nahe kommen [3]. Um eine Abgrenzung von diesen Differenzialdiagnosen vornehmen zu können, gab es bereits Vorschläge für DSM-5-Diagnosekriterien für Hikikomori als kulturgebundenes Syndrom [3]. Der japanische Psychologe Nicolas Tajan argumentiert jedoch dafür, Hikikomori weniger als psychische Störung, sondern eher als Form des passiven Widerstands auf die Belastungen des Bildungssystems und der Gesellschaft zu betrachten [4]. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass diese klinisch-psychologische Symptomatik nicht nur ausschließlich in Japan und damit als kulturgebundenes Phänomen auftritt, sondern teilweise auch in anderen Ländern wie etwa Spanien, Australien, Thailand, Korea und Taiwan [5]. Neben der gesellschaftlichen Belastung spielen natürlich auch andere Faktoren wie etwa schwierige Familienverhältnisse (u.a. häufige Abwesenheit des Vaters) oder die finanzielle bzw. berufliche Situation bei der Entstehung von Hikikomori eine Rolle. Etwa 0.9-3.8% der Japaner*innen berichten darüber, schon einmal in ihrem Leben Hikikomori-Symptome erlebt zu haben [6].</p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-f9c5e7ff37b50260116569f2178c6311"><strong>Strenge Arbeitsmoral&nbsp;</strong></p>



<p>Jede*r von uns hat bestimmt bereits über die strenge und kollektivistische Arbeitskultur in Japan gehört. Es scheint das Normalste der Welt zu sein, Überstunden zu machen, bis in die Nachtstunden zu arbeiten und trotz offiziellem Anspruch auf Urlaub auf Reisen zu verzichten, um den Kolleg*innen nicht zur Last zu fallen. Die Äußerung individueller Bedürfnisse wird als egoistisch und nicht bescheiden betrachtet, was gegen die Harmonie der Gruppe spricht. Es wird erwartet, dass eigene Wünsche und Bedürfnisse (also Individualismus im weiteren Sinne) für die Gesellschaft und den kollektivistischen Teamgeist aufgegeben werden. Außerdem spielen Hierarchien eine sehr große Rolle: Es ist wichtig, dass gegenüber älteren Senior*innen oder länger arbeitenden Kolleg*innen Respekt gezeigt wird. Da sich in der Vergangenheit der Lohn vor allem an der Anzahl der Arbeitsjahre in einem Unternehmen oder in einer Organisation orientierte, versuchen auch bis heute viele Arbeitende, ihren Job unter schlechten Arbeitsbedingungen nicht zu kündigen und ausgeprägte Loyalität nach außen zu vermitteln [7]. Die Kündigung eines Jobs gilt generell als unüblich, da sie den sozialen Ruf einer Person stark schädigen kann. Die streng konservative, hierarchische und kollektivistische Arbeitskultur führt in einigen Fällen zu „karōshi“ (jap. 過労死;Tod durch Überarbeiten, z. B. über kardiovaskuläre Krankheiten durch Stress, oder Mangelernährung)oder „karo jisatsu“ (jap. 過労自殺; Suizid durch Überarbeiten durch zu hohe psychische Belastung) [8] [9]. Laut aktuellen Zahlen des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Soziales ist der Anteil an Arbeitenden mit mehr als 60 Arbeitsstunden pro Woche seit der Corona-Pandemie in vielen Arbeitsbereichen deutlich gesunken, in anderen jedoch auch leicht gestiegen [10]. </p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-7ae85dc92ab32792567c34381f395735"><strong>Trinken nach der Arbeit – „Nomikai“&nbsp;</strong></p>



<p>In Japan ist die Vermeidung von Alkoholkonsum schwierig – es gehört selbstverständlich dazu, nach einem Arbeitstag zu einer „Nomikai“ zu gehen. Eine Nomikai ist eine Art Trinkparty mit Chef*in und Kolleg*innen, welche meist regelmäßig wöchentlich stattfindet und unter Umständen bis in die Morgenstunden dauern kann. Manchmal gehen die Angestellten nach einer Nomikai gar nicht erst nach Hause, sondern direkt wieder auf Arbeit. Diese arbeitsbezogenen Trink-Veranstaltungen dienen nach außen hin hauptsächlich dem Networking und dem Aufstieg auf der Karriereleiter [7]. Allerdings ist in der jüngeren Generation schon häufiger Widerstand gegen diese Trinkkultur zu beobachten. Neben dem Effekt eines entspannteren Auftretens im sozialen Kontext wird das Trinken bei männlichen Arbeitern jedoch auch als Ausdruck ihrer Männlichkeit gesehen [11]. </p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-55e27fd5887f27320f57f37eeebd1d5d"><strong>Konservatives Rollenbild der Frauen&nbsp;</strong></p>



<p>Aus Erzählungen mit in Japan wohnenden Menschen ist mir vor allem das konservative Rollenbild der Frauen aufgefallen. Auch wenn sich dieses Bild in den letzten Jahren schon leicht zu ändern scheint, ist es nach wie vor eher unüblich, dass Frauen nach der Geburt des ersten Kindes arbeiten gehen. Normalerweise übernimmt die Mutter die Rolle der Hausfrau und der fest angestellte Vater kümmert sich um das finanzielle Einkommen der Familie. Generell sind Frauen sehr selten in höheren beruflichen Positionen anzutreffen, da diese meist für die Männer vorgesehen sind. </p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-5ca3429b4011b8202c917258b31b9608"><strong>Abschließend noch etwas Positives: Hundertjährige auf Okinawa</strong></p>



<p>Bisher habe ich vor allem die von mir eher kritisch erlebten Seiten Japans beleuchtet, und möchte zum Abschluss gern noch ein eher positives Gegenbeispiel bringen: Vielleicht haben einige von euch bereits gehört, dass die sehr weit südlich von den Hauptinseln Japans liegende Insel Okinawa eine der insgesamt fünf „Blue Zones“ dieser Erde ist. Blue Zones sind Gebiete, in denen die Lebenserwartung der dort lebenden Menschen höher als der Durchschnitt ist. Auf Okinawa liegt die Anzahl Hundertjähriger auf 100.000 Personen mit 81 um Einiges höher ist als auf den Hauptinseln Japans (48 Hundertjährige auf 100.000 Personen) [12]. Doch was für einen Lebensstil haben die Inselbewohner*innen Okinawas, wenn sie so alt werden? Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die zum Teil die oben genannten psychologischen Phänomene stark kontrastieren: Die hauptsächlich pflanzenbasierte Ernährung, das Prinzip „hara hachi bu“ (= Magen bei jeder Mahlzeit nur zu 80% füllen) und der weitestgehende Verzicht auf Alkohol und Tabak ermöglichen langfristig einen Ausgleich oder sogar ein leichtes Minus an Kalorienzufuhr sowie insgesamt eine gesunde Ernährungsweise auf Okinawa. Neben einer gesunden Ernährung sind ein hohes mentales und körperliches Aktivitätslevel auch im hohen Alter, sowie das Pflegen eines stabilen sozialen Netzwerks unter Freund*innen und Familie typisch für Okinawa. Die Inselbewohner*innen fallen ebenfalls durch ihre entspannte Lebensweise mit hoher Stressresilienz und durch ihre ausgeprägten Vorstellungen zu „ikigai“ (= Erfüllung durch Lebenssinn finden) auf, welche zu einer hohen Lebenserwartung beitragen können. Ein weiterer Faktor stellt die Spiritualität durch die indigene Religion dar: Die Bewohner*innen Okinawas haben einen festen Glauben an die spirituelle Energie in allem, sodass sie in ausgeprägter Verbundenheit zur Natur und zu ihren Angehörigen früherer Generationen leben [12] [13].&nbsp;</p>



<p>Auch wenn ich mit der Lebensweise auf Okinawa ein Gegenbeispiel für die zuvor genannten, eher kritischen Aspekte psychologischer Phänomene Japans gegeben habe, fokussiert dieser Artikel hauptsächlich auf negativ konnotierte Aspekte. Ich möchte betonen, dass ich damit keinesfalls die Intention habe, Japan in „schlechtem Licht“ darzustellen. Es gibt viele weitere, positiv konnotierte und faszinierende Seiten Japans, die ich mit diesem Artikel nicht abdecke. Ich wollte vor allem die kritischen Aspekte herausstellen, da ich sie während meiner Reise in Japan nicht in diesem Ausmaß erwartet hätte. Aber vielleicht bekommt ihr Lust, nach Japan zu reisen und euch selbst ein Bild zu machen, falls ihr noch nicht dort wart! </p>



<p></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-f6ca168b534ef6ffb1780b9fb65daad9" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong><br>[1] Trinidad, G. J. (2014). <em>Honne and Tatemae: Exploring the Two Sides of Japanese Society</em>. https://d1wqtxts1xzle7.cloudfront.net/36778161/ThesisH_0026T-libre.pdf?1424936941=&amp;response-content-disposition=inline%3B+filename%3DThesis_Honne_and_Tatemae.pdf&amp;Expires=1694597123&amp;Signature=fOz7-WGU5xchU8nzORcNWxrCgj6VhC5yWpeUtHRtTvAqglFDXlKLlGCmPavP2FGPf3E8P2K55p~JbB~m7gt18yRKEzQHeAOR~7k~SzQMvDX0wDF7sUYmDGhZz5WO7WyUV3C5HE2ogumiPSeSApsQy8gO9PKMxy4J0Tpc0tyq10qp04l3u4TdUtcocEpekIY~DmVrJ0-7JlW95IMTfUQC6xH0NgB7FU-vhuNCcuVxx6MjYE0kElLuyCQZduKRi3IFfvrgUw4Zi2Z4m5mBoybirvwqPEbi6t40yQA3Ft8Q3zUU2ZuxN4J6RHExtyfFE26syv-jIzhB4U1qkt~MvY52Pg__&amp;Key-Pair-Id=APKAJLOHF5GGSLRBV4ZA<br>[2] De Mente, B. L. (2005). <em>Japan Unmasked: The Character and Culture of the Japanese</em>. Tuttle Publishing.<br>[3] Teo, A. R., &amp; Gaw, A. C. (2010). Hikikomori, A Japanese Culture-Bound Syndrome of Social Withdrawal? A Proposal for DSM-V. <em>The Journal of nervous and mental disease</em>, <em>198</em>(6), 444–449. <a href="https://doi.org/10.1097/NMD.0b013e3181e086b1">https://doi.org/10.1097/NMD.0b013e3181e086b1</a><br>[4] Tajan, N. (2021). <em>Mental Health and Social Withdrawal in Contemporary Japan</em>.<br>[5] Kato, T. A., Tateno, M., &amp; Shinfuku, M. (2012). Does the ‘hikikomori’ syndrome of social withdrawal exist outside Japan? A preliminary international investigation. <em>Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol</em>, <em>47</em>, 1061–1075. https://doi.org/10.1007/s00127-011-0411-7<br>[6] Kiyota, A., Usami, M., &amp; Ooosumi, H. (2008). <em>Chiiki renkei shisutemu ni yoru hikikomori shien to ekigakuteki kentou (Support and epidemiological analysis of social withdrawal using a system of regional parternships), Kokoro no kenkou kagaku kenkyuu</em>.<br>[7] Superprof. (2021). <em>Arbeiten in Japan: Japans Kultur und die Besonderheiten</em>. Superprof &#8211; Blog für Lehrer, Schüler &amp; Eltern. https://www.superprof.de/blog/arbeiten-in-japan-kultur-und-besonderheiten/<br> [8] Asgari, B., Peckar, P., &amp; Garay, V. (2017). <em>Karoshi and Karou-jisatsu in Japan: Causes, statistics and prevention mechanisms</em>.<br>[9] Ono, H. (2018). Why Do the Japanese Work Long Hours? Sociological Perspectives on Long Working Hours in Japan. <em>Japan Labor Issues</em>, <em>2</em>(5), 35–49.<br>[10] Ministry of Health, Labour &amp; Welfare. (2022). <em>The 2022 White Paper on Measures to Prevent Karoshi, etc. [Summary]</em>. https://www.mhlw.go.jp/content/11200000/001065344.pdf<br>[11] Nakamura, K. (2015). Paul A. Christensen, Japan, Alcoholism, and Masculinity: Suffering Sobriety in Tokyo. <em>Japanese Studies</em>, <em>35</em>(2), 260–262. https://doi.org/10.1080/10371397.2015.1080343<br>[12] World Economic Forum. (2021, September 29). <em>Want to live a long, healthy life? 6 secrets from Japan’s oldest people</em>. World Economic Forum. https://www.weforum.org/agenda/2021/09/japan-okinawa-secret-to-longevity-good-health/<br>[13] Maxim Mankevich (Regisseur). (2023, Oktober 15). <em>Ayurveda Experte: Die Formel für ein langes &amp; gesundes Leben | Dr. Ulrich Bauhofer (Teil 1/3)</em>. https://www.youtube.com/watch?v=1aSPqVANkvk</p>
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			</item>
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		<title>Neuroplastizität in Aktion: Die Umbauprozesse im Gehirn von Schwangeren</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Jul 2024 04:22:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[TANJA VON RYSSÉL. Während der Schwangerschaft geschehen so einige Wunder im Körper der werdenden Mutter. Nicht nur, dass in ihrem Bauch ein neuer kleiner Mensch heranwächst – um diesen optimal zu versorgen, wird ein ganzes Maßnahmenpaket angestoßen: Das Blutvolumen steigt, die Atmung vertieft sich, Drüsenzellen in der Brust bereiten sich auf die Milchproduktion vor. Und [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>TANJA VON RYSSÉL. <em>Während der Schwangerschaft geschehen so einige Wunder im Körper der werdenden Mutter. Nicht nur, dass in ihrem Bauch ein neuer kleiner Mensch heranwächst – um diesen optimal zu versorgen, wird ein ganzes Maßnahmenpaket angestoßen: Das Blutvolumen steigt, die Atmung vertieft sich, Drüsenzellen in der Brust bereiten sich auf die Milchproduktion vor. Und noch etwas passiert: Im Gehirn finden umfangreiche Umbauprozesse statt, die sich sogar bis weit über die Geburt des Kindes hinaus nachweisen lassen.</em></p>



<span id="more-2263"></span>



<p>Wie genau diese Veränderungsprozesse im Gehirn aussehen, wird seit einigen Jahren emsig erforscht. Bekannt ist bisher, dass es zu einem Rückgang an grauer Hirnsubstanz kommt – bis zu 3&nbsp;% des kortikalen Gesamtvolumens büßen Frauen im Verlauf der Schwangerschaft ein [1]. Dahinter könnten verschiedene Vorgänge stecken, zum Beispiel könnte sich die Anzahl der Synapsen oder Nervenzellen verändern, aber auch Umstrukturierungen der Dendriten sowie Modifikationen in der Durchblutung des Gehirns kommen infrage [2]. Ziemlich sicher jedoch erstrecken sich die Umbauprozesse sowohl auf Neurone als auch ihre Nachbarn, die Gliazellen [1].</p>



<p>Ein Teil der grauen Substanz wird nach der Geburt des Kindes wieder aufgebaut. Das könnte etwa an Lernerfahrungen liegen, die eine Mutter im täglichen Umgang mit ihrem Baby macht [1], und durch die neue Nervenverbindungen entstehen. Einer anderen Theorie zufolge könnten aber auch vermehrt neue Nervenzellen gebildet werden [2].</p>



<p>Umbauarbeiten finden in verschiedenen Regionen des Gehirns statt. Betroffen sind zum einen verschiedene Areale in der Großhirnrinde; beispielsweise das limbische System, das für die Regulation von Emotionen zuständig ist. Zum anderen spielen sich Veränderungen in jenem subkortikalen Netzwerk ab, in das unter anderem dopaminerge Belohnungsareale wie der Nucleus Accumbens und die Area Tegmentalis Ventralis eingebunden sind [1]. Viele der Hirnregionen, die sich während der Schwangerschaft verändern, nutzen wir im sozialen Miteinander, damit wir erfolgreich mit anderen Menschen kommunizieren und interagieren können.</p>



<p>Besonders spannend ist die funktionelle und strukturelle Plastizität im sogenannten Ruhezustandsnetzwerk (eng. <em>default mode network</em>). Die an diesem Netzwerk beteiligten Hirnareale werden immer dann aktiv, wenn wir nichts Besonderes tun oder denken. Während der Schwangerschaft kommt es unter anderem zu verstärkter Kohärenz im Cuneus; einer Region, die visuelle Informationen verarbeitet und sie höheren kognitiven Funktionen wie Arbeitsgedächtnis oder Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt [3]. Zudem liegt im Ruhestandsnetzwerk die neuronale Basis für Selbstwahrnehmung, soziale Interaktionen, Empathie sowie die Unterscheidung zwischen unserem Selbst und anderen Personen um uns herum. Änderungen in diesem Bereich des Gehirns könnten deshalb zu einem neuen Selbstverständnis als Mutter beitragen, bei dem beispielsweise ein stärkerer Fokus auf das Neugeborene als auf sich selbst gesetzt wird [3].</p>



<p>Der Gehirnumbau während der Schwangerschaft ist keine unauffällige Kleinigkeit. Um die festgestellten Veränderungsprozesse auf Widerspruchsfreiheit zu testen, untersuchte ein Forschungsteam an der Universität Barcelona eine Gruppe von Frauen vor und nach ihrer ersten Schwangerschaft [2]. Als Vergleichsgruppe luden sie weitere Frauen ein, die im Studienzeitraum nicht schwanger wurden. Aus den Hirnscans der beiden Untersuchungszeitpunkte wurde für jede Teilnehmerin eine sogenannte Differenzkarte generiert. Diese stellen die Volumenänderungen an grauer Substanz grafisch dar. Die Karten wiederum führten die Wissenschaftler:innen einem Algorithmus zu und gaben ihm die Aufgabe einzuordnen, ob die jeweilige Frau schwanger geworden war oder nicht. Nur auf Basis der Volumenänderungen konnte das Programm alle Teilnehmerinnen der korrekten Gruppe zuordnen!</p>



<p>Doch wofür macht sich der Körper die Mühe der ganzen Umbauten? Kurz gesagt handelt es sich dabei um eine spezifische Form der Neuroplastizität, also einer Spezialisierung des Nervensystems, um eine Mutter auf ihre neue Lebenssituation einzustellen. Vergleichen lässt sich dieser Prozess mit einem Software-Update. Gefragt sind von nun an Verhaltensweisen, die für das Wohlbefinden des Nachwuchses sorgen und seine optimale Versorgung sicherstellen. Im Tierreich zählen dazu zum Beispiel Nestbau oder das Putzen und Säugen der Jungtiere [1]. Der Gehirnumbau bietet so letztlich einen evolutionären Vorteil für das Überleben der Nachkommen und damit der eigenen Art.</p>



<p>Konkret beobachten Wissenschaftler:innen bei menschlichen Müttern nicht nur typisch elterliches Sozialverhalten, sondern auch veränderte Kognitionen und Bioreaktionen. Eltern werden empfänglicher für bestimmte Reize. Zum Beispiel verlangsamt sich die Herzrate von Müttern, wenn ihr Baby lacht [3] – denn wer fröhlich gluckst, dem scheint es wohl gut zu gehen. Das wiederum ist Grund genug, um Mamas Belohnungszentrum zu aktivieren. Gleichzeitig verbessert sich die Empathie gegenüber dem Kind, die Bedürfnisse werden besser erkannt und Mütter können rascher darauf reagieren. Negative Reaktionen im Umgang mit dem Säugling werden dagegen unterdrückt [3]. Außerdem werden soziale Reize, die eine mögliche Bedrohung signalisieren, schneller interpretiert [2]. Schließlich ist sich die psychologische Forschung darin einig, dass die neuronalen Anpassungsprozesse zu einer höheren Bindungsqualität zwischen Mutter und Kind führen [1,2,3]. So weit nur ein Auszug aus dem evolutionären Rezept für einen gesunden, bestens umsorgten Säugling!</p>



<p>Während einige Wissenschaftler:innen die genauen Umbauprozesse im „schwangeren Gehirn“ kartieren, beschäftigen sich andere mit der Frage, wie die Umstrukturierungen überhaupt ausgelöst und gesteuert werden. Aufschluss darüber geben zunächst Studien an Nagetieren. So analysierten Forscher:innen die schwangerschaftstypischen Hormonkonstellationen von Mäusedamen. Als sie diese bei jungfräulichen Artgenossen nachahmten, zeigten die kinderlosen Mäuse auf einmal elterliche Verhaltensweisen [4]. Solche Beobachtungen führten zu der – sehr belastbaren – Annahme, dass Hormone elterliches Verhalten auslösen, und zwar über den Umweg neuronaler Modifikationen. Besonders die Plazenta, Hauptverantwortliche für die Hormonschwankungen während der Schwangerschaft und Produzentin verschiedener Sexualhormone, scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen [1]. Letztlich beruhen all diese Annahmen aber nur auf Untersuchungen dazu, welche biologischen Prozesse parallel ablaufen und deshalb auch ursächlich miteinander in Verbindung stehen könnten. Kausalketten zu beweisen ist wegen ethischer Hürden sehr schwierig.</p>



<p>Dass Sexualhormone anatomische und funktionelle Änderungen im Gehirn auslösen, ist übrigens nichts grundsätzlich Neues. Forscher:innen kennen vergleichbare Prozesse bereits aus einer anderen Lebensphase: der Pubertät. In dieser Zeit organisiert sich der Denkapparat von Jugendlichen heimlich um: In Vorbereitung auf das Erwachsenenleben wird dabei graue Substanz abgebaut, weiße Substanz aufgebaut und verschiedene Hirnareale neu miteinander verbunden [5]. Sichtbar werden diese Vorgänge schließlich in kognitiven, emotionalen, physischen und Verhaltensänderungen.</p>



<p>Und wie sieht es bei den werdenden Vätern aus? Auch in ihren Gehirnen finden Umstrukturierungsprozesse statt, die Männer auf die Elternschaft vorbereiten. Beteiligt daran ist vermutlich das Hormon Prolaktin [6], ein alter Bekannter aus der Forschung rund um Fortpflanzung und Milchproduktion bei Frauen. So korreliert der Prolaktinspiegel bei den Partnern von Schwangeren mit einem Verlust an grauer Hirnsubstanz, aber auch – ähnlich wie bei den zukünftigen Müttern – mit dem Bindungsgefühl zum Ungeborenen. Außerdem wachsen Männer mit höheren Prolaktinwerten besser in ihre neue Rolle als Väter hinein [6]. Die konkreten biologischen Prozesse, die zu vergleichbaren Veränderungen im Sozialverhalten und bei den Kognitionen von werdenden Eltern führen, scheinen sich zwar zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden [2]. Dennoch: Die Raffinessen der menschlichen Neuroplastizität erstrecken sich auf beide Elternteile. Ein noch größeres Wunder ist wohl nur die Entwicklung eines komplett neuen Gehirns, mit dessen Hilfe das Neugeborene bald beginnt, die Welt zu entdecken.</p>



<p></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-d18a31340f00868ea77ab51b8f19257b" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong>:<br>[1] Servin-Barthet, C., Martínez-García, M., Pretus, C., Paternina-Pie, M., Soler, A., Khymenets, O., Pozo, O. J., Leuner, B., Vilarroya, O., &amp; Carmona, S. (2023). The transition to motherhood: Linking hormones, brain and behaviour. <em>Nature Reviews Neuroscience, 24(10),</em> 605-619. <a href="https://doi.org/10.1038/s41583-023-00733-6">https://doi.org/10.1038/s41583-023-00733-6</a><br>[2] Hoekzema, E., Barba-Müller, E., Pozzobon, C., Picado, M., Lucco, F., García-García, D., Soliva, J. C., Tobeña, A., Desco, M., Crone, E. A., Ballesteros, A., Carmona, S., &amp; Vilarroya, O. (2017). Pregnancy leads to long-lasting changes in human brain structure. <em>Nature Neuroscience, 20(2),</em> 287-296. <a href="https://doi.org/10.1038/nn.4458">https://doi.org/10.1038/nn.4458</a><br>[3] Hoekzema, E., van Steenbergen, H., Straathof, M., Beekmans, A., Freund, I. M., Pouwels, P. J.W., &amp; Crone, E. A. (2022). Mapping the effects of pregnancy on resting state brain activity, white matter microstructure, neural metabolite concentrations and grey matter architecture. <em>Nature Communications, 13.</em> <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-022-33884-8">https://doi.org/10.1038/s41467-022-33884-8</a><br>[4] Ammari, R., Monaca, F., Cao, M., Nassar, E., Wai, P., Del Grosso, N. A., Lee, M., Borak, N., Schneider-Luftman, D., &amp; Kohl, J. (2023). Hormone-mediated neural remodeling orchestrates parenting onset during pregnancy. <em>Science, 382,</em> 76-81. <a href="https://doi.org/10.1126/science.adi0576">https://doi.org/10.1126/science.adi0576</a><br>[5] Peper, J. S., Hulshoff Pol, H. E., Crone, E. A., &amp; van Honk, J. (2011). Sex steroids and brain structure in pubertal boys and girls: A mini-review of neuroimaging studies. <em>Neuroscience, 191,</em> 28-37. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroscience.2011.02.014">https://doi.org/10.1016/j.neuroscience.2011.02.014</a><br>[6] Aviv, E. C., Cardenás, S. I., León, G., Waizman, Y. H., Gonzales, C., Flores, G., Martínez-García, M., &amp; Saxbe, D. E. (2023). Prenatal prolactin predicts postnatal parenting attitudes and brain structure remodeling in first-time fathers. <em>Psychoneuroendocrinology, 156.</em> <a href="https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2023.106332">https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2023.106332</a></p>
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		<title>Bouldern gegen depressive Symptomatik </title>
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		<pubDate>Sat, 22 Jun 2024 09:50:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Wirksamkeit einer alternativen Psychotherapiemethode  ANNE HOMMEL. Der populäre Klettersport Bouldern genießt seit einigen Jahren eine immer größere Beliebtheit und bietet gleichzeitig neue Möglichkeiten für die Behandlung von Depressionen. Basierend auf den “KuS-Studien“ (Klettern und Stimmung) [1] des Universitätsklinikums Erlangen wird der Trendsport nun als innovative Therapiemethode eingesetzt. Dabei werden wirksame Elemente aus bewährten Therapieansätzen [&#8230;]]]></description>
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<h3 class="wp-block-heading">Die Wirksamkeit einer alternativen Psychotherapiemethode </h3>



<p id="block-19fb5736-7f80-4802-9ce0-bb5cfafa1308">ANNE HOMMEL. <em>Der populäre Klettersport Bouldern genießt seit einigen Jahren eine immer größere Beliebtheit und bietet gleichzeitig neue Möglichkeiten für die Behandlung von Depressionen. Basierend auf den “KuS-Studien“ (Klettern und Stimmung) [1] des Universitätsklinikums Erlangen wird der Trendsport nun als innovative Therapiemethode eingesetzt. Dabei werden wirksame Elemente aus bewährten Therapieansätzen vereint. </em></p>



<span id="more-2259"></span>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color has-small-font-size wp-elements-495336d8e21bab39f2a0c3fd5b709bb1" id="block-d089a485-8728-4829-9bd7-b5da01f8b443"><strong>Vorab: Definition </strong><br>Bouldern ist das Klettern ohne Sicherungsseil und Klettergurt an Wänden in Absprunghöhe.</p>



<p>Bei der Boulderpsychotherapie handelt es sich um die Verbindung von Bewegung und körperlicher Aktivität durch das Bouldern mit psychotherapeutischen Interventionen aus der Verhaltenstherapie. [2] Die Boulderpsychotherapie erfolgt üblicherweise in Gruppen und wird dabei von geschulten Therapeut:innen begleitet. Die Therapeut:innen werden ausgebildet, damit sie sowohl über Kenntnisse und Erfahrungen zu Therapiekonzepten verfügen als auch eigene Kletterfähigkeiten nachweisen können. Auf diese Weise kann eine individuelle, bedürfnisorientierte Intervention zur gezielten Verbesserung der Symptome von Betroffenen ermöglicht werden.&nbsp;</p>



<p>Bouldern löst eine hohe emotionale Aktivierung aus. Dahingehend können verschiedene, für die Therapie relevante, Themen bearbeitet werden und anhand ausgewählter Boulderübungen belastende Verhaltensweisen oder Denkmuster durchbrochen werden. Mithilfe des Therapeut:innenteams oder anderen Gruppenteilnehmenden können sowohl Problemlösungen besprochen und ausgewertet als auch neue Herangehensweisen entwickelt werden, um herausfordernde Situationen im Alltag aktiv besser zu bewältigen.&nbsp;</p>



<p>Beim Bouldern kommen mehrere Wirkmechanismen zusammen, die eine Psychotherapie bei Depressionen deutlich unterstützen können. Häufig setzt es am Anfang viel Überwindung und Mut voraus, sich an die Wand zu trauen. Jedoch wird man auch frühzeitig mit Erfolgserlebnissen belohnt, wenn man einen Versuch wagt, sich auf die Situation einlässt und sich ausprobiert. Dahingehend wird der Umgang mit Grenzen schnell erlernt. Eigene Fähigkeiten werden oftmals unterschätzt. Durch das Bouldern können das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl deutlich gestärkt und damit gleichermaßen das Loslösen von Ängsten erleichtert werden. [3] Insbesondere Einsteiger:innen können deutliche Fortschritte erfahren, da Bouldertechniken rasch erlernt werden. Diese erleichtern es spürbar, auch schwere Routen zu schaffen. Darüber hinaus werden für das Bouldern relevante Muskelgruppen schnell aufgebaut, sodass die Teilnehmenden zeitnah den Leistungsfortschritt an sich beobachten können. Zudem erzeugen die aktive Unterstützung der Therapeut:innen und die Ermutigung von der Gruppe in Form von gegenseitigem Zuspruch eine motivierende Atmosphäre, in der Selbstwirksamkeit maßgeblich gefördert werden kann. Bouldern ist ein sozialer Sport, da man gemeinsam über mögliche Lösungen für Routen nachdenkt und sich gegenseitig anfeuert. Ratschläge und Hilfestellungen können zusätzlich zu einer sicheren Umgebung beitragen und gleichzeitig eine heilsame Erfahrung für die Teilnehmenden darstellen. Mit der Zeit entwickelt sich ein Feingefühl für Bewegungen und Körperpositionen, wodurch positive physische Erfahrungen gemacht werden und sich ein angenehmes, ausbalanciertes Körpergefühl etabliert. Menschen, die unter Depressionen leiden, können wieder in Einklang mit ihrem Körper kommen und ihre eigene Kraft spüren.&nbsp;</p>



<p>Von großer Bedeutung für die Erklärung der Wirksamkeit von therapeutischem Bouldern ist, dass während des Boulderns individuelle Bewältigungs- und Lösungsstrategien aktiv ausprobiert werden können. Dadurch, dass die Konzentration durch den unmittelbar bevorstehenden Zug zum nächsten Griff vollständig beansprucht wird, werden die für Depressionen typischen Grübelschleifen unterbrochen. Man muss präsent und fokussiert bleiben, anstatt sich in Gedanken zu verlieren. Ein weiteres häufiges Symptom bei Depressionen ist, dass sich Betroffene nicht viel zutrauen, ohne es ausprobiert zu haben. Deshalb ist es von Bedeutung, sich erreichbare Ziele zu setzen. Persönliche Leistungserrungenschaften innerhalb der Bouldertherapie können dabei die Selbstwirksamkeit insgesamt stärken und dazu beitragen, sich auch im Alltag mit fordernden Situationen und neuen Aufgaben auseinanderzusetzen, ohne vorschnell aufzugeben. Das Bouldern dient somit der Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, die Boulderwand zu erleben und Erkenntnisse über sich zu gewinnen. Es wird gelernt, das Vertrauen in sich zu finden. Gleichzeitig werden individuelle Stärken entdeckt, welche die Lebensqualität steigern können. Die Teilnehmenden suchen sich Routen mit einem Schwierigkeitsgrad aus, der ihren Ansprüchen gerecht wird. So wirkt man bei Menschen mit depressiven Symptomen dem Interessensverlust an Aktivitäten entgegen. [3] Das Therapeut:innenteam ist darin geschult, unterdrückte Emotionen zu bearbeiten. Frustration beispielsweise kann schnell aufkommen, wenn Routen nicht beim ersten Versuch geschafft werden und die Teilnehmenden zu ungeduldig mit sich selbst sind oder sie ihren eigenen stark überhöhten Erwartungen nicht gerecht werden. In solchen Situationen ist es seitens der Therapeut:innen wichtig hervorzuheben, die Gefühle zu akzeptieren, anzunehmen und die Emotionen zu integrieren. Auch Angst oder Freude sind häufig auftretende Emotionen beim Bouldern. Regelmäßiges Klettern trägt dazu bei, den Umgang mit den eigenen Gefühlen zu trainieren. [4] Auch soziale Beziehungen können über eine therapeutische Boulderübung erlebbar gemacht werden. Beispielsweise werden die Themen Nähe und Distanz sowie Verantwortung und Anhängigkeit veranschaulicht, indem die Teilnehmenden eine Route gemeinsam bewältigen sollen und dabei durch ein Seil verbunden sind. [2]</p>



<p>In der “KuS-Studie“ konnten klinisch relevante positive Effekte auf die Selbstwirksamkeit bei Personen nachgewiesen werden, die unter Symptomen von Depressionen leiden. [5] Dabei wurde das therapeutische Bouldern mit einer Verhaltenstherapie und einem aktivierenden Bewegungsprogramm verglichen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Bouldertherapie wirksamer ist, als mehrmals die Woche Sportübungen allein zu Hause durchzuführen. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass die Effekte der kognitiven Verhaltensgruppentherapie nicht über die Wirksamkeit des therapeutischen Kletterns hinausgingen. [6] Damit erweist sich die Boulderpsychotherapie als eine langfristig wirksame Therapiemethode [7] und sollte dahingehend neben etablierten Therapiekonzepten als ergänzende Behandlungsmöglichkeit von Depressionen wahrgenommen werden, um die Therapieangebote zu erweitern. Das therapeutische Bouldern zeichnet sich durch eine niedrige Hemmschwelle aus, sodass der Zugang zu dieser Therapie leichter ist als zu anderen, eher stigmatisierenden Behandlungsansätzen, da das Bouldern als eine attraktive Sportart wahrgenommen wird. [1]</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color has-small-font-size wp-elements-9c1bb615ec10b6dd1ded59029418adff"><strong>Weiterführende Information </strong><br>Die positiven Effekte der Boulderpsychotherapie werden auch bei anderen Krankheitsbildern wie dem Burnout oder bestimmten Formen von Angststörungen als wirksame Therapiemethode angewendet. </p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-1d5b88f57ff4236484dbb54d28b0ccaa" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong>:<br>[1] Uniklinikum Erlangen. Die Wissenschaft. (n.d.). <em>Psychiatrie &#8211; Uniklinikum Erlangen</em>. Retrieved February 20, 2024, from https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/app-boulderpsychotherapie/die-wissenschaft/<br>[2] Uniklinikum Erlangen. Die Therapie. (n.d.). <em>Psychiatrie &#8211; Uniklinikum Erlangen</em>. Retrieved February 20, 2024, from <a href="https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/die-therapie/">https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/die-therapie/</a><br>[3] Kranisch, L. (2023, August 17). Der Depression davonklettern: Bouldern für die psychische Gesundheit. <em>Psylife</em>. <a href="https://psylife.de/magazin/der-depression-davonklettern-bouldern-fuer-die-psychische-gesundheit">https://psylife.de/magazin/der-depression-davonklettern-bouldern-fuer-die-psychische-gesundheit</a><br>[4] Schummeck, J. (2017, April 18). Wie Bouldern gegen Depressionen helfen kann. <em>Zeit</em>. <a href="https://www.zeit.de/zett/2017-04/wie-bouldern-gegen-depressionen-helfen-kann">https://www.zeit.de/zett/2017-04/wie-bouldern-gegen-depressionen-helfen-kann</a><br>[5] Kratzer, A., Luttenberger, K., Karg-Hefner, N., Weiss, M., &amp; Dorscht, L. (2021). Bouldering psychotherapy is effective in enhancing perceived self-efficacy in people with depression: results from a multicenter randomized controlled trial. <em>BMC Psychology</em>, <em>9</em>(1), 1–14. https://doi.org/10.1186/s40359-021-00627-1<br>[6] Luttenberger, K., Karg-Hefner, N., Berking, M., Kind, L., Weiss, M., Kornhuber, J., &amp; Dorscht, L. (2022). Bouldering psychotherapy is not inferior to cognitive behavioural therapy in the group treatment of depression: A randomized controlled trial. <em>British Journal of Clinical Psychology</em>, <em>61</em>(2), 465–493. https://doi.org/10.1111/bjc.12347<br>[7] Schwarz, L., Dorscht, L., Book, S., Stelzer, E. M., Kornhuber, J., &amp; Luttenberger, K. (2019). Long-term effects of bouldering psychotherapy on depression: benefits can be maintained across a 12-month follow-up. <em>Heliyon</em>, <em>5</em>(12).<br><br>Uniklinikum Erlangen. Boulderpsychotherapie. (n.d.). <em>Psychiatrie &#8211; Uniklinikum Erlangen</em>. Retrieved February 20, 2024, from <a href="https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/die-therapie/">https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/die-therapie/</a>PD Dr. Katharina Luttenberger. <br><br>Boulderpsychotherapie bei Depression langfristig wirksam (2020, August 11). <em>Medizinische Fakultät</em>. https://www.med.fau.de/2020/08/11/boulderpsychotherapie-bei-depression-langfristig-wirksam/#pagewrapper</p>
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		<title>Liebe und Sexualität im Autismus-Spektrum</title>
		<link>https://psycho-path.de/liebe-und-sexualitaet-im-autismus-spektrum/</link>
		
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		<pubDate>Tue, 02 Apr 2024 18:40:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#40 Beziehungen]]></category>
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					<description><![CDATA[SASKIA RIEDELBAUCH. Vermutlich würden mir die meisten zustimmen, dass es schwierig ist, einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Viele Menschen ohne Einschränkungen tun sich hierbei bereits schwer &#8211; doch wie mag es für Menschen im Autismus-Spektrum aussehen, die zusätzlich noch soziale Defizite und andere Einschränkungen haben? Was beeinflusst die Partner:innensuche von Menschen mit Autismus-Diagnose? [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>SASKIA RIEDELBAUCH. <em>Vermutlich würden mir die meisten zustimmen, dass es schwierig ist, einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Viele Menschen ohne Einschränkungen tun sich hierbei bereits schwer &#8211; doch wie mag es für Menschen im Autismus-Spektrum aussehen, die zusätzlich noch soziale Defizite und andere Einschränkungen haben? Was beeinflusst die Partner:innensuche von Menschen mit Autismus-Diagnose? Wie unterscheiden sie sich von der gesellschaftlichen Norm hinsichtlich ihrer Sexualität?</em></p>



<span id="more-2200"></span>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-ced4669d14e75ba7c514872dfebbc8d8"><strong>Vorab: Was ist das eigentlich – Autismus-Spektrum-Störung?</strong></p>



<p>Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) gehört zu den Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung nach DSM-5 [1]. Sie umfasst andauernde Defizite sozialer Kommunikation und  Interaktion sowie rigide, repetitive Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten. So haben Betroffene Probleme bei sozial-emotionaler Gegenseitigkeit, was sich beispielsweise in ungewöhnlicher sozialer Kontaktaufnahme, einer mangelnden Wechselseitigkeit während Konversationen oder verringertem Austausch zeigen kann. Dies kann reichen bis hin zur Unfähigkeit, auf soziale Interaktionen zu reagieren. Nonverbales Kommunikationsverhalten ist defizitär bis hin zu vollständig fehlend. Dies zeigt sich zum Beispiel in Abweichungen bei Blickkontakt und Körpersprache oder in Einschränkungen beim Einsatz von Mimik. Schwierigkeiten bei der Aufnahme, der Aufrechterhaltung sowie dem Verständnis von Beziehungen liegen vor. Eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster, Interesse oder Aktivitäten können sich zeigen als stereotype Bewegungsabläufe oder Sprache. Des Weiteren können sie auftreten als Beharren auf Routinen oder als sehr spezifische Interessen abnormer Intensität. Eine Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen oder ein ungewöhnliches Interesse an Umweltreizen kann außerdem vorliegen. Eine erhöhte Empfindlichkeit kann sich zum Beispiel in Bezug auf (bestimmte) Geräusche zeigen, auf die ablehnend reagiert wird, da sie unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden werden. Das besondere Interesse an Umweltreizen kann sich beispielsweise als Faszination mit Licht oder sich drehenden Gegenständen zeigen. Die Symptome der Autismus-Spektrum Störung müssen für eine Diagnose bereits in frühen Entwicklungsphasen vorliegen, wobei sie sich aber auch erst nach Überschreitung der persönlichen Möglichkeiten durch soziale Anforderungen manifestieren können.</p>



<p>Die Autismus-Spektrum-Störung liegt bei etwa 1% der Bevölkerung vor, wobei Jungen drei bis viermal häufiger eine entsprechende Diagnose bekommen. Die Symptomatik bleibt bis ins Erwachsenenalter bestehen. Betroffene haben drei- bis viermal häufiger zusätzliche psychische und körperliche Probleme, im Vergleich mit Kontrollpersonen [2]. Des Weiteren ist ein großer Anteil an Menschen mit Autismus-Diagnose von einer Sprachstörung [3], und/oder einer Intelligenzminderung betroffen [4]. Häufig liegt eine Verzögerung der Sprachentwicklung vor, manche Menschen mit ASS entwickeln gar keine sinnvolle Sprache. Die sprachliche Kommunikation ist häufig eingeschränkt, da Inhalte und Bedeutungen nicht verarbeitet werden können, weswegen zum Teil auf bildliche Kommunikation ausgewichen wird.</p>



<p>Natürlich sind die beschriebenen (möglichen) Symptome durchaus sehr unterschiedlich vertreten bei Menschen mit ASS-Diagnose. Dies betrifft das Ausmaß der Einschränkungen bzw. der Besonderheiten, als auch deren Ausprägung. Deshalb wird Autismus als Spektrum aufgefasst. Bei Verwandten von Menschen mit ASS-Diagnose liegt zum Beispiel häufiger eine mildere Form des autistischen Erscheinungsbildes ohne klinische Relevanz vor, auch als <em>broader autism phenotype </em>bezeichnet [5]. </p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-a998096fd12efc0f155342f70de602d8"><strong>Die beschwerliche Suche nach der Liebe</strong></p>



<p>Wer denkt, Autist:innen wären nicht interessiert an romantischen Beziehungen oder Sexualität, der liegt falsch. Genauso wie die meisten anderen Menschen sehnen sie sich nach Liebe und Zuneigung. Kommunikation, Teilen, Ähnlichkeit, Respekt und Sicherheit für sich selbst und andere sowie das Arbeiten an der Beziehung – diese Punkte sah eine Gruppe von Menschen mit ASS genauso wie eine nicht-autistische Kontrollgruppe in einer qualitativen Studie als fördernd für Intimität [6]. Als Barrieren für Intimität berichteten Autist:innen besonders Unsicherheit über Beziehungen und Kommunikation. Etwa die Hälfte der Versuchsgruppe mit ASS äußerte sich unsicher in Bezug auf Erwartungen, Verhaltensweisen sowie Kommunikation, die notwendig seien für romantische Beziehungen. Des Weiteren seien ein niedriger Selbstwert, schlechte mentale Gesundheit und Fragen oder Unsicherheiten bezüglich der eigenen Identität für beide Versuchsgruppen Barrieren von Intimität. Darüber hinaus beschrieben Proband:innen mit ASS innere Konflikte von Isolation und Verfremdung. Diese führen zu Schwierigkeiten in Beziehungen oder Pessimismus gegenüber Intimität. Viele von ihnen beschrieben negative Selbstwahrnehmungen sowie internalisierte Stigma, darunter auch Sorgen über die Offenlegung ihrer Diagnose. Solche Gefühle der Ausgrenzung und die damit einhergehenden inneren Konflikte könnten den Wunsch nach dem Eingehen von Beziehungen sowie die Fähigkeit dazu beeinträchtigen. </p>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-3116699acb8f5389f3fb0d52908b5518"><strong>Sexualität und Autismus</strong></p>



<p>Doch nicht nur die sozialen Unsicherheiten und Defizite, die häufig bei Autist:innen vorkommen, stellen eine Herausforderung für Liebe und Intimität dar. Sensorische Dysregulation, die viele Menschen im Autismus-Spektrum betrifft, erzeugt Schwierigkeiten besonders im Kontext partnerschaftlicher Sexualität [7]. So kann es beim Sex beispielsweise zu sensorischer Überlastung bei Autist:innen kommen. Manche Empfindungen, die mit sexueller Aktivität assoziiert sind, können außerdem als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden werden. Hinzu kann dabei kommen, dass eine Bewusstheit über körperliche Empfindungen erst verzögert auftritt, was sexuelle Begegnungen beeinträchtigen kann, besonders gepaart mit Schwierigkeiten, die veränderten Bedürfnisse zu kommunizieren. Bei manchen Autist:innen ist diese Bewusstheit über körperliche Empfindungen sehr stark oder völlig eingeschränkt, was zu vermindertem oder mangelnden Erleben von sexueller Erregung oder Stimulation führen kann. Sensorischer Überstimulation beim Sex begegneten manche Autist:innen mit der Nutzung sensorischer Barrieren, wie zum Beispiel Latexhandschuhen. Für viele Menschen mit ASS helfe außerdem die Strategie des <em>geplanten Geschlechtsverkehrs</em>. Das Festlegen von Zeitpunkten bis hin zu Abläufen wird dabei als hilfreich empfunden für das Erzeugen gemeinsamer Erwartungen. Ebenso hilfreich sei es, um den Körper und Geist möglichst in einen empfänglichen Zustand zu bringen sowie für das Treffen von Vorbereitungen, die besondere Bedürfnisse mit sich bringen. Als zentrale Strategie für erfolgreichen Sex wurde außerdem die willentliche, offene und explizite Kommunikation genannt, mit der Gefühle und Intentionen mitgeteilt und Vereinbarungen unter den Partner:innen getroffen werden können. Hierfür verwendeten einige Autist:innen gerne schriftliche Erklärungen, da es ihnen leichter falle, ihre Bedürfnisse und Anliegen auf diese Art zu kommunizieren, anstatt auf verbalem Wege. </p>



<p>Doch der Sexualität von Menschen mit Autismus-Diagnose werden häufig schon vor ersten sexuellen Erfahrungen Steine in den Weg gelegt. Die sexuelle Aufklärung sei zumeist inadäquat, unzureichend oder  auch gar nicht vorhanden. So berichteten Menschen mit ASS in einer Studie, dass die sexuelle Aufklärung, die sie in der Schule erhielten, unzureichend war [8]. Eine qualitative Studie berichtete, dass Proband:innen mit ASS unangebrachte und behinderungsirrelevante sexuelle Aufklärung als beitragend für Sorgen bezüglich dem Umwerben und sensorischer Dysregulation identifizierten [7]. Die Desexualisierung von Menschen im Autismus-Spektrum bzw. von Menschen mit Behinderungen im Allgemeinen führe häufig dazu, dass die Betroffenen ausgeschlossen werden von Lernerfahrungen für Normen sexueller oder intimer Interaktionen. Dies könne nicht nur zu Wissenslücken bezüglich Sex und Sexualität führen, sondern auch zu inadäquaten Vorstellungen von Sex und zu Ängsten diesbezüglich, beispielsweise in Bezug auf sexuell übertragbare Krankheiten. Individuen im Autismus-Spektrum würden besonders von sexueller Aufklärung profitieren, die auch Aspekte wie besondere sensorische und kommunikative Bedürfnisse adressiert und die Möglichkeit bietet, soziosexuelle Normen zu üben. Dabei wäre es besonders wichtig, dass explizit aufgeklärt und nicht „um den heißen Brei herum“ geredet wird. Differenzen in Identitäten und in Erfahrungen von Sexualität sollten normalisiert werden, vor allem im Kontext erhöhter sexueller Diversität im Autismus-Spektrum. </p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-77c944edb78a6b6523c152826e660324"><strong>Sexuelle Orientierung und Identität</strong></p>



<p>Verschiedene Studien berichteten höhere Raten von Bisexualität, Homosexualität und Asexualität bei Autist:innen. Maskulinität als Geschlechterrolle, gezeigt z.B. durch Durchsetzungsvermögen, Führungsverhalten und Wettbewerbsdenken, war in einer Gruppe von Erwachsenen mit ASS weniger stark ausgeprägt, als bei solchen ohne ASS [9]. In der gleichen Studie waren Burschikosität und Bisexualität überrepräsentiert bei Autistinnen, im Vergleich zu Kontrollprobandinnen. Autist:innen berichteten eine geringere Libido sowie einen späteren Beginn sexueller Aktivität. In einer Stichprobe von 24 Erwachsenen mit ASS zwischen 18 und 61 Jahren, die im Rahmen einer qualitativen Studie zu sexuellen Erfahrungen befragt wurden, zeigte sich eine geringere Wahrscheinlichkeit, „gender-conforming“ zu sein – das bedeutet, dass sie häufiger eine Geschlechtsidentität haben, die nicht zu dem Geschlecht passt, das ihnen bei ihrer Geburt zugeordnet wurde [7]. In einer Studie mit Jugendlichen zeigten Autist:innen ebenfalls niedrigere Raten heterosexueller Präferenz, höhere Raten von Bisexualität aber auch mehr Unsicherheit bezüglich sexueller Anziehung im Vergleich zu Menschen ohne ASS [10].</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-06216c1ee76e3d64e836cdf5f0752447">Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für Unterschiede in sexueller Anziehung bei Menschen mit ASS [10]:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Menschen im Autismus-Spektrum sind nicht beeinflusst von sexuellen Normen der Gesellschaft</li>



<li>„<em>gender blindness</em>“: bei der Partner:innenwahl sind persönliche Qualitäten wichtiger als das Geschlecht</li>



<li>Höhere Raten fetaler Androgenexposition, was zu maskulinisiertem Verhalten führen könnte, wodurch erhöhte Raten von Bisexualität und Homosexualität bei Frauen mit ASS erklärt werden könnten</li>



<li>Erhöhte Asexualität könnte einerseits mit geringerer Libido als auch mit sozialen Herausforderungen bei der Partner:innenfindung zusammenhängen</li>
</ul>



<p></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-e9b2c508a24fff020aab23ca0c868e9b"><strong>Liebe im Spektrum</strong></p>



<p>Wer sich das Thema bildlich vor Augen führen möchte, der hat die Möglichkeit, sich auf Netflix die Reality-TV-Serie „<em>Liebe im Spektrum</em>“ von 2019 anzusehen. Die Serie zeigt Autist:innen, die auf der Suche nach Liebe sind und portraitiert, wie Dating für Menschen mit ASS aussehen kann. Die Protagonist:innen werden bei ihrer Vorstellung dazu befragt, was Liebe für sie ist. Hierbei wird schnell deutlich, dass ihre Auffassungen von Liebe sehr normal sind. Außerdem werden die Protagonist:innen samt ihrer Eigenheiten dargestellt. Viele von ihnen haben besondere Interessen, denen sie sich leidenschaftlich hingeben, wie die Paläontologie („Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Erdzeitalter“ [11]), Comics oder Videospiele zum Beispiel. Die sehr direkte Art der Kommunikation von einigen brachte mich beim Zusehen und -hören des Öfteren zum Schmunzeln. Was für die Autist:innen lediglich das Darstellen von Fakt oder Meinung ist, mag für neurotypische Zuschauende schon nach trockenem Humor klingen. </p>



<p>Die Serie begleitet die jungen Erwachsenen auf erste Dates, für einige von ihnen die ersten Dates in ihrem Leben. Die Nervosität, Aufregung und Unsicherheit vor dem ersten Treffen, die die Autist:innen zeigen, kann ich als Zuschauerin sehr gut nachempfinden. Sie werden recht unbeholfen dargestellt – doch wer ist schon super selbstsicher bei seinem allerersten Date? Die Darstellung ihrer Unsicherheiten, Eigenheiten und Ängste aber auch ihrer Wünsche und Träume macht die dargestellten Autist:innen nahbar. Fast fühlte ich mich selbst aufgeregt, als sich zwei Autistinnen nach ihrem Date unsicher verabschieden. Die starke Sehnsucht nach Liebe, die Einsamkeit und Traurigkeit, die einige der Protagonist:innen berichten, lenkt immer wieder die Aufmerksamkeit auf die große Herausforderung, die das Dating für Menschen im Autismus-Spektrum darstellt. </p>



<p>Einzelne Protagonisten werden im Rahmen der Serie für das Dating gecoacht. Beim Coaching wird besprochen, welche Vorstellungen die Person von potentiellen Partner:innen und von Beziehungen hat. Mithilfe von Rollenspielen werden Situationen beim ersten Date und Gespräche nachgestellt. Der Ablauf eines ersten Dates wird detailliert durchgegangen und auf einzelne Schritte runtergebrochen. Nicht nur die Gespräche und Formulierungen werden geübt, sondern der Fokus wird auch auf nonverbale Kommunikation gelenkt. Die gecoachten Autist:innen zeigen sich als sehr dankbar und lernwillig, ihre hohe Motivation für die Partner:innensuche wird deutlich. Was hier auffällt ist, dass vor allem Verhaltensweisen beigebracht werden, die Dating von neurotypischen Menschen widerspiegeln. Angewandt von Autist:innen aber, wirken sie gespielt und unauthentisch. Sara Luterman, selber Autistin, beschreibt in ihrer Kritik der Serie wie unangebracht die erlernten Verhaltensweisen vor allem bei Dates von zwei Autist:innen sind, die solches Verhalten unter Umständen gar nicht verstehen oder als wichtig erachten [13].</p>



<p>Was beim Zuschauen bei den ersten Dates der Autist:innen auffällt, ist die sehr direkte und offene Kommunikation. Die meisten Protagonist:innen führen am Ende der Verabredung ein kurzes Gespräch mit der getroffenen Person, in dem die Fronten geklärt werden. In der Serie läuft das häufig darauf hinaus, dass lediglich der Wunsch nach einer platonischen Beziehung geäußert wird. Manchmal kommt es sogar zu Abbrüchen von Dates – so beendet eine Autistin ein Date vorzeitig, da es ihr zu formell war und Angstzustände in ihr auslöste. Ihr – ebenfalls autistischer – Begleiter zeigt sich als sehr rücksichts- und verständnisvoll. Ein anderer Autist flüchtet inmitten eines Gespräches mit einer jungen Frau, da er eine Blockade hat und nicht mehr weiß, was er hätte sagen können. Die Anspannung in den sozialen Situationen ist bei den meisten Protagonist:innen sehr hoch. Beim Sehen der Serie wird schnell deutlich, dass für viele der Autist:innen vor allem das flexible Reagieren auf verschiedene soziale Situationen, die das Dating mit sich bringt, schwerfällt. Ein Autist berichtet, er habe sich ein mentales „Skript“ mit Themen und Fragen für ein erstes Date ausgedacht, doch im Gespräch mit einer anderen Person verschwand das Skript schnell vor Nervosität. </p>



<p>Eine wissenschaftliche Betrachtung der Autismus-Spektrum-Störung findet in der Serie nicht statt. Sie dient vielmehr der Unterhaltung. Kritisiert wird von Luterman, sowie auch von Tom Harrendorf, einem deutschen Youtuber mit ASS [14], dass die Protagonist:innen infantilisiert, wie Kinder behandelt oder dargestellt, werden. Dies wird vor allem durch die Hintergrundmusik erreicht, die laut Luterman eher „für eine Dokumentation über tollpatschige Babygiraffen als für eine Reality-TV-Serie für erwachsene Menschen“ geeignet wäre. Des Weiteren kritisiert Luterman, dass lediglich eine bisexuelle Autistin in der Serie portraitiert wird – was eine nicht-repräsentative Darstellung der autistischen sexuellen Orientierungen sei. Dennoch betont sie, dass es positiv sei, wie selbstverständlich und unauffällig dargestellt wird, wie die Autistin sowohl Männer als auch Frauen datet. Außerdem kritisch sieht Luterman, dass fast alle Protagonist:innen der Serie weiß sind und die Repräsentation von People of Color unzureichend ist. Dennoch beschreibt Luterman die Serie insgesamt als gütig. Harrendorf gefiel vor allem die Authentizität der dargestellten Autist:innen mit ihren Eigen- und Besonderheiten.</p>



<p>Insgesamt empfand ich die Serie als sehenswert. Sie war einerseits stellenweise sehr unterhaltsam und rührend, andererseits auch informativ. Die sehr authentischen Autist:innen werden ungefiltert samt ihrer Unsicherheiten und Besonderheiten dargestellt. Ihr Bedürfnis nach Liebe, was ihnen häufig aufgrund von sozialen Defiziten, die mit sozialem Desinteresse verwechselt werden, abgesprochen wird, wird klar dargestellt. Sie gibt einen guten Einblick in das Leben von jungen Autist:innen, in ihre Schwierigkeiten aber auch in ihre Wünsche, Träume und Bedürfnisse.</p>



<p></p>



<p class="has-dark-gray-color has-white-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-3a0bdd0da4b52124f779bc67cd5cf9e5"><strong>Schlusswort</strong><br><em>Was klar ist: Liebe zu finden ist nicht einfach – nicht für die neurotypische Bevölkerung, aber vor allem nicht für neurodiverse Menschen, wie zum Beispiel Menschen mit Autismus-Diagnose. Die Eigenschaften, die die Autismus-Spektrum-Störung mit sich bringen, machen das Dating durchaus zu einer großen Herausforderung. Dabei sind nicht nur Defizite sozialer Kommunikation hinderlich, sondern beispielsweise auch atypische sensorische Verarbeitung, wie eine Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen. Die neurotypisch orientierte Gesellschaft macht es Autist:innen dabei vermutlich nicht gerade leicht, da Betroffenen häufig Zugang zu adäquater sexueller Aufklärung verwehrt bleibt. Hinzu kommt, dass aufgrund sozialer Schwierigkeiten häufig Lernmöglichkeiten für soziosexuelle Normen sowie Normen bezüglich von Dating und das Führen von Beziehungen zu kurz kommen. Gerade deswegen ist es besonders wichtig, Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung Lernmöglichkeiten zu bieten, beispielsweise durch speziell angepasste Aufklärungsprogramme, die auch besondere Bedürfnisse und Diversität von Sexualität mitaufgreift. Was sich manch neurotypische Person wahrscheinlich bei den Autist:innen abgucken kann, ist die klare und offene Kommunikation beim Dating &#8211; das könnte so manch komplizierte Geschichte verhindern und mehr Transparenz schaffen. Für die Gesellschaft im Ganzen ist es meiner Meinung nach wichtig, mehr Offenheit und Toleranz für Anderssein zu zeigen. Sexuelle Diversität, besondere Bedürfnisse und Eigenheiten zu normalisieren und jedem Menschen Raum zu geben, er oder sie selbst zu sein.Die Autismus-Spektrum-Störung, die rund jeden hundertsten Menschen betrifft, sollte wie jede andere psychische Störung entstigmatisiert werden. Empathie und Rücksichtnahme bezüglich der Schwierigkeiten, die neurodiverse Menschen haben, ist von großer Bedeutung. Aber es ist auch wichtig, nicht nur auf Defizite und Schwierigkeiten von Autist:innen zu schauen, sondern ihre Einzigartigkeiten zu wertschätzen.</em></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong>:<br>[1] Falkai, P., Wittchen, H. U., &amp; Döpfner, M. (2015). American Psychiatric Association: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5. Göttingen: Hogrefe.<br>[2] Croen, L. A., Zerbo, O., Quian, Y., Massolo, M. L., Rich, S., Sidney, S., &amp; Kripke, C. (2015). The health status of adults on the autism spectrum [Special Issue]. Autism, 19(7), 814-823.<br>[3] Loucas, T., Charman, T., Pickles, A., Simonoff, E., Chandler, S., Meldrum, D., &amp; Baird, G. (2008). Autistic symptomatology and language ability in autism spectrum disorder and specific language impairment. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 49(11), 1184-1192.<br>[4] Kim, Y. S., Leventhal, B. L., Koh, Y.-J., Fombonne, E., Laska, E., Lim, E.-C., … Grinker, R. R. (2011). Prevalence of autism spectrum disorders in a total population sample. American Journal of Psychiatry, 168(9), 904-912.<br>[5] Gerdts, J., &amp; Bernier, R. (2011). The Broader Autism Phenotype and Its Implications on the Etiology and Treatment of Autism Spectrum Disorders. <em>Autism Research and Treatment</em>, <em>2011</em>, 545901. https://doi.org/10.1155/2011/545901<br>[6] Sala, G., Hooley, M., &amp; Stokes, M. A. (2020). Romantic intimacy in Autism: A qualitative analysis. <em>Journal of autism and developmental disorders</em>, <em>50</em>(11), 4133–4147.<br>[7] Barnett, J. P., &amp; Maticka-Tyndale, E. (2015). Qualitative exploration of sexual experiences among adults on the autism spectrum: Implications for sex education. <em>Perspectives on sexual and reproductive health</em>, <em>47</em>(4), 171–179.<br>[8] Hannah, L. A., &amp; Stagg, S. D. (2016). Experiences of sex education and sexual awareness in young adults with autism spectrum disorder. <em>Journal of autism and developmental disorders</em>, <em>46</em>(12), 3678–3687.<br>[9] Bejerot, S., &amp; Eriksson, J. M. (2014). Sexuality and gender role in autism spectrum disorder: A case control study. <em>PLoS One</em>, <em>9</em>(1), e87961.<br>[10] May, T., Pang, K. C., &amp; Williams, K. (2017). Brief report: Sexual attraction and relationships in adolescents with autism. <em>Journal of autism and developmental disorders</em>, <em>47</em>(6), 1910–1916.<br>[11] https://www.duden.de/rechtschreibung/Palaeontologie<br>[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Neurotypisch<br>[13] https://www.spectrumnews.org/opinion/reviews/review-love-on-the-spectrum-is-kind-but-unrepresentative/<br>[14] https://www.youtube.com/watch?v=3nfLnUGI53E</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Who&#8217;s Got Rhythm? &#8211; Snowball ganz sicher</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Jan 2024 08:43:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#31 Tiere]]></category>
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					<description><![CDATA[JANIK DOSTERT. Tanzen, musizieren, singen &#8211; all das basiert auf der fundamentalen musikalischen Fähigkeit des Menschen, die Regelmäßigkeit in auditorischen Stimuli zu finden und sich passend dazu zu synchronisieren. Dieses sogenannte Taktgefühl wird als ein sich spontan entwickelnder, musik- und speziesspezifischer Skill angesehen. Nicht jeder Mensch beherrscht diese Fähigkeit jedoch perfekt: ca. 4% der Bevölkerung [&#8230;]]]></description>
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<p>JANIK DOSTERT. <em>Tanzen, musizieren, singen &#8211; all das basiert auf der fundamentalen musikalischen Fähigkeit des Menschen, die Regelmäßigkeit in auditorischen Stimuli zu finden und sich passend dazu zu synchronisieren. Dieses sogenannte Taktgefühl wird als ein sich spontan entwickelnder, musik- und speziesspezifischer Skill angesehen. Nicht jeder Mensch beherrscht diese Fähigkeit jedoch perfekt: ca. 4% der Bevölkerung in Westeuropa und Nordamerika hat beat deafness, eine Form angeborener Amusie, nach welcher man sich nicht rhythmisch zu einem Takt bewegen kann</em><strong>.</strong></p>



<span id="more-1937"></span>



<p>Aber wie konnte sich eine sonst so weit verbreitete, allgemeine Fähigkeit entwickeln? Naheliegend ist hier natürlich der Vergleich mit anderen Spezies, idealerweise auf verschiedenen evolutionsbedingten Verwandtschaftsgraden, um herauszufinden, welche Faktoren nötig sind, Taktgefühl hervorzubringen. Die Forschung hat sich hier auf die Musikalität als Faktor geeinigt, um dieser Fragestellung nachzugehen. <strong>Musikalität</strong> umfasst die biologischen sowie kognitiven Mechanismen, die der Wahrnehmung und Produktion von Musik an sich zugrunde liegen, im Unterschied zu allgemeinen musikalischen Aktivitäten, welche hauptsächlich von der jeweiligen Kultur geprägt sind. Henkjan Honing, Professor am <em>Institute for Logic, Language and Computation</em> an der Universität Amsterdam sieht im Taktgefühl, oder der <em>beat induction</em>, wie er es nennt, neben dem metrischen und tonalen Enkodieren von Rhythmen und Tonhöhe einen fundamentalen Aspekt der Musikalität. Erhebliche Aufmerksamkeit erreichte dieses Forschungsfeld mit der Entdeckung von Snowball, einem Gelbhaubenkakadu, der seine Kopf- und Körperbewegungen an den Takt einiger bekannter Lieder angleichen konnte. Zwar machte er das nicht immer perfekt, das Interessante war jedoch seine Fähigkeit, sich an Tempoänderungen der Lieder anzupassen.</p>



<p>Dies warf die Frage auf, welche Eigenschaften ein Tier besitzen muss, um solch eine Aufgabe zu meistern. Das Wissen über unsere eigenen musikalischen Fähigkeiten wächst zwar immer mehr, wir haben jedoch keine eindeutige Klarheit über die kognitiven und biologischen Mechanismen, die die Musikalität bedingen. Papageien, zu welchen auch Snowball gehört, sind sogenannte stimmliche Lerner (<em>vocal learners</em>), besitzen also die Fähigkeit, akustische und syntaktische Laute zu erzeugen und durch Imitation neue hervorzubringen, welche nicht im genetischen Repertoire der jeweiligen Art vorgesehen sind. Nicht nur der Gesang von Vögeln zählt dazu, sondern auch die menschliche Sprache. Obwohl es eine viel größere Anzahl an vokalisierenden, also generell Töne produzierenden Tiergruppen gibt, sind bis jetzt nur acht als stimmliche Lerner identifiziert worden. Dazu gehören neben dem Menschen Fledermäuse, Delfine, Wale, Robben, Elefanten und drei ferner verwandte Vogelgruppen, nämlich Singvögel, Papageien und Kolibris.&nbsp;</p>



<p>Diese Form des Lernens ist abzugrenzen von der des auditorischen Lernens. So können Hunde zum Beispiel lernen, was &#8222;Sitz!&#8220; bedeutet, obwohl das Wort nicht Bestandteil ihres angeborenen auditorischen Repertoires ist. Sie sind jedoch nicht in der Lage das Wort &#8222;Sitz!&#8220; zu imitieren und zu produzieren, wie stimmliche Lerner es können. Dafür sind nämlich bestimmte evolutionär bedingte Veränderungen des Vorderhirns nötig, welches eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung zwischen auditorischem Input und motorischem Output beim Lernen spielt. Aniruddh Patel, Professor der Psychologie an der Tufts University in Medford, Massachusetts vertritt die Meinung, dass genau diese Vermittlung uns dabei unterstützt, mittels mentaler Simulation der Bewegung das Timing des nächsten Taktschlags vorherzusagen. Da solch eine Verbindung auch für ein akustisches Verstehen und rhythmisches Wiedergeben unterschiedlicher Taktarten nötig ist, geht man davon aus, dass ausschließlich stimmliche Lerner dazu in der Lage sein sollten. Gemäß des experimentellen Vorgehens würde der Befund, dass ein <em>vocal learner</em> nicht dazu fähig ist, rhythmische Instanzen zu erkennen oder zu imitieren eine Widerlegung der oben aufgeführten Hypothese und somit auch der Vocal-Learner-Theorie als Basis des Taktgefühls darstellen. Weiterhin würde dies die Tatsache nach sich ziehen, dass auch andere Tiere neben den acht genannten zu Taktgefühl in der Lage sind, wonach die Theorie angepasst oder erweitert werden müsste. Man weiß jetzt schon, dass die erwähnten Hirnverbindungen bei Affen nicht bestehen und in der Tat, selbst nach über einem Jahr intensiven Trainings schaffte es in einem Versuch keiner der Affen im Takt eines Metronoms zu bleiben. Jedes Mal waren sie einige Millisekunden zu spät, haben den Takt nicht antizipiert sondern immer nur darauf reagiert.</p>



<p>Ein Studiendesign, mit dem man die Fähigkeit des Taktgefühls untersuchen kann, ist das folgende: Honing und Kollegen (2015) trainierten und testeten vier Zebrafinken aus der Gattung der Singvögel. Diese Art Vogel wird schon seit einigen Jahrzehnten für Untersuchungen in Bezug auf ihre Sing- und Erkennungsfähigkeiten im vokalen Bereich erforscht. So können sie zum Beispiel die Gesänge zweier Männchen in verschiedenen Tempovarianten unterscheiden, prosodische Sprachmuster erkennen und in Liedern eine ABAB- von einer AABB-Struktur unterscheiden. Der Versuchsaufbau bestand aus einem &#8222;go/no go&#8220;-Tasks bei welchem der Vogel auf einen Sensor mit roter LED-Leuchte pickte, wodurch ein tonaler Stimulus sowie eine zweite LED aktiviert wurde. In der Hälfte der Fälle war dies ein &#8222;go&#8220;-Stimulus (das, was wir als „taktvoll“ oder „rhythmisch“ bezeichnen würden, also eine regelmäßige Abfolge von Tönen), wonach der rechte Sensor gepickt werden musste und von einem zehnsekündigen Zugang zum Futtertrog als Belohnung gefolgt war. Neben zahlreichen anderen Faktoren, die für die Stimuli beachtet werden mussten (unter anderem eine Angleichung an jene Frequenzen, für die Zebrafinken am sensitivsten sind, die durchschnittliche Länge und Anzahl an einzelnen Tönen ihres Gesangs und ihre Diskriminationsdauer bei der Stimulusdauer), entwickelten die Forschenden für beide Bedingungen unterschiedliche Tonfolgen. Nämlich solche, die regulär auftraten und im Tempo geändert wurden (&#8222;go&#8220;-Bedingung) und solche, die ebenfalls im Tempo variiert wurden, jedoch irreguläre Abstände beinhalteten. Neben der Änderung im Tempo wurde weiterhin die Gesamtdauer des Stimulus variiert. Alle Vögel schafften es, die regelmäßigen von den unregelmäßigen Tonfolgen zu unterscheiden. Somit konnten sie zwischen den Trainingsstimuli ohne weitere Hilfsmittel außer den <em>inter-onset-Intervallen</em> (das Intervall zwischen zwei aufeinanderfolgenden Tönen) differenzieren, was zeigt, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf temporale Informationen richten können. Jedoch waren sie kaum in der Lage, die neuen isochronen Tempi voneinander zu unterscheiden. Daraus lässt sich ableiten, dass die Zebrafinken höchstwahrscheinlich keine kategoriale Wahrnehmung der isochronen vs unregelmäßigen Stimuli bildeten, sondern vielmehr eine größere Abweichung vom Trainingsstimulus, sei das jetzt schneller oder langsamer, als Indiz für die vermeintliche no go-Bedingung nahmen. Somit zeigten die Zebrafinken in dieser Studie kein direktes Taktgefühl, sondern eine exzellente, auf die Millisekunde genaue Zeitabschätzung einiger relevanter Intervalle, welche sie mit dem Trainingsstimulus vergleichen und dabei sensitiv für die marginalste Abweichung sind.</p>



<p>Ausgehend von diesen und vergleichbaren Befunden ist man mittlerweile der Auffassung, dass stimmliches Lernen zwar eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für das Vorhandensein von Taktgefühl ist. So fand man beispielsweise bei Seelöwen, dass sie in der Lage sind, zu Diskoliedern der 70er zu tanzen, auch wenn sie schneller oder langsamer gespielt wurden und das Tier sie zum ersten Mal hörte. Seelöwen gehören zwar zu einer Gattung, bei welchen es <em>vocal learners</em> gibt, jedoch wurde es bisher nur für Robben und nicht für Seelöwen angenommen. Patel hat aber auch hierfür eine Erklärung: es besteht die Möglichkeit, dass sie neurale Verbindungen eines gemeinsamen Vorfahren beider Spezies behalten haben, auch wenn sie selbst keine vokalen Lerner sind. Um dies mit Sicherheit sagen zu können, müssen jedoch ausführlichere Hirnscans durchgeführt werden. Weiterhin gibt es auch Fälle, bei welchen Schimpansen mit den Fingern zu einem Takt schlagen können (dieses Phänomen war jedoch limitiert auf Frequenzen, die relativ nah bei ihrem spontanen Bewegungstempo liegen). Das nächste Tier, welches Patel untersuchen möchte, ist das Pferd. Einige Besitzer haben ihm bereits mitgeteilt, dass manche Tiere ihre Bewegungen zu Musik anpassen können, wenn sie galoppieren. Ein signifikanter Befund in dieser Richtung würde neue Wege im Forschungsfeld eröffnen, da Pferde weder selbst vokale Lerner noch mit solchen verwandt sind.</p>



<p>Jetzt könnte man natürlich kritisch die Frage aufwerfen, wieso dieses Thema überhaupt so ausführlich beforscht wird. Patel beantwortet dies dahingehend, dass damit zum einen biologisches Grundwissen erforscht wird. Zum anderen bieten sich aber auch medizinisch interessante Anwendungen. Zum Beispiel gibt es Evidenz dafür, dass Musik und Rhythmus Menschen mit unterschiedlichen Störungen von Parkinson bis Alzheimer hilft, wir aber nicht genau wissen, wieso. Die Entdeckung eines Tieres, welches Takt genauso verarbeitet wie der Mensch, eröffnet komplett neue Möglichkeiten für die Forschung. Natürlich ist auch der Unterhaltungswert nicht zu unterschätzen, denn wer hätte sich vor hundert Jahren denken können, dass wir einmal Papageien untersuchen werden, die zu den Backstreet Boys tanzen?</p>



<p></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong>:<br>[1] Bencsik, A. (2002). Phantasievoll genießen – Lebensfreude im Alltag. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder.<br>[2] Pudel, V., Westenhöfer, J. (2003). Einführung in die Ernährungspsychologie.  Göttingen: Hogrefe.<br>[3] Pudel, V (2007). Zur Psychologie des Essens und Trinkens: Essen ist mehr als Ernährung. Biologie in unserer Zeit, 37(1), 18-24.<br>[4] Franz, A. Ernährung und Psyche: stimmungsaufhellende Lebensmittel.  Abgerufen von https://www.gesundheit-und-wohlbefinden.net/ernaehrung-und-psyche-stimmungsaufhellende-lebensmittel/ 24.05.2020, 12:59Uhr<br>[5] Ehrenstein, C. (2010). Was BSE an der Fleischproduktion verändert hat.  Abgerufen am 08.06.2020 von https://www.welt.de/gesundheit/article11180741/Was-BSE-an-der-Fleischproduktion-veraendert-hat.html</p>
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		<title>Endorphine und so…?</title>
		<link>https://psycho-path.de/endorphine-und-so/</link>
		
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		<pubDate>Thu, 14 Dec 2023 01:37:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[REBECCA SIEBERT. Sport wird im Moment als eine Art Allheilmittel gehandelt. Du bist nicht zufrieden mit deinem Körper? Probier doch mal Sport zu machen. Du bist gestresst? Geh doch mal ne Runde joggen! Stimmungstief? Mach Sport. Tatsächlich berichten viele Menschen, sich nach dem Sport besser zu fühlen als vorher. Aber warum ist das so? Die [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>REBECCA SIEBERT. <em>Sport wird im Moment als eine Art Allheilmittel gehandelt. Du bist nicht zufrieden mit deinem Körper? Probier doch mal Sport zu machen. Du bist gestresst? Geh doch mal ne Runde joggen! Stimmungstief? Mach Sport. Tatsächlich berichten viele Menschen, sich nach dem Sport besser zu fühlen als vorher. Aber warum ist das so? Die Antwort ist, wie so oft, etwas komplexer als das “Na, wegen der Endorphine”, was uns auf diese Frage meistens entgegnet wird. Neben biologischen Mechanismen spielen auch psychologische Komponenten eine Rolle.</em></p>



<span id="more-2187"></span>



<p><strong>BIOLOGISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE</strong><br>Die Endorphine, eine Gruppe körpereigener Opioide, die schmerzstillend wirken, wurden lange Zeit als die alleinige Ursache des sogenannten “Runner’s High” angenommen [1, 2, 3]. Dieser rauschähnliche Zustand, den Läufer:innen nach einer Weile des Joggens empfinden, geht mit Glücksgefühlen und Schmerzfreiheit einher und vermittelt den Läufer:innen das Gefühl ewig weiterlaufen zu können [4]. Inzwischen wird neben den Endorphinen noch ein anderer körpereigener Stoff hinter diesem Zustand vermutet: Endocannabinoide [5, 6, 7]. Diese binden im Gehirn an die gleichen Rezeptoren wie THC und spielen unter anderem auch in der Schmerzhemmung und der Emotionsregulation eine Rolle [8].<br>Allerdings ist das “Runner’s High” nicht der einzige Grund dafür, dass wir uns nach körperlicher Aktivität oft gut fühlen. Denn auch einige Neurotransmitter werden während oder nach dem Sport in anderen Mengen ausgeschüttet als dann, wenn wir uns nicht körperlich betätigen [9]. Am bedeutendsten im Hinblick auf die Stimmungsaufbesserung sind Dopamin und Serotonin. <br>Ersteres wird unter anderem mit motivationalen Konzepten wie Belohnung, aber auch mit Aufmerksamkeit in Verbindung gebracht [10]. Letzteres mit Stimmung und emotionalen Aspekten, wie beispielsweise Angst [11]. Das Dopamin-Level im Gehirn steigt nach dem Sport, weil durch die Bewegung mehr Calcium im Blut vorhanden ist, welches ins Gehirn transportiert und dort in der Synthese von Dopamin zum Einsatz kommt [12]. Das Serotonin-Level wird durch Sport  gesteigert, weil die Aktivität der Muskeln eine bestimmte Sorte von Aminosäuren verbraucht, die normalerweise mit Tryptophan (der Vorstufe von Serotonin) um den Transport ins Gehirn konkurrieren. Werden diese Aminosäuren allerdings von den Muskeln benötigt, kann mehr Tryptophan ins Gehirn gelangen, wo es in Serotonin umgewandelt wird [13]. Momentan nehmen Forschende an, dass das Zusammenspiel von erhöhten Dopamin- und Serotonin-Leveln nach einem Workout sich in einem angenehm-aktivierten Zustand auswirkt [14, 15]. Wir fühlen uns dann gut gelaunt und energiegeladen [16].</p>



<p><br><strong>PSYCHOLOGISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE</strong><br>Eine weitere Theorie, warum wir uns nach dem Sport besser fühlen, ist, dass wir während sportlicher Betätigung abschalten können: quasi eine Pause einlegen vom vielen Nachdenken. Dafür eignen sich laut bisherigem Forschungsstand besonders intensive Workouts wie das High-Intensity Interval Training (HIIT). Das liegt vermutlich daran, dass unser Gehirn nicht alle Regionen gleichzeitig gleich stark aktivieren kann; das wäre zu ressourcenaufwändig [17, 18]. Deshalb wird bei der Ressourcenverteilung priorisiert und die Regionen, die für die aktuelle Aufgabe wichtiger sind, bekommen mehr Ressourcen als andere Regionen. Beim Sport führt das dazu, dass mehr Ressourcen zu Regionen geleitet werden, die mit Bewegung, Koordination und Sinneswahrnehmungen zusammenhängen. Dabei bleiben weniger Ressourcen für den präfrontalen Kortex, die Region ganz vorne im Gehirn, die unter anderem für komplexere Aufgaben wie Denken und Planen zuständig ist. Und auch die Amygdala, ein für Furchtreaktionen wichtiger Bereich, wird während des Sports weniger mit Ressourcen versorgt [19]. Von diesem Mechanismus profitieren gerade Menschen, die sich viele Sorgen machen und denen es schwerfällt aus dem Grübeln herauszukommen. <br>Um einfachmal abschalten zu können, eignet sich allerdings nicht nur HIIT. Auch Sportarten, die viel Konzentration erfordern, bieten Ablenkung von anderen Gedanken. Dies ist zum Beispiel beim Klettern der Fall, da Überlegungen welche Bewegungen möglich sind oder ausgeführt werden sollten keinen Raum für andere Gedanken lassen [20]. Neben der Ablenkung bietet der Sport aber auch noch einen weiteren psychologischen Effekt, der zu verbesserter Stimmung beitragen kann. Denn nach dem Sport haben wir das Gefühl, etwas geschafft zu haben, ein Ziel erreicht zu haben. Und wenn wir regelmäßig Sport treiben, werden wir immer besser: Wir merken, dass wir länger durchhalten, die Bewegungsabläufe flüssiger hinbekommen und wir uns an herausforderndere  Workouts heranwagen können. Zusammengenommen erhöht das unsere Selbstwirksamkeit: Wir gewinnen Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten und haben das Gefühl, Dinge erfolgreich erledigen zu können [21, 22, 23].</p>



<p><br>Neben den genannten Erklärungsansätzen verdanken wir aber auch einen Teil des Effekts von Sport auf die Stimmung dem Placebo-Effekt. In sozialen Medien, Zeitschriften, auf You-Tube oder im Gespräch mit anderen werden wir immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass Sport gesund sei und dass man sich danach gut fühle. Dadurch bauen wir schon vor dem Sport die Erwartungshaltung auf, dass es uns danach sicherlich besser gehen wird. In einer Studie baten Forschende ihre Proband:innen vor dem Sport einen Stimmungsfragebogen auszufüllen und nach dem Sport mithilfe desselben Fragebogens rückwirkend noch einmal anzugeben, wie sie sich vor dem Sport gefühlt hatten und wie sie sich jetzt fühlten [24]. Beim Vergleich der Fragebögen, stellten sie fest, dass die Proband:innen ihre Stimmung vor dem Sport rückwirkend als schlechter einschätzten, als sie diese vor dem Sport angegeben hatten. Diese Anpassung führte dann wiederum dazu, dass der subjektive Kontrast zwischen der Stimmung vor und nach dem Sport als größer wahrgenommen wurde, als er eigentlich war. Diese Wahrnehmung passte gut zu den bereits bestehenden Annahmen zu den stimmungsaufhellenden Eigenschaften von Sport. Die Kontrollgruppe, die in der Zeit, in der die eine Gruppe Sport trieb, eine kognitive Aufgabe bearbeitete, zeigte keine rückwirkende Verzerrung ihrer Stimmungslage. </p>



<p>Auch führt nicht jede Art von Sport zu den hier beschriebenen Stimmungseffekten. Es gibt einige Punkte, die es zu beachten gilt. Zum einen wirken sich Unterschiede in der Intensität von Sport unterschiedlich stark auf die Stimmung aus. Die meisten Mechanismen, die hier angeführt werden, beziehen sich auf aerobische Sportarten mittlerer Intensität. Das sind Aktivitäten wie Joggen, Schwimmen oder Fahrradfahren bei einer Geschwindigkeit, durch die man sich nicht vollkommen verausgabt [25]. Als Daumenregel wird oft angegeben, dass wir uns bei mittlerer Intensität nebenher noch unterhalten können sollten (was natürlich nicht heißt, dass wir das während des Workouts zwingend tun müssen, wir sollten lediglich vom Atmen her noch dazu in der Lage sein). Auch wenn es dazu noch mehr Forschungsbedarf gibt, scheinen auch einige Sportarten mit niedriger Intensität, wie beispielsweise Yoga, positive Auswirkungen auf die Stimmung haben zu können [26]. Ein möglicher Grund dafür, könnte der stressreduzierende Effekt von Yoga sein, der unter anderem durch die Atemtechniken vermittelt zu werden scheint [27]. Das  achtsame Atmen führt dazu, dass im Gehirn vermehrt der inhibitorische Neurotransmitter GABA ausgeschüttet wird. Dieser verlangsamt die neuronale Aktivität dadurch, dass er die reizgesteuerte Erregung von Synapsen erschwert [28,29, 30].Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor ist selbstverständlich, ob wir während des Sports Spaß haben [31]. Eine Sportart, die wir uns aussuchen, weil sie uns Spaß macht, ist deutlich motivierender als eine, die wir nur für die daraus resultierende verbesserte Stimmung aussuchen, deren Ausführung uns aber jedes Mal aufs Neue Überwindung kostet [32].</p>



<p><br><strong>ÜBER DIE FORSCHUNG IN DIESEM BEREICH</strong><br>Auch wenn einige der Mechanismen, die für den Zusammenhang von Sport und guter Stimmung verantwortlich sein könnten, bereits erfolgreich untersucht wurden, gibt es in diesem Forschungsfeld noch viele unbeantwortete Fragen. Viele der neurowissenschaftlichen Studien wurden beispielsweise zunächst an Nagetieren durchgeführt und die daraus resultierenden Tiermodelle werden erst nach und nach mit menschlichem Erleben und Verhalten verknüpft. Eine weitere Einschränkung ergibt sich daraus, dass die meisten Studien klinische Patient:innen untersuchten, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Menschen ohne psychische Erkrankungen zunächst nicht zuließ. Es bildet sich inzwischen allerdings heraus, dass Menschen, die an Depressionen oder an einer Angststörung leiden, zwar durch ihren veränderten Ausgangspunkt einen stärkeren Stimmungsunterschied vor und nach dem Sport erleben als gesunde Menschen, letztere aber trotzdem von den stimmungsaufhellenden Effekten profitieren [33].</p>



<p></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-7152505971b2bf5e15ca9005e86cc77f" style="font-size:8px">Quellen<br>[1, 5, 10, 11, 14, 32] Basso, J. C., &amp; Suzuki, W. A. (n.d.). The Effects of Acute Exercise on Mood, Cognition, Neurophysiology, and Neurochemical Pathways: A Review. Brain Plasticity, 2(2), 127–152. https://doi.org/10.3233/BPL-160040<br>[2] Endorphine. (2020). In Wikipedia. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Endorphine&amp;oldid=206294867<br>[3, 7] Stone, N. L., Millar, S. A., Herrod, P. J. J., Barrett, D. A., Ortori, C. A., Mellon, V. A., &amp; O’Sullivan, S. E. (2018). An Analysis of Endocannabinoid Concentrations and Mood Following Singing and Exercise in Healthy Volunteers. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 12, 269. https://doi.org/10.3389/fnbeh.2018.00269<br>[4] Runner’s High. (2021). In Wikipedia. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Runner%E2%80%99s_High&amp;oldid=209153742<br>[6] Heijnen, S., Hommel, B., Kibele, A., &amp; Colzato, L. S. (2016a). Neuromodulation of Aerobic Exercise—A Review. Frontiers in Psychology, 6, 1890. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2015.01890<br>[8] Endocannabinoids—An overview | ScienceDirect Topics. (n.d.). Retrieved January 2, 2022, from https://w w w. s c i e n c e d i r e c t . c o m / t o p i c s / n e u r o s c i e n c e /endocannabinoids<br>[9, 15] Hyde, A. L., Conroy, D. E., Pincus, A. L., &amp; Ram, N. (2011). Unpacking the Feel Good Effect of Free-Time Physical Activity: Between- and Within-Person Associations with Pleasant-Activated Feeling States. Journal of Sport &amp; Exercise <br>Psychology, 33(6), 884–902.<br>[12] Sutoo, D., &amp; Akiyama, K. (1996). The mechanism by which exercise modifies brain function. Physiology &amp; Behavior, 60(1), 177–181. https://doi.org/10.1016/0031-9384(96)00011-X<br>[13, 20, 21] Himmer, N. (2014, August 28). Warum Sport gute Laune macht. Sportpsychologie München. https://www.sportpsychologie-muc.de/2014/08/28/warum-sport-gute-laune-macht/<br>[16] Liao, Y., Shonkoff, E. T., &amp; Dunton, G. F. (2015). The Acute Relationships Between Affect, Physical Feeling States, and Physical Activity in Daily Life: A Review of Current Evidence. Frontiers in Psychology, 6, 1975. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2015.01975<br>[17, 19] Dietrich, A. (2006). Transient hypofrontality as a mechanism for the psychological effects of exercise. Psychiatry Research, 145(1), 79–83. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2005.07.033<br>[18] Jung, M., Ryu, S., Kang, M., Javadi, A.-H., &amp; Loprinzi, P. D. (2021). Evaluation of the transient hypofrontality theory in the context of exercise: A systematic review with meta-analysis. 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		<title>Nachhaltig Handeln</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Dec 2023 01:55:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Was die Psychologie zum Umweltschutz beitragen kann – eine Einführung MARGARETE OVER. Wir ernähren uns vegetarisch oder vegan. Wir kaufen Second-Hand-Kleidung. Wir tun dies aus Verantwortung gegenüber unserer Umwelt und den nachfolgenden Generationen. Wir reisen aber auch gerne in ferne Länder, weil wir jung sind und die Welt entdecken wollen – und leise plagen uns [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-large-font-size"><strong>Was die Psychologie zum Umweltschutz beitragen kann – eine Einführung</strong></p>



<p>MARGARETE OVER. <em>Wir ernähren uns vegetarisch oder vegan. Wir kaufen Second-Hand-Kleidung. Wir tun dies aus Verantwortung gegenüber unserer Umwelt und den nachfolgenden Generationen. Wir reisen aber auch gerne in ferne Länder, weil wir jung sind und die Welt entdecken wollen – und leise plagen uns die Gewissensbisse des ökologischen Fußabdruckes. In unserem Alltag müssen wir häufig abwägen zwischen widerstreitenden Einstellungen, Wünschen und Vorstellungen. Der Klimawandel und seine Folgen sowie die Endlichkeit der Ressourcen gehören zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Doch steigen der Konsum und der Ressourcenverbrauch trotz effizienter Technologie unaufhaltsam an. So setzt sich mittlerweile die Erkenntnis durch, dass das menschliche Verhalten ein entscheidender Faktor im Gefüge ist. Und da liegt nichts näher als eine psychologische Perspektive.</em><strong> </strong></p>



<span id="more-2182"></span>



<p><strong>TEILDISZIPLIN DER PSYCHOLOGIE</strong><br>Umweltpsychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie, die sich mit der Wechselwirkung zwischen Individuen und ihrer natürlichen, sozialen und konstruierten Umwelt befasst. Dazu gehören etwa architektonische Fragen und auch physische Faktoren wie Lärm, mit ihren jeweiligen Bezügen zum<br>menschlichen Denken, Erleben und Verhalten. Die Umweltschutzpsychologie, häufig auch nur als Umweltpsychologie bezeichnet, ist wiederum ein Teilbereich der Umweltpsychologie und fokussiert auf Umweltschutzverhalten und nachhaltige Lebensstile.<br>Nachhaltige Verhaltensweisen können sowohl einmalige Entscheidungen sein, wie die Wahl eines Stromanbieters, als auch Gewohnheiten wie den täglichen Weg zur Arbeit betreffen. Schwerer zu verändern sind vor allem letztere, da sie in der Regel automatisiert ablaufen. Doch gibt es auch Phasen im Leben, in denen wir empfänglicher sind für Änderungen unserer Gewohnheiten. Bei kritischen Lebensereignissen, wie Arbeitsplatz- oder Wohnortswechsel ist ohnehin vieles im Veränderungsmodus, sodass auch Maßnahmen zur Förderung nachhaltiger Verhaltensweisen effektiver greifen. So kann ein einmaliges kostenloses Monatsticket für den öffentlichen Nahverkehr dafür sorgen, dass ich auch später häufiger auf dieses Fortbewegungsmittel setze.</p>



<p><br><strong>KLASSISCHE VERHALTENSMODELLE</strong><br>In der Theorie stützen sich diese Annahmen auf klassische Verhaltensmodelle, wie der Theorie des geplanten Verhaltens von Ajzen sowie dem Normaktivationsmodell von Schwartz und Howard. Ausgehend davon können dann Interventionen zur Förderung nachhaltiger Verhaltensweisen entwickelt werden. Grundlegend ist dabei die Erkenntnis, dass es nicht den einen Faktor zur Vorhersage nachhaltigen Verhaltens gibt, sondern verschiedene Komponenten zusammenwirken. Je nach Situation können sie sich ergänzen oder aber auch in Konflikt zueinander stehen. Wissen, Selbstwirksamkeit, soziale Norm sind hier entscheidende Schlagworte. Nehmen wir das Beispiel Flugreisen. Zuallererst muss ich wissen, dass Flugreisen im höchsten Maße umweltschädlich sind. Zur Wissenskomponente gehört damit zum einen Problembewusstsein, also das Wissen um die Existenz eines Umweltproblems. </p>



<p>Nicht minder wichtig ist jedoch zum anderen das Handlungswissen, denn allein das Gewahrsein über die Existenz eines Problems dient noch nicht direkt der Bewältigung desselben. Ich brauche eine Verhaltensalternative: Bus, Bahn oder warum trampe ich nicht gleich? Maßnahmen, die allein auf die Wissensvermittlung beschränkt sind, verfehlen jedoch häufig ihr Ziel, da sie wichtige andere Vorbedingungen zur Entstehung von Verhalten vernachlässigen. Schließlich wissen viele Leute, dass Flugreisen nicht unbedingt eine ökologische Art der Fortbewegung sind und buchen trotzdem einen Billigflieger.</p>



<p><br><strong>SOZIALE NORMEN</strong><br>Eine weitere elementare Komponente ist die soziale Norm. Dazu gehört die persönliche Einstellung, aber auch die Einschätzung des sozialen Umfeldes. Wie sollte ich mich in einer bestimmten Situation verhalten? Wie verhalten sich – unabhängig davon –wichtige Mitmenschen tatsächlich in eben dieser Situation? Wenn ich gerne auf Flugreisen verzichten möchte, aber mein Freundeskreis einen gemeinsamen Urlaub auf den kanarischen Inseln plant, befinde ich mich schnell in einem Konflikt zwischen der eigenen Einstellung und den Vorstellungen meines Umfeldes.</p>



<p><br><strong>SELBSTWIRKSAMKEIT</strong><br>Auf dem Weg zur Verhaltensausführung ist außerdem die Selbstwirksamkeit zentral, also das Vertrauen in die eigenen spezifischen und relevanten Fähigkeiten,<br>einer Situation gewachsen zu sein. In dem Beispiel könnte dies etwa auch die Vorstellung sein, meine Freunde für eine gemeinsame Reise über Land und Wasser zu begeistern. Eng damit verknüpft ist auch die Frage nach der Tragweite<br>des eigenen Handelns. Habe ich das Gefühl, mit meinem Verhalten etwas bewirken zu können? Es bedarf also des Gefühls, dass das Handeln des Einzelnen relevant ist. Und ich beruhige mich nicht mit der Aussage, dass der Flieger ja auch ohne mich startet.</p>



<p><br><strong>AUSBILDUNG EINER VERHALTENSINTENTION</strong><br>Wissen, soziale Norm und Selbstwirksamkeit können zur Ausbildung einer Verhaltensintention führen, also der konkreten Absicht, ein bestimmtes Verhalten auszuführen. Doch auch die Absicht, ein bestimmtes Verhalten auszuführen, führt noch nicht zwangsläufig zum tatsächlichen Handeln. Ein anspruchsvolles Ziel, das konkret formuliert ist und kleinere Teilziele enthält, wird mit einer höheren Wahrscheinlichkeit erreicht als diffuse Absichtsbekundungen. Im Alltag können kleine Erinnerungshilfen nützlich sein: kurz und höflich, leicht auszuführen und auf das erwünschte Verhalten fokussiert, erhöhen sogenannte Prompts die Wahrscheinlichkeit bestimmter Verhaltensweisen. </p>



<p><br><strong>NACHHALTIG LEBEN</strong><br>Vielen Überlegungen zur Förderung nachhaltiger Verhaltensweisen liegt die Annahme zugrunde, dass eine nachhaltige Lebensweise förderlich für Zufriedenheit und Wohlbefinden sein kann. Denn nachhaltige Verhaltensweisen werden nur dann langfristig ausgeführt, wenn sie insgesamt als belohnend und positiv wahrgenommen werden. Wenn ich das Gefühl habe, mich ständig einschränken zu müssen, werde ich auf kurz oder lang in alte Verhaltensweisen zurückfallen. Suffizienz ist an dieser Stelle ein Schlüsselwort. Gut umschrieben wird es durch den Ausdruck „das rechte Maß“, manchmal auch durch Genügsamkeit. Es geht um ein gutes Leben ohne Überfluss, unter Rücksicht auf die Umwelt. Prof. Dr. Marcel Hunecke, Professor für Allgemeine Psychologie sowie Organisations- und Umweltpsychologie an der FH Dortmund, hat ein umfassendes Modell zu psychologischen Ressourcen für nachhaltige Lebensstile entworfen. Sechs Komponenten fasst er als elementar auf: Genussfähigkeit, Selbstakzeptanz, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Sinnkonstruktion und Solidarität.</p>



<p><br><strong>STRUKTURELLE ASPEKTE</strong><br>Trotz des Fokus auf die individuellen Merkmale von nachhaltigen Verhaltensweisen dürfen strukturelle Aspekte nicht außer Acht gelassen werden. Eine Studie zeigte, dass sich Personen mit eher geringem Umweltbewusstsein sich ebenso umweltschützend verhalten, wie Personen mit ausgeprägten Umweltbewusstsein, wenn das entsprechende Verhalten strukturell erleichtert wird, z.B. sagen vorhandene Vorrichtungen zur Mülltrennung das Recyclingverhalten besser voraus als das Umweltbewusstsein. Ebenso können durch Voreinstellungen bestimmte Entscheidungsoptionen wahrscheinlicher werden. Defaults bezeichnen die Option, die eine Person erhält, wenn sie sich nicht explizit anders entscheidet. Bei der Wahl eines Stromanbieters kann der Default Ökostrom sein, bei der Wahl einer Mahlzeit die vegetarische Variante.</p>



<p><br><strong>INTERESSE AN DIESEM BEREICH?</strong><br>An der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg gibt es einen Masterstudiengang mit dem Schwerpunkt der Mensch-Umwelt-Beziehungen. Auch an anderen Universitäten entsteht ein wachsendes Angebot an Vorlesungen und Seminaren mit umweltpsychologischen Fragestellungen, so etwa in Jena, Heidelberg, Konstanz und Greifswald. Wer umweltpsychologische Fragen in seinem universitären Curriculum vermisst oder gerne selbst in Aktion treten möchte, kann sich in die Initiative Psychologie im Umweltschutz e.V. (IPU) einbringen. Die IPU ist ein bundesweites Netzwerk von Studierenden, überwiegend der Psychologie, aber auch verwandten Studiengängen, und Berufstätigen aus den Bereichen Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Zweimal jährlich findet ein Kongress zu einem wechselnden umweltpsychologischen Thema statt. In den vergangenen Jahren ging es etwa um umweltpsychologische Perspektiven auf Fragen des kommunalen Klimaschutzes, der Commons-Dilemmata, der Politik und Nachhaltigkeitskommunikation. Neben einer Plattform für Austausch und Diskussion zu nachhaltigkeitsbezogenen Themen entstehen immer wieder neue Projekte aus dem Kreis der Engagierten. In Kürze erscheint das Buch „Psychologie im Umweltschutz. Handbuch zur Förderung nachhaltigen Verhaltens“ beim oekomVerlag. Es bietet eine praktische Handreichung zum Verständnis von Umweltpsychologie und unterstützt Interessierte bei der Umsetzung eines nachhaltigen Lebensstils.</p>



<p><strong>Mehr zur IPU unter: www.ipu-ev.de</strong></p>



<p class="has-white-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-60acb8aa4296fdf8be53535ba1751b64">Über die Autorin: Margarete Over ist Masterstudentin der Psychologie in Heidelberg. In ihrer Bachelorarbeit befasste sie sich mit den sozialkognitiven Grundlagen von Kooperation in ökologisch-sozialen Dilemmata. Seit 2014 engagiert sie sich in der Initiative Psychologie im Umweltschutz e.V., organisierte dabei den Kongress zum Thema „Mit Umweltpsychologie den kommunalen Klimaschutz stärken“ und war als Vorstandsmitglied aktiv.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-6d493f7f791dbbff84963493ba538480" style="font-size:8px">Quellen<br>Hamann, K., Baumann, A. &amp; Löschinger, D. (in press). Psychologie im Umweltschutz. Handbuch zur Förderung nachhaltigen Verhaltens. oekom <br>Hunecke, M. (2013). Psychologie der Nachhaltigkeit – Psychische Ressourcen für Postwachstumsgesellschaften. oekom: München.</p>
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		<title>Vom Hörsaal zur Professur</title>
		<link>https://psycho-path.de/vom-hoersaal-zur-professur/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Nov 2023 12:45:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#mehr_campus]]></category>
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					<description><![CDATA[Wo sind denn hier die Frauen hin? JULIANE LUCAS. Schaut man sich während einer Psychologie-Vorlesung im Hörsaal um, ist es nicht schwer zu erkennen, welches Geschlecht überproportional unter den Studierenden vertreten ist: über 75&#160;% der Psychologie-Bachelor- und Masteranfänger:innen sind weiblich. [1] Wenn man den Vorlesungssaal jedoch verlässt und einen Blick in die Büros des akademischen [&#8230;]]]></description>
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<h1 class="wp-block-heading">Wo sind denn hier die Frauen hin?</h1>



<p>JULIANE LUCAS. <em>Schaut man sich während einer Psychologie-Vorlesung im Hörsaal um, ist es nicht schwer zu erkennen, welches Geschlecht überproportional unter den Studierenden vertreten ist: über 75&nbsp;% der Psychologie-Bachelor- und Masteranfänger:innen sind weiblich. [1] Wenn man den Vorlesungssaal jedoch verlässt und einen Blick in die Büros des akademischen Hochschulpersonals wirft, sinkt der Anteil angestellter Wissenschaftlerinnen rapide – und noch mehr auf dem Weg zu Inhaberinnen einer Professur.</em><strong>&nbsp;&nbsp;</strong></p>



<span id="more-2122"></span>



<p>In Deutschland werden ca. 44 % der Psychologie-Professuren von Frauen geleitet. [2] Die TU Dresden befindet sich da genau in dieser Größenordnung. Sicher, ein Verhältnis von fast 50:50 klingt erstmal nicht schlecht – schaut man sich jedoch die Zahl der weiblichen Studierenden zu Studienbeginn an, stellt man sich trotzdem die Frage: Wo sind denn hier die Frauen hin?&nbsp;Die heutigen Geschlechterverhältnisse im Psychologiestudium waren natürlich nicht die gleichen als unsere aktuellen Professor:innen studierten. Trotzdem: vor über 40 Jahren, Ende der 1970er, waren bereits mehr weibliche als männliche Studierende in unserem Studienfach eingeschrieben. [3] Um die Jahrtausendwende herum studierten doppelt so viele Frauen wie Männer Psychologie. [3] Die Psychologie ist also schon länger eher frauendominiert – die wissenschaftliche Arbeit jedoch nicht. Bei angestellten Wissenschaftler:innen und Post-Docs sind die Geschlechter noch recht ausgeglichen, aber je weiter man die Karriereleiter hinaufklettert, desto weniger Frauen begegnen einem. Juniorprofessor, Professor, schließlich Rektor – eher selten kann man ein „-in“ dranhängen. Das Phänomen, dass in der Wissenschaft mit jedem Karriereschritt der Frauenanteil kontinuierlich abnimmt, wird als <em>Leaky-Pipeline-Effekt</em> bezeichnet. Dabei ist der „Verlust“ von Frauen in der Psychologie deutlich geringer als in anderen Studienfächern.</p>



<p></p>



<p>Der Leaky-Pipeline-Effekt ist in Studienfächern, bei denen insgesamt weniger Frauen ein Studium aufnehmen, durch strukturelle Hindernisse und geschlechterspezifische Stereotype leichter erklärbar als in Studienfächern, bei denen der Frauenanteil schon während des Bachelors hoch ist. Wenn z.B. durch eine bereits anfängliche und historisch geprägte Ungleichverteilung die höheren Karrierestufen eher von Männern besetzt sind, könnte bei der Personalauswahl öfter die homosoziale Kooperation greifen. Diese steht für einen Vorgang im Rekrutierungsprozess, bei dem eher Personen präferiert werden, die den Vorgänger:innen ähnlich sind – Männer wählen öfter Männer als Nachfolger aus. [4] Auch das ist natürlich ein Problem in der Psychologie, welches sich aber über Jahre langsam hätte ausschleichen müssen. Bei Studienfächern mit einem hohen Anteil weiblicher Studierender werden daher auch andere Gründe genannt, wie beispielsweise der Glass-Escalator-Effekt. Dieser beschreibt die erhöhten Beförderungschancen von Männern, wenn diese einen Minoritätenstatus haben. Somit können Männer sogar aufgrund von zugeschriebenen Geschlechtsstereotypen von ihrer Seltenheit profitieren – im Gegensatz zu Frauen. [5]&nbsp;</p>



<p>Natürlich gibt es noch viele weitere Gründe, z. B. unterschiedliche Familienplanung und Betreuungszeiten bei Männern und Frauen, andere (und/oder fehlende) Vernetzungsmöglichkeiten der Frauen oder fehlende weibliche Vorbilder. [4] Einige dieser Probleme möchte die TU Dresden mit Gleichstellungsmitteln angehen und hat dazu ein Programm für MINT-Studentinnen geschaffen, welches seit dem Sommersemester 2023 angelaufen ist. Da die Psychologie an der TU Dresden zu den Naturwissenschaften gezählt wird, können auch Psychologiestudentinnen an dem Programm teilnehmen.</p>



<p>Das <em>Mentoring-Programm für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Studentinnen</em> hat zum Ziel, die Teilnehmerinnen bei der Vorbereitung und Umsetzung der eigenen wissenschaftlichen Laufbahn zu fördern. Dazu bietet es den Raum, dass sich die Studentinnen vernetzen und sich über ihre Erfahrungen, Pläne und Sorgen austauschen können. In angeleiteten Peer-Mentorings werden Themen wie Networking und mögliche Hürden für Frauen im Wissenschaftsbereich diskutiert, in überfachlichen Workshops Kompetenzen zu Themen wie Zielsetzung, Zeit- und Selbstmanagement und Mut zur Sichtbarkeit gestärkt. Im Verlauf des Programms finden außerdem Mentoring-Treffen mit Nachwuchswissenschaftlerinnen der Universität statt, sodass ein Erfahrungsaustausch weiterführender ermöglicht wird, bei dem die Studentinnen hilfreiche Tipps für ihren eigenen Karriereweg erhalten können. Jeder Durchlauf des Programms hat eine Dauer von einem Jahr, wobei die Veranstaltungen gegen Ende immer freier und von den Studentinnen selbst organisiert werden.&nbsp;</p>



<p>Im jetzigen ersten Durchlauf nehmen insgesamt 30 MINT-Studentinnen am Programm teil, was laut der Programm-Koordinatorin Grit Schuster darauf hindeutet, „dass es einen Bedarf an dieser Stelle gibt, der durch die Programminhalte bedient wird. Das Programm dient der Orientierung und dem Sichtbarmachen von Strukturen und Regeln insbesondere für Frauen im Wissenschaftsbetrieb“. Hinsichtlich des Studienstandes sind die Teilnehmerinnen sehr heterogen, sodass das Erfahrungswissen bezüglich einer Karriere in der Wissenschaft sehr unterschiedlich sei. „Generell ist bei allen Teilnehmerinnen eine sehr hohe Affinität und ein starkes Interesse an einer Wissenschaftskarriere erkennbar.“, so Grit Schuster.</p>



<p>Wenn man männlichen Kommilitonen von dem Programm erzählt, blickt man oft in leicht enttäuschte Gesichter und es wird vorsichtig nach ähnlichen Programmen, die auch Männern zugänglich sind, gefragt. Unterstützung für eine wissenschaftliche Laufbahn und bei der Entscheidung, ob und wenn ja, wie man eine Promotion angehen sollte, wird sich von allen Interessierten gewünscht. Grit Schuster verweist darauf, dass Mentoring-Programme und Förderinitiativen an Universitäten in der Regel darauf abzielen, die Chancengleichheit und die berufliche Entwicklung aller Studierenden und Nachwuchswissenschaftler:innen zu fördern, unabhängig von ihrem Geschlecht. „Einige der Programme richten sich jedoch oft an unterrepräsentierte und als besonders förderwürdig erachtete Gruppen. In unserem Fall ist es eine Reaktion darauf, dass Frauen in Führungspositionen in der Wissenschaft viel weniger vertreten sind als Männer.“</p>



<p>Ich für meinen Teil bin sehr dankbar, dass ich durch das Programm die Möglichkeit habe, mich mit anderen Studentinnen &#8211; auch außerhalb der Psychologie &#8211; über eine akademische Laufbahn auszutauschen. Bei den Peer-Mentoring-Treffen werden gemeinsam Ideen gesammelt, wie man sich ein Netzwerk aufbauen kann, man tauscht sich über erhöhten Leistungsdruck aus, merkt auch einfach, dass man nicht allein mit seinen Sorgen ist und baut sich ganz nebenbei ein Frauennetzwerk auf. Die Workshops helfen zur Orientierung, schaffen etwas mehr Klarheit darüber, was man eigentlich will und der Austausch mit anderen Studentinnen ist auch an dieser Stelle unglaublich hilfreich. Nach etwas aufgekommenen Frust über Teilzeitstellen, Publikationsdruck, schwieriger Familienplanung etc. war es richtig heilsam, sich mal wieder zu erinnern, warum man trotzdem in der Wissenschaft arbeiten möchte. Dass sich all der Stress auszahlen wird, wenn man das machen kann, wofür man brennt.&nbsp;<br>Für Nachwuchswissenschaftlerinnen ist das Programm ebenso attraktiv: als Mentorinnen können sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen im Wissenschaftsbereich vermitteln und sich aktiv als Vorbild an der Nachwuchsförderung beteiligen.&nbsp;</p>



<p>Die TU Dresden ist nicht die einzige Uni, die das Leaky-Pipeline-Problem angeht. An vielen deutschen Universitäten gibt es Mentoring-Programme, die auch speziell Frauen in der Wissenschaft fördern sollen. Schaut bei Interesse doch einfach mal, ob eure Uni ebenso entsprechende Programme anbietet: <a href="https://forum-mentoring.de/programme/geografische-suche-deutschland/">https://forum-mentoring.de/programme/geografische-suche-deutschland/</a></p>



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<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong><br>[1] Statistisches Bundesamt (Destatis). (n.d.). Studierende an Hochschulen &#8211; Fachserie 11 Reihe 4.1 &#8211; Sommersemester 2022. <em>Bildung Und Kultur</em>. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Publikationen/Downloads-Hochschulen/studierende-hochschulen-ss-2110410227314.html<br>[2] Statistisches Bundesamt (Destatis). (n.d.). Personal an Hochschulen &#8211; Fachserie 11 Reihe 4.4 &#8211; 2021. <em>Bildung Und Kultur.</em> https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Publikationen/Downloads-Hochschulen/personal-hochschulen-2110440217004.html<br>[3] Wieser, M., &amp; Malich, L. (2021). Editorial &#8211; Rückblick im Umbruch. <em>Psychologische Rundschau</em>, <em>72</em>(3), 177–180. https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000543<br>[4] Stemmer, L. (2020). <em>Frauen in MINT: Ein systemischer Erklärungsansatz der Leaky Pipeline</em> (Doctoral dissertation, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU)).<br>[5] Osterloh, M., Rost, K., Hizli, L., &amp; Mösching, A. (2022). <em>Bericht zum Forschungsauftrag „Leaky Pipeline“</em>. 1–64.<br>[6] <em>Frauen- und Männeranteile im akademischen Qualifikationsverlauf, 2020</em>. (o. D.). https://www.gesis.org/cews/daten-und-informationen/statistiken/thematische-suche/detailanzeige/article/frauen-und-maenneranteile-im-akademischen-qualifikationsverlauf</p>
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