<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>#mehr_wissen &#8211; Psycho-Path WordPress-Seite</title>
	<atom:link href="https://psycho-path.de/category/mehr_wissen/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://psycho-path.de</link>
	<description>Zeitung, Veranstaltungen von und für Psychologie-Studierende und jede Menge Süßes</description>
	<lastBuildDate>Sat, 22 Jun 2024 10:40:49 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.0</generator>

<image>
	<url>https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2017/02/cropped-Versuch-Profilbild-32x32.png</url>
	<title>#mehr_wissen &#8211; Psycho-Path WordPress-Seite</title>
	<link>https://psycho-path.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>WE ARE WEIRD</title>
		<link>https://psycho-path.de/we-are-weird/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jul 2024 10:39:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[# 45 wunder]]></category>
		<category><![CDATA[#mehr_wissen]]></category>
		<category><![CDATA[bias]]></category>
		<category><![CDATA[daten]]></category>
		<category><![CDATA[forschung]]></category>
		<category><![CDATA[helene-kühn]]></category>
		<category><![CDATA[sonderbar]]></category>
		<category><![CDATA[stichprobe]]></category>
		<category><![CDATA[weird]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://psycho-path.de/?p=2272</guid>

					<description><![CDATA[Wie sonderbare Stichproben unsere Vorstellung der Menschheit beeinflussen HELENE KÜHN. Wenn du das hier liest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du weird bist. Bevor du denkst, ich verurteile dich: diese Abkürzung steht im Englischen für Western, Educated, Industrialized, Rich und Democratic und wurde von Joseph Henrich und seinen Kolleg:innen geprägt. Henrich argumentiert, dass wir weird [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading">Wie <em>sonderbare</em> Stichproben unsere Vorstellung der Menschheit beeinflussen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">HELENE KÜHN. <em>Wenn du das hier liest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du weird bist. Bevor du denkst, ich verurteile dich: diese Abkürzung steht im Englischen für Western, Educated, Industrialized, Rich und Democratic und wurde von Joseph Henrich und seinen Kolleg:innen geprägt. Henrich argumentiert, dass wir weird beziehungsweise im Deutschen sonderbar und damit als Standardversuchspersonen nicht gut geeignet seien, um repräsentativ für den Homo sapiens zu stehen.</em><br><em>Was hat uns weird gemacht? Und wie wirkt sich unsere Sonderbarkeit auf die psychologische Forschung aus?</em></p>



<span id="more-2272"></span>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-4a990492577ff7291c6657c7df84f650 wp-block-paragraph"><strong>Disclaimer:</strong><br>1. Die binäre Einteilung in <em>weird</em> und nicht-<em>weird</em>, beziehungsweise <em>sonderbar</em> und nicht-<em>sonderbar</em>, ist natürlich stark vereinfacht und der Tatsache geschuldet, dass sie statistische Vergleiche und Zusammenfassungen leichter machen, beziehungsweise dass Ethnizitäten in Studien nicht unbedingt differenziert berichtet werden. Es handelt sich in der Realität weniger um scharf getrennte Gegensätze, sondern um ein Kontinuum, denn Kulturen können sich mischen. Zudem finden sich Unterschiede zwischen Stichproben auch beispielsweise zwischen Generationen oder zwischen Populationen aus ländlichen und städtischen Regionen. <br>2. <em>Weird</em> oder <em>sonderbar</em> bezieht sich sowohl auf das Akronym, als auch auf die Tatsache, dass wir tatsächlich sonderbar sind, also relativ zur Weltbevölkerung in vielen Aspekten eine Ausnahme oder Ausreißer darstellen. Auf einige wird im folgenden Text eingegangen.<br>3. Dieser Text basiert vorwiegend auf der Arbeit von J. Henrich und seinen Kolleg:innen, die sie in dem Paper „The weirdest people in the world?“ [4] veröffentlichten. Außerdem stützt sich der Artikel auf Henrichs Buch „Die seltsamsten Menschen der Welt“ [3]. Studien werden der Einfachheit halber direkt aus diesen beiden Arbeiten zitiert.</p>



<ol class="wp-block-list"></ol>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir Studienergebnisse analysieren und diskutieren, möchten wir diese am liebsten generalisieren. Schließlich klingt es besser und sinnvoller, wenn wir mit unserer Arbeit Erkenntnisse über die Menschheit als Ganzes erhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wen untersuchen wir meistens? Kommiliton:innen aus der Psychologie, oft Anfang 20, oft weiblich, meistens Rechtshänder:innen, … Kurz: eine relativ homogene Stichprobe. Laut einer Untersuchung nutzen psychologische Studien zu 96% <em>sonderbare</em> Menschen, obwohl diese nur 12% der Weltbevölkerung ausmachen. Dabei sind 68% der Versuchspersonen aus den USA, und auch bei den Erstautor:innen handelt es sich zu 73% um Forschende amerikanischer Universitäten. Außerdem sind weit über die Hälfte der Studienteilnehmenden Psychologiestudierende aus dem Bachelor [4].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus ergeben sich zwei Probleme. Erstens: Verhaltenswissenschaftliche Ergebnisse basieren auf Untersuchungen einer wenig diversen Gruppe von Menschen, das heißt es gibt einen <em>Sample Bias</em>. Zweitens: Verhaltenswissenschaftler:innen gehen davon aus, dass alle Menschen zumindest ähnliche kognitive und affektive Prozesse aufweisen und dass ihre Ergebnisse allgemeingültig sind, sodass sie damit das Verhalten der Menschheit, oder des <em>Homo sapiens</em>, erklären können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Begeben wir uns zu den Anfängen des Homo Sapiens. Ursprünglich lebten wir in kleinen Gruppen von Jäger:innen und Sammler:innen. Dabei waren Familienbünde am wichtigsten; es gab keine Schulen, Regierungen oder andere Institutionen und jede Gruppe sorgte selbst für ihr Überleben. Die Menschen legten jeden Tag weite Strecken zu Fuß zurück, aßen insgesamt weniger und tätigten wesentlich mehr körperliche Arbeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Vergleich dazu ist die Umwelt, in der wir heute aufwachsen, mit ihren ergonomisch geformten Stühlen, Autos und fertigem Essen aus dem Supermarkt sehr ungewöhnlich und weit entfernt von unserem Ursprung. Wir sind <em>westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch</em> und haben nur noch wenig mit unseren Vorfahren gemeinsam &#8211; geschweige denn mit nicht-<em>sonderbaren</em> Menschen, auf die diese Eigenschaften nicht zutreffen, die aber den Großteil der Weltbevölkerung ausmachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-cb22b4d01052ab45acc9bf5734b0b9e6 wp-block-paragraph"><strong>Wie konnte es dazu kommen, dass wir </strong><strong><em>sonderbar</em></strong><strong> geworden sind?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einige Aspekte, die uns <em>sonderbar</em> gemacht haben. Dazu gehören eine Veränderung im Denken über Zeit, Arbeit, Pünktlichkeit und Geduld, sowie eine Entwicklung bestimmter Dispositionen und eines einheitlichen „Ichs“, aber auch religiöse Einflüsse, Veränderungen von Familienstrukturen, und selbst klimatische Faktoren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um nur ein Beispiel zu nennen: Im europäischen Spätmittelalter traten die ersten mechanischen Uhren auf, verbreiteten sich rasant bis in die meisten Kirchen und/oder Rathäuser und bestimmten von da an den Alltag. Dazu zwei interessante Fakten: Erstens, wir sind versessen darauf, Zeit zu sparen, und verbringen den ganzen Tag damit, auf die Uhr zu schauen. Das ist in Jäger- und Sammlerkulturen nie der Fall gewesen. Zweitens, unsere <em>sonderbare</em> Zeitpsychologie lässt sich beobachten, indem man die Gehgeschwindigkeit in verschiedenen Ländern unauffällig betrachtet. Durchschnittlich gehen Menschen in <em>sonderbaren</em> Ländern 30% schneller als in nicht-<em>sonderbaren</em> Regionen. Je <em>sonderbarer</em> ein Land, desto schneller gehen seine Bewohner:innen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Erfindung der mechanischen Uhr veränderte sich auch die Arbeit: Stundenlöhne wurden eingeführt, Pünktlichkeit gewann an Wichtigkeit und Arbeit wurde insgesamt effizienter. So gibt es auch einen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Einführung der Uhr und dem wirtschaftlichen Wachstum. Der Wohlstand trat dabei erst einige Generationen später ein, da es eine Weile dauert, bis das Denken und Handeln von Personen sich anpasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anpassungen im Verhalten und die Entwicklung unterschiedlicher Kulturen hatte auch neuroanatomische Folgen. Zu den Veränderungen gehört unter anderem eine Verdickung des Corpus Callosum, eine Verlagerung der Gesichtserkennung in die rechte Hemisphäre, sowie eine Reduktion der Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, und die Entwicklung des Broca-Areals aus dem präfrontalen Kortex. All diese Umformungen führen unter anderem dazu, dass du diesen Text gerade lesen kannst. Beim Lesenlernen entstehen Netzwerke, die es uns dann ermöglichen, Zeichen als Buchstaben zu erkennen und diese zu Wörter zusammenzusetzen, zumindest solange es sich um ein Alphabet handelt, mit dem man vertraut ist. Das geschieht&nbsp; automatisch und unbewusst, ob wir das gerade wollen oder nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Beispiel für eine veränderte Verarbeitung von Stimuli aufgrund kultureller Einflüsse, ist die rechtshemisphärische Tendenz bei der Gesichtserkennung. Versuchspersonen an westlichen Universitäten zeigten. Das Ergebnis wurde so oft an westlichen Universitäten repliziert, dass man schloss man, dies stelle ein allgemeines Merkmal des Menschen dar. Jedoch handelt es sich mehr um ein Nebenprodukt der Alphabetisierung, die zu neuroanatomischen Veränderungen führte und die sich vor allem in <em>sonderbaren</em> Ländern ausbreitete. Breit alphabetisierte Gesellschaften gab es vor einigen hundert Jahren noch nicht, sodass sich auch unsere Neuroanatomie von unseren Vorfahren unterscheidet.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem, das sich hierbei ergibt, ist zwar eher eine Missachtung des Bildungsstandes (schließlich gibt es auch heute noch eine relativ hohe Zahl nicht-alphabetisierter Menschen) als ein Unterschied zwischen <em>sonderbaren</em> und nicht-<em>sonderbaren</em> Personen, zeigt jedoch, dass kulturelle Einflüsse das Gehirn verändern können und einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf Studienergebnisse und Annahmen über das menschliche Gehirn haben.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verschiedene Entwicklungen haben uns zu dem gemacht, was wir <em>Sonderbaren</em> heute sind:&nbsp; individualistisch, selbstverliebt, kontrollorientiert, nonkonformistisch und analytisch. Damit unterscheiden wir uns nicht nur erheblich von unseren Vorfahren, sondern auch von nicht-<em>sonderbaren</em> Menschen, die laut der Argumentation von Henrich und Kolleg:innen eher dem ursprünglichen <em>Homo sapiens</em> ähneln.</p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-e99f27b643a3c89d8b6feb28fa5461c1 wp-block-paragraph"><strong>Wie wirkt sich das Ganze nun auf die psychologische Forschung aus?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Folgenden einige Beispiele&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Räumliche Wahrnehmung</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Abhängig von der Sprache werden Wege, das Farbspektrum oder die Mengen von Objekten auf bestimmte Arten und Weisen beschrieben. In indo-europäischen Sprachen geschehen diese räumliche Beschreibungen egozentrisch, das heißt, ein Ort oder Objekt wird relativ zum Selbst betrachtet. Fast sämtliche anderen Sprachen haben eine allozentrische Sichtweise, das heißt, entweder sind die Beschreibungen geozentrisch (also ausgehend von Himmelsrichtungen) oder objektzentriert (also ausgehend von einem Koordinatensystem um das Objekt). In einer Studie, die niederländische und Tzeltal-Muttersprachler:innen vergleicht, wurde den Versuchspersonen an einem Tisch ein Pfeil gezeigt, der entweder nach rechts (Richtung Norden) oder nach links (Richtung Süden) zeigte. Dann sollten sie sich um 180 Grad drehen und sahen auf einem zweiten Tisch zwei Pfeile, einer der nach links (Richtung Norden) und einer der nach rechts (Richtung Süden) zeigte. Die Aufgabe war es zu bestimmen, welcher der beiden Pfeile dem Pfeil des ersten Tisches entsprach. Abhängig von ihrer Muttersprache antworteten die Niederländer:innen relativ, und die Teltzal-Sprachler:innen absolut. Die relative Lösung ist der Pfeil, der auf beiden Tischen ausgehend von einem selbst nach rechts zeigt; die absolute Lösung der Pfeil, der auf beiden Tischen nach Norden zeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut einer weiteren ähnlichen Studie, die verschiedene Affenarten und vierjährige europäische Kinder vergleicht, zeigen auch kleine Kinder egozentrischer Sprachen eine allozentrische Orientierung, wobei diese „überschrieben“ wird, sobald sie ihre Sprache besser beherrschen [2].</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Analytisch vs. Holistisch</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Sonderbare</em> Menschen denken eher analytisch, nicht-<em>sonderbare</em> eher holistisch. Auf analytischer Ebene werden Objekte von ihrem Kontext distanziert und Verhalten wird auf Basis von Regeln oder Kategorien erklärt und vorhergesagt. Im holistischen Denken wird der Kontext als Ganzes betrachtet, und Dinge oder Verhalten werden auf Basis von Beziehungen zueinander erklärt und vorhergesagt. Prinzipiell sind wir zwar zu beidem fähig, aber unsere Präferenz ergibt sich aus unserer Kultur und unseren Erfahrungen. Wenn beispielsweise Eigenschaften einer Person in einer Situation beschrieben werden sollen, würden analytisch denkende Menschen eher die Person unabhängig von der Situation betrachten und davon ausgehen, dass die Eigenschaften stabil sind. Holistisch denkende Menschen würden argumentieren, dass die Situation die Eigenschaften der Person kontrolliert und dass sie veränderbar sind. Eine Situation zu ignorieren und nur auf Dispositionen zu fokussieren ist ein Ergebnis, dass so oft repliziert wurde, dass man es als „fundamental attribution error“ bezeichnete und daraus schloss, dass es ein allgemein menschliches Verhalten sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seinen Ursprung hat dies in Unterschieden in der Selbstdefinition: independent (<em>sonderbar</em>) oder interdependent (nicht-<em>sonderbar</em>), also Fokus auf eigene Fähigkeiten oder Fokus auf die Rolle in der Gruppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Individualismus vs. Kollektivismus</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Satz „Ich bin ____“ vervollständigen <em>sonderbare</em> Menschen eher mit so etwas wie „Ich bin neugierig“ oder „Ich bin Lehrerin“, jedoch selten mit „Ich bin Sabines Sohn“. Wir fokussieren uns auf unsere Eigenschaften und Leistungen statt auf unsere Beziehungen und soziale Rollen. Unsere eigenen Überzeugungen sind uns wichtiger als die Anpassung an Autoritätspersonen. Wir wollen möglichst eigene Meinungen und Entscheidungen treffen, egal ob diese konform sind mit der Gesellschaft oder nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz dazu ist in kollektivistischen Gesellschaften das Kollektiv am wichtigsten, das heißt das Wohl der Gruppe. Die Menschen identifizieren sich als Teil einer Gruppe, zum Beispiel über ihre Rolle in der Familie oder der Gesellschaft.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem tritt in individualistischen Gesellschaften eher das Gefühl der Schuld in den Vordergrund, während kollektivistische Gesellschaften eher Scham empfinden. Schuld tritt bei uns oft auf, wenn wir das Gefühl haben, nicht den individuellen Normen zu entsprechen, während sich Personen schämen, weil sie gegen soziale Normen verstoßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf Individualismusskalen liegt die USA an einem Extrem, Japan und Deutschland befinden sich eher mittig, und China befindet sich am unteren Ende, ist also am kollektivistischsten im Ländervergleich.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Konformitätseffekt</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem bekannten Experiment von Solomon Asch werden Teilnehmenden eine Referenzlinie sowie drei weitere Linien vorgelegt. Die Aufgabe ist zu bestimmen, welche der drei Linien der Ziellinie entspricht, also dieselbe Länge hat. Die Versuchsperson geht dabei zusammen mit drei weiteren Personen in einen Raum, wobei sie nicht weiß, dass die anderen Kompliz:innen des Versuchsleiters sind. Bei vorher festgelegten Trials geben alle drei Kompliz:innen dieselbe falsche Antwort, bevor die tatsächliche Versuchsperson antworten muss. Ist die Versuchsperson allein, gibt sie in 98% der Fälle die richtige Antwort. Sind die anderen drei Personen dabei, muss sie die Meinung der anderen ausblenden und ihrer eigenen Wahrnehmung trauen, um die richtige Antwort zu geben. Wie oft sie das tut, wird als Konformitätseffekt bezeichnet, und dieser unterscheidet sich beträchtlich zwischen Kulturen: <em>Sonderbare</em> Teilnehmende lassen sich kaum in ihrer Antwort beeinflussen, während sich nicht-<em>sonderbare</em> Teilnehmende eher konform verhalten. Dabei ergibt sich eine negative Korrelation zwischen der Konformität und dem Individualismusindex eines Landes.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Entscheidungen</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell ist es Menschen wichtig, Entscheidungen treffen zu können und Auswahlmöglichkeiten zu haben. Allerdings gibt es Differenzen, wie sehr <em>sonderbare</em> und nicht-<em>sonderbare</em> Personen Entscheidungen schätzen. Beispielsweise ziehen es europäisch-amerikanische Kinder vor, an Aufgaben zu arbeiten, die sie sich selber ausgesucht haben, während asiatisch-amerikanische Kinder bei selbst ausgesuchten und von anderen ausgewählten Aufgaben gleich motiviert sind. Auch gibt es nicht überall dieselbe Wahrnehmung von Wahlmöglichkeiten: So haben <em>sonderbare</em> Menschen eher das Gefühl, die Wahl über ihren Job oder andere Dinge im Leben zu haben und treffen eher Entscheidungen, die mit ihren persönlichen Präferenzen übereinstimmen, als nicht-sonderbare.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell sind US-Amerikaner:innen übrigens am äußersten Ende des <em>sonderbaren</em> Kontinuums: In Experimenten finden sie zum Beispiel Wahlmöglichkeiten besser als andere westliche Personen, das heißt sie ziehen es vor, aus 50 statt aus 10 Eissorten zu wählen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Gemeinsamkeiten</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben all den Unterschieden sei erwähnt, dass es natürlich auch Gemeinsamkeiten oder zumindest Ähnlichkeiten zwischen <em>sonderbaren</em> und nicht-<em>sonderbaren</em> Menschen gibt. So geben über Kulturen hinweg eher Männer als Frauen an, dass ihnen die Attraktivität ihrer Partnerin wichtig ist, während Frauen eher angeben, dass ihnen Ambition in der Partnerschaft wichtig ist. Außerdem finden sich auch die Fünf Faktoren der Persönlichkeit über Länder hinweg, und <em>sonderbare</em> wie nicht-<em>sonderbare</em> Menschen „bestrafen“ Trittbrettfahrer:innen in Studien, das heißt, dass Spieler:innen, die wenig zum Erfolg beitragen, weniger Geld gegeben wird.</p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-8ee92f83a1f7f0655025062507b4dfcc wp-block-paragraph"><strong>Was bedeutet das für die Forschung?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">All die aufgeführten Experimente kommen zu dem gleichen Schluss: das Verhalten, das bei US-amerikanischen Studierenden (oder anderen <em>sonderbaren</em> Menschen) beobachtet wurde, ist für die Menschheit repräsentatives Verhalten. Lange ging man auch davon aus, da die Ergebnisse vielfach repliziert wurden (natürlich mit ähnlichen Stichproben von Universitäten). Darauf aufbauend wäre es logisch zu schlussfolgern, dass sich Menschen selten konform verhalten, dass sie individualistisch sind und sich mehr auf eigene Leistungen als auf Beziehungen konzentrieren, dass Kinder allozentrisch und Erwachsene egozentrisch denken. Wie wir gesehen haben, stimmt das jedoch nicht. Es handelt sich vielmehr um <em>sonderbares</em> Verhalten, das von anderen Bevölkerungsgruppen sowie von unseren Vorfahren so nicht gezeigt wird und wurde. Damit ist die Standardstichprobe nicht repräsentativ für die Spezies, sondern sie stellen sogar die Ausreißer dar und sind somit eine der am wenigsten geeigneten Populationen, um Ergebnisse zu generalisieren. Außerdem führt es dazu, dass in Studien untersuchte Themen limitiert sind (und Themen wie Rituale und Polygamie, die bei uns nicht so sehr verbreitet sind, weniger untersucht werden). Gering ausgeprägte Verhaltensweisen oder Dispositionen (wie zum Beispiel Konformität) können in <em>sonderbaren</em> Menschen auch nur schlecht erforscht werden können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der Psychologie findet sich das Problem auch in anderen Bereichen: Neurowissenschaftler:innen sind ebenfalls anfällig für denselben Bias, schließlich nutzen sie vorwiegend <em>sonderbare</em> Gehirne für ihre Forschung (Chiao &amp; Cheon, 2010). 90% der neurowissenschaftlichen Studien stammen von westlichen Universitäten und Instituten. Das ist allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass die Technologien zum einen noch relativ neu sind, zum anderen so teuer, dass sie nicht für alle Forschenden zugänglich sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unterschiede gibt es nicht nur in der Anatomie, sondern auch in der Hirnaktivität, zum Beispiel zwischen <em>sonderbaren</em> und ostasiatischen Personen. <em>Sonderbare</em> Menschen zeigen unterschiedliche Aktivität im medialen Präfrontalkortex, wenn sie über sich selbst oder über enge Freunde/Verwandte nachdenken, während Personen aus Ostasien diesen Unterschied in der Aktivität nicht zeigen. Im Bereich der Hirnforschung fehlen zwar noch viele Studien, um weitere spezifische Aussagen treffen zu können, allerdings gilt es als relativ sicher, dass es Unterschiede gibt, ob aufgrund von kulturellen, behavioralen oder anderen Umweltfaktoren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst bei der Verwendung von Schimpansen als Versuchstiere gibt es einen Bias [5]. Sie haben auch ihr eigenes Akronym: BIZARRE (raised in <em>Barren, Institutional, Zoo, And Other Rare Rearing Environments</em>). <em>Bizarre</em> Schimpansen zeigen ebenfalls Verhaltensweisen, die sehr unterschiedlich von ihren Artgenossen in Freiheit sind. Dennoch gibt es auch viele Erkenntnisse aus der Psychologie, die auf Experimenten mit bizarren Schimpansen oder anderen Tieren basieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem wird weiterhin bestehen, weil wir Experimente sehr oft auf vorherigen Studien aufbauen und Hypothesen aus älteren Forschungsergebnissen ableiten [1]. Dementsprechend vertiefen wir unser Wissen auf Grundlage von Ergebnissen derselben homogenen Stichprobe.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ziel des Artikels von Henrich und Kolleg:innen ist vor allem, Verhaltenswissenschaftler:innen auf den <em>Sample Bias</em> aufmerksam zu machen und zu motivieren, ihre Stichproben diverser zu gestalten. Außerdem wird erklärt, wieso sich „unsere“ Psychologie im Laufe der Geschichte so stark verändert hat. Es mag nicht immer das Ziel sein zu generalisieren, die genannten Beispiele mögen Extrembeispiele sein und auch methodische Artefakte mögen eine Rolle spielen. Außerdem kann das Einschließen nicht-<em>sonderbarer</em> Gruppen schon an der Finanzierung scheitern, oder an der Tatsache, dass Journals mehrere Studien oder große Stichproben fordern, was wesentlich einfacher zu erreichen ist, indem man Studierende rekrutiert. Dementsprechend handelt es sich auch um ein institutionelles Problem und nicht nur um einen fehlenden Willen von Seiten der Forscher:innen. Allerdings gibt es Möglichkeiten, auch außerhalb der Universitäten Versuchspersonen zu rekrutieren, wie es in anderen Disziplinen durchaus üblich ist.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im ersten Schritt ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass es einen <em>Sample Bias</em> gibt, um dann zu versuchen, etwas zu verändern, mit dem Ziel in Zukunft menschliches Verhalten umfassender erklären zu können. </p>



<p class="has-white-color has-dark-gray-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-589f1c6f04573ffe312246646097095d wp-block-paragraph">Sehr detailliert nachgelesen werden können die hier aufgegriffen Aspekte in dem Buch „Die seltsamsten Menschen der Welt“ von Joseph Henrich, das 2020 im Suhrkamp Verlag erschien.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-a78dac1da529974452c5f87b87947985 wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><strong>Quellen:</strong><br>[1] Chiao, J. Y., &amp; Cheon, B. K. (2010). The weirdest brains in the world. <em>Behavioral and Brain Sciences</em>, <em>33</em>(2–3), 88–90. <a href="https://doi.org/10.1017/S0140525X10000282">https://doi.org/10.1017/S0140525X10000282</a><br>[2] Haun, D. B. M., Rapold, C. J., Call, J., Janzen, G., &amp; Levinson, S. C. (2006). Cognitive cladistics and cultural override in Hominid spatial cognition. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences</em>, <em>103</em>(46), 17568–17573. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.0607999103">https://doi.org/10.1073/pnas.0607999103</a><br>[3] Henrich, J. (2022). <em>Die seltsamsten Menschen der Welt: Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde.</em>Suhrkamp Verlag.<br>[4] Henrich, J., Heine, S. J., &amp; Norenzayan, A. (2010). The weirdest people in the world? <em>Behavioral and Brain Sciences</em>, <em>33</em>(2–3), 61–83. <a href="https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X">https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X</a><br>[5] Leavens, D. A., Bard, K. A., &amp; Hopkins, W. D. (2010). BIZARRE chimpanzees do not represent “the chimpanzee.” <em>Behavioral and Brain Sciences</em>, <em>33</em>(2–3), 100–101. https://doi.org/10.1017/S0140525X10000166</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Honne und Tatemae“ –  Die Maskerade über dem wahren Gefühl </title>
		<link>https://psycho-path.de/honne-und-tatemae-die-maskerade-ueber-dem-wahren-gefuehl/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jul 2024 04:32:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[# 45 wunder]]></category>
		<category><![CDATA[#mehr_wissen]]></category>
		<category><![CDATA[japan]]></category>
		<category><![CDATA[kultur]]></category>
		<category><![CDATA[maike-borchardt]]></category>
		<category><![CDATA[phänomene]]></category>
		<category><![CDATA[psychologie]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://psycho-path.de/?p=2270</guid>

					<description><![CDATA[MAIKE BORCHARDT. Das Privileg, im Rahmen meiner Asienreise für zwei Monate in Japan zu leben, gab mir die Möglichkeit, die japanische Kultur und gesellschaftlichen Werte besser kennenzulernen. Ich war sehr überrascht, wie meine ursprüngliche Begeisterung für die japanische Kultur und einzigartige Natur im Laufe meines Aufenthalts mehr und mehr von kritischen Eindrücken ergänzt wurde. Ich [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">MAIKE BORCHARDT. <em>Das Privileg, im Rahmen meiner Asienreise für zwei Monate in Japan zu leben, gab mir die Möglichkeit, die japanische Kultur und gesellschaftlichen Werte besser kennenzulernen. Ich war sehr überrascht, wie meine ursprüngliche Begeisterung für die japanische Kultur und einzigartige Natur im Laufe meines Aufenthalts mehr und mehr von kritischen Eindrücken ergänzt wurde. Ich habe viele gedankenanstoßende Beobachtungen und Gespräche über gesellschaftlich-soziale Probleme und psychologische Phänomene machen können, die in mir eine paradoxe Haltung zu diesem Land wachsen ließen. Einige dieser psychologischen Phänomene möchte ich in diesem Artikel beschreiben. Ich möchte betonen, dass diese Gedanken durch meine subjektiven Eindrücke, durch alltägliche Beobachtungen und durch Interaktionen mit einigen anderen Japaner*innen oder in Japan lebenden Menschen entstanden sind.</em></p>



<span id="more-2270"></span>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-f684634db1b379464d4715cd31848e57 wp-block-paragraph"><strong>„Honne und Tatemae“ (</strong><strong>本音と建前</strong><strong>)</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mentalität von „Honne und Tatemae“ ist wohl das Phänomen, was mir seit meiner Ankunft in Japan am meisten in den verschiedensten Situationen begegnet ist – daher gibt es wahrscheinlich auch einen spezifischen japanischen Ausdruck für diese Mentalität. „Honne“ (jap. 本音) bedeutet so viel wie echtes oder authentisches Gefühl, welches die Japaner*innen im Alltag in den meisten Fällen hinter „Tatemae“ (jap. 建前), einer Fassade oder Maske, verstecken. Statt die wahren Gefühle oder Bedürfnisse zu offenbaren, wird eine Art unauthentische Maske voller Freundlichkeit und Höflichkeit vor allem in der Öffentlichkeit getragen. In seltenen Fällen wird Honne vor engen, vertrauensvollen Freund*innen gezeigt, aber über den Großteil der Zeit wird die Maske getragen. Die langfristige Problematik ergibt sich vor allem durch die fehlende Übereinstimmung von Tatemae und Honne, da die nach außen gezeigten Gefühle im Gegensatz zu den „echten“ stark voneinander abweichen können. Man möchte im Gegenüber keine Verärgerung provozieren oder einen Konflikt verursachen. Die soziale Harmonie („wa“) wird höher priorisiert und soll durch das Verstecken der echten Gefühle und das Nichtäußern einer kritischen oder abweichenden Meinung aufrechterhalten werden [1]. So sollen beispielsweise auch Stolz und Selbstbewusstsein hinter einer Fassade von Demut und Bescheidenheit versteckt werden. Für ein Kompliment über das Aussehen sollte man sich beispielsweise nicht bedanken, sondern abstreiten, dass es der Realität entspreche. Unfaire oder schwierige Bedingungen am Arbeitsplatz werden vor dem/der Chef*in nicht oder selten thematisiert, sondern ebenfalls hinter einer Fassade von Freundlichkeit und Loyalität verborgen. Psychische Belastungen werden nicht angesprochen, da sie im Gegenüber ein Unwohlsein verursachen und die soziale Schein-Harmonie gefährden würden. Ich persönlich habe die Erfahrung mit Tatemae gemacht, wenn ich unbeabsichtigt ein Verhalten gezeigt habe, welches in geringem Maße von den impliziten sozialen Normen abwich. In diesem Fall hat mich niemand auf mein Verhalten zur Korrektur hingewiesen, da dies als konfrontativ und unangenehm empfunden werden würde. Aus historischer Perspektive haben Honne und Tatemae die japanische Gesellschaft schon seit dem 8. bis 12. Jahrhundert (Heian-Epoche) geprägt [2]. Heutzutage ist diese Mentalität in allen Bereichen von Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft bis zu verschiedensten Formen der Kommunikation wiederzufinden [1].&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich habe ich einige der eben genannten Beispiele zugespitzt dargestellt, aber sie sollen meinen Eindruck von Japan verdeutlichen. Aufgrund von Honne und Tatemae habe ich mich in einigen Situationen sehr unwohl gefühlt, weil ich mir eine authentische Reaktion meines Gegenübers gewünscht hätte, um diese Person besser kennenzulernen oder mich – im Falle eines nicht intendierten Fehlverhaltens &#8211; an Regeln anpassen könne. Auf andere Weise ausgedrückt: Oft war mir die gespielte Freundlichkeit und Höflichkeit einfach zu viel, da ich keine „echte“ Verbindung zu meinem Gegenüber aufbauen konnte. Das hat dazu beigetragen, dass ich zu Beginn meines Japan-Aufenthalts eine Art Kulturschock erlebt habe, den ich in einem modernen und digitalisierten Industriestaat wie Japan weniger erwartet hatte. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-7e957eca53bcf7202cca04947a54958f wp-block-paragraph"><strong>Sozialer Rückzug von Schule und Arbeit – „Hikikomori“&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Tragen einer Maske zum Verstecken der echten Gefühle kann in einer leistungsorientierten Gesellschaft wie Japan Versagensängsten schüren, die mentale Belastung im Allgemeinen erhöhen und in einigen Fällen zu „Hikikomori“ führen. Dieses Phänomen des sozialen Rückzugs aus Schule oder Arbeit tritt zwar selten auf, aber ist besonders für die japanische Kultur typisch. Betroffene mit Hikikomori verbringen den Großteil ihres Alltags zu Hause und haben kein Interesse oder Motivation, in die Schule oder auf die Arbeit zu gehen. Damit geht auch eine Reduktion sozialer Kontakte zu Freund*innen oder Familienmitgliedern einher. Es können Symptome auftreten, die einer Depression, Angst (u.a. soziale Phobie), Schizophrenie, Entwicklungsstörungen oder einer vermeidenden oder schizoiden Persönlichkeitsstörung nahe kommen [3]. Um eine Abgrenzung von diesen Differenzialdiagnosen vornehmen zu können, gab es bereits Vorschläge für DSM-5-Diagnosekriterien für Hikikomori als kulturgebundenes Syndrom [3]. Der japanische Psychologe Nicolas Tajan argumentiert jedoch dafür, Hikikomori weniger als psychische Störung, sondern eher als Form des passiven Widerstands auf die Belastungen des Bildungssystems und der Gesellschaft zu betrachten [4]. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass diese klinisch-psychologische Symptomatik nicht nur ausschließlich in Japan und damit als kulturgebundenes Phänomen auftritt, sondern teilweise auch in anderen Ländern wie etwa Spanien, Australien, Thailand, Korea und Taiwan [5]. Neben der gesellschaftlichen Belastung spielen natürlich auch andere Faktoren wie etwa schwierige Familienverhältnisse (u.a. häufige Abwesenheit des Vaters) oder die finanzielle bzw. berufliche Situation bei der Entstehung von Hikikomori eine Rolle. Etwa 0.9-3.8% der Japaner*innen berichten darüber, schon einmal in ihrem Leben Hikikomori-Symptome erlebt zu haben [6].</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-f9c5e7ff37b50260116569f2178c6311 wp-block-paragraph"><strong>Strenge Arbeitsmoral&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Jede*r von uns hat bestimmt bereits über die strenge und kollektivistische Arbeitskultur in Japan gehört. Es scheint das Normalste der Welt zu sein, Überstunden zu machen, bis in die Nachtstunden zu arbeiten und trotz offiziellem Anspruch auf Urlaub auf Reisen zu verzichten, um den Kolleg*innen nicht zur Last zu fallen. Die Äußerung individueller Bedürfnisse wird als egoistisch und nicht bescheiden betrachtet, was gegen die Harmonie der Gruppe spricht. Es wird erwartet, dass eigene Wünsche und Bedürfnisse (also Individualismus im weiteren Sinne) für die Gesellschaft und den kollektivistischen Teamgeist aufgegeben werden. Außerdem spielen Hierarchien eine sehr große Rolle: Es ist wichtig, dass gegenüber älteren Senior*innen oder länger arbeitenden Kolleg*innen Respekt gezeigt wird. Da sich in der Vergangenheit der Lohn vor allem an der Anzahl der Arbeitsjahre in einem Unternehmen oder in einer Organisation orientierte, versuchen auch bis heute viele Arbeitende, ihren Job unter schlechten Arbeitsbedingungen nicht zu kündigen und ausgeprägte Loyalität nach außen zu vermitteln [7]. Die Kündigung eines Jobs gilt generell als unüblich, da sie den sozialen Ruf einer Person stark schädigen kann. Die streng konservative, hierarchische und kollektivistische Arbeitskultur führt in einigen Fällen zu „karōshi“ (jap. 過労死;Tod durch Überarbeiten, z. B. über kardiovaskuläre Krankheiten durch Stress, oder Mangelernährung)oder „karo jisatsu“ (jap. 過労自殺; Suizid durch Überarbeiten durch zu hohe psychische Belastung) [8] [9]. Laut aktuellen Zahlen des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Soziales ist der Anteil an Arbeitenden mit mehr als 60 Arbeitsstunden pro Woche seit der Corona-Pandemie in vielen Arbeitsbereichen deutlich gesunken, in anderen jedoch auch leicht gestiegen [10]. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-7ae85dc92ab32792567c34381f395735 wp-block-paragraph"><strong>Trinken nach der Arbeit – „Nomikai“&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Japan ist die Vermeidung von Alkoholkonsum schwierig – es gehört selbstverständlich dazu, nach einem Arbeitstag zu einer „Nomikai“ zu gehen. Eine Nomikai ist eine Art Trinkparty mit Chef*in und Kolleg*innen, welche meist regelmäßig wöchentlich stattfindet und unter Umständen bis in die Morgenstunden dauern kann. Manchmal gehen die Angestellten nach einer Nomikai gar nicht erst nach Hause, sondern direkt wieder auf Arbeit. Diese arbeitsbezogenen Trink-Veranstaltungen dienen nach außen hin hauptsächlich dem Networking und dem Aufstieg auf der Karriereleiter [7]. Allerdings ist in der jüngeren Generation schon häufiger Widerstand gegen diese Trinkkultur zu beobachten. Neben dem Effekt eines entspannteren Auftretens im sozialen Kontext wird das Trinken bei männlichen Arbeitern jedoch auch als Ausdruck ihrer Männlichkeit gesehen [11]. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-55e27fd5887f27320f57f37eeebd1d5d wp-block-paragraph"><strong>Konservatives Rollenbild der Frauen&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Erzählungen mit in Japan wohnenden Menschen ist mir vor allem das konservative Rollenbild der Frauen aufgefallen. Auch wenn sich dieses Bild in den letzten Jahren schon leicht zu ändern scheint, ist es nach wie vor eher unüblich, dass Frauen nach der Geburt des ersten Kindes arbeiten gehen. Normalerweise übernimmt die Mutter die Rolle der Hausfrau und der fest angestellte Vater kümmert sich um das finanzielle Einkommen der Familie. Generell sind Frauen sehr selten in höheren beruflichen Positionen anzutreffen, da diese meist für die Männer vorgesehen sind. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-5ca3429b4011b8202c917258b31b9608 wp-block-paragraph"><strong>Abschließend noch etwas Positives: Hundertjährige auf Okinawa</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bisher habe ich vor allem die von mir eher kritisch erlebten Seiten Japans beleuchtet, und möchte zum Abschluss gern noch ein eher positives Gegenbeispiel bringen: Vielleicht haben einige von euch bereits gehört, dass die sehr weit südlich von den Hauptinseln Japans liegende Insel Okinawa eine der insgesamt fünf „Blue Zones“ dieser Erde ist. Blue Zones sind Gebiete, in denen die Lebenserwartung der dort lebenden Menschen höher als der Durchschnitt ist. Auf Okinawa liegt die Anzahl Hundertjähriger auf 100.000 Personen mit 81 um Einiges höher ist als auf den Hauptinseln Japans (48 Hundertjährige auf 100.000 Personen) [12]. Doch was für einen Lebensstil haben die Inselbewohner*innen Okinawas, wenn sie so alt werden? Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die zum Teil die oben genannten psychologischen Phänomene stark kontrastieren: Die hauptsächlich pflanzenbasierte Ernährung, das Prinzip „hara hachi bu“ (= Magen bei jeder Mahlzeit nur zu 80% füllen) und der weitestgehende Verzicht auf Alkohol und Tabak ermöglichen langfristig einen Ausgleich oder sogar ein leichtes Minus an Kalorienzufuhr sowie insgesamt eine gesunde Ernährungsweise auf Okinawa. Neben einer gesunden Ernährung sind ein hohes mentales und körperliches Aktivitätslevel auch im hohen Alter, sowie das Pflegen eines stabilen sozialen Netzwerks unter Freund*innen und Familie typisch für Okinawa. Die Inselbewohner*innen fallen ebenfalls durch ihre entspannte Lebensweise mit hoher Stressresilienz und durch ihre ausgeprägten Vorstellungen zu „ikigai“ (= Erfüllung durch Lebenssinn finden) auf, welche zu einer hohen Lebenserwartung beitragen können. Ein weiterer Faktor stellt die Spiritualität durch die indigene Religion dar: Die Bewohner*innen Okinawas haben einen festen Glauben an die spirituelle Energie in allem, sodass sie in ausgeprägter Verbundenheit zur Natur und zu ihren Angehörigen früherer Generationen leben [12] [13].&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn ich mit der Lebensweise auf Okinawa ein Gegenbeispiel für die zuvor genannten, eher kritischen Aspekte psychologischer Phänomene Japans gegeben habe, fokussiert dieser Artikel hauptsächlich auf negativ konnotierte Aspekte. Ich möchte betonen, dass ich damit keinesfalls die Intention habe, Japan in „schlechtem Licht“ darzustellen. Es gibt viele weitere, positiv konnotierte und faszinierende Seiten Japans, die ich mit diesem Artikel nicht abdecke. Ich wollte vor allem die kritischen Aspekte herausstellen, da ich sie während meiner Reise in Japan nicht in diesem Ausmaß erwartet hätte. Aber vielleicht bekommt ihr Lust, nach Japan zu reisen und euch selbst ein Bild zu machen, falls ihr noch nicht dort wart! </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-f6ca168b534ef6ffb1780b9fb65daad9 wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong><br>[1] Trinidad, G. J. (2014). <em>Honne and Tatemae: Exploring the Two Sides of Japanese Society</em>. https://d1wqtxts1xzle7.cloudfront.net/36778161/ThesisH_0026T-libre.pdf?1424936941=&amp;response-content-disposition=inline%3B+filename%3DThesis_Honne_and_Tatemae.pdf&amp;Expires=1694597123&amp;Signature=fOz7-WGU5xchU8nzORcNWxrCgj6VhC5yWpeUtHRtTvAqglFDXlKLlGCmPavP2FGPf3E8P2K55p~JbB~m7gt18yRKEzQHeAOR~7k~SzQMvDX0wDF7sUYmDGhZz5WO7WyUV3C5HE2ogumiPSeSApsQy8gO9PKMxy4J0Tpc0tyq10qp04l3u4TdUtcocEpekIY~DmVrJ0-7JlW95IMTfUQC6xH0NgB7FU-vhuNCcuVxx6MjYE0kElLuyCQZduKRi3IFfvrgUw4Zi2Z4m5mBoybirvwqPEbi6t40yQA3Ft8Q3zUU2ZuxN4J6RHExtyfFE26syv-jIzhB4U1qkt~MvY52Pg__&amp;Key-Pair-Id=APKAJLOHF5GGSLRBV4ZA<br>[2] De Mente, B. L. (2005). <em>Japan Unmasked: The Character and Culture of the Japanese</em>. Tuttle Publishing.<br>[3] Teo, A. R., &amp; Gaw, A. C. (2010). Hikikomori, A Japanese Culture-Bound Syndrome of Social Withdrawal? A Proposal for DSM-V. <em>The Journal of nervous and mental disease</em>, <em>198</em>(6), 444–449. <a href="https://doi.org/10.1097/NMD.0b013e3181e086b1">https://doi.org/10.1097/NMD.0b013e3181e086b1</a><br>[4] Tajan, N. (2021). <em>Mental Health and Social Withdrawal in Contemporary Japan</em>.<br>[5] Kato, T. A., Tateno, M., &amp; Shinfuku, M. (2012). Does the ‘hikikomori’ syndrome of social withdrawal exist outside Japan? A preliminary international investigation. <em>Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol</em>, <em>47</em>, 1061–1075. https://doi.org/10.1007/s00127-011-0411-7<br>[6] Kiyota, A., Usami, M., &amp; Ooosumi, H. (2008). <em>Chiiki renkei shisutemu ni yoru hikikomori shien to ekigakuteki kentou (Support and epidemiological analysis of social withdrawal using a system of regional parternships), Kokoro no kenkou kagaku kenkyuu</em>.<br>[7] Superprof. (2021). <em>Arbeiten in Japan: Japans Kultur und die Besonderheiten</em>. Superprof &#8211; Blog für Lehrer, Schüler &amp; Eltern. https://www.superprof.de/blog/arbeiten-in-japan-kultur-und-besonderheiten/<br> [8] Asgari, B., Peckar, P., &amp; Garay, V. (2017). <em>Karoshi and Karou-jisatsu in Japan: Causes, statistics and prevention mechanisms</em>.<br>[9] Ono, H. (2018). Why Do the Japanese Work Long Hours? Sociological Perspectives on Long Working Hours in Japan. <em>Japan Labor Issues</em>, <em>2</em>(5), 35–49.<br>[10] Ministry of Health, Labour &amp; Welfare. (2022). <em>The 2022 White Paper on Measures to Prevent Karoshi, etc. [Summary]</em>. https://www.mhlw.go.jp/content/11200000/001065344.pdf<br>[11] Nakamura, K. (2015). Paul A. Christensen, Japan, Alcoholism, and Masculinity: Suffering Sobriety in Tokyo. <em>Japanese Studies</em>, <em>35</em>(2), 260–262. https://doi.org/10.1080/10371397.2015.1080343<br>[12] World Economic Forum. (2021, September 29). <em>Want to live a long, healthy life? 6 secrets from Japan’s oldest people</em>. World Economic Forum. https://www.weforum.org/agenda/2021/09/japan-okinawa-secret-to-longevity-good-health/<br>[13] Maxim Mankevich (Regisseur). (2023, Oktober 15). <em>Ayurveda Experte: Die Formel für ein langes &amp; gesundes Leben | Dr. Ulrich Bauhofer (Teil 1/3)</em>. https://www.youtube.com/watch?v=1aSPqVANkvk</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>The successful self-treatment of my case of writer’s block</title>
		<link>https://psycho-path.de/the-successful-self-treatment-of-my-case-of-writers-block/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Nov 2023 11:51:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#44 Ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[#mehr_wissen]]></category>
		<category><![CDATA[forschung]]></category>
		<category><![CDATA[kurioses]]></category>
		<category><![CDATA[paper]]></category>
		<category><![CDATA[paula-böhlmann]]></category>
		<category><![CDATA[schockierendes]]></category>
		<category><![CDATA[schreibblockade]]></category>
		<category><![CDATA[sicherheit]]></category>
		<category><![CDATA[spektakuläres]]></category>
		<category><![CDATA[unsinn]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://psycho-path.de/?p=2132</guid>

					<description><![CDATA[Kurioses, Spektakuläres und Schockierendes aus der Forschung PAULA BÖHLMANN. Jedes Semester erneut einen Psycho-Path-Artikel zu schreiben, hat meine Kreativität beansprucht. Natürlich gibt es noch so viele Themen, aber mir springt nicht DAS Thema ins Auge. Das nennt man wohl Schreibblockade. Was kann ich dagegen machen? Ich könnte es natürlich D.&#160;Upper gleich tun. Sein Artikel „The [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-large-font-size wp-block-paragraph"><strong>Kurioses, Spektakuläres und Schockierendes aus der Forschung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">PAULA BÖHLMANN.<strong> </strong><em>Jedes Semester erneut einen Psycho-Path-Artikel zu schreiben, hat meine Kreativität beansprucht. Natürlich gibt es noch so viele Themen, aber mir springt nicht DAS Thema ins Auge. Das nennt man wohl Schreibblockade. Was kann ich dagegen machen? Ich könnte es natürlich D.&nbsp;Upper gleich tun. Sein Artikel „The unsuccessful self-treatment of a case of ‘writer’s block’&#8220; wurde im peer-reviewed Journal of applied behavior analysis publiziert. Das Besondere an dem Artikel: er besteht aus nichts außer der Überschrift und einem Kommentar eines Reviewers. Es ist einfach eine leere Seite [1]. Dieser Artikel hat auf eine sonderbare Art meine Schreibblockade gelöst. Er half mir, die Inspiration zurückzufinden, denn nun brannte mir eine Frage unter den Nägeln: Welche weiteren Kuriositäten hat die (psychologische) Forschung noch zu bieten? Bei meiner Recherche stieß ich auf viele lustige und teilweise schockierende Forschungsprojekte. Eine kleine Auswahl möchte ich mit euch teilen.</em></p>



<span id="more-2132"></span>



<h1 class="wp-block-heading has-large-font-size">Ig-Nobelpreis</h1>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Recherche zum Thema kuriose Forschung stößt man schnell auf den satirischen Ig-Nobelpreis. Dieser wird jährlich in unterschiedlichen Fachrichtungen für Forschung, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt, verliehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beispielsweise wurde er 1993 aufgrund eines neunseitigen medizinischen Forschungspapiers verliehen, das mit 972 Koautor:innen 100 mal mehr Autor:innen als Seiten besaß [2]. In Medizin wurde der Ig-Nobelpreis außerdem für die Erforschung des protektiven Effekts echter italienischer Pizza auf Krankheiten und den Tod [3] und der nasenabschwellenden Wirkung von Orgasmen vergleichbar mit Nasenspray [4] verliehen. Zudem wurde die Erkenntnis gewürdigt, dass Personen, die Käse ekelig finden beim Anblick eine stärkere Aktivierung in externen und internen Globus Pallidus und Substantia nigra haben als Menschen, die Käse mögen [5]. Apropos Käse. In Biologie wurde ein Ig-Nobelpreis für die Erkenntnis verliehen, dass Limburger Käse Mosquitos genauso anzieht wie menschliche Füße [6].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Ig-Nobelpreis für Chemie erhielten Forscher für den biochemischen Vergleich zwischen romantischer Liebe und Zwangsstörung mit dem Ergebnis, dass sich in Bezug auf Serotonin die Liebe nicht von Zwangsstörungen unterscheidet [7].</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Fachrichtung Psychologie gab es Ig-Nobelpreise unter anderem für die Forschung, ob man Narzisst:innen anhand der Augenbrauen identifizieren kann [8] und ob Tauben zwischen Bildern von Picasso und Monet unterscheiden können [9]. Die Antwort auf beide Fragen lautet: Ja! Außerdem gab es den Preis für die Erkenntnisse zum Dunning-Kruger-Effekt (Selbstüberschätzung aufgrund Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz wahrzunehmen) [10].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch im Bereich Frieden gibt es einige bemerkenswerte Projekte. Beseris, et al. (2020) fanden Evidenz, dass Bärte bei Schlägen das Gesicht schützen können [11]. Wenn der Schlag dann trotzdem Mal wehtut, hat ein anderes mit dem Ig-Nobelpreis gewürdigtes Projekt eine Lösung: Es wurde herausgefunden, dass Fluchen schmerzlindernd wirkt [12].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für die Idee, statt scharfer Munition das Wort „Bang“ zu verwenden, erhielt die British Royal Navy 2000 den Friedens-Ig-Nobelpreis [13]. Doch für den Friedens-Ig-Nobelpreis muss es nicht immer so frei von Waffen zugehen. A. Zuokas erhielt den Preis für seine videodokumentierte Demonstration, dass das Problem mit falschgeparkten Luxusautos gelöst werden könne, indem man mit einem Panzer drüberfährt [14].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere interessante Forschungsprojekte, die einen Ig-Nobelpreis erhalten haben, findet ihr auf der Internetseite des Ig-Nobelpreisgründers Marc Abrahams:&nbsp; <a href="https://improbable.com/ig/winners/">https://improbable.com/ig/winners/</a>. Es lohnt sich wirklich, denn es gibt fast alles: Software, die erkennt, wann eine Katze über die Tastatur läuft, Voodoo-Puppen für den Chef und Fluchmotivation beim Autofahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<h1 class="wp-block-heading has-large-font-size">Selbstexperimente der besonderen Art</h1>



<p class="wp-block-paragraph">Von sich auf andere schließen, ist etwas, was wir alle ständig tun. Mit der Annahme, ein für die Grundgesamtheit repräsentatives Individuum zu sein, machten sich einige Wissenschaftler:innen abseits der Doppelblindstudien daran, ihre Hypothesen zuerst an sich selbst zu testen. Der uns allen bekannte Sigmund Freud führte beispielsweise Selbstversuche mit Kokain durch [15].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch auch andere Forscher:innen brachten ihren Körper für die Wissenschaft in Gefahr. Angst um das eigene Leben? Fehlanzeige! So testete der Arzt Werner Forßmann in den 1920ern, ob es möglich war, einen Herzkatheter durch eine Ader in der Ellenbeuge einzusetzen. Es funktionierte tatsächlich: Er selbst setzte sich den Katheter erfolgreich ein [16].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicolae Minovici erlangte die Erkenntnis, dass Personen beim Erhängen nicht durch Ersticken, sondern durch die unterbrochene Blutzufuhr zum Gehirn sterben. Wie er das herausfand? Er strangulierte sich insgesamt zwölfmal selbst und in einem Versuch hing er sogar mit vollem Gewicht in einer sich zusammenziehenden Schlinge. Folge waren Blutergüsse und eine Kehlkopffraktur [17].</p>



<p class="wp-block-paragraph">John Paul Stapp wollte in den 1940/50ern herausfinden, wie viel Einwirkung von Beschleunigungskräften ein Mensch überleben kann. Sein Raketenschlitten in der Wüste, in dem er viele Male höchst persönlich saß, beschleunigte innerhalb weniger Sekunden auf bis zu 1017&nbsp;km/h, um gleich danach wieder innerhalb weniger Sekunden abzubremsen. Dabei lieferte Stapp seinen Körper dem bis zu 46-fachen der Erdbeschleunigung aus, brach sich mehrere Rippen und erlitt Verbrennungen aufgrund des Wüstensands sogar trotz Schutzkleidung [18].</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<h1 class="wp-block-heading has-large-font-size">Abseits des Unterhaltsamen: Studien, die heute kein Ethikvotum bekommen würden</h1>



<p class="wp-block-paragraph">Bei meiner Recherche bin ich leider nicht nur auf witzige Forschungsprojekte oder spektakuläre und teilweise absurde Selbstexperimente gestoßen, sondern auch auf die dunklen Abgründe der Forschung. Wissenschaftler:innen setzten nicht nur sich selbst drastischen Prozeduren aus, sondern auch Proband:innen hatten einiges zu durchleiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um Proband:innen vor mitunter barbarischen Versuchen zu schützen, wurde Ende der 1960er die erste Ethikkommission in den USA eingerichtet [19]. In Deutschland wurde die ersten Ethikkommission 1973 an den Unis in Ulm und Göttingen gegründet [20]. Ethikkommission, braucht man das? Psycholog:innen sind doch von Hause aus empathische Menschen. Richtig? Falsch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich möchte euch vier Studien, die heute kein Ethikvotum bekommen würden, vorstellen. Diese sind Beispiele für die haarsträubenden Forschungspraktiken, die jedoch in keinster Weise das ganze grausame Ausmaß abbilden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Beispiel des kleinen Alberts werden die meisten von uns aus der Uni kennen. 1920 war es vollkommen in Ordnung einem 11&nbsp;Monate altem Kind eine Tierphobie zu induzieren. Dies geschah, indem man ihm eine weiße Ratte zeigte und zeitgleich einen lauten Knall erzeugte. Nach mehreren Durchgängen reagierte Albert mit starker Angst auf die Ratte. Diese Angstreaktion wurde sogar auf andere Tiere mit Fell generalisiert. Eine Gegenkonditionierung fand nicht statt. Alles für die Erkenntnisse zum klassischen Konditionieren [21].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jedoch nicht das einzige Mal, dass Kinder bei sehr fragwürdigen Studien zum Versuchsobjekt wurden. Im Rahmen der Monsterstudie testete Wendell Johnson 1939 seine Hypothese, dass Stottern bei Kindern durch Verunsicherung aufgrund der Korrektur von kleinen sprachlichen Fehlern durch Eltern und Lehrer:innen ausgelöst werde. Dafür unterzog er in einem Waisenhaus Kinder mit einer normalen Sprachentwicklung einer vermeintlichen Sprachtherapie. Dabei wurden die Kinder auf winzige Fehler angesprochen, zum Kontrollieren ihrer Sprache angehalten und kontraproduktive Gegenmaßnahmen angewandt. Infolgedessen wiesen fünf von sechs behandelten Kindern Sprachprobleme auf [22].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch auch viele Jahrzehnte später bedienten sich Forschende noch sehr bedenklichen Studiendesigns. Um herauszufinden, ob die Brutalität von Wärter:innen in Gefängnissen auf die Gefängnis-Situation oder eine sadistische Persönlichkeit zurückzuführen sei, entwickelte Zimbardo das Stanford-Prison-Experiment. Hier wurden den Versuchspersonen (24 Männer) zufällig die Rolle als Gefangener oder Wärter zugeteilt. Schnell zeigte sich, dass die Wärter ihre Machtposition ausnutzten. Die Gefangenen bekamen Nummern statt Namen, wurden öffentlich gedemütigt und mussten Liegestütze als körperliche Bestrafung machen. Nach der Niederschlagung eines Aufstandes wurde der Zusammenhalt zwischen den Gefangenen durch die Wärter gebrochen, indem sie die Gefangenen in gut und schlecht einteilten. Gute Gefangene bekamen Privilegien wie sich waschen oder zur Toilette gehen zu dürfen. Für schlechte Gefangene gab es Eimer anstatt eines Toilettengangs. Nach sechs Tagen – nicht mal die Hälfte der ursprünglich geplanten Zeit – brachen die Experimentator:innen den Versuch ab. Aber dennoch waren es sechs Tage, die die Experimentator:innen den emotionalen Zusammenbrüchen der Gefangenen und den Demütigungen durch die Wärter zusahen [23].&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">1983 lief an der University of California at Los Angeles (UCLA) ein Experiment zur Vorhersage von Psychosen. Eingeschlossen wurden Personen, die die Kriterien für eine Schizophrenie erfüllten. Den Proband:innen wurden die Medikamente abgesetzt, was zu Rückfällen führte. Sowohl die Aufklärung vorher als auch die Überwachung der Patient:innen währenddessen war unzureichend. Ein Proband der Studie, Antonio LaMadrid, sprang im Rahmen seines Rückfalls von einem Campus-Gebäude der UCLA und verstarb [24].</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<h1 class="wp-block-heading has-large-font-size">Humoristische Einstreuungen in Papern</h1>



<p class="wp-block-paragraph">Nach diesen vier grausigen Studien, die leider nur ein winziger Ausschnitt dessen sind, was Proband:innen psychologischer Experimente im letzten Jahrtausend erdulden mussten, möchte ich meinen Artikel jedoch mit etwas Schönem beenden: Forschungsberichte, die einem nicht vor Schock über die Grausamkeit einen kalten Schauer über den Rücken jagen, sondern Paper, die ein Lächeln auf die Lippen zaubern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eingangs beschrieben publizierte D. Upper im <em>Journal of applied behavior analysis</em> eine leere Seite [1]. Doch da gibt es noch mehr.&nbsp; Auch in erstgemeinten Artikeln versteckt sich manchmal etwas zum Schmunzeln und jede Menge Kreativität. Zum Beispiel schrieben Bunnett &amp; Kearley (1971) ein Paper in Versform (siehe Abbildung) [25].&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Acknowledgements haben ebenfalls Potential. C. Brown nutzte sie beispielsweise, um seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen [26]. Doch nicht immer dienen die Ackowledgements Dank oder Liebe. Chierichetti et al. (2010) schrieben unter der Überschrift <em>Unacknowledgements</em> „This work is ostensibly supported by the the Italian Ministry of University and Research under the FIRB program, project RBIN047MH9-000. The Ministry however has not paid its dues and it is not known whether it will ever do.” [sic] [27].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal muss man aber gar nicht bis zu den (Un)aknowledgements runterscrollen, sondern man erkennt den Humor der Autor:innen bereits am Titel. Meine persönlichen Top Ten der witzigsten Titel:<br><em>Platz 10: <strong>Lasagna plots: a saucy alternative to spaghetti plots</strong> [28]<br>Platz 9: <strong>AMPK wars: the VMH strikes back, return of the PVH </strong>[29]<br>Platz 8: <strong>Everything you always wanted to know about sex &#8230; in flies</strong> [30]<br>Platz 7: <strong>Smells Like Clean Spirit: Nonconscious Effects of Scent on Cognition and Behavior</strong> [31]<br>Platz 6: <strong>The relational model is dead, SQL is dead, and I don&#8217;t feel so good myself</strong> [32]<br>Platz 5: <strong>Fantastic yeasts and where to find them: the hidden diversity of dimorphic fungal pathogens </strong>[33]<br>Platz 4: <strong>You probably think this paper&#8217;s about you: narcissists&#8216; perceptions of their personality and reputation</strong> [34]<br>Platz 3: <strong>The mouth, the anus, and the blastopore—open questions about questionable openings</strong> [35]<br>Platz 2: <strong>Snakes on a spaceship—An overview of Python in heliophysics</strong> [36]<br>Platz 1: <strong>miR miR on the wall, who’s the most malignant medulloblastoma miR of them all?</strong> [37]</em></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong><br>[1] Upper D. (1974). The unsuccessful self-treatment of a case of &#8222;writer&#8217;s block&#8220;. <em>Journal of applied behavior analysis</em>, <em>7</em>(3), 497. https://doi.org/10.1901/jaba.1974.7-497a<br>[2] [6] E. Topol, R. Califf, F. Van de Werf, P. W. Armstrong et al. (1993). An International Randomized Trial Comparing Four Thrombolytic Strategies for Acute Myocardial Infarction. <em>The New England Journal of Medicine, 329</em>(10), 673–682.<br>[3] Gallus, S., Bosetti, C., Negri, E., Talamini, R., Montella, M., Conti, E. et al. (2003). Does Pizza Protect Against Cancer?. <em>International Journal of Cancer, 107</em>(2), 283-284.<br>[4] Bulut, O. C., Oladokun, D., Lippert, B. M., &amp; Hohenberger, R. (2023). Can sex improve nasal function? — An exploration of the link between sex and nasal function. <em>Ear, Nose &amp; Throat Journal</em>, <em>102</em>(1), 40-45.<br>[5] Royet, J.-P., Meunier, D., Torquet, N., Mouly, A.-M. &amp; Jiang, T. (2016). The Neural Bases of Disgust for Cheese: An fMRI Study. <em>Front. Hum. Neurosci.</em> <em>10</em>, 511. doi: 10.3389/fnhum.2016.00511<br>[6] Knols, B. (1996). On Human Odour, Malaria Mosquitoes, and Limburger Cheese<em>.</em> <em>The Lancet.</em> <em>348</em>, 1322, doi:10.1016/S0140-6736(05)65812-6<br>[7] Marazziti,D., Akiskal, H. S., Rossi, A. &amp; Cassano, G. B. (1999). Alteration of the platelet serotonin transporter in romantic love. <em>Psychological Medicine. 29</em>(3), 741–74.<br>[8] Giacomin, M. &amp; Rule, N. O. (2019). Eyebrows cue grandiose narcissism. <em>Journal of Personality, 87</em>(2), 373-385. https://doi.org/10.1111/jopy.12396<br>[9] Watanabe, S., Sakamoto, J. &amp; Wakita, M. (1995). <em>Pigeons’ Discrimination of Paintings by Monet and Picasso</em>. In: <em>Journal of the Experimental Analysis of Behavior</em>, <em>63</em>, 165–174, PMC&nbsp;1334394<br>[10] Kruger, J., &amp; Dunning, D. (1999). Unskilled and unaware of it: how difficulties in recognizing one&#8217;s own incompetence lead to inflated self-assessments. <em>Journal of personality and social psychology</em>, <em>77</em>(6), 1121<br>[11] Beseris, E. A., Naleway, S. E., &amp; Carrier, D. R. (2020). Impact protection potential of mammalian hair: Testing the pugilism hypothesis for the evolution of human facial hair. <em>Integrative organismal biology</em>, <em>2</em>(1), obaa005.<br>[12] Stephens, R., Atkins, J., &amp; Kingston, A. (2009). Swearing as a response to pain. <em>Neuroreport</em>, <em>20</em>(12), 1056-1060.<br>[13] BBC (2000). Verfügbar unter: http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/757788.stm [abgerufen: 29.05.2023, 22:23]<br>[14] Zuokas, A. (2011). Vilnius Mayor A.Zuokas Fights Illegally Parked Cars with Tank. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=V-fWN0FmcIU [abgerufen: 29.05.2023, 22:08]<br>[15] Schott, H. (o.D.). Freuds Selbstversuche mit Kokain als Moment seiner Selbstanalyse, Verfügbar unter: https://www.biusante.parisdescartes.fr/sfhm/hsm/HSMx1982x017xspec2/HSMx1982x017xspec2x0252.pdf [abgerufen: 22.05.2023, 12:19]<br>[16] Bröer, R. (2004). Der Herzkatheter-Selbstversuch: Dichtung und Wahrheit. <em>ÄrzteZeitung.</em> Verfügbar unter https://www.aerztezeitung.de/Panorama/Der-Herzkatheter-Selbstversuch-Dichtung-und-Wahrheit-317637.html [abgerufen: 22.05.2023, 13:02]<br>[17] Hollstein, S. Hängen für die Wissenschaft, Spektrum, Verfügbar unter: https://www.spektrum.de/news/haengen-fuer-die-wissenschaft/1641836 [abgerufen: 22.05.2023, 13:44]<br>[18] Hollstein, S. (2019). Der menschliche Crashtest-Dummy. <em>Spektrum.</em> Verfügbar unter: https://www.spektrum.de/news/der-menschliche-crashtest-dummy/1675686 [abgerufen: 22.05.2023, 14:17]<br>[19] Hilpert, K. (2022). Ethikkommissionen. <em>Staatslexikon</em>. Verfügbar unter: https://www.staatslexikon-online.de/Lexikon/Ethikkommissionen [abgerufen: 22.05.2023, 15:37]<br>[20] Arbeitskreis Medizinischer Ethik-Kommissionen (o.D.). Geschichte der Forschungsethik. Verfügbar unter https://www.akek.de/geschichte-der-forschungsethik/ [abgerufen: 22.05.2023, 15:46]<br>[21] Dorsch Lexikon der Psychologie (2016). Kleiner Albert. Hogrefe. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/kleiner-albert [abgerufen: 22.05.2023, 14:51]<br>[22] Paulus, J. (2003). Die amerikanische Monster-Studie. <em>Wissenschaft</em>. Verfügbar unter: https://www.wissenschaft.de/allgemein/die-amerikanische-monster-studie/ [abgerufen: 22.05.2023, 17:02]<br>[23] Zimbardo, P. G., Haney, C., Banks, W. C., &amp; Jaffe, D. (1971). <em>The Stanford prison experiment</em>. Zimbardo, Incorporated.<br>[24] Rovner, S. Y. (1992). Ethic concerns raised in schizophrenia study. <em>Washington Post</em>. Verfügbar unter: https://www.washingtonpost.com/archive/lifestyle/wellness/1992/09/29/ethics-concerns-raised-in-schizophrenia-study/92a01b0c-de57-4b30-8720-e16a5910bb5a/ [abgerufen: 22.05.2023, 16:29]<br>&nbsp;[25] Bunnett, J. F. &amp; Kearley, F. J. (1971). Comparative mobility of halogens in reactions of dihalobenzenes with potassium amide in ammonia.&nbsp; <em>J. Org. Chem,</em> <em>36</em>(1), 184–186. https://doi.org/10.1021/jo00800a036<br>[26] Brown, C. M. &amp; Henderson D. M. (2015). A New Horned Dinosaur Reveals Convergent Evolution in Cranial Ornamentation in Ceratopsidae. <em>Current Biology, 15</em>(12), 1641-1648. https://doi.org/10.1016/j.cub.2015.04.041<br>[27] Chierichetti, F., Lattanzi, S. &amp; Panconesi, A. (2010). Rumour spreading and graph conductance. In <em>Proceedings of the twenty-first annual ACM-SIAM symposium on Discrete Algorithms</em> (pp. 1657-1663). Society for Industrial and Applied Mathematics. https://doi.org/10.1137/1.9781611973075.135<br>[28] Swihart, B. J., Caffo, B., James, B. D., Strand, M., Schwartz, B. S., &amp; Punjabi, N. M. (2010). Lasagna plots: a saucy alternative to spaghetti plots. <em>Epidemiology (Cambridge, Mass.)</em>, <em>21</em>(5), 621.<br>[29] López, M. (2018). AMPK wars: the VMH strikes back, return of the PVH. <em>Trends in Endocrinology &amp; Metabolism</em>, <em>29</em>(3), 135-137.<br>[30] Arbeitman, M. N., Kopp, A., Siegal, M. L., &amp; Van Doren, M. (2010). Everything you always wanted to know about sex &#8230; in flies. Sexual development : genetics, molecular biology, evolution, endocrinology, embryology, and pathology of sex determination and differentiation, 4(6), 315–320. https://doi.org/10.1159/000320632<br>[31] Holland, R. W., Hendriks, M., &amp; Aarts, H. (2005). Smells Like Clean Spirit: Nonconscious Effects of Scent on Cognition and Behavior. Psychological Science, 16(9), 689–693. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2005.01597.x<br>[32] Atzeni, P., Jensen, C. S., Orsi, G., Ram, S., Tanca, L., &amp; Torlone, R. (2013). The relational model is dead, SQL is dead, and I don&#8217;t feel so good myself. <em>ACM Sigmod Record</em>, <em>42</em>(2), 64-68.<br>[33] Van Dyke, M. C. C., Teixeira, M. M., &amp; Barker, B. M. (2019). Fantastic yeasts and where to find them: the hidden diversity of dimorphic fungal pathogens. Current opinion in microbiology, 52, 55–63. https://doi.org/10.1016/j.mib.2019.05.002<br>[34] Carlson, E. N., Vazire, S., &amp; Oltmanns, T. F. (2011). You probably think this paper&#8217;s about you: narcissists&#8216; perceptions of their personality and reputation. <em>Journal of personality and social psychology</em>, <em>101</em>(1), 185.&nbsp;<br>[35] Hejnol, A., &amp; Martindale, M. Q. (2009). The mouth, the anus, and the blastopore—open questions about questionable openings. <em>Animal Evolution: Genomes, Fossils, and Trees</em>, 33-40<br>[36] Burrell, A. G., Halford, A., Klenzing, J., Stoneback, R. A., Morley, S. K., Annex, A. M., &#8230; &amp; Ma, J. (2018). Snakes on a spaceship—An overview of Python in heliophysics. <em>Journal of Geophysical Research: Space Physics</em>, <em>123</em>(12), 10-384.<br>[37] Wang, X., Holgado, B. L., Ramaswamy, V., Mack, S., Zayne, K., Remke, M., &#8230; &amp; Taylor, M. D. (2018). miR miR on the wall, who’s the most malignant medulloblastoma miR of them all?. <em>Neuro-oncology</em>, <em>20</em>(3), 313-323.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Was macht die Forschung&#8230;? Ein kleiner Überblick zu Themen rund um die Ernährung</title>
		<link>https://psycho-path.de/was-macht-die-forschung-ein-kleiner-ueberblick-zu-themen-rund-um-die-ernaehrung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Oct 2023 04:09:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#44 Ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[#mehr_wissen]]></category>
		<category><![CDATA[ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[essen]]></category>
		<category><![CDATA[forschung]]></category>
		<category><![CDATA[helene-kühn]]></category>
		<category><![CDATA[julia-roggenbuck]]></category>
		<category><![CDATA[lydia-richter]]></category>
		<category><![CDATA[wissenschaft]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://psycho-path.de/?p=2159</guid>

					<description><![CDATA[ORGANISATION: LYDIA RICHTER; AUTORINNEN: LYDIA RICHTER, HELENE KÜHN, JULIA ROGGENBUCK. Nicht selten sind wir erstaunt, wie breit gefächert viele Forschungsgebiete doch sind und zu welchen Themen es alles Studien gibt. Das haben wir auch bei unseren Recherchen zum Thema Ernährung festgestellt und eine spannende Auswahl an Studienergebnissen zu Staunen und Schmunzeln zusammengetragen &#8211; natürlich alles [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">ORGANISATION: LYDIA RICHTER; AUTORINNEN: LYDIA RICHTER, HELENE KÜHN, JULIA ROGGENBUCK. <em>Nicht selten sind wir erstaunt, wie breit gefächert viele Forschungsgebiete doch sind und zu welchen Themen es alles Studien gibt. Das haben wir auch bei unseren Recherchen zum Thema Ernährung festgestellt und eine spannende Auswahl an Studienergebnissen zu Staunen und Schmunzeln zusammengetragen &#8211; natürlich alles andere als vollständig!</em></p>



<span id="more-2159"></span>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vitamine gegen Gewalt</strong><br>In einem Gefängnis konnten antisoziale Verhaltensweisen bemerkenswert reduziert werden, indem der gewöhnliche Speiseplan für sieben Tage mit einer physiologisch angemessenen Zufuhr an Vitaminen, Mineralien und essentiellen Fettsäuren ergänzt wurde.[1]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das perfekte Essen fürs erste Date</strong><br>Laut einer Studie zur “Embodied Cognition” bewerteten Frauen, die einen würzig-scharfen Snack zu sich nahmen, im Vergleich zu Frauen, die einen süßen Snack verzehrten, Männergesichter als attraktiver und zeigten ein höheres romantisches Interesse an diesen Männern. Das wurde damit erklärt, dass Wörter wie <em>scharf </em>oder <em>heiß</em> auch mit körperlicher Attraktivität assoziiert werden.[2]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Psychische Erkrankung und Vegetarismus</strong><br>Einiges deuten darauf hin, dass sich Vegetarier:innen einer besonders guten physischen Gesundheit erfreuen.[3] Doch wie sieht es mit der psychischen Gesundheit aus? In diesem Fall gibt es Hinweise auf einen gegenteiligen Zusammenhang. Laut einer Studie weisen Vegetarier:innen eine erhöhte Prävalenzrate verschiedener psychischer Störungen auf. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Erleben einer psychischen Störung die Wahrscheinlichkeit erhöht, sich für eine vegetarische Ernährung zu entscheiden.[4]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mit Achtsamkeit den Schokoladenkonsum reduzieren</strong> <br>Laut einer experimentellen Studie zu zwei unterschiedlichen Übungen für achtsames Essen konsumierten die Teilnehmenden der zwei Achtsamkeitsgruppen direkt im Anschluss deutlich weniger Schokolade als die Teilnehmenden der Kontrollbedingung. Hinsichtlich der Zufriedenheit und dem Wunsch der Teilnehmenden, mehr Schokolade zu konsumieren, zeigten sich jedoch keine signifikanten Unterschiede.[5]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Empfänglichkeit für Lebensmittelwerbung sagt Gewichtszunahme bei Erwachsenen vorher</strong><br>Viele längsschnittliche Studien belegen Zusammenhänge zwischen Lebensmittelwerbung im Fernsehen und Gewichtszunahme. Der Mechanismus hinter diesem Effekt könnte in Hirnarealen liegen, die für das Verarbeiten von Belohnung zuständig sind. Yokum et al. (2014) fanden eine positive Korrelation zwischen der Aktivität im Striatum bei Lebensmittelwerbung und der Gewichtszunahme ein Jahr später.[6]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zusammenhang zwischen Übergewicht im mittleren Alter und kognitiver Abnahme</strong><br>Eine fettreiche Ernährung im mittleren Alter wird mit späteren kognitiven Defiziten assoziiert. In Studien zeigten Teilnehmende schon nach wenigen Tagen, in denen sie eine high fat diet konsumierten, schlechtere Leistungen im Arbeits- und episodischem Gedächtnis. Personen, die sich dauerhaft fettreich ernähren und übergewichtig sind, haben später ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken. Der Mechanismus dahinter wird in der aus langkettigen Fettsäuren resultierenden möglichen Neuroinflammation im Hippocampus vermutet.[7]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Persönlichkeitseigenschaften und Ernährungsentscheidungen</strong><br>Persönlichkeitseigenschaften können die Art der Ernährung beeinflussen, inklusive ob wir uns gesund oder ungesund ernähren. Sie beeinflussen auch die Neigung, die eigene Ernährung zu ändern. Personen mit höheren Scores bei Neurotizismus und Alexithymie (Unfähigkeit, Emotionen zu erkennen und zu beschreiben) zeigen eher ein ungesundes Essverhalten (z. B. hoher Zuckerkonsum, weniger Gemüse und Obst). Personen, die sich vegan ernähren, haben höhere Scores in Offenheit.[8]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong><br>[1] Gesch, C. B., Hammond, S. M., Hampson, S. E., Eves, A., &amp; Crowder, M. J. (2002). Influence of supplementary vitamins, minerals and essential fatty acids on the antisocial behaviour of young adult prisoners: Randomised, placebo-controlled trial. <em>The British Journal of Psychiatry</em>, <em>181</em>(1), 22-28.<br>[2] Miska, J., Hemmesch, A. R., &amp; Buswell, B. N. (2018). Sugar, Spice, and Everything Nice: Food Flavors, Attraction, and Romantic Interest. <em>Psi Chi Journal of Psychological Research</em>, <em>23</em>(1).<br>[3] Marsh, K., Zeuschner, C., &amp; Saunders, A. (2012). Health implications of a vegetarian diet: a review. <em>American Journal of Lifestyle Medicine</em>, <em>6</em>(3), 250-267.<br>[4] Michalak, J., Zhang, X.C. &amp; Jacobi, F. Vegetarian diet and mental disorders: results from a representative community survey. <em>Int J Behav Nutr Phys Act</em> 9, 67 (2012).<br>[5] Mantzios, M., Skillett, K., &amp; Egan, H. (2019). Examining the effects of two mindful eating exercises on chocolate consumption: An experimental study. <em>European Journal of Health Psychology</em>, 26(4), 120–128<strong>.</strong><br>[6] Yokum, S., Gearhardt, A. N., Harris, J. L., Brownell, K. D., &amp; Stice, E. (2014). Individual differences in striatum activity to food commercials predict weight gain in adolescents. <em>Obesity</em>, <em>22</em>(12), 2544-2551.<br>[7] Spencer, S. J., Korosi, A., Layé, S., Shukitt-Hale, B., &amp; Barrientos, R. M. (2017). Food for thought: how nutrition impacts cognition and emotion. <em>npj Science of Food</em>, <em>1</em>(1), 7.<br>[8] Esposito, C. M., Ceresa, A., &amp; Buoli, M. (2021). The association between personality traits and dietary choices: a systematic review. <em>Advances in Nutrition</em>, <em>12</em>(4), 1149-1159.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ausnahmezustand verliebt</title>
		<link>https://psycho-path.de/ausnahmezustand-verliebt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Jul 2023 04:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#36 Normalität]]></category>
		<category><![CDATA[#mehr_wissen]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[love]]></category>
		<category><![CDATA[psyche]]></category>
		<category><![CDATA[saskia-riedelbauch]]></category>
		<category><![CDATA[selbstwert]]></category>
		<category><![CDATA[sucht]]></category>
		<category><![CDATA[verliebt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://psycho-path.de/?p=2068</guid>

					<description><![CDATA[Was Liebe mit unserer Psyche macht SASKIA RIEDELBAUCH. Fast jede:r kennt diesen Zustand: die Gedanken kreisen nur noch um die angebetete Person, man läuft fröhlich grinsend durch die Gegend, ist gut gelaunt, alles erscheint schöner, besser, fröhlicher. Man denkt an eine gemeinsame Zukunft, geht im Kopf die verschiedensten Szenarios durch, wie das gemeinsame Leben aussehen [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h1 class="wp-block-heading has-large-font-size">Was Liebe mit unserer Psyche macht</h1>



<p class="wp-block-paragraph">SASKIA RIEDELBAUCH.<em> Fast jede:r kennt diesen Zustand: die Gedanken kreisen nur noch um die angebetete Person, man läuft fröhlich grinsend durch die Gegend, ist gut gelaunt, alles erscheint schöner, besser, fröhlicher. Man denkt an eine gemeinsame Zukunft, geht im Kopf die verschiedensten Szenarios durch, wie das gemeinsame Leben aussehen könnte – dabei kennt man den anderen / die andere noch gar nicht lange. Dem nächsten Treffen wird mit pochendem Herzen entgegengeblickt und wenn man sich dann sieht, bekommt man weiche Knie und kriegt kaum noch einen vollständigen Satz heraus.  Verliebt sein ist etwas Aufregendes und Schönes. Dabei wissen wir, dass der Zustand der Verliebtheit nicht ewig andauert und sich mit der Zeit in Liebe und eine enge Bindung verwandelt. Vermutlich ist allen klar, dass der Mensch sich anders verhält, anders denkt und anders fühlt, wenn er verliebt ist und wenn er liebt. Doch wie genau sieht das aus? Was macht Liebe mit unserer Psyche? Dem möchte ich mit diesem Artikel ein wenig auf den Grund gehen. </em></p>



<span id="more-2068"></span>



<p class="wp-block-paragraph">Dass die Liebe einen Einfluss auf die menschliche Wahrnehmung hat, ist wunderschön zusammengefasst in dem Sprichwort „durch die rosarote Brille sehen“. Dieses bedeutet in unserer Umgangssprache, dass man etwas in einem zu positiven Licht sieht und ein unrealistisches Weltbild hat [1]. „Er ist einfach der Beste“, „Sie ist die schönste Frau, die ich je gesehen habe“, „Ich kenne niemanden, der so hilfsbereit und selbstlos ist wie er“ – dem ein oder anderen kommt das sicher bekannt vor: Verliebte neigen dazu, ihre:n Partner:in zu idealisieren. Dies mag zwar einem unrealistischen Bild von der geliebten Person entsprechen – doch ist das schlimm? Forschende fanden heraus [2], dass die Idealisierung des Partners / der Partnerin selbsterfüllende Effekte hat: Menschen, die ihre:n Partner:in stark idealisierten, hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit, sich zu trennen. Zum Teil scheinen die positiven Illusionen über den/die Partner:in mit dem Grad der Selbstachtung der Individuen zusammen zu hängen. Eine höhere Selbstachtung sagte mehr Idealisierung des/der Partner:in vorher. Persönliche Unsicherheiten von Individuen dagegen schienen dabei eine eher unterschwellige Vulnerabilität für die Beziehung darzustellen. Des Weiteren berichteten Paare, die sich anfangs gegenseitig mehr idealisierten, mehr Zufriedenheit und weniger Konflikte sowie Zweifel über einen Zeitraum von einem Jahr, als Paare die sich weniger idealisierten. Im Rahmen der Studie zeigte sich sogar, dass die Individuen die idealisierten Bilder des Partners später teilten – also positive Veränderungen im Selbstkonzept erfuhren. Die Idealisierung des Partners bzw. der Partnerin scheint also ein Prädiktor für eine stabilere Beziehung zu sein.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie wirkt sich Liebe auf das Denken aus? </strong><br>Dieser Frage ging noch eine andere Forschungsgruppe nach [3], die kognitive Verarbeitungsmodi bei subtilen oder unbewussten Erinnerungen an Liebe vs. Sex untersuchten. Dabei fanden sie Belege dafür, dass verliebte Menschen sich eher auf eine langfristige Perspektive fokussieren, was holistisches (ganzheitliches) und somit auch kreatives Denken erhöht. Menschen hingegen, die sexuelle Begegnungen in zwanglosem Kontext in Abwesenheit von Liebe haben, konzentrieren sich den Studienergebnissen nach mehr auf die Gegenwart. Dies führt dazu, dass konkrete Details fokussiert werden, was wiederum analytisches Denken erhöht. Liebe kann aber nicht nur kreatives Denken fördern, sondern auch kognitive Leistungsfähigkeit erhöhen. Dies fanden Forschende im Jahre 2006 [4] heraus, als sie heterosexuelle Frauen in romantischen Beziehungen mithilfe einer lexikalischen Entscheidungsaufgabe untersuchten. Hier wurden zwei Gruppen anhand der Ergebnisse der „Passionate Love Scale“ (ein Fragebogen zur Erfassung leidenschaftlicher Liebe) gebildet, sodass die Experimentalgruppe Frauen enthielt, die ihren Partner leidenschaftlich liebten. Die Kontrollgruppe bildeten Frauen, die ihren Partner nicht leidenschaftlich liebten und ihre Liebe eher als kameradschaftlich bezeichneten. Bei der durchzuführenden Aufgabe mussten die Probandinnen so schnell und genau wie möglich angeben, ob eine Buchstabenkette ein Wort ergibt. Dabei wurden vorher unterschwellige Hinweisreize dargeboten, welche entweder den Namen des Geliebten, den Namen eines Freundes oder einen wortähnlicher Kontrollhinweisreiz zeigten. Hierbei zeigte sich, dass Frauen, die ihren Partner leidenschaftlich liebten, schneller darin waren, Wörter zu erkennen, wenn vor Präsentation der Buchstabenkette der Name ihres Partners unterschwellig präsentiert wurde.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Studie [5] zeigte, dass Verliebte in einer Mentalisierungsaufgabe besser waren, wenn ihnen vorher ein Foto ihres/ihrer geliebten Partners/Partnerin gezeigt wurde. Mentalisierung meint die Fähigkeit zur Interpretation des Verhaltens anderer durch die Zuschreibung mentaler Zustände. Im Rahmen dieser Studie wurde die Zuschreibung emotionaler Zustände untersucht, indem die Probanden anhand von Fotos von Augenpaaren eine dargestellte Emotion korrekt identifizieren sollten. Verliebte waren also besser darin, emotionale Zustände anderer korrekt zu erkennen, nachdem sie an ihre:n Geliebte:n erinnert wurden im Vergleich zu vorher gezeigten neutralen Reizen. Dabei waren die Effekte für Männer größer als für Frauen – besonders wenn es um die Identifikation negativer Emotionen ging. Der normalerweise bestehende Geschlechterunterschied in Mentalisierungsfähigkeit zugunsten von Frauen war in der Studie reduziert.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was hat Liebe mit Sucht gemeinsam?</strong> <br>Es wird angenommen, dass Liebe subkortikale Belohnungs- und Motivationssysteme nutzt [6], welche auch bei Sucht eine bedeutende Rolle spielen. Doch wenn wir einmal annehmen würden, dass Liebe einer Sucht gleicht, muss auch herausgestellt werden, dass es sich in diesem Fall um eine vorteilhafte Sucht handelt. Es wird nämlich davon ausgegangen, dass Liebe, Vergnügen und Lust ein stressreduzierendes und gesundheitsförderndes Potential haben aufgrund ihrer Fähigkeit, nützliche Motivation und Verhalten zu fördern [7]. Außerdem kann das Verliebtsein zu einer Erweiterung des Selbstkonzeptes, erhöhter Selbstwirksamkeit und erhöhtem Selbstwert führen [8].&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>&nbsp;„Liebe macht blind“ – ein Spruch, den man des Öfteren hören kann. </strong><br>Doch was ist damit gemeint und ist da etwas dran? Verliebte sind stark fokussiert auf ihre:n Geliebte:n, was schnell dazu führen kann, dass andere Dinge, Aufgaben und Personen vernachlässigt werden. Wie wirkt sich dieser stark eingeengte Fokus auf die Wahrnehmung von Liebe aus?&nbsp; In einer Studie sahen Verliebte sowie Erfahrene in Sachen romantischer Liebe kurze Videos von Paaren und sollten daraufhin die Verbundenheit des Paares beurteilen [9]. Zwar waren sie sich sicherer bezüglich ihres „Liebes-Urteils“, jedoch waren ihre Urteile weniger akkurat, als die von Personen die nicht verliebt waren oder weniger Erfahrungen in Sache Liebe angaben. Dies lässt annehmen, dass das Liebes-Konzept der Verliebten und „Liebes-Experten“ höchst subjektiv und nicht repräsentativ ist für die Art und Weise, in der sich Liebe in der breiten Bevölkerung manifestiert. Doch macht Liebe wirklich so blind, dass man nur noch seine:n Partner:in sehen kann? Eine Untersuchung legt nahe, dass romantische Liebe Aufmerksamkeit von potentiellen neuen Partner:innen weglenkt, eher als dass sie Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Partner:in lenkt [10]. Liebe macht also nicht unbedingt blind, sondern lässt uns die Welt in einem anderen Licht sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liebe kann also unter anderem Vorteile für den Selbstwert und das Selbstkonzept haben, kognitive Prozesse verbessern, das Belohnungssystem unseres Gehirns aktivieren, Stress reduzieren und die Gesundheit fördern. Allerdings kann Liebe auch dazu führen, dass wir weniger akkurat wahrnehmen und unsere:n Partner:in idealisieren. Doch was ist, wenn die Liebe auf einmal fort ist und man verlassen wurde? Eine Trennung kann zu Trauersymptomen wie sich aufdrängenden Gedanken, Schlafstörungen sowie zu verschiedenen Krankheitsfaktoren führen [11]. Ein mögliches Krankheitsbild ist das sogenannte „Broken Heart Symdrome“, was beispielsweise zu Herzinfarkt-ähnlichen Symptomen führen kann. Des Weiteren ist eine beeinträchtigte Immunfunktion eine mögliche Folge eines gebrochenen Herzens. Also kann Liebe definitiv auch negative Konsequenzen haben – mal ganz abgesehen von Fällen wie unerwiderter Liebe oder Gewalt in Beziehungen, wessen Thematisierung an dieser Stelle leider den Rahmen meines Artikels sprengen würde.&nbsp;Anhand der vorgestellten wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist erkennbar, dass Liebe das menschliche Erleben, Verhalten und Denken beeinflusst. Dies tut sie häufig auf eine positive Art und Weise, jedoch kann sie sich auch negativ auf Liebende auswirken. Die Forschungslage zu dem Thema „Liebe“ ist aktuell eher dürftig, obgleich es doch so bedeutsam für uns Menschen ist. Denn Liebe ist nicht nur ein wichtiger Faktor in Bezug auf unsere Fortpflanzung, sondern sie spielt auch eine bedeutende Rolle für das Zusammenleben in Gesellschaften. Liebe beeinflusst dabei nicht nur den zwischenmenschlichen Umgang, sondern auch unseren Umgang mit anderen Lebewesen und unserem Planeten und vor allem mit uns selbst. Aufgrund der hohen Bedeutsamkeit von Liebe, sei sie romantischer, freundschaftlicher oder familiärer Art, wäre es also erstrebenswert, die Forschungslage dazu auszuweiten. Die Untersuchung von Liebe kann sicherlich eine aufregende Reise für Forschende verschiedenster Disziplinen darstellen. Warum also nicht die Liebe zur Forschung nutzen, um mehr darüber herauszufinden, wie wir lieben und was die Liebe mit uns macht?&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:10px"><strong>Quellenverzeichnis</strong><br>[1] https://de.wiktionary.org/wiki/etwas_durch_die_rosarote_Brille_sehen<br>[2] Murray, S. L., Holmes, J. G., &amp; Griffin, D. W. (1996). The self-fulfilling nature of positive illusions in romantic relationships: Love is not blind, but prescient.&nbsp;<em>Journal of personality and social psychology</em>,&nbsp;<em>71</em>(6), 1155.<br>[3] Förster, J., Epstude, K., &amp; Özelsel, A. (2009). Why love has wings and sex has not: How reminders of love and sex influence creative and analytic thinking.&nbsp;<em>Personality and Social Psychology Bulletin</em>,&nbsp;<em>35</em>(11), 1479-1491.<br>[4] Bianchi-Demicheli, F., Grafton, S. T., &amp; Ortigue, S. (2006). The power of love on the human brain.&nbsp;<em>Social Neuroscience,</em>,&nbsp;<em>1</em>(2), 90-103.<br>[5] Wlodarski, R., &amp; Dunbar, R. I. (2014). The effects of romantic love on mentalizing abilities.&nbsp;<em>Review of general psychology</em>,&nbsp;<em>18</em>(4), 313-321.<br>[6] Aron, A., Fisher, H., Mashek, D. J., Strong, G., Li, H., &amp; Brown, L. L. (2005). Reward, motivation, and emotion systems associated with early-stage intense romantic love.&nbsp;<em>Journal of neurophysiology</em>,&nbsp;<em>94</em>(1), 327-337.<br>[7] Esch, T., &amp; Stefano, G. B. (2005). The neurobiology of love.&nbsp;<em>Neuroendocrinology Letters</em>,&nbsp;<em>26</em>(3), 175-192.<br>[8] Aron, A., Paris, M., &amp; Aron, E. N. (1995). Falling in love: Prospective studies of self-concept change.&nbsp;<em>Journal of Personality and Social Psychology</em>,&nbsp;<em>69</em>(6), 1102.<br>[9] Aloni, M., &amp; Bernieri, F. J. (2004). Is love blind? The effects of experience and infatuation on the perception of love.&nbsp;<em>Journal of Nonverbal Behavior</em>,&nbsp;<em>28</em>(4), 287-296.<br>[10] Lundström, J. N., &amp; Jones-Gotman, M. (2009). Romantic love modulates women&#8217;s identification of men&#8217;s body odors.&nbsp;<em>Hormones and behavior</em>,&nbsp;<em>55</em>(2), 280-284.<br>[11] Field, T. (2011). Romantic breakups, heartbreak and bereavement.&nbsp;<em>Psychology</em>,&nbsp;<em>2</em>(4), 382-387.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Hoffnung der Tierethik auf Übernahme in die Rechtsprechung</title>
		<link>https://psycho-path.de/die-hoffnung-der-tierethik-auf-uebernahme-in-die-rechtsprechung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Apr 2023 09:13:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#38 Online]]></category>
		<category><![CDATA[#mehr_wissen]]></category>
		<category><![CDATA[christian-engelschalt]]></category>
		<category><![CDATA[ethik]]></category>
		<category><![CDATA[rechte]]></category>
		<category><![CDATA[tiere]]></category>
		<category><![CDATA[tierethik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://psycho-path.de/?p=2010</guid>

					<description><![CDATA[„Morgen greife ich wieder an &#8230;“ CHRISTIAN ENGELSCHALT. Die Situation in der Massentierhaltung und beim Fischfang ist bekannt, etwa 90% der Deutschen sprechen sich in Umfragen gegen die leidvollen Zustände aus. Viele Leute wissen auch um die daraus folgenden Schäden an Klima und menschlicher Gesundheit über die Schmerzen der Tiere hinaus. (Gülle belastet das Trinkwasser [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h1 class="wp-block-heading has-large-font-size">„Morgen greife ich wieder an &#8230;“</h1>



<p class="wp-block-paragraph">CHRISTIAN ENGELSCHALT. <em>Die Situation in der Massentierhaltung und beim Fischfang ist bekannt, etwa 90% der Deutschen sprechen sich in Umfragen gegen die leidvollen Zustände aus. Viele Leute wissen auch um die daraus folgenden Schäden an Klima und menschlicher Gesundheit über die Schmerzen der Tiere hinaus. (Gülle belastet das Trinkwasser und antibiotikaresistente Bakterien führen zu Todesfällen bei geschwächten Personen.) Das und die Subventionen sind auch ein ökonomischer Fehlschlag.</em></p>



<span id="more-2010"></span>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color wp-block-paragraph">I. „TEAR DOWN THESE JAILS?!“ &#8211; SIND TIERE IM VERGLEICH ZU MENSCHEN ÜBERHAUPT WICHTIG?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Situation in der Massentierhaltung und beim Fischfang ist bekannt, etwa 90% der Deutschen sprechen sich in Umfragen gegen die leidvollen Zustände aus. Viele Leute wissen auch um die daraus folgenden Schäden an Klima und menschlicher Gesundheit über die Schmerzen der Tiere hinaus. (Gülle belastet das Trinkwasser und antibiotikaresistente Bakterien führen zu Todesfällen bei geschwächten Personen.) Das und die Subventionen sind auch ein ökonomischer Fehlschlag.<br></p>



<p class="has-accent-color has-text-color wp-block-paragraph">Thank you disillusionment!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Alanis Morissette</em><br>Weniger geläufig neben den Bildern von Hühnern, Schweinen und Rindern ist, dass in der EU auch über 100 Millionen Kaninchen in engen Drahtkäfigen leiden. Weitere Arten sind betroffen. Die vom Tierschutzgesetz geforderte Betäubung beim Schlachten scheitert schon allein aufgrund des Zeitdrucks bei einem beträchtlichen Teil &#8211; und der Tod z.B. von Rindern erst in der Weiterverarbeitung ist damit qualvoll, ich erspare die kaum vorstellbaren Details. Einen Überblick über die Tierhaltungsindustrie gibt der Film „Dominion“ (2018).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die angesichts der geschilderten Zustände gewählte Zwischenüberschrift ist angelehnt an Ronald Reagans Satz „Tear down this wall!“, mit dem er 1987 den Fall der Berliner Mauer forderte. Ich kann dem ehemaligen US-Präsidenten allerdings abgesehen von seiner Begeisterungsfähigkeit politisch nur wenig abgewinnen. Sein Selbstvertrauen ist dabei kein Privileg von Männern, um Einseitigkeit für diesen Artikel vorzubeugen. Die große Überschrift „Wenn ich heute nicht erfolgreich bin, greife ich morgen wieder an!“ stammt von der Astronomin und Mathematikerin Mary Somerville (1780-1872). Tierische Produkte sind bei vollwertiger (!) pflanzlicher Ernährung plus Einnahme von Vitamin B12 und ggf. anderen Stoffen für Menschen vollständig entbehrlich (ausführlich in Rittenau, 2018). Vitamin B12 wurde 1948 entdeckt und steht seit den 1950ern zur Verfügung. Die Massentierhaltung hat sich hingegen seitdem in wichtigen Punkten verschärft. (&#8230;) Eventuell könnte in den kommenden Jahren im Labor erzeugtes Fleisch so billig werden, dass es die Massentierhaltung verdrängt und auch weniger umwelt- und klimaschädlich ist. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn ich vermute, dass Tierethik vielen ein Begriff ist, gehe ich kurz darauf ein. Es gibt genauer gesagt viele Tierethiken verschiedener Denkrichtungen und Autor:innen. Die drei Hauptrichtungen der Ethik allgemein sind die deontologische Ethik (nach Kant sind Moral und die Absicht des Handelns ist wichtig), die Tugendethik von Maß und Mitte (Aristoteles) und die utilitaristische Ethik der Beurteilung von Handlungen oder Verhaltensregeln nach ihren Folgen. Die tierethischen Anwendungen aller drei Strömungen fordern inzwischen eine grundlegende Aufwertung von mindestens Wirbeltieren und Kopffüßern wie dem Oktopus („animal turn“ der Philosophie in den letzten Jahrzehnten). Genaueres steht in den Literaturempfehlungen, einen spannenden Überblick findet ihr im Comic „Tierethik &#8230;“ von Julia Kockel und Oliver Hahn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt einige Details: Die kognitiven Fähigkeiten von z.B. einige Monate alten Schweinen übersteigen die von menschlichen Säuglingen und liegen in vielen Punkten eher bei denen von 2 bis 3-jährigen Kleinkindern. Die Leidensfähigkeit der genannten erscheint aus der zusammenfassenden Sicht auf alle wissenschaftlichen Untersuchungen hinreichend vergleichbar. Auch bei Menschen können (leidvolle) Emotionen ohne Kognition (also ohne explizierbare Gedanken) auftreten (z.B. LeDoux, 1995). Die Leidensfähigkeit bzw. das Erleben von Schmerzen und leidvollen Emotionen ist dabei aus Sicht der meisten Ethiken das Entscheidende, nicht die (kognitiven) Fähigkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Menschen schützt das deutsche Recht daher verkürzt gesagt vorgeburtliches Leben ab 12 Wochen, dann ist ein Schwangerschaftsabbruch nur noch in Ausnahmen erlaubt. Menschliche Säuglinge genießen glücklicherweise Rechte, müssen aber keine Pflichten erfüllen, was aus Sicht der Tierethiken vorbildhaft für den Rechtsstatus von z.B. Wirbeltieren im Einflussbereich von Menschen sein kann. (&#8230;)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst wenn nicht zwingend alle Individuen in der Massentierhaltung unterschiedslos leiden müssen, ist der Anteil derer, die extremem Leiden ausgesetzt sind, dabei sehr hoch. Da die verschiedenen Tierethiken an Individuen ansetzen, scheint auch die Rechtsnormverletzung bereits bei einem oder wenigen Individuen nicht hinnehmbar. Wie u.a. in Tierethikbüchern nachgelesen werden kann, ist derzeit die kommerzielle Biohaltung keine sinnvolle Alternative, da sie nicht halten kann, was sie für die Tiere verspricht. Die meisten tierethischen Ansätze legen ein komplettes Ende von Tierhaltung (auch in Biohöfen) für ökonomische Ausbeutung nahe und kritisieren den derzeitigen Status insbesondere der so genannten Nutztiere, Eigentum von Menschen oder deren Firmen sein zu können. (&#8230;)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Begriff „Tiere“ als Gegenpol zu Menschen selbst ist problematisch, da damit so unterschiedliche Spezies wie Rinder und Ameisen unter eine vermeintliche Gemeinsamkeit gefasst werden, die im Gegensatz zu Menschen stehen soll. Sprachwissenschaftler:innen kritisieren das als einen Ausgangspunkt der Gewalt gegen viele Tierarten.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph">Literaturtipp: Haben Tiere Rechte? Download auf bpb.de</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color wp-block-paragraph">II. WAS HAT TIERETHIK MIT DEM GESETZ ZU TUN?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Sicht der meisten Vertreter:innen ist es unumgänglich, die zentralen tierethischen Positionen zu geltendem Recht zu erklären. Ethik an sich ist zwar logisch nicht beweisbar, allerdings sind schon die zentralen humanethischen Positionen für die meisten Menschen kaum abweisbar: Wer nicht selbst von Übergriffen betroffen sein will, sollte sich an eine Ethik im Sinne der „Goldenen Regel“ halten: Was ich von anderen nicht erleiden will, sollte ich diesen auch nicht zufügen. Dazu gibt es zwar Einschränkungen und strittige Punkte in Details, aber im Groben ist es unvermeidbar für Menschen, die Leiden und Schmerz aus dem Wege gehen wollen. Das sind natürlich keinesfalls alle Menschen, wie einige Menschen mit psychopathischen Zügen zeigen, die kaum Angst vor Bestrafung und zukünftigen Schmerzen haben, aber eben die überwältigende Mehrheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun sieht es im Jahr 2020 nicht so aus, als ob die wichtigsten tierethischen Positionen in nächster Zeit zu Gesetzen in Deutschland werden. Was wäre daher schon bei konsequenter Nutzung des bestehenden Rechts möglich? Wo könnte man im bisherigen Recht andere Auslegungen erreichen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst: Die Rechtsprechung der Bundesrepublik war von den 1950ern bis heute beträchtlichen Wandlungen in der Auslegung unterworfen. (&#8230;) Im deutschen Recht gibt es ein Tierschutzgesetz, das ethische Veganer*innen sehr missbilligen. Dieses zielt zwar allgemein auf das Wohlbefinden von Tieren ab, erlaubt aber, dann Tieren Schmerz und Leiden zuzufügen, „wenn es dafür einen vernünftigen Grund gibt“. Damit wird in den weiteren Details des Gesetzes die Massentierhaltung gerechtfertigt, weil hier fast jede Begründung als sinnvoll dargestellt wird. (&#8230;)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort „vernünftig“ wird allerdings auch in anderen Rechtskontexten als bei „Nutztieren“ verwendet. Dort scheint die Verwendung wesentlich strenger zu sein. Nach meinem Eindruck wird dann „vernünftig“ im Falle von Dilemmata eher im Sinne einer Rechtsgüterabwägung verwendet, d.h. höhere Rechtsgüter wie menschliches Leben werden über ökonomische Interessen gestellt. Die banalere Verwendung von „vernünftig“ mag es zum Beispiel beim Bundesrechnungshof geben: Wenn ein einfaches Haus für die Stadtverwaltung ausreicht, muss es kein Luxusanwesen werden. Straßen müssen nicht in einem Monat baulich saniert werden, wenn im nächsten Monat noch Wasser- und Medienleitungen verlegt werden sollen und sie dafür erneut aufgegraben werden. Luxusbegehren gelten in anderen Rechtskontexten als unter vernünftiger Betrachtung nachrangig. (Da in jeder Hinsicht entbehrlich, befriedigen auch tierische Produkte ein Luxusbegehren.) Die Schäden der Massentierhaltung an Klima, Gesundheit und Finanzen der öffentlichen Haushalte sollten ebenfalls genügen, das Wort „vernünftig“ im Tierschutzgesetz zukünftig anders auszulegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig würde auch das jetzige Gesetz bereits ermöglichen, das Leid von so genannten Nutztieren höher zu bewerten und strengere Schutzvorschriften zu erlassen und durchzusetzen, da Leiden vom Recht eigentlich über vermeintlich ökonomische Interessen gestellt wird. Würden außerdem anspruchsvolle Schutzbestimmungen für alle gelten und durchgesetzt werden, ist ja auch kein Anbieter per se im Nachteil. Das Preisniveau wäre nur um ein Mehrfaches höher. Auch damit sind Geschäftsmodelle mit Gewinnerzielung möglich. Die eben genannten Punkte würden für Gerichte allerdings vermutlich bedeuten, einige Unterpunkte des Tierschutzgesetzes aufgrund geänderter Sachlage für obsolet zu erklären. Das deutsche Recht lässt so etwas prinzipiell zu. Es kommt manchmal vor, dass Details von Gesetzen gekippt werden, wenn sie dem allgemeineren Ziel bzw. der Präambel des Gesetzes zuwiderlaufen (s.a. Paefgen &amp; Raspé, 2019). (&#8230;)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie spätestens die Corona-Pandemie indirekt gezeigt hat, können Einfuhren von Anbietern, die die Schutzvorschriften unterlaufen wollen, sehr wohl an den Grenzen zurückgehalten werden. Dieses Problem ähnelt der Bekämpfung der Dumping-Produktion auch in anderen Bereichen, z.B. beim Import von Kleidung, die unter extrem schlechten Arbeitsbedingungen z.B. in Pakistan bzw. in den Baumwollanbaugebieten (Schäden und Tote durch Pflanzenschutzgifte) hergestellt wurde. Durch Kontrolle der Produktions- und Lieferketten inklusive des Großhandels könnte man das verändern.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><strong>Exkurs: Warum sind Umbrüche im Recht mehr als Träumereien der Tierethikszene?</strong><br>Die realistische Möglichkeit, das Recht und seine Anwendung geradezu revolutionär zu ändern, entsteht u.a. durch folgendes Szenario: Der Anteil der (Massen)Tierhaltung am Ausstoß aller Treibhausgase auf der Welt beträgt mindestens ein Viertel, wenn man die indirekten Emissionen einbezieht. Wenn die Bekämpfung der Erderwärmung in nächster Zeit dringlich wird, brauchen Regierungen sehr schnell Erfolge. Eine Umsteuerung des Ernährungsverhaltens weg von tierischen Produkten liegt dabei besonders nahe, weil sie relativ rasch und günstig zu erreichen wäre. Mit dem Verblassen der wirtschaftlichen Bedeutung würde aber auch der politische und gesellschaftliche Einfluss der Massentierhaltungslobby sinken. Auch wegen ihres schlechten Images würden dann Verwaltungen, Parlamente und Rechtsprechung ihre schützende Hand von der Nutztierbranche nehmen. Eine effektive Ahndung von Rechtsverstößen würde beginnen, auch von schon vergangenen. Sie würde auch durch die Versuchung getrieben, sich damit zu profilieren. Die Tür für die Übernahme ins Recht stünde der Tierethik weit offen, sie wäre nicht mehr nur das Wunschdenken von Weltverbesserern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color wp-block-paragraph">III „NICHT RACHE, NEIN RENTE &#8230;“ (WOLF BIERMANN)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man könnte beim Thema Massentierhaltung anders auf die jetzige Rechtsprechung, Politik und geringen Spielraum von Kontrollen schauen und behaupten, dass derzeit Rechtsbeugung (nur teilweise deckungsgleich mit dem entsprechenden Paragraphen) betrieben wird. Damit wären Verwaltungsakte und Urteile noch im Nachhinein anfechtbar. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann wären auch die durch die Massentierhaltung angehäuften Gewinne bei einigen Firmen und Privatpersonen von der Staatskasse einzuziehen. Wichtig ist, dass es dabei eine Grenze an verbleibendem Vermögen geben muss, z. B. 100000 Euro und ein eigenes kleines Haus, weil sonst das genannte Vorgehen missbraucht werden könnte, um Leute privat und politisch von der Teilhabe an der Gesellschaft auszuschließen, wofür Diktaturen unrühmliche Beispiele geliefert haben. Aus dem gleichen Grund sollte man auf langjährige Haftstrafen aufgrund der Massentierhaltung verzichten, wenn über diese in Zukunft vom Rechtsstaat rückschauend geurteilt werden sollte, das Tierschutzgesetz sieht maximal 3 Jahre vor. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Vorwegnahmen der Zukunft könnten jetzt schon von Tierrechtsgruppen medial verbreitet werden. Natürlich wäre der Sache kaum gedient, wenn alles eben Gesagte jetzt im Jahr 2020 nur Abwehr oder Selbstabwertung bei den Angesprochenen hervorrufen würde. Es soll Bewegung bringen. </p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-2 is-cropped has-light-green-cyan-to-vivid-green-cyan-gradient-background has-background wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-medium"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="300" height="200" data-id="2017" src="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cow-5608144_960_720-300x200.jpg" alt="" class="wp-image-2017" srcset="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cow-5608144_960_720-300x200.jpg 300w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cow-5608144_960_720-644x429.jpg 644w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cow-5608144_960_720-768x512.jpg 768w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cow-5608144_960_720-676x451.jpg 676w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cow-5608144_960_720-600x400.jpg 600w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cow-5608144_960_720-272x182.jpg 272w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cow-5608144_960_720.jpg 960w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-medium"><img decoding="async" width="300" height="200" data-id="2015" src="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cat-4184276_960_720-300x200.jpg" alt="" class="wp-image-2015" srcset="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cat-4184276_960_720-300x200.jpg 300w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cat-4184276_960_720-644x429.jpg 644w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cat-4184276_960_720-768x512.jpg 768w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cat-4184276_960_720-676x451.jpg 676w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cat-4184276_960_720-600x400.jpg 600w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cat-4184276_960_720-272x182.jpg 272w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/cat-4184276_960_720.jpg 960w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-medium"><img decoding="async" width="203" height="300" data-id="2014" src="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/sheep-4837274_960_720-203x300.jpg" alt="" class="wp-image-2014" srcset="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/sheep-4837274_960_720-203x300.jpg 203w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/sheep-4837274_960_720.jpg 487w" sizes="(max-width: 203px) 100vw, 203px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-medium"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="199" data-id="2016" src="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/chick-3742862_960_720-300x199.jpg" alt="" class="wp-image-2016" srcset="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/chick-3742862_960_720-300x199.jpg 300w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/chick-3742862_960_720-644x427.jpg 644w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/chick-3742862_960_720-768x509.jpg 768w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/chick-3742862_960_720-676x448.jpg 676w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/chick-3742862_960_720-600x398.jpg 600w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2023/04/chick-3742862_960_720.jpg 960w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></figure>
</figure>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso wie vielen Ethiken liegen auch mir Kategorien von Gut und Böse fern. In Anlehnung an Hannah Arendt sind die Motive für menschliche Misshandlungen von „Nutztieren“ letztendlich banal. Das Wichtige ist, wie das Leid vor allem für die „Nutztiere“ möglichst rasch beendet werden kann. Moralische Vorhaltungen sind praktisch ungeeignet. Diese Aussagen sind wichtig, wenn in diesem Artikel auch von Rechtsbeugung und Straf- und Zivilrecht die Rede ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zusätzlich bringt das seit 1945 entwickelte Völkerrecht den Gedanken eines Kernbestands von Verbrechen, die immer strafbar sind, selbst wenn ein Staat das nicht umsetzt oder mit von außen betrachtet „nichtigen“ Paragraphen verhindern will (siehe Quellen im Anhang). Auch die Rechtsprechung der BRD bekennt sich zu solchem „überpositiven Recht“. Und grundgesetzwidrige Gesetze sind wegen der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus automatisch nichtig (beides König, 2016). Ebenfalls wird auf systematische Gewalttaten verwiesen, die auch außerhalb des betreffenden Staates niemanden gleichgültig lassen können, so dass eine Intervention für legitim bzw. legal erklärt wird (sinngemäß im Wikipedia-Artikel zum Völkerrecht). Diese muss natürlich verhältnismäßig sein. Im Moment mag das hinsichtlich Tierrechten vor allem darin bestehen, Staaten überall auf der Welt auf die möglichen späteren Konsequenzen von auf ihrem Gebiet so genannten Nutztieren zugefügtem extremen Leid hinzuweisen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch einmal die Begründung zur Anlehnung an das Völkerrecht: Da es zwischen Menschen und z.B. „Nutztieren“ aus wissenschaftlicher Sicht nur graduelle Unterschiede und eine vergleichbare Leidensfähigkeit der Tiere mindestens mit Säuglingen oder noch Ungeborenen gibt, sollte das Völkerrecht bei diesen „Nutztieren“ in angepasster Form Anwendung finden. Überschneidungen anderer Tierarten mit der Spezies Mensch sollten auch gleiche Rechte im Überschneidungsbereich begründen. Das anthropozentrische Überschneidungsargument ist dabei nur ein Hilfsmittel, weil es tierethisch nicht notwendig für die Gewährung von Rechten ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie schon oben erwähnt, könnte die Ankündigung von späteren rechtlichen Schritten auch zur Zementierung der heutigen Verhältnisse führen, wenn die Akteure der Massentierhaltung dadurch eine Abwehrhaltung einnehmen würden. Das Problem stellt sich ähnlich aber auch dem Völkerstrafrecht, wenn es heute Gerichtsverfahren ankündigt, für die die betroffenen Personen erst einmal von ihren Machtpositionen abgelöst und dem internationalen Gerichtshof überstellt werden müssen. Die schwierig zu klärende Frage ist, ob sie in Aussicht eines Verfahrens bis zu ihrer Ablösung eventuell sogar mehr Verbrechen begehen. Tierethisch motivierte Ankündigungen von zukünftigen Rechtsmitteln (Gerichtsverfahren) sollten so kommuniziert werden, dass in der Gegenwart ein Anreiz und möglichst sogar ein intrinsisches Motiv für die Eigentümer:innen entsteht, früher von der Massentierhaltung abzulassen als es ohne diese Ankündigungen der Fall wäre. Dazu kann u.a. sozialpsychologische Forschung des Überzeugens und der Änderung von Einstellungen und Handlungen genutzt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Möglichkeit wäre die Ankündigung von zukünftigen Wahrheitskommissionen, in Anlehnung an das Vorbild der Aufarbeitung der Apartheid in Südafrika. Dort fielen bei glaubhaften Aussagen sämtliche rechtlichen Konsequenzen für frühere Vergehen weg und es wurde wohl auch Vergebung ausgesprochen. Spekulativ würde das im Fall der Massentierhaltung eine Veränderungsmotivation zur raschen Abschaffung fördern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnlich zu vielen Tierethiken scheint das deutsche Recht an vielen Stellen sogar jetzt schon pathozentrisch (das Leiden von welchem Lebewesen auch immer zählt) und nicht speziesistisch (nur Menschen zählen) vorzugehen, wenn es zum Beispiel sehr strenge Regeln an die Haltung von Haustieren anlegt oder die schmerzvolle Tötung von Wirbeltieren gänzlich verbietet. Es ist eine Straftat, auf der Straße beim Spazierengehen einen Frosch umzubringen. (&#8230;)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Recht unterliegt historischen Wandlungen. Das gilt auch für die Rechtsphilosophie als Grundlage der mit der Gesetzgebung verfolgten Prinzipien. Der amerikanische Bürgerkrieg 1861-1865 brachte mit dem Ende der Sklaverei (das aber nicht direkt der Grund für seinen Beginn war) einen Umbruch der Rechtsordnung, auch im Supreme Court. Die Argumente gegen die Befreiung („Dann wird Baumwolle zu teuer“) und die Einführung des Frauenwahlrechts („Unverantwortlich“) waren von der Denkweise her ähnlich wie heutige Vorbehalte gegen Tierrechte, auch wenn es um die Gleichheit innerhalb der Menschen ging. (&#8230;)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tierethik als eine Grundlage des Rechts hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Für die Formulierung neuen Rechts zählt im Zweifel, was die Gesetzgeber*innen erreichen wollen, so lange es im Einklang mit Grundrechten ist. (&#8230;)</p>



<p class="has-accent-color has-text-color wp-block-paragraph"><strong>Weitreichender Schutz für u.a. „Nutztiere“ ist auch egoistisch wichtig, denn warum wird mein Mitmensch vor einem Angriff auf mich Halt machen, wenn ihm Lebewesen, von denen viele mindestens wie Säuglinge (also wie Menschen) leiden können, gleichgültig sind?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:14px"><strong>Quellen und Empfehlungen:</strong><br>[1] Albert-Schweitzer-Stiftung (2020). Artikel zum Verbandsklagerecht (Abruf am 15.06.2020). https://albert-schweitzer-stiftung.de/themen/ verbandsklagerecht,<br>[2] Albert-Schweitzer-Stiftung (2020). Artikel zu Urteil zu Kastenständen. (Abruf am 15.06.2020). https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/ urteil-kastenstaende-rechtskraeftig<br>[3] Albert-Schweitzer-Stiftung (2020). Auflistung von Urteilen zur Tierhaltung (Abruf am 16.06.2020). https://albert-schweitzer-stiftung.de/?s=Urteil&amp;submit=Suche<br>[4] Brecher, D.C., Ferencz, B. (2019, 25. August) Das Prinzip „Recht statt Krieg“. Deutschlandfunk. https://www.deutschlandfunk.de/das-prinzip-recht-statt-krieg-1-2-der-anklaeger.1184.de.html?Dram:article_id=453404<br>[5] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2019) Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren (Abruf am 15.06.2020) https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/tierschutz/haltung-saeugetiere.html<br>[6] Delforce, C.,Monson, S., Lynch, M., Jayne, L. (Produzenten), &amp; Delforce, C. (Regisseur). (2018). Dominion [Film]. Aussie Farms. (Frei z.B. auf youtube.de verfügbar unter Altersnachweis.)<br>[7] Kockel, J., Hahn, O. (2017). Tierethik – der Comic zur Debatte. Wilhelm Fink.<br>[8] König, W. F. (2016). Juristische Methoden für Dummies. Wiley.<br>[9] LeDoux, J. (1995). Emotion: clues from the brain. Ann Rev Psychol 46: 209-235.<br>[10] Rittenau, N. (2018). Vegan-Klischee ade! Wissenschaftliche Antworten auf kritische Fragen zu veganer Ernährung. Ventil.<br>[11] Strafgesetzbuch (57. Auflage 2019). Beck-Texte im dtv.<br>[12] Tierschutzgesetz (2019, abgerufen am 14.06.2020) www.gesetze-im-internet.de/TierschG<br>[13] Völkerstrafgesetzbuch (2017): In Strafgesetzbuch (2019). Beck-Texte im dtv.<br>[14] Wikipedia-Autoren (2020, 10. Juni). Völkerrecht (abgerufen am 15.06.2020).Wikipedia. https://de.wikipedia.org/w/index.php?Title=V%C3%B6lkerrecht&amp;oldid=200819228<br>[15] Paefgen, J., Raspé, C. (2019). Die Herausforderung der Rechtsdurchsetzung. In Diehl, E. &amp; Tuider, J. (Hrsg., 2019) Haben Tiere Rechte? Bundeszentrale für politische Bildung, Buch frei als pdf auf bpb.de.<br>[16] Diehl, E. &amp; Tuider, J. (Hrsg., 2019) Haben Tiere Rechte? Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung. Buch frei als pdf auf bpb.de </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wenn elektronische Sensoren Riechen lernen &#8211; Über künstliche Nasen und warum wir sie brauchen</title>
		<link>https://psycho-path.de/wenn-elektronische-sensoren-riechen-lernen-ueber-kuenstliche-nasen-und-warum-wir-sie-brauchen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Feb 2021 15:18:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#mehr_wissen]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenswertes]]></category>
		<category><![CDATA[antonie-bierling]]></category>
		<category><![CDATA[e-nose]]></category>
		<category><![CDATA[geruchssinn]]></category>
		<category><![CDATA[perception]]></category>
		<category><![CDATA[Perceptronics]]></category>
		<category><![CDATA[riechen]]></category>
		<category><![CDATA[riechstörung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://psycho-path.de/?p=1656</guid>

					<description><![CDATA[ANTONIE BIERLING. Er kann mehr als eine Billionen Reize voneinander unterscheiden [1] , warnt uns vor gefährlichen Situationen und kann sogar unsere Gefühle, Erinnerungen und zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflussen. Und doch wird der menschliche Geruchssinn häufig unterschätzt. Dabei begleiten Gerüche uns überall: der Duft von frisch gemahlenem Kaffee am Morgen, der weihnachtliche Geruch von Kerzen und [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><p>ANTONIE BIERLING. <strong>Er kann mehr als eine Billionen Reize voneinander unterscheiden [1] , warnt uns vor gefährlichen Situationen und kann sogar unsere Gefühle, Erinnerungen und zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflussen. Und doch wird der menschliche Geruchssinn häufig unterschätzt. Dabei begleiten Gerüche uns überall: der Duft von frisch gemahlenem Kaffee am Morgen, der weihnachtliche Geruch von Kerzen und Gebäck oder der gewohnte Körpergeruch geliebter Menschen. „Gerüche machen unsere Umwelt lebendig und emotional“ [2]. Der Geruchssinn ist ein höchst effizientes Sinnessystem, dessen Verlust eine herbe Beeinträchtigung der Lebensqualität darstellen kann. Dennoch ist er bislang deutlich weniger erforscht als das visuelle und auditive System. Zudem ist es bis heute nicht gelungen, ein künstliches Pendant zur Nase zu entwickeln, das der Komplexität des menschlichen Geruchssinnes gerecht wird. Was macht den Geruchssinn aber so bedeutsam, wozu braucht man eine künstliche Nase und welche Rolle spielt psychologische Forschung für deren Entwicklung?</strong></p>
<p><span id="more-1656"></span></p></p>



<p class="wp-block-paragraph">BEDEUTSAMKEIT DES GERUCHSSINNES</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für viele Spezies ist der Geruchssinn das bedeutsamste aller Sinnessysteme. Riechen ist beispielsweise überlebenswichtig, um Nahrung zu erkennen, Fressfeinde zu vermeiden und Fortpflanzungspartner zu finden [3]. Demgegenüber neigen Menschen dazu, ihrem Geruchssinn weniger Bedeutung beizumessen und übersehen bei der scheinbaren Dominanz visueller und auditiver Reize häufig, welchen Einfluss Gerüche auch auf unser Leben nehmen. Zum einen wäre das die Rolle von Geruch für Geschmack und Appetit. Wer schon einmal bei einer Erkältung eine Weile auf den Geruchssinn verzichten musste, kennt das Gefühl, dass Lebensmittel auf einmal fad und langweilig schmecken. Das liegt daran, dass das Riechen maßgeblich an der Bildung von Geschmack beteiligt ist. Aber nicht nur der Geschmack des eigenen Lieblingsessens wird ohne Geruchssinn getrübt. Der Geruch gibt uns auch eine wichtige Information über die Genießbarkeit von Lebensmitteln. In diesem Sinne erfüllt das Riechen eine wichtige Warn- und Schutzfunktion vor gefährlichen Substanzen. Das ist auch in anderen Situationen essentiell, damit wir z.B. Brandgeruch oder giftige Gase rechtzeitig wahrnehmen, um uns außer Gefahr zu bringen. Darüber hinaus spielt der Geruch eine wichtige Rolle für soziale Kommunikation [4]. Der Ausspruch „sich riechen können“ trifft gleich in vielfacher Weise zu. Körpergerüche beeinflussen romantische Beziehungen, Sexualität und nicht-sexuelle Verbundenheit in Familien [5,6]. Beispielsweise sind Mütter dazu in der Lage, den Körpergeruch ihrer Kinder von dem Geruch fremder Kinder zu unterscheiden und neigen auch dazu, diesen lieber zu mögen [5]. Menschen können sogar anhand des Schweißgeruches sagen, ob es sich um Schweiß handelt, der durch sportliche Betätigung entstanden ist, oder „Angstschweiß“ von Prüﬂingen bei einer mündlichen Prüfung [7]. Gerüche sind außerdem in besonderem Maße mit Erinnerungen und Emotionen verbunden. Wer kennt nicht den ganz typischen Geruch, der bei den Großeltern an Weihnachten das Wohnzimmer dominiert? Oder etwa die beruhigenden Düfte, die uns bei einem Waldspaziergang begegnen? Wir fühlen uns sofort „zu Hause“, allein durch die vertrauten Gerüche, die uns dort erwarten. Und auch unangenehme Gerüche können sich stark in unser Gedächtnis einprägen und den Verzehr von einem Nahrungsmittel, von dem uns in der Vergangenheit mal schlecht geworden ist, mitunter unmöglich machen. Ohne, dass uns das immer bewusst ist, handelt es sich beim Geruchssinn also um ein Sinnessystem, das viele unserer Lebensbereiche beeinﬂusst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">WIE FUNKTIONIERT RIECHEN? VOM MOLEKÜL ZUR WAHRNEHMUNG</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genauso wie beim Schmecken handelt es sich beim Geruchssinn um einen chemischen Sinn. Ob und wie Menschen Gerüche wahrnehmen, hängt also davon ab, wie diese chemisch aufgebaut sind. Um überhaupt als „riechend“ wahrgenommen zu werden, müssen Moleküle beispielsweise ﬂüchtig genug sein, um verdunsten zu können. Außerdem muss eine bestimmte Wasser-/Fettlöslichkeit bestehen, damit ein Geruchsmolekül in der Lage ist, die Nasenschleimhaut zu passieren und an Geruchsrezeptoren im olfaktorischen Epithelium zu binden (<em>siehe Box: Anatomie des menschlichen Geruchssinnes</em>)[3]. Gerüche werden außerdem von bestimmten funktionellen Gruppen bestimmt. Zum Beispiel ist bekannt, dass Ester typischerweise einen fruchtigen oder blumigen Duft haben, Fettsäuren „ranzig“ riechen und Aldehyde mit dem Geruch von Gras oder Blättern assoziiert werden [8]. Eine so genaue Zuordnung von chemischer Struktur und korrespondierender Wahrnehmung ist aber nur beispielhaft für einzelne Gerüche oder Molekülgruppen bekannt. Nach welchen globalen Regeln die Wahrnehmung von Gerüchen funktioniert, ist bislang nur unvollständig verstanden. Erschwert wird die Untersuchung dieses Zusammenhangs dadurch, dass die Geruchswahrnehmung als Zusammenspiel aus (u.a.) Wahrnehmungskontext, Erfahrung, und Merkmalen der Persönlichkeit des Individuums entsteht. Der Duft einer Kokosnuss ruft in uns z.B. eine ganz unterschiedliche Wahrnehmung hervor, wenn wir den Geruch mit einem Urlaub am Strand verbinden, als wenn wir den Geruch zuletzt bei der Seife auf einer öffentlichen Toilette wahrgenommen haben. Weitere Einﬂussfaktoren können auch der aktuelle Körperzustand, z.B. Hunger oder Durst, oder Ort und Erwartungshaltung an den Geruch sein. Schon alleine die Vermutung über die Geruchsquelle kann unsere Wahrnehmung maßgeblich beeinﬂussen: Derselbe blumige Geruch gefällt uns besser, wenn man uns sagt, er komme von frischen Blumen, als wenn wir davon ausgehen, es handele sich um ein preis‐wertes Parfum [9]. Gerüche sind verglichen mit anderen Sinnesmodalitäten in besonderem Ausmaß mit Emotion und Erinnerung verbunden. Als einziges Sinnessystem umgehen die meisten olfaktorischen Nervenfasern den Thalamus und projizieren direkt in den piriformen Cortex, die Amygdala und den enthorinalen Cortex. Es besteht also eine direkte Verbindung in Areale, die in die Verarbeitung von emotionalen Reizen und Erinnerungen involviert sind [10].</p>



<p class="has-dark-gray-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="background-color:#f1fffc"><strong>Box: Anatomie des menschlichen Geruchssinnes [10] </strong><br>Damit wir Gerüche wahrnehmen können, muss es zunächst eine Geruchsquelle geben, die ﬂüchtige organische Verbindungen (volatile organic compounds, VOC) an die Umgebung abgibt. Diese Geruchsstoffe gelangen über die Atmung in die Nasenhöhle. Durch die Nasenschleimhaut gelangen die Geruchsmoleküle dann zum Riechepithel. An den olfaktorischen Zilien, die wie Härchen in die Nasenhöhle ragen, sitzen die olfaktorischen Rezeptoren (OR), an denen die Geruchsmoleküle andocken können. Mithilfe eines G-Protein gekoppelten Mechanismus wird ein Aktionspotenzial ausgelöst und das elektrische Signal wird über die Axone der olfaktorischen Rezeptorneurone (ORN) durch das Siebbein in den olfaktorischen Bulbus weitergeleitet. An jeder ORN beﬁndet sich nur ein Typ von ORs, aber dafür gibt es mehrere ORN-Zellen mit diesem Typ Rezeptor. Alle ORN, die denselben Rezeptortyp exprimieren werden im olfaktorischen Bulbus in denselben sog. olfakto‐rischen Glomeruli gebündelt. In den ca. 2000 menschlichen Glomeruli treffen die Dendriten der ORNs auf die nachfolgenden Mitralzellen, die das Signal über den olfaktorischen Trakt an olfaktorische Areale im Gehirn weiterleiten. Da jeder Rezeptortyp unterschiedlich auf verschiedene Moleküle reagiert, kann anhand des Reaktionsmusters in den Glomeruli ein charakteristisches Muster identiﬁziert werden, um Gerüche voneinander zu unterscheiden. Für die Erforschung der Funktionsweise des olfaktorischen Systems erhielten Linda Buck und Richard Axel 2004 den Nobelpreis in Medizin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">RIECHEN UND LEBENSQUALITÄT</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welchen Verlust an Lebensqualität ein beeinträchtigter Geruchssinn darstellen kann, erleben seit einigen Monaten viele Menschen, die sich von einer Covid-19 Erkrankung erholen. Ohne Geruchssinn schmeckt das Lieblingsessen nicht mehr, wir können nicht schon im Wohnzimmer riechen, dass die Pizza im Ofen verbrennt oder verdorben riechende Lebensmittel wegwerfen. Da Riechstörungen (<em>siehe auch Box: „Riechstörungen“</em>) in der Regel nicht lebensbedrohlich sind, wird die Behinderung im Alltag der Patient*innen häufig unterschätzt. Studien zur Lebensqualität bei Riechstörungspatient*innen&nbsp;[4] zeigten, dass Probleme im Zusammenhang mit Ernährung und Appetit eine wichtige Rolle spielen. 69% der Betroffenen geben an, weniger Freude am Genuss von Nahrungsmitteln zu haben, 27-56% berichten einen verringerten Appetit und 49-73% haben Schwierigkeiten bei der Essenszubereitung. Um den Genuss beim Essen zu steigern, kann es Menschen mit Riechstörungen helfen, Mahlzeiten durch andere Wahrnehmungsdimensionen abwechslungsreicher zu gestalten, z.B. durch unterschiedliche Konsistenzen oder Farben. [4] Aber auch die Sorge um die persönliche Sicherheit treibt viele Patient*innen um: Die Angst, Brandgeruch oder Gaslecks nicht rechtzeitig entdecken zu können, beschreiben 61% der Betroffenen als problematisches Risiko in ihrem Leben. Eine große Schwierigkeit resultiert außerdem durch die fehlende Wahrnehmung des eigenen Körpergeruchs (41%) [4]. In unterschiedlichen Studien gaben 19-36% der Betroffenen sogar an, dass die Sorge um die eigene Körperhygiene die größte Einschränkung durch die Riechstörung darstellt [4]. Möglicherweise hängt dies auch eng mit sozialen Aspekten zusammen, die von ca. 30% als beeinträchtigt erlebt werden. Menschen, die von Geburt nicht riechen können, oder ihren Geruchssinn durch Krankheit oder Unfall verloren haben, riechen es nicht, wenn sie nach einer Radtour verschwitzt sind. Auch die Hygiene der eigenen Kinder, etwa, ob die Windel schon wieder voll ist, stellt Riechstörungspatient*innen für größere Herausforderungen [4].</p>



<p class="has-background wp-block-paragraph" style="background-color:#f1fffc"><strong>Riechstörungen</strong> <strong>[4,10-15]</strong><br><br><strong>Erworbene und kongenitale Anosmie</strong><br>Der Verlust der Geruchswahrnehmung, genannt <em>Anosmie</em>, tritt in der Allgemeinbevölkerung mit einer Prävalenz von etwa 20% auf. Typischerweise werden Riechstörungen durch postvirale Infektionen der oberen Atemwege (18-45%) oder Erkrankungen der Nase/Nasenebenhöhlen (7-56%) verursacht. Riechverlust kann aber auch die Folge von Kontakt mit Giftstoffen und Drogen sein (2-6%) oder durch Kopfverletzungen (8-20%) ausgelöst werden [4]. Viele Fälle von Riechstörungen sind reversibel; zum Beispiel nach Atemwegserkrankungen erholt sich der Geruchssinn häufig von selbst wieder. In manchen Fällen kann das Riechvermögen abhängig von Ursache und Schweregrad durch gezielte Riechtrainings, medikamentöse Behandlungen oder auch operative Eingriffe regeneriert werden. Bei schätzungsweise einer Person aus 5000-10.000 liegt eine sogenannte <em>kongenitale Anosmie</em> vor; das heißt, diesen Menschen fehlt der Geruchssinn von Geburt an [4]. Die Ursache dafür liegt typischerweise in den für das Riechen zentralen Hirnstrukturen begründet, z.B. durch einen unterentwickelten olfaktorischen Bulbus [4]. Menschen mit kongenitaler Anosmie bemerken ihr fehlendes Riechvermögen häufig lange Zeit nicht. Typischerweise wird die Erkrankung etwa im 10. Lebensjahr bemerkt und die Diagnose meist sogar erst im Erwachsenenalter gestellt [4].<br><br><strong>Altersbedingte Hyposmie und neurodegenerative Erkrankungen</strong><br>Typischerweise zeigt sich mit zunehmendem Alter ein Abfall des Riechvermögens (<em>Hyposmie</em>), der in der Regel nicht reversibel ist. Riechverlust sollte als Symptom trotzdem in jedem Alter ernst genommen werden, da olfaktorische Störungen mit verschiedenen <em>neurodegenerativen Erkrankungen</em> zusammenhängen können. Beim Parkinson-Syndrom zum Beispiel, geht eine Riechstörung fast immer den motorischen Störungen voraus, meistens sogar mit ca. 4-6 Jahren Vorlauf. Häufig werden Riechstörungen außerdem bei Formen der Demenz, z.B. der Alzheimer-Demenz angetroffen [10].<br><br><strong>Spezifische Anosmi</strong>e<br>Neben dem allgemeinen Verlust des Riechvermögens versteht man unter der <em>Spezifischen Anosmie</em> die Unfähigkeit, einen ganz bestimmten Geruch wahrzunehmen bei ansonsten intaktem Riechvermögen. D.h., dass man zum Beispiel alles riechen kann, außer Vanille. Spannenderweise haben Hochrechnungen ergeben, dass wahrscheinlich jeder Mensch für mindestens einen Geruch anosmisch ist, sodass Spezifische Anosmie möglicherweise der Normalfall, kein Störungsfall ist [11].<br><br><strong>Parosmie und Phantosmie [4,10]</strong><br>Etwa 1-4% der Bevölkerung zeigen qualitative Störungen des Geruchssinnes [4]. Bei der <em>Parosmie</em> ist die Wahrnehmung eines Geruches verzerrt, z.B. könnte die Tasse Kaffee für Betroffene nach Abwasser riechen. Parosmien sind dabei typischerweise negativ, d.h. ein Geruch wird als unangenehmer wahrgenommen als von den meisten anderen Menschen [10]. Die <em>Phantosmie</em> bezeichnet das Phänomen, dass Gerüche in Abwesenheit einer Geruchsquelle wahrgenommen werden und tritt meistens nach Verletzungen auf. Auch hier werden eher unangenehme Gerüche wahrgenommen. Zusammenhänge mit psychiatrischen oder neurologischen Störungsbildern sind möglich, müssen aber nicht vorliegen [4]. Die Ursache für beide Störungsbilder ist bislang ungeklärt [10].<br><br><strong>Riechstörungen bei einer Infektion mit Covid-19 </strong><br>Sehr viele Patient:innen, die unter einer Covid-19 Erkrankung leiden, klagen über mindestens zeitweisen Verlust des Geruchssinnes. Bei einigen Fällen dauert die Regeneration des Geruchssinnes sogar weitaus länger als das Abklingen der eigentlichen Infektion [13]. Das liegt daran, dass im Gegensatz zur normalen Erkältung die Nase nicht (notwendigerweise) „nur“ verstopft ist, sondern das Virus Zellen nahe des Riechepithels angreift. Während anfangs angenommen wurde, dass direkt olfaktorische Nervenzellen angegriffen werden, geht man inzwischen davon aus, dass das umgebende Stützgewebe befallen wird [14]. In tierischen und menschlichen Proben konnten zwei Gene festgestellt werden, die das Eindringen von Sars-Cov-2 in die Zellen des Riechepithels beeinflussen: ACE2 und TMPRSS2. Beide Gene kodieren für Enzyme, die typischerweise in Stamm- und Stützzellen gefunden werden [14]. Es wird angenommen, dass das Virus durch das Eindringen in diese Zellen lo‐ kale Entzündungen verursacht[15]. Dadurch entstehen Schwellungen, die dann den Weg der Geruchsmoleküle zu den Rezeptoren im Riechepithel blockieren könnten, ohne, dass dabei die Atemwege der Nase beeinträchtigt werden. Das würde auch erklären, warum der Geruchsverlust bei manchen Patient:innen so plötzlich kommt und teils genauso schnell wieder verschwindet [13]. Bei anhaltender Riechstörung durch Covid wird vermutet, dass bei der Entzündungsreaktion sog. Zytokine zur Bekämpfung des Virus angelockt werden, die dabei ggf. auch olfaktorische Nervenzellen schädigen [13]. Deren Regeneration und Neubildung ist langwieriger und häufig treten im Verlauf des Heilungsprozesses auch Parosmien auf, bevor sich der Geruchssinn wieder erholt. Um die „Verknüpfung zwischen Gedächtnis und Geruch zu stimulieren“, kann ein Riechtraining mit ätherischen Ölen helfen, die mehrfach täglich intensiv eingeatmet werden [16] .</p>



<p class="wp-block-paragraph">RIECHEN UND DEPRESSION</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über die alltäglichen Probleme hinaus haben sich viele Untersuchungen mit dem Zusammenhang zwischen Riechstörungen und dem Auftreten psychischer Störungen, insbesondere der Major Depression, auseinandergesetzt [2, 17-19]. Aufgrund der alltäglichen Beeinträchtigungen ist es leicht anzunehmen, dass Riechstörungspatient*innen depressive Symptome entwickeln könnten. Der Zusammenhang scheint jedoch darüber hinaus auch durch neuronale Strukturen erklärbar zu sein. Im Tierversuch zeigte sich, dass die beidseitige Zerstörung des olfaktorischen Bulbus zu veränderten Serotonin- und Dopamin-Konzentrationen und depressivem Verhalten führen kann [2]. Auch bei Menschen konnte mittels funktioneller Bildgebung gezeigt werden, dass Unterschiede in der olfaktorischen Verarbeitung zwischen Gesunden und Depressiven bestehen, und dass diese durch eine Psychotherapie „behoben“ werden können [17]. Tatsächlich gibt es sogar Anhaltspunkte dafür, dass depressive Symptome durch Riechtrainings verringert werden können. Ein 5-monatiges Riechtraining bei älteren Menschen, die typischerweise über ein verringertes Riechvermögen verfügen, führte zu einer deutlichen Verbesserung der Riechfähigkeit und einer Reduktion von depressiven Symptomen, während dies bei einer Kontrollgruppe, die stattdessen Sudokus löste, nicht der Fall war [18]. Es wird angenommen, dass dieser Zusammenhang durch die anatomische Überlappung mit Arealen der Emotionsverarbeitung bedingt wird [2]. Interessanterweise konnte gezeigt werden, dass das Volumen des olfaktorischen Bulbus bei psychiatrischen Patient*innen um 13,5% verringert ist [19]. Menschen mit einem verringerten Bulbus-Volumen könnten folglich ein größeres Risiko haben, an einer Depression zu erkranken [2].</p>



<p class="wp-block-paragraph">WOZU BRAUCHT MAN ELEKTRONISCHE NASEN? [20]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Versuche, den Geruchssinn in elektronischen Sensoren abzubilden, gibt es seit mehr als drei Jahrzehnten. Denn: potentielle Anwendungsfelder gibt es zahlreiche. Eine naheliegende Anwendung, wenn man die verringerte Lebensqualität bei Riechstörungen bedenkt, liegt bei medizinischen Apparaturen. Auch wenn serienreife Riechimplantate aktuell noch Zukunftsmusik sind, könnten solche Geräte eine Verbesserung der Lebensqualität von Riechstörungspatient*innen ermöglichen. Ein sinnvolles Hilfsmittel für diese Patient*innen könnte aber auch schon eine nicht implantierte elektronische Nase sein. Diese könnte beispielsweise an Lebensmittel oder Klamotten gehalten werden, um deren Geruch zu beurteilen, oder sie könnte vor Brandgeruch warnen. Es gibt jedoch noch vielfältige weitere Anwendungsgebiete, von der Gefahrenstoffdetektion, wie der „Erschnüffelung“ von Sprengstoff oder Drogen, über Anwendungen in der Lebensmittelindustrie bis hin zur Gestaltung des „Smart Home“ der Zukunft. In der Lebensmittelbranche wird bereits seit langem mit e-Nose-Technologie geforscht. E-Noses können helfen, die Haltbarkeit und Lagerungsbedingungen von Lebensmitteln zu optimieren und somit auch die Verschwendung von Lebensmitteln zu reduzieren. Das wäre auch im heimischen Kühlschrank von Vorteil. Man kann sich leicht ein Smart Home der Zukunft vorstellen, in dem der Kühlschrank weiß, wann die Lebensmittel ablaufen, oder der Backofen merkt, wenn die Pizza anbrennt (QualityLand lässt grüßen). Erforscht wird der Einsatz von e-Nose-Technologie beispielsweise auch bei der Herstellung einer angenehm riechenden Luft in Leihautos. Und schließlich wird höchstaktuell die Verwendung von elektronischen Nasen in Diagnostik von Covid-19 getestet. Da Körpergerüche den metabolischen Zustand einer Person widerspiegeln, können auch durch Krankheiten veränderte Stoffwechselprozesse anhand des Körpergeruchs bestimmt werden. Die Verwendung elektronischer Nasen zur Entdeckung dieser Veränderung wird bereits von namhaften Forschungsgruppen in der Praxis erprobt [21]. Diese Aufzählung ist dabei nur ein Ausschnitt aus einer Reihe an denkbaren Anwendungen. Wie aber funktionieren elektronische Nasen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">WIE FUNKTIONIEREN E-NOSES?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten e-nose Prototypen oder auch bereits im Markt befindlichen Modelle zielen darauf ab, bekannte Gerüche anhand ihrer chemischen Eigenschaften zu erkennen. Die Geruchsmoleküle binden hierfür auf unterschiedlichen Sensortypen oder Sensoranordnungen – analog zum menschlichen Geruchssinn. Die e-nose misst dann das chemische Verhalten der Geruchsmoleküle, z.B. die Stärke der Bindung zu unterschiedlichen Sensortypen. Bei der französischen e-nose Firma Arryballe Technologies werden beispielsweise unterschiedliche Typen von Biosensoren auf einer Oberfläche angeordnet. Je nachdem, wie stark das Geruchsmoleküls an die Biosensoren bindet, ergibt sich daraus ein charakteristisches Reaktionsmuster, das mithilfe von Licht sichtbar gemacht und von einer Kamera aufgezeichnet wird [22]. Alternativ ist es auch möglich, andere physikalische Eigenschaften, wie z.B. den elektrischen Widerstand des Sensormaterials, als Signal messbar zu machen (<em>weitere Infos siehe Box: Exkurs in die Materialwissenschaft</em>). Ein Geruch kann schließlich identifiziert werden, indem das Reaktionsmuster mit einer Datenbank abgeglichen wird, in der bereits bekannte Muster von Geruchsmolekülen abgespeichert sind. Diese Zuordnung ist in der Praxis durchaus komplex. Meistens kommen dafür Methoden wie maschinelles Lernen zum Einsatz, das heißt, ein Klassifizierungsalgorithmus wird mithilfe von bereits bekannten Zuordnungen (<em>Trainigsdaten</em>) darauf trainiert, unbekannte Muster (<em>Testdaten</em>) korrekt zu identifizieren.</p>



<p class="has-background wp-block-paragraph" style="background-color:#f1fffc">Box: <strong>Exkurs in die Materialwissenschaft</strong><br>Welche Materialien für den Sensorbau von e-Noses eingesetzt werden und welche Signale schließlich als Reaktionsmuster interpretiert werden, ist je nach Firma und Forschungsgruppe unterschiedlich und hängt auch maßgeblich davon ab, wozu die elektronische Nase am Ende eingesetzt werden soll. Einige Forschergruppen orientieren sich möglichst nah am menschlichen oder tierischen Vorbild und verwenden beispielsweise die geruchsbindenden Proteine (<em>odorant-binding proteins</em>) von Insekten wie der Honigbiene [20,23]. Andere Ansätze beschäftigen sich stärker mit der Optimierung des Sensormaterials, damit die Sensoren zum Beispiel eine möglichst kompakte Größe aufweisen, umweltfreundlich oder besonders vielseitig einsetzbar sind. So auch das Team um Prof. Gianaurelio Cuniberti des Lehrstuhls für Materialwissenschaft und Nanotechnologie an der Technischen Universität Dresden, welches an Graphen-basierten Sensoren arbeitet. Graphen bezeichnet eine zweidimensionale Struktur aus Kohlenstoff, in der die Kohlenstoffatome eine bienenwabenförmige Anordnung einnehmen [24]. Dieses Material bietet somit eine größtmögliche Oberfläche und vielseitige Möglichkeiten, um diese Oberfläche so zu modifizieren, dass sie mit bestimmten organischen Verbindungen wie Geruchsmolekülen interagieren kann.Solche Überlegungen sind nicht nur für die Grundlagenforschung wichtig, sondern spielen auch eine große Rolle für medizinische und kommerzielle Anwendungen. Schließlich dürfte ein Riech-Implantat eine gewisse Größe nicht überschreiten und das verwendete Material sollte eine möglichst lange Haltbarkeit aufweisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">VON DER MOLEKÜLDETEKTION ZU INTELLIGENTEM KÜNSTLICHEN RIECHEN</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser analytische Ansatz der Geruchsdetektion kommt so oder in ähnlicher Form in fast allen bisherigen elektronischen Nasen zum Einsatz und kann in der Regel mit einer Akkuratheit von (nahe) 100% Gerüche identifizieren, die sich bereits in einer entsprechenden Datenbank befinden. Dennoch ist dieses Prinzip noch weit von der vollen Funktionalität des menschlichen Geruchssinnes entfernt. Wenn wir an unserem morgendlichen Kaffee riechen, haben wir keine Ahnung davon, welche Moleküle sich in der Luft befinden, oder ob es sich um eines oder mehrere Moleküle handelt, die erst als komplexes Duftbouquet den typischen Kaffeegeruch erzeugen. Zudem spielen für menschliches Riechen neben der sensorischen „bottom-up“ Information auch „top-down“-Prozesse eine entscheidende Rolle – also, welche Erfahrungen wir mit dem Geruch verbinden, in welchem Kontext wir ihn riechen und von welcher Erwartungshaltung wir vielleicht bestimmt werden. Diese top-down-Einflüsse finden bei elektronischen Nasen bislang wenig Berücksichtigung. Wenn man jedoch an Anwendungsfälle denkt, bei denen zum Beispiel ein angenehmer Duft erzeugt werden soll (zum Beispiel für die Entwicklung von Raumdüften oder Aromastoffen), dann ist es auch notwendig, menschliches Erleben stärker miteinzubeziehen. Der Lavendel-Duft einer Seifenmarke mag angenehm auf einer Toilette sein, aber derselbe Geruch würde aus dem Kühlschrank wohl eher für Irritation sorgen. Eine intelligente künstliche Nase könnte beispielsweise nicht nur den Geruch einer Erdbeere erkennen, sondern gleichzeitig beurteilen, ob dies ein angenehmer Geruch ist oder das Lebensmittel noch haltbar ist. Außerdem wären Personalisierungen denkbar, die sich je nach bisherigen Erfahrungen mit Gerüchen an die individuelle Person anpasst – vielleicht sogar ähnlich wie beim Musik- oder Modegeschmack? Aber auch die Rolle von Persönlichkeitseigenschaften auf das Riechvermögen oder genetische Dispositionen, die zu unterschiedlicher Exprimierung olfaktorischer Rezeptoren führen können, müssen erforscht werden, um eine elektronische Nase „mit Gehirn“ zu bauen. Für dieses Vorhaben ist jedoch noch einiges an Forschung mit Expert*innen unterschiedlicher Fachrichtungen notwendig: von medizinischem Wissen über die Anatomie des olfaktorischen Systems, über Chemiekenntnisse der Geruchsmoleküle, bis hin zur Sensortechnologie (<em>siehe Box: Projekt „Olfactorial Perceptronics“</em>). Die psychologische Sichtweise darf dabei auf keinen Fall fehlen.<strong>&nbsp;</strong></p>



<p class="has-background wp-block-paragraph" style="background-color:#f1fffc">Box: <strong>Projekt „Olfactorial Perceptronics“</strong><br>Für die Entwicklung einer intelligenten künstlichen Nase ist Forschung in einem interdisziplinären Setting notwendig. Diese Strategie verfolgt das Forschungsprojekt „Olfactorial Perceptronics“ in Dresden. Perceptronics steht dabei als Wortschöpfung für „<em>perceptive electronics</em>“, also Wahrnehmung und Elektronik. Zielstellung des Projekts ist es, eine innovative Verbindung zwischen elektronischen Sensoren und menschlicher Wahrnehmung zu ermöglichen. Zu diesem Zweck arbeitet die Gruppe mit Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen zusammen, insbesondere aus der Sensortechnologie, Medizin und Psychologie. Das Projekt ist ein Teil der von der VolkswagenStiftung geförderten Initiative „Kurswechsel“. Die Initiative unterstützt Projekte, die im Austausch zwischen Natur- oder Technikwissenschaften und Lebenswissenschaften forschen.<br><br>Prof. Gianaurelio Cuniberti, der das Projekt gemeinsam mit Mediziner Prof. Thomas Hummel vom Interdisziplinären Zentrum für Riechen und Schmecken am Universitätsklinikum in Dresden koordiniert, sieht in der interdisziplinären Herangehensweise große Chancen für das Feld: „<em>Das visionäre Konzept einer künstlichen Nase bringt physiologische und psychologische Aspekte der Wahrnehmung mit den jüngsten Entwicklungen in der Elektronik zusammen. Ein Durchbruch der Wahrnehmungselektronik kann nur in einer gemeinsamen Anstrengung von Wissenschaft, Technik und Medizin gelingen, die stringent auf den jüngsten Fortschritten in Nanotechnologie und künstlicher Intelligenz aufbaut.</em>&#8220; Neben Cuniberti sind weitere Wissenschaftler*innen des Institutes für Werkstoffwissenschaft am Projekt beteiligt, die ihre Expertise zum Thema Simulation und Computational Modeling (Dr. Alexander Croy) und zur Entwicklung von Nanobiosensoren für die Anwendung im Gesundheitswesen (Dr. Bergoi Ibarlucea) einbringen. Psychologisches Fachwissen bringen schließlich Jun.-Prof. Ilona Croy und Doktorandin M.Sc. Antonie Bierling in das Projekt ein. Prof. Croys Arbeit konzentriert sich darauf, wie verschiedene stimulierende Inputs von der menschlichen Sensorik in die Wahrnehmung übertragen werden. Weitere zukünftige Kooperationen und ein Austausch mit Institutionen aus Wissenschaft und Industrie werden angestrebt.<br><br>Aktuell befindet sich das Projekt in einer anderthalbjährigen Planungsphase, um ein Konzept für eine langfristige Zusammenarbeit zu entwickeln. Das könnte beispielsweise im Rahmen eines strukturierten Promotionsprogrammes geschehen, bei dem Doktorand*innen aus unterschiedlichen Fachbereichen gemeinsam an dem Projekt arbeiten. Weitere Informationen zum Projekt finden sich auf der Homepage unter <a href="https://perceptronics.science/">https://perceptronics.science/</a>.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:11px"><strong>QUELLEN</strong><br><br>[1] Bushdid, C., Magnasco, M. O., Vosshall, L. B., &amp; Keller, A. (2014). Humans can discriminate more than 1 trillion olfactory stimuli.&nbsp;<em>Science</em>,&nbsp;<em>343</em>(6177), 1370-1372.<br>[2] Croy, I., &amp; Hummel, T. (2017). Olfaction as a marker for depression.&nbsp;<em>Journal of neurology</em>,&nbsp;<em>264</em>(4), 631-638.<br>[3] Mainland, J. D. (2018). Olfaction. <em>Stevens&#8216; Handbook of Experimental Psychology and Cognitive Neuroscience, 2</em>, 1-46.<br>[4] Croy, I., Nordin, S., Hummel, T. (2014). Olfactory Disorders and Quality of Life—An Updated Review,&nbsp;<em>Chemical Senses</em>, Volume 39, Issue 3, Pages 185–194,&nbsp;<a href="https://doi.org/10.1093/chemse/bjt072">https://doi.org/10.1093/chemse/bjt072</a><br>[5] Schäfer, L., Sorokowska, A., Sauter, J., Schmidt, A. H., &amp; Croy, I. (2020). Body odours as a chemosignal in the mother–child relationship: new insights based on an human leucocyte antigen-genotyped family cohort.&nbsp;<em>Philosophical Transactions of the Royal Society B</em>,&nbsp;<em>375</em>(1800), 20190266.<br>[6] Bendas, J., Hummel, T., &amp; Croy, I. (2018). Olfactory function relates to sexual experience in adults.&nbsp;<em>Archives of Sexual Behavior</em>,&nbsp;<em>47</em>(5), 1333-1339.<br>[7] Prehn, A., Ohrt, A., Sojka, B., Ferstl, R., &amp; Pause, B. M. (2006). Chemosensory anxiety signals augment the startle reflex in humans.&nbsp;<em>Neuroscience letters</em>,&nbsp;<em>394</em>(2), 127-130.<br>[8] Genva, M., Kenne Kemene, T., Deleu, M., Lins, L., &amp; Fauconnier, M. L. (2019). Is It Possible to Predict the Odor of a Molecule on the Basis of its Structure?.&nbsp;<em>International Journal of Molecular Sciences</em>,&nbsp;<em>20</em>(12), 3018.<br>[9] Manescu, S., Frasnelli, J., Lepore, F., &amp; Djordjevic, J. (2014). Now you like me, now you don’t: Impact of labels on odor perception.&nbsp;<em>Chemical senses</em>,&nbsp;<em>39</em>(2), 167-175.<br>[10] Website des Interdisziplinären Zentrums für Riechen und Schmecken am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden: Umfangreiches Informationsangebot zu Riechen, Schmecken und assoziierten Störungsbildern und Behandlungsmethoden, abgerufen am 09. Januar 2021. URL: <a href="https://www.uniklinikum-dresden.de/de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institute/hno/forschung/interdisziplinaeres-zentrum-fuer-riechen-und-schmecken/neuigkeiten/umfangreiche-informationen-zum-thema-riech-und-schmeckstorungen">https://www.uniklinikum-dresden.de/de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institute/hno/forschung/interdisziplinaeres-zentrum-fuer-riechen-und-schmecken/neuigkeiten/umfangreiche-informationen-zum-thema-riech-und-schmeckstorungen</a><br>[11] Croy, I., Olgun, S., Mueller, L., Schmidt, A., Muench, M., Hummel, C., &#8230; &amp; Hummel, T. (2015). Peripheral adaptive filtering in human olfaction? Three studies on prevalence and effects of olfactory training in specific anosmia in more than 1600 participants.&nbsp;<em>Cortex</em>,&nbsp;<em>73</em>, 180-187.<br>[12] Croy, I., Negoias, S., Novakova, L., Landis, B. N., &amp; Hummel, T. (2012). Learning about the functions of the olfactory system from people without a sense of smell.&nbsp;<em>PloS one</em>,&nbsp;<em>7</em>(3), e33365.<br>[13] Pharmazeutische Zeitung „Coronavirus-Infektion. So kommt es zu Geruchsstörungen“. Abgerufen am 19.01.21. URL: <a href="https://www.pharmazeutische-zeitung.de/so-kommt-es-zu-geruchsstoerungen-118420/">https://www.pharmazeutische-zeitung.de/so-kommt-es-zu-geruchsstoerungen-118420/</a><br>[14] Brann, D. H., Tsukahara, T., Weinreb, C., Lipovsek, M., Van den Berge, K., Gong, B., &#8230; &amp; Datta, S. R. (2020). Non-neuronal expression of SARS-CoV-2 entry genes in the olfaory system suggests mechanisms underlying COVID-19-associated anosmia. Science Advances, eabc5801.<br>[15] Eliezer, M., Hautefort, C., Hamel, A. L., Verillaud, B., Herman, P., Houdart, E., &amp; Eloit, C. (2020). Sudden and complete olfactory loss function as a possible symptom of COVID-19.&nbsp;<em>JAMA otolaryngology–head &amp; neck surgery</em>.<br>[16] MDR Panorama „Covid-19: Forscher wollen Geruchsverlust therapieren“. Abgerufen am 19.01.2021. URL: <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/panorama/forschung-corona-geruchssinn-anosmie-frankreich-100.html">https://www.mdr.de/nachrichten/panorama/forschung-corona-geruchssinn-anosmie-frankreich-100.html</a><br>[17] Croy, I., Symmank, A., Schellong, J., Hummel, C., Gerber, J., Joraschky, P., &amp; Hummel, T. (2014). Olfaction as a marker for depression in humans. <em>Journal of affective disorders</em>,&nbsp;<em>160</em>, 80-86.<br>[18] Birte‐Antina, W., Ilona, C., Antje, H., &amp; Thomas, H. (2018). Olfactory training with older people.&nbsp;<em>International journal of geriatric psychiatry</em>,&nbsp;<em>33</em>(1), 212-220.<br>[19] Rottstaedt, F., Weidner, K., Strauß, T., Schellong, J., Kitzler, H., Wolff-Stephan, S., &#8230; &amp; Croy, I. (2018). Size matters–The olfactory bulb as a marker for depression.&nbsp;<em>Journal of Affective Disorders</em>,&nbsp;<em>229</em>, 193-198.<br>[20] Dung, T. T., Oh, Y., Choi, S. J., Kim, I. D., Oh, M. K., &amp; Kim, M. (2018). Applications and advances in bioelectronic noses for odour sensing.&nbsp;<em>Sensors</em>,&nbsp;<em>18</em>(1), 103.<br>[21] Website des Weizmann Institutes zum Thema „Sniffing out COVID-19“. Abgerufen am 10.01.2021. URL: <a href="http://www.weizmann.ac.il/WeizmannCompass/sections/video/prof-noam-sobel-sniffing-out-covid-19">http://www.weizmann.ac.il/WeizmannCompass/sections/video/prof-noam-sobel-sniffing-out-covid-19</a><br>[22] Website der französischen e-Nose Firma arryballe, Video zur Erklärung der Technologie. Abgerufen am 9.1.2021, URL: <a href="https://aryballe.com/solutions/">https://aryballe.com/solutions/</a><br>[23] Lu, Y., Li, H., Zhuang, S., Zhang, D., Zhang, Q., Zhou, J., &#8230; &amp; Wang, P. (2014). Olfactory biosensor using odorant-binding proteins from honeybee: Ligands of floral odors and pheromones detection by electrochemical impedance.&nbsp;<em>Sensors and Actuators B: Chemical</em>,&nbsp;<em>193</em>, 420-427.<br>[24] Wikipedia-Eintrag zu „Graphen“. Abgerufen am 10.01.2021. URL: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Graphen">https://de.wikipedia.org/wiki/Graphen</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Entscheidung aus dem Bauch heraus</title>
		<link>https://psycho-path.de/die-entscheidung-aus-dem-bauch-heraus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Jan 2021 13:14:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#mehr_wissen]]></category>
		<category><![CDATA[darm]]></category>
		<category><![CDATA[ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[essen]]></category>
		<category><![CDATA[gut-brain-axis]]></category>
		<category><![CDATA[juliane-lucas]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://psycho-path.de/?p=1617</guid>

					<description><![CDATA[JULIANE LUCAS. Schlechte Nachrichten schlagen uns auf dem Magen, gleichzeitig trifft unser Bauch aber auch ab und an intuitive Entscheidungen für uns. Was seit Langem in unserer Sprache verwurzelt ist, findet inzwischen auch immer mehr Interesse in der Forschung, sodass man versucht die Interaktion des Gehirns und des Bauches genauer zu ergründen. Im Folgenden wollen [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">JULIANE LUCAS. <strong>Schlechte Nachrichten schlagen uns auf dem Magen, gleichzeitig trifft unser Bauch aber auch ab und an intuitive Entscheidungen für uns. Was seit Langem in unserer Sprache verwurzelt ist, findet inzwischen auch immer mehr Interesse in der Forschung, sodass man versucht die Interaktion des Gehirns und des Bauches genauer zu ergründen. Im Folgenden wollen wir uns aber nur mit der einen Richtung beschäftigen: Welchen Einfluss haben Darm und Ernährung auf unser Denken, Verhalten und Entscheiden?</strong><span id="more-1617"></span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als „zweites Gehirn“, spielt der Darm mit seinen über 200 Millionen Neuronen eine bedeutende Rolle, sind es doch etwa so viele, wie ein Hund in seiner Hirnrinde aufweist. Hinzu kommen noch die ca. 100 Milliarden Mikroorganismen wie zum Beispiel Bakterien, die Substanzen freisetzen, welche sich wiederum ebenfalls auf unsere Persönlichkeit, unser Verhalten und unsere Gesundheit auswirken. Ein Forschungsteam der McMaster University in Ontario tauschte beispielsweise die Mikrobiome, also die Gesamtheit dieser Mikroorganismen des Darms, zweier Mäuse aus, welche daraufhin jeweils die Persönlichkeit des Spenders annahmen. So wurde die einst mutige Maus schüchtern und ängstlich, während die andere die gegenteilige Persönlichkeitsänderung aufwies. [1] Dies spricht für einen unglaublich hohen Einfluss der Darmmikroben auch auf unsere Persönlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in der Gesundheitsforschung öffnet der Blick auf unser enterisches Nervensystem völlig neue Türen, zum Beispiel für die Behandlung von Depressionen, die Heilung von Osteoporose und für die rechtzeitige Erkennung von Morbus Parkinson. So klagen Parkinson-Patienten häufig über Verdauungsbeschwerden. Untersuchungen haben gezeigt, dass befallene Nervenzellen im Darm dieselben Schädigungen wie die im Gehirn aufweisen, sodass durch Darmbiopsien Morbus Parkinson diagnostiziert werden kann. Da in einigen Fällen Verdauungsprobleme schon Jahre vor den typischen Symptomen der Krankheit auftreten können, liegt die Vermutung nahe, dass die Krankheit vielleicht sogar ihren Ursprung im Darm hat und sich dann erst weiter in die entsprechenden Bereiche, wie in die Substantia Nigra, im Gehirn ausbreitet. [2]</p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-1623" src="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Screenshot-2021-01-24-at-14.20.46-644x574.png" alt="" width="384" height="341" srcset="https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Screenshot-2021-01-24-at-14.20.46-644x574.png 644w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Screenshot-2021-01-24-at-14.20.46-600x535.png 600w, https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2021/01/Screenshot-2021-01-24-at-14.20.46.png 1736w" sizes="auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie kommt es, dass Hirn und Darm so sehr miteinander verbunden sind? Gehen wir mal viele Jahrtausende zurück, als die Menschen Kontrolle über das Feuer bekamen. Denn erst mit der Beherrschung des Feuers konnte Fleisch gebraten werden, was die Verdauung einfacher und effizienter gestaltete. Somit blieb mehr Energie übrig, die in ein zweites Organ, das Gehirn, gesteckt werden konnte. Im Laufe der Evolution wuchs dieses also vor allem auf Grund der neu gewonnen überflüssigen Energie, die im Gehirn nun für höhere kognitive Prozesse einsetzbar war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die starke Verbindung der Nervensysteme besteht heute noch besonders über Substanzen der Mikroorganismen, den Vagusnerv, aber auch über Neurotransmitter, die sowohl im Darm als auch im Gehirn produziert werden und sich auf beide Nervensysteme auswirken. Besonders Serotonin spielt dabei eine bedeutsame Rolle, auch bei der am Anfang erwähnten Forschung zur Behandlung von Osteoporose. Durch erfolgreiches Hemmen der Serotonin-Freisetzung im Darmtrakt gelang es Forschern die Knochenmasse &#8211; zumindest bei Nagetieren – so zu regulieren, sodass eine Heilung der knochenschädigenden Krankheit möglich wäre. [3]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Eigenschaften des Darms, wie zum Beispiel die Anzahl bestimmter Bakterien oder die Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter, lassen sich nicht direkt und willentlich von uns bestimmen. Doch inwiefern verändern sich unser Verhalten und unsere Persönlichkeit durch unsere Ernährung?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Einfluss der aufgenommen Nahrung beginnt schon in der Schwangerschaft. Studien haben ergeben, dass Kinder eher Anzeichen von Wutanfällen und Aggressivität aufwiesen, wenn deren Mütter während der Schwangerschaft besonders viel Junkfood und industriell verarbeitete Lebensmittel zu sich nahmen. Auch bei Mäusen, die ohne Omega-3-Fettsäuren aufwuchsen, sind Verhaltensweisen sichtbar, die bei Artgenossen nicht auftreten. So führt eben jener Mangel zu reduzierten Verästelungen und weniger Verknüpfungen zwischen den Neuronen im Gehirn der Mäuse, sodass Informationen nicht effizient übertragen werden können. Dies hat ein ängstliches und gestresstes Verhalten der Mäuse zur Folge. Auch bei Menschen lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Mangel an Omega-3-Fettsäuren und Aggressivität beobachten. [4]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für eine gesunde Entwicklung des Gehirns ist es also vor allem wichtig, sich ausgewogen zu ernähren. So können alle Nährstoffe und Mineralien aufgenommen werden und neben dem Körper auch den Geist stärken. Für unser Gehirn sind dabei besonders verschiedene Gemüsearten und Hülsenfrüchte sinnvoll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch selbst wenn wir uns bewusst ernähren, haben wir keine komplette Kontrolle über unser Verhalten: Ernährung kann auch unsere Entscheidungen beeinflussen. Eine Studie hat gezeigt, dass abhängig von der Zusammensetzung eines Frühstückes, Entscheidungen unterschiedlich gefällt werden. Bei einem Verhaltensexperiment, bei dem eine fiktive Person entscheidet, wie sie zehn Euro auf zwei Personen aufteilt, zeigten sich Probanden weniger über eine ungerechte Behandlung verärgert, wenn sie zuvor ein proteinreiches Frühstück zu sich genommen hatten. Demnach sind sie eher bereit, die Einteilung der zehn Euro zu akzeptieren und den Betrag entgegenzunehmen. Dies ist auf die Zunahme der Dopaminausschüttung durch Tyrosin zurückführbar, welches mit der proteinreichen Nahrung verstärkt aufgenommen wurde. [5] Bei proteinarmer Nahrung hingegen lehnten die Probanden die Aufteilung des Geldes bei gefühlter Ungerechtigkeit eher ab, obwohl sie dadurch gar kein Geld ausgezahlt bekamen. Demnach kann unsere Ernährungsweise durchaus unsere Entscheidungen und auch Gefühle beeinflussen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zusammengefasst: Dadurch, dass sich unser Gehirn erst nach dem Darm entwickelt hat und wir dessen Entwicklung und Aufbau durch unsere Nahrung mitbestimmen, liegt eine entscheidende Beeinflussung durch den Darmtrakt vor. Während wir im Psychologiestudium vorherrschend das Gehirn untersuchen, liegt der Ursprung mancher Krankheiten oder Verhaltensweisen vielleicht sogar noch tiefer, als wir annehmen. Doch langsam treten immer wieder neue Erkenntnisse zutage, sodass uns in den kommenden Jahren vielleicht noch etwas mehr Forschung bezüglich des enterischen Verdauungssystems erwartet.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size: 12px;"><strong>Quellen</strong>:<br />[1] Schmidt, C. (2015, March 1). Mental Health May Depend on Creatures in the Gut. Retrieved from https://www.scientificamerican.com/article/mental-health-may-depend-on-creatures-in-the-gut/.<br />[2] Denjean, C. [ARTEde]. (2019, October 12). <em>Der kluge Bauch: Unser zweites Gehirn ǀ Doku ǀ ARTE</em>. [Video file]. https://www.youtube.com/watch?v=sNSaGgmsc6o<br />[3] Hadhazy, A. (2010, February 12). Think Twice: How the Gut&#8217;s &#8222;Second Brain&#8220; Influences Mood and Well-Being. Retrieved from https://www.scientificamerican.com/article/gut-second-brain/.<br />[4] Hitier, R. [ARTEde]. (2019, September 14). <em>Unser Gehirn ist, was es isst ǀ Doku ǀ ARTE</em>. [Video file]. https://www.youtube.com/watch?v=0vj47QaL8Y0<br />[5] Strang, S., Hoeber, C., Uhl, O., Koletzko, B., Munte, T. F., Lehnert, H., … Park, S. Q. (2017). Impact of nutrition on social decision making. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America</em>, <em>114</em>(25), 6510–6514. https://doi.org/10.1073/pnas.1620245114</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
