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	<title># 45 wunder &#8211; Psycho-Path WordPress-Seite</title>
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		<title>Vom Zoom-Call zur Zoom-Fatigue </title>
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		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jul 2024 01:44:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Wie Online-Meetings uns erschöpfen können JÖRDIS GRASSL. Ob via Zoom, Microsoft Teams, Skype oder Big Blue Button – Videokonferenzen sind mindestens seit dem Beginn der Corona-Pandemie 2020 aus dem Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken, sei das im Studium, auf der Arbeit oder aber auch im privaten Bereich. Virtuelle Meetings haben viele Vorteile im [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading"><strong>Wie Online-Meetings uns erschöpfen können</strong></h3>



<p class="wp-block-paragraph">JÖRDIS GRASSL. <em>Ob via Zoom, Microsoft Teams, Skype oder Big Blue Button – Videokonferenzen sind mindestens seit dem Beginn der Corona-Pandemie 2020 aus dem Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken, sei das im Studium, auf der Arbeit oder aber auch im privaten Bereich. Virtuelle Meetings haben viele Vorteile im Vergleich zu ihren analogen Gegenstücken – die geographische Distanz zwischen den Teilnehmenden spielt keine Rolle mehr, die Arbeit im Homeoffice wird erleichtert, man muss weniger Wege zurücklegen und kann, wenn man denn möchte, alle Meetings in Jogginghosen abhalten. Sie fordern aber auch ihren Preis. Dies legt zumindest das Phänomen der Zoom-Fatigue, eine Erschöpfung durch Videokonferenzen, nahe. </em></p>



<span id="more-2274"></span>



<p class="wp-block-paragraph">Im Frühling 2020 höre ich zum ersten Mal von Zoom. Ich bin gerade dabei, mich auf mein Abitur vorzubereiten, während um mich herum die Welt stillsteht. Meine Freund:innen habe ich zum letzten Mal am Montag, den 16. März gesehen, als wir alle gemeinsam unsere Spinde in der Schule ausgeräumt haben. Seitdem besteht unsere Kommunikation aus Memes und gemeinsamen Stadt-Land-Fluss-Abenden über Discord. Die Welt der videobasierten Online-Kommunikation ist mir also nicht völlig fremd, als ich zu meinem ersten Bewerbungsgespräch für eine FSJ-Stelle über Zoom eingeladen werde. Ich bin aufgeregt, nicht nur wegen der mir bis dahin unbekannten Bewerbungssituation, sondern auch wegen der Plattform, auf der das Gespräch stattfinden soll. Circa eine Stunde vorher laufe ich mit meinem Laptop durch die Wohnung, um den besten Videohintergrund zu finden. Ich überprüfe immer wieder meine Internetverbindung, teste Kamera und Sound und hoffe, dass wenigstens auf technischer Seite alles glatt geht. Das tut es. Das Gespräch läuft gut, ich bekomme den FSJ-Platz. Mit Zoom komme ich auch soweit zurecht, obwohl es zwischendurch ab und an hakt und seine Macken hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem ist viel passiert. Ich habe mein Abitur gemacht, einen Freiwilligendienst geleistet, ein Studium begonnen und einen Nebenjob angefangen. Die letzten Corona-Schutzmaßnahmen sind am 7. April 2023, also vor fast einem Jahr, ausgelaufen, seit ungefähr zwei Semestern habe ich wieder Präsenzlehre. Aber Zoom und die vielen anderen Videokonferenzplattformen sind Teil meines Alltags geblieben, sei das über virtuelle Arbeitsbesprechungen oder hybride Lehreinheiten an der Uni.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ich das finde, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Häufig erwische ich mich in Vorlesungen dabei, mir die Zoom-Veranstaltungen zurückzuwünschen. In einem vollbesetzten Vorlesungssaal fällt es auf, wenn man nebenbei den Campingkocher auspackt und sein Mittagessen aufwärmt, und stumm schalten kann man sich auch nicht, was vor allem in den vorderen Reihen manchmal zum Problem wird. Die Zeiten, in denen jede Lehrveranstaltung über Zoom stattfand, wünsche ich mir trotzdem nicht zurück. Eine Woche mit mehreren langen Videokonferenzen lässt einen mit einer anderen Art der Müdigkeit zurück, die mir in dieser Form seit dem Wiederanfang der Präsenzlehre nicht mehr begegnet ist. Und scheinbar bin ich nicht die Einzige mit diesem Problem. Mit dem Boom von Videokonferenzen zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 häuften sich auch die Berichte über Erschöpfung durch ebendiese, und der Begriff <em>Zoom-Fatigue</em>, oder auch etwas sperriger <em>Videokonferenz-Fatigue</em>, etablierte sich schnell. [1]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-33b4151b04ba04ad5698a83338c02893 wp-block-paragraph"><strong>Was ist Zoom Fatigue?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Zoom-Fatigue bezeichnet man zusammengefasst Erschöpfungssymptome nach einem längeren und wiederholten Gebrauch von Videokonferenz-Tools. [2] Konkrete Symptome, die von Betroffenen empfunden werden können, sind unter anderem eine Reduktion der Konzentrationsfähigkeit, eine erhöhte Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen sowie Schlaf- und Sehstörungen. [3]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tipps gegen Zoom-Fatigue klingen häufig wie allgemeine Hinweise für Menschen, die generell viel an Bildschirmen arbeiten – aktive Pausen, Meetingzeiten begrenzen oder gleich auf Anrufe oder E-Mails umsteigen. [4] Wo liegt dann aber der spezielle Faktor, der die Ermüdung durch Videokonferenzen von anderen Bildschirmarbeiten abgrenzt?</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-67de1f977650efabdae5b6fb1be3ef19 wp-block-paragraph"><strong>Wie entsteht Zoom-Fatigue? Das Grobe.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich steht die Forschung hier noch ganz am Anfang. Es gibt aber durchaus theoretische Erklärungsansätze für die spezielle Entstehung von Zoom-Fatigue. Rump und Brandt (2020) konnten beispielsweise in einer Befragung drei Kategorien von Belastungstreibern gefunden werden, welche maßgeblich zu dem Empfinden von Zoom-Fatigue bei den Befragten beitrugen. Diese wurden als zwischenmenschliche Aspekte, organisatorische Rahmenbedingungen und Technik bezeichnet, wobei die Autor:innen fehlende menschliche Kommunikation als einen der wichtigsten Treiber identifizierten. So gaben circa 70% der Befragten an, dass sie durch das Fehlen nonverbaler Hinweise während der virtuellen Meetings eine Belastung empfanden, jeweils circa 45% empfanden explizit fehlende Gestik und Mimik als belastend. Weiterhin wurden aber auch fehlende Pausen zwischen oder während der Meetings von circa 45% als Belastung wahrgenommen, sowie technische Mängel in der Umsetzung der Meetings, zum Beispiel schlechte Tonqualität oder eine instabile Internetverbindung. [3]&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Faktoren passen auch gut zu einem konzeptionellen Modell von Döring et al. (2022) zur Entstehung von Zoom-Fatigue, welches zum einen persönliche sowie organisatorische, technische und umweltbedingte Faktoren benennt. Gemeint sind damit beispielsweise individuelle soziodemographische oder kognitive Faktoren, aber auch soziale, entweder in der Interaktion in der Videokonferenz selbst oder im Umfeld einer Person. [1]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-367e83038c269437a361c77ece0434a7 wp-block-paragraph"><strong>Wie entsteht Zoom-Fatigue? Die (nonverbale) Kommunikation.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich sind technische und organisatorische Rahmenbedingungen wichtige Faktoren bei der Entstehung von Zoom-Fatigue, aber aus psychologischer Sicht finde ich hier vor allem den bereits erwähnten Aspekt der nonverbalen Kommunikation interessant. So könnte zum Beispiel ein Problem bei virtuellen Meetings, das letztlich zu Zoom-Fatigue bei den Teilnehmenden führt, eine nonverbale Überlastung sein, unter anderem ausgelöst durch das Design von Zoom. Denkbare Faktoren, die zu so einer nonverbalen Überlastung führen könnten, wären dabei die ständige Selbstbeobachtung auf dem Bildschirm, unnatürlicher exzessiver Blickkontakt über eine ungewohnt kurze Distanz oder eine allgemein höhere kognitive Beanspruchung durch die Kompensation fehlender nonverbaler Signale in der Kommunikation. [5]</p>



<p class="wp-block-paragraph">In meiner Recherche bin ich auf ein sehr interessantes Framework von Riedl (2022) gestoßen. Es basiert auf der sogenannten Media Naturalness Theorie (Kock, 2009). Laut dieser sind Menschen durch evolutionäre Bedingungen prädisponiert für eine direkte „face-to-face“ (F2F) Kommunikation, also für das direkte Sprechen und Kommunizieren miteinander, von Angesicht zu Angesicht. Dadurch bringt elektronische Kommunikation, in diesem Fall virtuelle Meetings, bestimmte Probleme mit sich, da diese als weniger natürlich empfunden wird. [6] [7]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Framework legt nahe, dass die Probleme durch fehlende Informationen im Vergleich zu F2F-Kommunikation und durch einen Informations-Overload aufgrund von zusätzlichen Features der Zoom-Benutzeroberfläche zustande kommen. Dieses gleichzeitige Fehlen von Informationen und die Anreicherung der Kommunikation durch neue Features führt zu einem Rückgang der Natürlichkeit der Kommunikation, wie sie normalerweise F2F stattfinden würde. [2]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Riedl (2022) benennt jeweils drei Auslöser in den zwei Prozessen, welche laut seiner Theorie zu einer erhöhten kognitiven Anstrengung und damit auch zu Stress bei den Teilnehmenden eines virtuellen Meetings führen können. Auslöser, die zu einem Mangel an Informationen führen, sind demnach die Asynchronität der Kommunikation, der Mangel an wahrgenommener Körpersprache sowie ein Mangel an Augenkontakt. Die drei anderen Auslöser, welche ein Überangebot von Informationen zur Folge haben, sind Multitasking, eine erhöhte Selbstwahrnehmung während des virtuellen Meetings und die Interaktion mit mehreren Gesichtern während eines virtuellen Meetings. All diese Faktoren. Dies resultiert dann in den Symptomen, die wir als Zoom-Fatigue bezeichnen. [2]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-e7e3f3abc2e76fd4d981617cbaddf665 wp-block-paragraph"><strong>Und was nun?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Erklärungsansätze, die ich hier vorgestellt habe, sind bisher natürlich größtenteils nur das – Ansätze. Sie sind zudem unglaublich vielfältig und Lösungen betreffen teilweise sehr unterschiedliche Forschungsgebiete.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen sind da natürlich Aspekte, die man auf das Design von Videokonferenzplattformen zurückführen kann, wie die nonverbale Überlastung oder fehlende Natürlichkeit der Kommunikation. Dagegen kann man teilweise etwas tun – es wird beispielsweise empfohlen, die Eigenansicht auszuschalten oder andere Ansichtsmodi im Meeting zu verwenden. [4] Aber wie behebt man als einfacher User zum Beispiel das Problem der Asynchronität? Selbst mit Lan-Anschluss bleiben kleine zeitliche Verzerrungen im Meeting, die sich aufsummieren und den natürlichen Fluss der Kommunikation stören können. Und so lange nicht alle Teilnehmenden mit High-End Geräten ausgestattet sind, bleibt es weiterhin schwierig, Gestik, Mimik und Körpersprache über den verpixelten Laptop-Bildschirm so klar und eindeutig wahrzunehmen, wie wenn man sich real gegenübersitzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und zum anderen gibt es Aspekte, die gar nicht so viel mit den Plattformen an sich zu tun haben. Da wären die bereits erwähnten technischen Voraussetzungen der Teilnehmenden, aber auch die Dauer oder Häufigkeit einer Videokonferenz. Es ist anzunehmen, dass wir mit zunehmendem Verständnis für die Entstehung von Zoom-Fatigue auch bessere Strategien entwickeln, um mit umzugehen. Bis dahin helfen vielleicht die Tipps aus der Infobox.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-cc6f22666f2f86e439679290c774ff44 wp-block-paragraph"><strong>Was tun gegen Zoom-Fatigue? Tipps aus der Wissenschaft und aus der Redaktion [3] [4]</strong></p>



<ul class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-block-list wp-elements-d41202a243c95aa5d816c20d89c2cc2c">
<li>Pausen zwischen oder während der Meetings – Aufstehen, Beine vertreten, Augenyoga etc.</li>



<li>Meetings zeitlich begrenzen, sowie in ihrer Anzahl begrenzen</li>



<li>Multitasking vermeiden – keine zusätzlichen Tabs öffnen, parallel keine Mails beantworten etc.</li>



<li>Stimuli auf dem Bildschirm reduzieren – Eigenansicht ausblenden, überflüssige Videoansichten verstecken</li>



<li>Auf andere Kommunikationswege umsteigen – Anrufe, Mails etc.</li>



<li>Wenn möglich, die Videokonferenz in die Natur/in den Garten verlegen</li>



<li>Wenn möglich Anzahl der Teilnehmenden begrenzen</li>



<li>Überlegen, ob eine Teilnahme wirklich notwendig ist</li>
</ul>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-48da17a2cf29dae143a1879c5451ac75 wp-block-paragraph" style="font-size:12px">Quellen<br>[1] Döring, N., Moor, K. D., Fiedler, M., Schoenenberg, K., &amp; Raake, A. (2022). Videoconference Fatigue: A Conceptual Analysis. <em>International Journal of Environmental Research and Public Health</em>, <em>19</em>(4), Article 4. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph19042061">https://doi.org/10.3390/ijerph19042061</a><br>[2] Riedl, R. (2022). On the stress potential of videoconferencing: Definition and root causes of Zoom fatigue. <em>Electronic Markets</em>, <em>32</em>(1), 153–177.<a href="https://doi.org/10.1007/s12525-021-00501-3"> https://doi.org/10.1007/s12525-021-00501-3</a><br>[3] Rump, J., &amp; Brandt, M. (2020). Zoom-Fatigue. <em>Institut Für Beschäftigung Und Employability IBE</em>.<br>[4] Fosslien, L., &amp; Duffy, M. W. (2020, April 29). How to Combat Zoom Fatigue. <em>Harvard Business Review</em>.<a href="https://hbr.org/2020/04/how-to-combat-zoom-fatigue"> https://hbr.org/2020/04/how-to-combat-zoom-fatigue</a><br>[5] Bailenson, J. N. (2021). Nonverbal overload: A theoretical argument for the causes of Zoom fatigue. <em>Technology, Mind, and Behavior</em>, <em>2</em>(1).<a href="https://doi.org/10.1037/tmb0000030"> https://doi.org/10.1037/tmb0000030</a><br>[6] Kock, N. (2005). Media richness or media naturalness? The evolution of our biological communication apparatus and its influence on our behavior toward E-communication tools. IEEE Transactions on Professional Communication, 48(2), 117–130. <a href="https://doi.org/10.1109/TPC.2005.849649">https://doi.org/10.1109/TPC.2005.849649</a><br>[7] Kock, N. (2009). Information Systems Theorizing Based on Evolutionary Psychology: An Interdisciplinary Review and Theory Integration Framework. <em>MIS Quarterly</em>, <em>33</em>(2), 395–418.<a href="https://doi.org/10.2307/20650297"> https://doi.org/10.2307/20650297</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Neuroplastizität in Aktion: Die Umbauprozesse im Gehirn von Schwangeren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jul 2024 04:22:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[# 45 wunder]]></category>
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					<description><![CDATA[TANJA VON RYSSÉL. Während der Schwangerschaft geschehen so einige Wunder im Körper der werdenden Mutter. Nicht nur, dass in ihrem Bauch ein neuer kleiner Mensch heranwächst – um diesen optimal zu versorgen, wird ein ganzes Maßnahmenpaket angestoßen: Das Blutvolumen steigt, die Atmung vertieft sich, Drüsenzellen in der Brust bereiten sich auf die Milchproduktion vor. Und [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">TANJA VON RYSSÉL. <em>Während der Schwangerschaft geschehen so einige Wunder im Körper der werdenden Mutter. Nicht nur, dass in ihrem Bauch ein neuer kleiner Mensch heranwächst – um diesen optimal zu versorgen, wird ein ganzes Maßnahmenpaket angestoßen: Das Blutvolumen steigt, die Atmung vertieft sich, Drüsenzellen in der Brust bereiten sich auf die Milchproduktion vor. Und noch etwas passiert: Im Gehirn finden umfangreiche Umbauprozesse statt, die sich sogar bis weit über die Geburt des Kindes hinaus nachweisen lassen.</em></p>



<span id="more-2263"></span>



<p class="wp-block-paragraph">Wie genau diese Veränderungsprozesse im Gehirn aussehen, wird seit einigen Jahren emsig erforscht. Bekannt ist bisher, dass es zu einem Rückgang an grauer Hirnsubstanz kommt – bis zu 3&nbsp;% des kortikalen Gesamtvolumens büßen Frauen im Verlauf der Schwangerschaft ein [1]. Dahinter könnten verschiedene Vorgänge stecken, zum Beispiel könnte sich die Anzahl der Synapsen oder Nervenzellen verändern, aber auch Umstrukturierungen der Dendriten sowie Modifikationen in der Durchblutung des Gehirns kommen infrage [2]. Ziemlich sicher jedoch erstrecken sich die Umbauprozesse sowohl auf Neurone als auch ihre Nachbarn, die Gliazellen [1].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Teil der grauen Substanz wird nach der Geburt des Kindes wieder aufgebaut. Das könnte etwa an Lernerfahrungen liegen, die eine Mutter im täglichen Umgang mit ihrem Baby macht [1], und durch die neue Nervenverbindungen entstehen. Einer anderen Theorie zufolge könnten aber auch vermehrt neue Nervenzellen gebildet werden [2].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umbauarbeiten finden in verschiedenen Regionen des Gehirns statt. Betroffen sind zum einen verschiedene Areale in der Großhirnrinde; beispielsweise das limbische System, das für die Regulation von Emotionen zuständig ist. Zum anderen spielen sich Veränderungen in jenem subkortikalen Netzwerk ab, in das unter anderem dopaminerge Belohnungsareale wie der Nucleus Accumbens und die Area Tegmentalis Ventralis eingebunden sind [1]. Viele der Hirnregionen, die sich während der Schwangerschaft verändern, nutzen wir im sozialen Miteinander, damit wir erfolgreich mit anderen Menschen kommunizieren und interagieren können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders spannend ist die funktionelle und strukturelle Plastizität im sogenannten Ruhezustandsnetzwerk (eng. <em>default mode network</em>). Die an diesem Netzwerk beteiligten Hirnareale werden immer dann aktiv, wenn wir nichts Besonderes tun oder denken. Während der Schwangerschaft kommt es unter anderem zu verstärkter Kohärenz im Cuneus; einer Region, die visuelle Informationen verarbeitet und sie höheren kognitiven Funktionen wie Arbeitsgedächtnis oder Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt [3]. Zudem liegt im Ruhestandsnetzwerk die neuronale Basis für Selbstwahrnehmung, soziale Interaktionen, Empathie sowie die Unterscheidung zwischen unserem Selbst und anderen Personen um uns herum. Änderungen in diesem Bereich des Gehirns könnten deshalb zu einem neuen Selbstverständnis als Mutter beitragen, bei dem beispielsweise ein stärkerer Fokus auf das Neugeborene als auf sich selbst gesetzt wird [3].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gehirnumbau während der Schwangerschaft ist keine unauffällige Kleinigkeit. Um die festgestellten Veränderungsprozesse auf Widerspruchsfreiheit zu testen, untersuchte ein Forschungsteam an der Universität Barcelona eine Gruppe von Frauen vor und nach ihrer ersten Schwangerschaft [2]. Als Vergleichsgruppe luden sie weitere Frauen ein, die im Studienzeitraum nicht schwanger wurden. Aus den Hirnscans der beiden Untersuchungszeitpunkte wurde für jede Teilnehmerin eine sogenannte Differenzkarte generiert. Diese stellen die Volumenänderungen an grauer Substanz grafisch dar. Die Karten wiederum führten die Wissenschaftler:innen einem Algorithmus zu und gaben ihm die Aufgabe einzuordnen, ob die jeweilige Frau schwanger geworden war oder nicht. Nur auf Basis der Volumenänderungen konnte das Programm alle Teilnehmerinnen der korrekten Gruppe zuordnen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch wofür macht sich der Körper die Mühe der ganzen Umbauten? Kurz gesagt handelt es sich dabei um eine spezifische Form der Neuroplastizität, also einer Spezialisierung des Nervensystems, um eine Mutter auf ihre neue Lebenssituation einzustellen. Vergleichen lässt sich dieser Prozess mit einem Software-Update. Gefragt sind von nun an Verhaltensweisen, die für das Wohlbefinden des Nachwuchses sorgen und seine optimale Versorgung sicherstellen. Im Tierreich zählen dazu zum Beispiel Nestbau oder das Putzen und Säugen der Jungtiere [1]. Der Gehirnumbau bietet so letztlich einen evolutionären Vorteil für das Überleben der Nachkommen und damit der eigenen Art.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Konkret beobachten Wissenschaftler:innen bei menschlichen Müttern nicht nur typisch elterliches Sozialverhalten, sondern auch veränderte Kognitionen und Bioreaktionen. Eltern werden empfänglicher für bestimmte Reize. Zum Beispiel verlangsamt sich die Herzrate von Müttern, wenn ihr Baby lacht [3] – denn wer fröhlich gluckst, dem scheint es wohl gut zu gehen. Das wiederum ist Grund genug, um Mamas Belohnungszentrum zu aktivieren. Gleichzeitig verbessert sich die Empathie gegenüber dem Kind, die Bedürfnisse werden besser erkannt und Mütter können rascher darauf reagieren. Negative Reaktionen im Umgang mit dem Säugling werden dagegen unterdrückt [3]. Außerdem werden soziale Reize, die eine mögliche Bedrohung signalisieren, schneller interpretiert [2]. Schließlich ist sich die psychologische Forschung darin einig, dass die neuronalen Anpassungsprozesse zu einer höheren Bindungsqualität zwischen Mutter und Kind führen [1,2,3]. So weit nur ein Auszug aus dem evolutionären Rezept für einen gesunden, bestens umsorgten Säugling!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während einige Wissenschaftler:innen die genauen Umbauprozesse im „schwangeren Gehirn“ kartieren, beschäftigen sich andere mit der Frage, wie die Umstrukturierungen überhaupt ausgelöst und gesteuert werden. Aufschluss darüber geben zunächst Studien an Nagetieren. So analysierten Forscher:innen die schwangerschaftstypischen Hormonkonstellationen von Mäusedamen. Als sie diese bei jungfräulichen Artgenossen nachahmten, zeigten die kinderlosen Mäuse auf einmal elterliche Verhaltensweisen [4]. Solche Beobachtungen führten zu der – sehr belastbaren – Annahme, dass Hormone elterliches Verhalten auslösen, und zwar über den Umweg neuronaler Modifikationen. Besonders die Plazenta, Hauptverantwortliche für die Hormonschwankungen während der Schwangerschaft und Produzentin verschiedener Sexualhormone, scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen [1]. Letztlich beruhen all diese Annahmen aber nur auf Untersuchungen dazu, welche biologischen Prozesse parallel ablaufen und deshalb auch ursächlich miteinander in Verbindung stehen könnten. Kausalketten zu beweisen ist wegen ethischer Hürden sehr schwierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Sexualhormone anatomische und funktionelle Änderungen im Gehirn auslösen, ist übrigens nichts grundsätzlich Neues. Forscher:innen kennen vergleichbare Prozesse bereits aus einer anderen Lebensphase: der Pubertät. In dieser Zeit organisiert sich der Denkapparat von Jugendlichen heimlich um: In Vorbereitung auf das Erwachsenenleben wird dabei graue Substanz abgebaut, weiße Substanz aufgebaut und verschiedene Hirnareale neu miteinander verbunden [5]. Sichtbar werden diese Vorgänge schließlich in kognitiven, emotionalen, physischen und Verhaltensänderungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie sieht es bei den werdenden Vätern aus? Auch in ihren Gehirnen finden Umstrukturierungsprozesse statt, die Männer auf die Elternschaft vorbereiten. Beteiligt daran ist vermutlich das Hormon Prolaktin [6], ein alter Bekannter aus der Forschung rund um Fortpflanzung und Milchproduktion bei Frauen. So korreliert der Prolaktinspiegel bei den Partnern von Schwangeren mit einem Verlust an grauer Hirnsubstanz, aber auch – ähnlich wie bei den zukünftigen Müttern – mit dem Bindungsgefühl zum Ungeborenen. Außerdem wachsen Männer mit höheren Prolaktinwerten besser in ihre neue Rolle als Väter hinein [6]. Die konkreten biologischen Prozesse, die zu vergleichbaren Veränderungen im Sozialverhalten und bei den Kognitionen von werdenden Eltern führen, scheinen sich zwar zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden [2]. Dennoch: Die Raffinessen der menschlichen Neuroplastizität erstrecken sich auf beide Elternteile. Ein noch größeres Wunder ist wohl nur die Entwicklung eines komplett neuen Gehirns, mit dessen Hilfe das Neugeborene bald beginnt, die Welt zu entdecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-d18a31340f00868ea77ab51b8f19257b wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong>:<br>[1] Servin-Barthet, C., Martínez-García, M., Pretus, C., Paternina-Pie, M., Soler, A., Khymenets, O., Pozo, O. J., Leuner, B., Vilarroya, O., &amp; Carmona, S. (2023). The transition to motherhood: Linking hormones, brain and behaviour. <em>Nature Reviews Neuroscience, 24(10),</em> 605-619. <a href="https://doi.org/10.1038/s41583-023-00733-6">https://doi.org/10.1038/s41583-023-00733-6</a><br>[2] Hoekzema, E., Barba-Müller, E., Pozzobon, C., Picado, M., Lucco, F., García-García, D., Soliva, J. C., Tobeña, A., Desco, M., Crone, E. A., Ballesteros, A., Carmona, S., &amp; Vilarroya, O. (2017). Pregnancy leads to long-lasting changes in human brain structure. <em>Nature Neuroscience, 20(2),</em> 287-296. <a href="https://doi.org/10.1038/nn.4458">https://doi.org/10.1038/nn.4458</a><br>[3] Hoekzema, E., van Steenbergen, H., Straathof, M., Beekmans, A., Freund, I. M., Pouwels, P. J.W., &amp; Crone, E. A. (2022). Mapping the effects of pregnancy on resting state brain activity, white matter microstructure, neural metabolite concentrations and grey matter architecture. <em>Nature Communications, 13.</em> <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-022-33884-8">https://doi.org/10.1038/s41467-022-33884-8</a><br>[4] Ammari, R., Monaca, F., Cao, M., Nassar, E., Wai, P., Del Grosso, N. A., Lee, M., Borak, N., Schneider-Luftman, D., &amp; Kohl, J. (2023). Hormone-mediated neural remodeling orchestrates parenting onset during pregnancy. <em>Science, 382,</em> 76-81. <a href="https://doi.org/10.1126/science.adi0576">https://doi.org/10.1126/science.adi0576</a><br>[5] Peper, J. S., Hulshoff Pol, H. E., Crone, E. A., &amp; van Honk, J. (2011). Sex steroids and brain structure in pubertal boys and girls: A mini-review of neuroimaging studies. <em>Neuroscience, 191,</em> 28-37. <a href="https://doi.org/10.1016/j.neuroscience.2011.02.014">https://doi.org/10.1016/j.neuroscience.2011.02.014</a><br>[6] Aviv, E. C., Cardenás, S. I., León, G., Waizman, Y. H., Gonzales, C., Flores, G., Martínez-García, M., &amp; Saxbe, D. E. (2023). Prenatal prolactin predicts postnatal parenting attitudes and brain structure remodeling in first-time fathers. <em>Psychoneuroendocrinology, 156.</em> <a href="https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2023.106332">https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2023.106332</a></p>
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		<title>Bouldern gegen depressive Symptomatik </title>
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		<pubDate>Sat, 22 Jun 2024 09:50:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Wirksamkeit einer alternativen Psychotherapiemethode  ANNE HOMMEL. Der populäre Klettersport Bouldern genießt seit einigen Jahren eine immer größere Beliebtheit und bietet gleichzeitig neue Möglichkeiten für die Behandlung von Depressionen. Basierend auf den “KuS-Studien“ (Klettern und Stimmung) [1] des Universitätsklinikums Erlangen wird der Trendsport nun als innovative Therapiemethode eingesetzt. Dabei werden wirksame Elemente aus bewährten Therapieansätzen [&#8230;]]]></description>
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<h3 class="wp-block-heading">Die Wirksamkeit einer alternativen Psychotherapiemethode </h3>



<p class="wp-block-paragraph" id="block-19fb5736-7f80-4802-9ce0-bb5cfafa1308">ANNE HOMMEL. <em>Der populäre Klettersport Bouldern genießt seit einigen Jahren eine immer größere Beliebtheit und bietet gleichzeitig neue Möglichkeiten für die Behandlung von Depressionen. Basierend auf den “KuS-Studien“ (Klettern und Stimmung) [1] des Universitätsklinikums Erlangen wird der Trendsport nun als innovative Therapiemethode eingesetzt. Dabei werden wirksame Elemente aus bewährten Therapieansätzen vereint. </em></p>



<span id="more-2259"></span>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color has-small-font-size wp-elements-495336d8e21bab39f2a0c3fd5b709bb1 wp-block-paragraph" id="block-d089a485-8728-4829-9bd7-b5da01f8b443"><strong>Vorab: Definition </strong><br>Bouldern ist das Klettern ohne Sicherungsseil und Klettergurt an Wänden in Absprunghöhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Boulderpsychotherapie handelt es sich um die Verbindung von Bewegung und körperlicher Aktivität durch das Bouldern mit psychotherapeutischen Interventionen aus der Verhaltenstherapie. [2] Die Boulderpsychotherapie erfolgt üblicherweise in Gruppen und wird dabei von geschulten Therapeut:innen begleitet. Die Therapeut:innen werden ausgebildet, damit sie sowohl über Kenntnisse und Erfahrungen zu Therapiekonzepten verfügen als auch eigene Kletterfähigkeiten nachweisen können. Auf diese Weise kann eine individuelle, bedürfnisorientierte Intervention zur gezielten Verbesserung der Symptome von Betroffenen ermöglicht werden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bouldern löst eine hohe emotionale Aktivierung aus. Dahingehend können verschiedene, für die Therapie relevante, Themen bearbeitet werden und anhand ausgewählter Boulderübungen belastende Verhaltensweisen oder Denkmuster durchbrochen werden. Mithilfe des Therapeut:innenteams oder anderen Gruppenteilnehmenden können sowohl Problemlösungen besprochen und ausgewertet als auch neue Herangehensweisen entwickelt werden, um herausfordernde Situationen im Alltag aktiv besser zu bewältigen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Bouldern kommen mehrere Wirkmechanismen zusammen, die eine Psychotherapie bei Depressionen deutlich unterstützen können. Häufig setzt es am Anfang viel Überwindung und Mut voraus, sich an die Wand zu trauen. Jedoch wird man auch frühzeitig mit Erfolgserlebnissen belohnt, wenn man einen Versuch wagt, sich auf die Situation einlässt und sich ausprobiert. Dahingehend wird der Umgang mit Grenzen schnell erlernt. Eigene Fähigkeiten werden oftmals unterschätzt. Durch das Bouldern können das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl deutlich gestärkt und damit gleichermaßen das Loslösen von Ängsten erleichtert werden. [3] Insbesondere Einsteiger:innen können deutliche Fortschritte erfahren, da Bouldertechniken rasch erlernt werden. Diese erleichtern es spürbar, auch schwere Routen zu schaffen. Darüber hinaus werden für das Bouldern relevante Muskelgruppen schnell aufgebaut, sodass die Teilnehmenden zeitnah den Leistungsfortschritt an sich beobachten können. Zudem erzeugen die aktive Unterstützung der Therapeut:innen und die Ermutigung von der Gruppe in Form von gegenseitigem Zuspruch eine motivierende Atmosphäre, in der Selbstwirksamkeit maßgeblich gefördert werden kann. Bouldern ist ein sozialer Sport, da man gemeinsam über mögliche Lösungen für Routen nachdenkt und sich gegenseitig anfeuert. Ratschläge und Hilfestellungen können zusätzlich zu einer sicheren Umgebung beitragen und gleichzeitig eine heilsame Erfahrung für die Teilnehmenden darstellen. Mit der Zeit entwickelt sich ein Feingefühl für Bewegungen und Körperpositionen, wodurch positive physische Erfahrungen gemacht werden und sich ein angenehmes, ausbalanciertes Körpergefühl etabliert. Menschen, die unter Depressionen leiden, können wieder in Einklang mit ihrem Körper kommen und ihre eigene Kraft spüren.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von großer Bedeutung für die Erklärung der Wirksamkeit von therapeutischem Bouldern ist, dass während des Boulderns individuelle Bewältigungs- und Lösungsstrategien aktiv ausprobiert werden können. Dadurch, dass die Konzentration durch den unmittelbar bevorstehenden Zug zum nächsten Griff vollständig beansprucht wird, werden die für Depressionen typischen Grübelschleifen unterbrochen. Man muss präsent und fokussiert bleiben, anstatt sich in Gedanken zu verlieren. Ein weiteres häufiges Symptom bei Depressionen ist, dass sich Betroffene nicht viel zutrauen, ohne es ausprobiert zu haben. Deshalb ist es von Bedeutung, sich erreichbare Ziele zu setzen. Persönliche Leistungserrungenschaften innerhalb der Bouldertherapie können dabei die Selbstwirksamkeit insgesamt stärken und dazu beitragen, sich auch im Alltag mit fordernden Situationen und neuen Aufgaben auseinanderzusetzen, ohne vorschnell aufzugeben. Das Bouldern dient somit der Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, die Boulderwand zu erleben und Erkenntnisse über sich zu gewinnen. Es wird gelernt, das Vertrauen in sich zu finden. Gleichzeitig werden individuelle Stärken entdeckt, welche die Lebensqualität steigern können. Die Teilnehmenden suchen sich Routen mit einem Schwierigkeitsgrad aus, der ihren Ansprüchen gerecht wird. So wirkt man bei Menschen mit depressiven Symptomen dem Interessensverlust an Aktivitäten entgegen. [3] Das Therapeut:innenteam ist darin geschult, unterdrückte Emotionen zu bearbeiten. Frustration beispielsweise kann schnell aufkommen, wenn Routen nicht beim ersten Versuch geschafft werden und die Teilnehmenden zu ungeduldig mit sich selbst sind oder sie ihren eigenen stark überhöhten Erwartungen nicht gerecht werden. In solchen Situationen ist es seitens der Therapeut:innen wichtig hervorzuheben, die Gefühle zu akzeptieren, anzunehmen und die Emotionen zu integrieren. Auch Angst oder Freude sind häufig auftretende Emotionen beim Bouldern. Regelmäßiges Klettern trägt dazu bei, den Umgang mit den eigenen Gefühlen zu trainieren. [4] Auch soziale Beziehungen können über eine therapeutische Boulderübung erlebbar gemacht werden. Beispielsweise werden die Themen Nähe und Distanz sowie Verantwortung und Anhängigkeit veranschaulicht, indem die Teilnehmenden eine Route gemeinsam bewältigen sollen und dabei durch ein Seil verbunden sind. [2]</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der “KuS-Studie“ konnten klinisch relevante positive Effekte auf die Selbstwirksamkeit bei Personen nachgewiesen werden, die unter Symptomen von Depressionen leiden. [5] Dabei wurde das therapeutische Bouldern mit einer Verhaltenstherapie und einem aktivierenden Bewegungsprogramm verglichen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Bouldertherapie wirksamer ist, als mehrmals die Woche Sportübungen allein zu Hause durchzuführen. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass die Effekte der kognitiven Verhaltensgruppentherapie nicht über die Wirksamkeit des therapeutischen Kletterns hinausgingen. [6] Damit erweist sich die Boulderpsychotherapie als eine langfristig wirksame Therapiemethode [7] und sollte dahingehend neben etablierten Therapiekonzepten als ergänzende Behandlungsmöglichkeit von Depressionen wahrgenommen werden, um die Therapieangebote zu erweitern. Das therapeutische Bouldern zeichnet sich durch eine niedrige Hemmschwelle aus, sodass der Zugang zu dieser Therapie leichter ist als zu anderen, eher stigmatisierenden Behandlungsansätzen, da das Bouldern als eine attraktive Sportart wahrgenommen wird. [1]</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color has-small-font-size wp-elements-9c1bb615ec10b6dd1ded59029418adff wp-block-paragraph"><strong>Weiterführende Information </strong><br>Die positiven Effekte der Boulderpsychotherapie werden auch bei anderen Krankheitsbildern wie dem Burnout oder bestimmten Formen von Angststörungen als wirksame Therapiemethode angewendet. </p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-1d5b88f57ff4236484dbb54d28b0ccaa wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong>:<br>[1] Uniklinikum Erlangen. Die Wissenschaft. (n.d.). <em>Psychiatrie &#8211; Uniklinikum Erlangen</em>. Retrieved February 20, 2024, from https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/app-boulderpsychotherapie/die-wissenschaft/<br>[2] Uniklinikum Erlangen. Die Therapie. (n.d.). <em>Psychiatrie &#8211; Uniklinikum Erlangen</em>. Retrieved February 20, 2024, from <a href="https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/die-therapie/">https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/die-therapie/</a><br>[3] Kranisch, L. (2023, August 17). Der Depression davonklettern: Bouldern für die psychische Gesundheit. <em>Psylife</em>. <a href="https://psylife.de/magazin/der-depression-davonklettern-bouldern-fuer-die-psychische-gesundheit">https://psylife.de/magazin/der-depression-davonklettern-bouldern-fuer-die-psychische-gesundheit</a><br>[4] Schummeck, J. (2017, April 18). Wie Bouldern gegen Depressionen helfen kann. <em>Zeit</em>. <a href="https://www.zeit.de/zett/2017-04/wie-bouldern-gegen-depressionen-helfen-kann">https://www.zeit.de/zett/2017-04/wie-bouldern-gegen-depressionen-helfen-kann</a><br>[5] Kratzer, A., Luttenberger, K., Karg-Hefner, N., Weiss, M., &amp; Dorscht, L. (2021). Bouldering psychotherapy is effective in enhancing perceived self-efficacy in people with depression: results from a multicenter randomized controlled trial. <em>BMC Psychology</em>, <em>9</em>(1), 1–14. https://doi.org/10.1186/s40359-021-00627-1<br>[6] Luttenberger, K., Karg-Hefner, N., Berking, M., Kind, L., Weiss, M., Kornhuber, J., &amp; Dorscht, L. (2022). Bouldering psychotherapy is not inferior to cognitive behavioural therapy in the group treatment of depression: A randomized controlled trial. <em>British Journal of Clinical Psychology</em>, <em>61</em>(2), 465–493. https://doi.org/10.1111/bjc.12347<br>[7] Schwarz, L., Dorscht, L., Book, S., Stelzer, E. M., Kornhuber, J., &amp; Luttenberger, K. (2019). Long-term effects of bouldering psychotherapy on depression: benefits can be maintained across a 12-month follow-up. <em>Heliyon</em>, <em>5</em>(12).<br><br>Uniklinikum Erlangen. Boulderpsychotherapie. (n.d.). <em>Psychiatrie &#8211; Uniklinikum Erlangen</em>. Retrieved February 20, 2024, from <a href="https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/die-therapie/">https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/die-therapie/</a>PD Dr. Katharina Luttenberger. <br><br>Boulderpsychotherapie bei Depression langfristig wirksam (2020, August 11). <em>Medizinische Fakultät</em>. https://www.med.fau.de/2020/08/11/boulderpsychotherapie-bei-depression-langfristig-wirksam/#pagewrapper</p>
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