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	<title>#mehr_campus &#8211; Psycho-Path WordPress-Seite</title>
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		<title>Vom Hörsaal zur Professur</title>
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		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Nov 2023 12:45:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Wo sind denn hier die Frauen hin? JULIANE LUCAS. Schaut man sich während einer Psychologie-Vorlesung im Hörsaal um, ist es nicht schwer zu erkennen, welches Geschlecht überproportional unter den Studierenden vertreten ist: über 75&#160;% der Psychologie-Bachelor- und Masteranfänger:innen sind weiblich. [1] Wenn man den Vorlesungssaal jedoch verlässt und einen Blick in die Büros des akademischen [&#8230;]]]></description>
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<h1 class="wp-block-heading">Wo sind denn hier die Frauen hin?</h1>



<p class="wp-block-paragraph">JULIANE LUCAS. <em>Schaut man sich während einer Psychologie-Vorlesung im Hörsaal um, ist es nicht schwer zu erkennen, welches Geschlecht überproportional unter den Studierenden vertreten ist: über 75&nbsp;% der Psychologie-Bachelor- und Masteranfänger:innen sind weiblich. [1] Wenn man den Vorlesungssaal jedoch verlässt und einen Blick in die Büros des akademischen Hochschulpersonals wirft, sinkt der Anteil angestellter Wissenschaftlerinnen rapide – und noch mehr auf dem Weg zu Inhaberinnen einer Professur.</em><strong>&nbsp;&nbsp;</strong></p>



<span id="more-2122"></span>



<p class="wp-block-paragraph">In Deutschland werden ca. 44 % der Psychologie-Professuren von Frauen geleitet. [2] Die TU Dresden befindet sich da genau in dieser Größenordnung. Sicher, ein Verhältnis von fast 50:50 klingt erstmal nicht schlecht – schaut man sich jedoch die Zahl der weiblichen Studierenden zu Studienbeginn an, stellt man sich trotzdem die Frage: Wo sind denn hier die Frauen hin?&nbsp;Die heutigen Geschlechterverhältnisse im Psychologiestudium waren natürlich nicht die gleichen als unsere aktuellen Professor:innen studierten. Trotzdem: vor über 40 Jahren, Ende der 1970er, waren bereits mehr weibliche als männliche Studierende in unserem Studienfach eingeschrieben. [3] Um die Jahrtausendwende herum studierten doppelt so viele Frauen wie Männer Psychologie. [3] Die Psychologie ist also schon länger eher frauendominiert – die wissenschaftliche Arbeit jedoch nicht. Bei angestellten Wissenschaftler:innen und Post-Docs sind die Geschlechter noch recht ausgeglichen, aber je weiter man die Karriereleiter hinaufklettert, desto weniger Frauen begegnen einem. Juniorprofessor, Professor, schließlich Rektor – eher selten kann man ein „-in“ dranhängen. Das Phänomen, dass in der Wissenschaft mit jedem Karriereschritt der Frauenanteil kontinuierlich abnimmt, wird als <em>Leaky-Pipeline-Effekt</em> bezeichnet. Dabei ist der „Verlust“ von Frauen in der Psychologie deutlich geringer als in anderen Studienfächern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Leaky-Pipeline-Effekt ist in Studienfächern, bei denen insgesamt weniger Frauen ein Studium aufnehmen, durch strukturelle Hindernisse und geschlechterspezifische Stereotype leichter erklärbar als in Studienfächern, bei denen der Frauenanteil schon während des Bachelors hoch ist. Wenn z.B. durch eine bereits anfängliche und historisch geprägte Ungleichverteilung die höheren Karrierestufen eher von Männern besetzt sind, könnte bei der Personalauswahl öfter die homosoziale Kooperation greifen. Diese steht für einen Vorgang im Rekrutierungsprozess, bei dem eher Personen präferiert werden, die den Vorgänger:innen ähnlich sind – Männer wählen öfter Männer als Nachfolger aus. [4] Auch das ist natürlich ein Problem in der Psychologie, welches sich aber über Jahre langsam hätte ausschleichen müssen. Bei Studienfächern mit einem hohen Anteil weiblicher Studierender werden daher auch andere Gründe genannt, wie beispielsweise der Glass-Escalator-Effekt. Dieser beschreibt die erhöhten Beförderungschancen von Männern, wenn diese einen Minoritätenstatus haben. Somit können Männer sogar aufgrund von zugeschriebenen Geschlechtsstereotypen von ihrer Seltenheit profitieren – im Gegensatz zu Frauen. [5]&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich gibt es noch viele weitere Gründe, z. B. unterschiedliche Familienplanung und Betreuungszeiten bei Männern und Frauen, andere (und/oder fehlende) Vernetzungsmöglichkeiten der Frauen oder fehlende weibliche Vorbilder. [4] Einige dieser Probleme möchte die TU Dresden mit Gleichstellungsmitteln angehen und hat dazu ein Programm für MINT-Studentinnen geschaffen, welches seit dem Sommersemester 2023 angelaufen ist. Da die Psychologie an der TU Dresden zu den Naturwissenschaften gezählt wird, können auch Psychologiestudentinnen an dem Programm teilnehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das <em>Mentoring-Programm für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Studentinnen</em> hat zum Ziel, die Teilnehmerinnen bei der Vorbereitung und Umsetzung der eigenen wissenschaftlichen Laufbahn zu fördern. Dazu bietet es den Raum, dass sich die Studentinnen vernetzen und sich über ihre Erfahrungen, Pläne und Sorgen austauschen können. In angeleiteten Peer-Mentorings werden Themen wie Networking und mögliche Hürden für Frauen im Wissenschaftsbereich diskutiert, in überfachlichen Workshops Kompetenzen zu Themen wie Zielsetzung, Zeit- und Selbstmanagement und Mut zur Sichtbarkeit gestärkt. Im Verlauf des Programms finden außerdem Mentoring-Treffen mit Nachwuchswissenschaftlerinnen der Universität statt, sodass ein Erfahrungsaustausch weiterführender ermöglicht wird, bei dem die Studentinnen hilfreiche Tipps für ihren eigenen Karriereweg erhalten können. Jeder Durchlauf des Programms hat eine Dauer von einem Jahr, wobei die Veranstaltungen gegen Ende immer freier und von den Studentinnen selbst organisiert werden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im jetzigen ersten Durchlauf nehmen insgesamt 30 MINT-Studentinnen am Programm teil, was laut der Programm-Koordinatorin Grit Schuster darauf hindeutet, „dass es einen Bedarf an dieser Stelle gibt, der durch die Programminhalte bedient wird. Das Programm dient der Orientierung und dem Sichtbarmachen von Strukturen und Regeln insbesondere für Frauen im Wissenschaftsbetrieb“. Hinsichtlich des Studienstandes sind die Teilnehmerinnen sehr heterogen, sodass das Erfahrungswissen bezüglich einer Karriere in der Wissenschaft sehr unterschiedlich sei. „Generell ist bei allen Teilnehmerinnen eine sehr hohe Affinität und ein starkes Interesse an einer Wissenschaftskarriere erkennbar.“, so Grit Schuster.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man männlichen Kommilitonen von dem Programm erzählt, blickt man oft in leicht enttäuschte Gesichter und es wird vorsichtig nach ähnlichen Programmen, die auch Männern zugänglich sind, gefragt. Unterstützung für eine wissenschaftliche Laufbahn und bei der Entscheidung, ob und wenn ja, wie man eine Promotion angehen sollte, wird sich von allen Interessierten gewünscht. Grit Schuster verweist darauf, dass Mentoring-Programme und Förderinitiativen an Universitäten in der Regel darauf abzielen, die Chancengleichheit und die berufliche Entwicklung aller Studierenden und Nachwuchswissenschaftler:innen zu fördern, unabhängig von ihrem Geschlecht. „Einige der Programme richten sich jedoch oft an unterrepräsentierte und als besonders förderwürdig erachtete Gruppen. In unserem Fall ist es eine Reaktion darauf, dass Frauen in Führungspositionen in der Wissenschaft viel weniger vertreten sind als Männer.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich für meinen Teil bin sehr dankbar, dass ich durch das Programm die Möglichkeit habe, mich mit anderen Studentinnen &#8211; auch außerhalb der Psychologie &#8211; über eine akademische Laufbahn auszutauschen. Bei den Peer-Mentoring-Treffen werden gemeinsam Ideen gesammelt, wie man sich ein Netzwerk aufbauen kann, man tauscht sich über erhöhten Leistungsdruck aus, merkt auch einfach, dass man nicht allein mit seinen Sorgen ist und baut sich ganz nebenbei ein Frauennetzwerk auf. Die Workshops helfen zur Orientierung, schaffen etwas mehr Klarheit darüber, was man eigentlich will und der Austausch mit anderen Studentinnen ist auch an dieser Stelle unglaublich hilfreich. Nach etwas aufgekommenen Frust über Teilzeitstellen, Publikationsdruck, schwieriger Familienplanung etc. war es richtig heilsam, sich mal wieder zu erinnern, warum man trotzdem in der Wissenschaft arbeiten möchte. Dass sich all der Stress auszahlen wird, wenn man das machen kann, wofür man brennt.&nbsp;<br>Für Nachwuchswissenschaftlerinnen ist das Programm ebenso attraktiv: als Mentorinnen können sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen im Wissenschaftsbereich vermitteln und sich aktiv als Vorbild an der Nachwuchsförderung beteiligen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die TU Dresden ist nicht die einzige Uni, die das Leaky-Pipeline-Problem angeht. An vielen deutschen Universitäten gibt es Mentoring-Programme, die auch speziell Frauen in der Wissenschaft fördern sollen. Schaut bei Interesse doch einfach mal, ob eure Uni ebenso entsprechende Programme anbietet: <a href="https://forum-mentoring.de/programme/geografische-suche-deutschland/">https://forum-mentoring.de/programme/geografische-suche-deutschland/</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong><br>[1] Statistisches Bundesamt (Destatis). (n.d.). Studierende an Hochschulen &#8211; Fachserie 11 Reihe 4.1 &#8211; Sommersemester 2022. <em>Bildung Und Kultur</em>. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Publikationen/Downloads-Hochschulen/studierende-hochschulen-ss-2110410227314.html<br>[2] Statistisches Bundesamt (Destatis). (n.d.). Personal an Hochschulen &#8211; Fachserie 11 Reihe 4.4 &#8211; 2021. <em>Bildung Und Kultur.</em> https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Publikationen/Downloads-Hochschulen/personal-hochschulen-2110440217004.html<br>[3] Wieser, M., &amp; Malich, L. (2021). Editorial &#8211; Rückblick im Umbruch. <em>Psychologische Rundschau</em>, <em>72</em>(3), 177–180. https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000543<br>[4] Stemmer, L. (2020). <em>Frauen in MINT: Ein systemischer Erklärungsansatz der Leaky Pipeline</em> (Doctoral dissertation, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU)).<br>[5] Osterloh, M., Rost, K., Hizli, L., &amp; Mösching, A. (2022). <em>Bericht zum Forschungsauftrag „Leaky Pipeline“</em>. 1–64.<br>[6] <em>Frauen- und Männeranteile im akademischen Qualifikationsverlauf, 2020</em>. (o. D.). https://www.gesis.org/cews/daten-und-informationen/statistiken/thematische-suche/detailanzeige/article/frauen-und-maenneranteile-im-akademischen-qualifikationsverlauf</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Interview mit Rektorin Prof. Dr. Ursula Staudinger</title>
		<link>https://psycho-path.de/interview-mit-rektorin-prof-dr-ursula-staudinger/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Feb 2023 04:59:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[#mehr_campus]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Psychologin an der Spitze der TU Dresden YVONNE FRIEDRICH und PAULA BÖHLMANN. Prof. Dr. Ursula Staudinger ist seit August 2020 Rektorin der Technischen Universität Dresden. Die Psychologin forschte zuvor beim Max-Planck-Institut in Berlin und an Universitäten in Dresden, Bremen und New York zu Prozessen des Alterns. In der Geschichte der TU Dresden ist sie [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Die Psychologin an der Spitze der TU Dresden</h2>



<p class="wp-block-paragraph">YVONNE FRIEDRICH und PAULA BÖHLMANN. <em>Prof. Dr. Ursula Staudinger ist seit August 2020 Rektorin der Technischen Universität Dresden. Die Psychologin forschte zuvor beim Max-Planck-Institut in Berlin und an Universitäten in Dresden, Bremen und New York zu Prozessen des Alterns. In der Geschichte der TU Dresden ist sie die zweite Frau und erste Psychologin im leitenden Amt. Für uns war das Grund genug nachzufragen, wie das so ist, Rektorin einer großen Uni zu sein – und ob dabei überhaupt noch Zeit für eine Work-Life-Balance bleibt.</em></p>



<span id="more-1979"></span>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Frau Prof. Staudinger, fangen wir erstmal mit den Basics an. Was sind eigentlich Ihre Aufgaben als Rektorin?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da kann man wahrscheinlich eher fragen: Was sind sie nicht? Nee <em>[lacht],</em> es ist zumindest ein sehr breites Portfolio. Da gibt es zum einen all die wichtigen Selbstverwaltungsgremien der Universität: Das Rektorat selbst und den Senat. Dazu kommen regelmäßige Treffen mit allen Dekanen, den Bereichssprechern, den studentischen Senator:innen, dem StuRa (Studierendenrat), den wissenschaftlichen Mitarbeitenden und den Mitarbeitenden in Technik und Verwaltung. Das sind ganz viele Meetings und wichtige Kommunikationsprozesse, in denen man sich abstimmt, gegenseitig Informationen einholt und sich berät. Außerdem veranstalten wir einmal im Monat „Let&#8217;s Talk Over Lunch“, ein digitales Mittagessen, wo sich mit vorheriger Anmeldung jeder einwählen kann. Auch die „Universitätsentwicklung“ habe ich direkt bei mir angesiedelt. Da geht es um Qualitätsmanagement, evidenzbasierte Universitätsentwicklung und langfristige Strategien. Außerdem gibt es noch die ganzen Preise, die wir als Universität selbst vergeben oder für die wir uns bewerben wollen. Auch für Grußworte bei wichtigen Veranstaltungen unserer Universität werde ich angefragt wie beispielsweise dem Richtfest für den Beyer-Bau.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann spielt die „TU Dresden als zivile Akteurin“ eine große Rolle. Gemeinsam mit der Prorektorin Universitätskultur sind wir bei öffentlichen Veranstaltungen aktiv und im Gespräch mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren, zum Beispiel unserem Oberbürgermeister, aber auch unseren Museen und der Philharmonie. Wir halten den Kontakt in die Politik, also mit den Abgeordneten im Landtag und den Fraktionen, die sich speziell mit Wissenschaft beschäftigen. Auch die Landesrektorenkonferenz und die Hochschulrektorenkonferenz sind wichtige Vernetzungsgremien für unsere Universität. Sie merken: Der Tag ist zu kurz.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Genau darauf zielt meine nächste Frage: Wie schaffen Sie das eigentlich alles? Hat man als Rektorin noch so etwas wie eine Work-Life-Balance?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, die versuche ich mir zu erhalten. Einfach weil ich in den vergangenen Jahrzehnten die Erfahrung gemacht habe, dass man sich ausbrennt, wenn man keinen Ausgleich schafft. Dann hat man irgendwann keine Lust mehr auf einen Job, der einem eigentlich sehr viel Spaß macht. Deshalb mache ich zum Beispiel in der Regel nach 18 Uhr keine Termine mehr. Am Wochenende versuche ich mir einen Tag freizuhalten, was aber nicht immer klappt. Außerdem laufe ich ins Büro und vom Büro zurück. Also zumindest ein Stück. Ich schaffe nicht die ganze Strecke, das wäre zu viel Zeit. Aber so bewege ich mich erzwungenermaßen zumindest ein bisschen jeden Tag – als Ausgleich zu dem vielen Sitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Lebenseinsicht und Weisheit – Prof. Staudinger im Psycho-Path</strong><br>Beim Durchforsten unserer alten Ausgaben haben wir ein echtes Fundstück erspäht: Frau Prof. Staudinger ist nicht zum ersten Mal im Psycho-Path! Im Jahr 2000 hat sie in unserer allerersten Ausgabe einen selbstgeschriebenen Artikel veröffentlicht. Damals lehrte sie an der TU Dresden und forschte zu verschiedenen Aspekten des Alterns. Unter dem Titel „Lebenseinsicht und Weisheit: Wie viele Wege führen nach Rom?“ erläuterte sie, warum es leider nicht reicht, älter zu werden, um Weisheit zu erlangen und welche Erfahrungen und Eigenschaften zusätzlich wichtig sind. Nachlesen könnt ihr den Artikel auf unserer Website unter https://psycho-path.de/wp-content/uploads/2018/11/psychopath1.pdf Wir geben eine klare Leseempfehlung!</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was sind die drei größten Ziele, die Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen haben?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines der großen Ziele ist natürlich, dass wir weiter Exzellenzuniversität bleiben und darin hoffentlich (endlich) verstetigt werden. Ein zweites, ganz wichtiges Ziel ist, dass wir eine moderne Organisation werden. Das bedeutet, dass wir mithilfe der Digitalisierung die Verwaltungsprozesse, die durch die hohe Forschungs- und Lehrproduktivität an uns herangetragen wurden, noch effizienter und effektiver bewältigen wollen. Und das dritte, was uns im Rektorat sehr wichtig ist, ist, dass wir uns als Universität stärker bewusst werden, dass wir eine Gemeinschaft sind. Eine Gemeinschaft, die durch bestimmte Werte getragen wird, die wir jeden Tag nach innen wie nach außen leben. Deswegen habe ich das Prorektorat Universitätskultur begründet. Für mich gehört dazu, dass wir einen Campus gestalten, der es ermöglicht, sich immer wieder zu begegnen und gemeinsam Dinge zu machen. Für mich gehört auch dazu, dass wir diese Gemeinschaft deutlicher nach außen tragen und uns mit anderen Akteur:innen zu wichtigen Themen unserer Zeit verknüpfen. Sei es nun die Bewältigung der Klimakrise oder der Schutz unserer demokratischen Rechtsordnung. In dieser Rolle sehen wir uns auch in großer Verantwortung beim Strukturwandel in der Lausitz. Die Verbesserung des Transfers unserer Forschung in die Wirtschaft und der Beitrag, den unsere Universität auf diese Weise zur Produktivität unseres Landes leistet, ist ein weiteres wichtiges Thema.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was sind die größten Hürden und Herausforderungen bei der Umsetzung der Ziele?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einfach sehr viele Rädchen, die gleichzeitig in Bewegung gesetzt werden und dann noch ineinandergreifen müssen. Das hat viel mit der Größe der Institution zu tun. Das ist auch bei großen Wirtschaftsunternehmen so. Ich habe früher in meiner Forschung mit VW, Mercedes oder Bosch zusammengearbeitet und es dort ähnlich erlebt. Da überlegt sich die Geschäftsführung etwas und bis das dann unten in den Tiefen der Institutionen ankommt, ist der Weg weit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Sie sind ja auch Psychologin. Welche psychologischen Sichtweisen haben Ihnen als Leiterin der TU geholfen?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube, dass uns unsere Fachdisziplin für all das fit macht, wo Menschen zueinanderkommen, miteinander umgehen und gemeinsam versuchen, Ziele zu erreichen. Die Psychologie hilft uns, weil wir eben jenseits der inhaltlichen Fragestellungen auch wissen: Wir sind alle Menschen. Wir wissen durch unsere Wissenschaft, welche Regeln und Gesetzmäßigkeiten häufig greifen, wenn es um Emotionen, Motivlagen und Handlungssteuerung geht.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Sie arbeiteten von 1999 bis 2003 bereits als Professorin an der TU Dresden und haben die Entwicklungspsychologie geleitet. Wie hat sich die Psychologie in Dresden seitdem verändert?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war damals meine erste Professur. Als ich vom Max-Planck-Institut weggegangen bin, hatte ich drei verschiedene Rufe. Da war es keine schwierige Entscheidung nach Dresden zu kommen. Die Psychologie in Dresden war damals schon eines der größten Institute in Deutschland und in den Naturwissenschaften angesiedelt. Das war für mich sehr attraktiv. Als ich mit dem damaligen Kanzler verhandelt hatte, hat er gar nicht mit der Wimper gezuckt, als ich ihm meine Start-Up-Vorstellungen präsentierte, weil er aus den Naturwissenschaften ganz andere Zahlen gewohnt war. Außerdem war die Psychologie in Dresden schon zu DDR-Zeiten inhaltlich sehr gut aufgestellt. Die arbeitsbezogene Handlungstheorie, vertreten durch Professor Hacker, war vergleichbar mit dem Ruf der kognitiven Psychologie an der Humboldt-Universität mit Professor Klix.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam damals zu einer Zeit, als der Generationenwechsel im Institut für Psychologie gerade begann. Die Dresdner Psychologie hat da eigentlich einen Siegeszug angetreten. Sie war die erste Psychologie in Deutschland, die einen Sonderforschungsbereich (SFB) in Sprecherfunktionen eingeworben hatte. Das war kein dünnes Brett. Da zieh ich den Hut vor den Kollegen und Kolleginnen, die das durch tolle Zusammenarbeit hinbekommen haben. Besonders Thomas Goschke hat hier Herausragendes für die Dresdner Psychologie geleistet. Der SFB wurde dann noch zweimal verlängert.&nbsp; Außerdem gab es schon immer eine starke klinische Psychologie in Dresden. Jetzt sind wir stolz, dass wir unsere eigene Hochschulambulanz mit den Geschäftsführern Prof. Endrass und Prof. Kanske gegründet haben und freuen uns auf den Start des neuen Psychotherapeuten-Studiengangs nächstes Wintersemester.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Sie haben gerade die Klinische Psychologie in Dresden angesprochen. Ein Thema, das uns Studierende sehr getroffen hat, ist der Fall „Wittchen“ (s. Kasten). Können Sie uns sagen, was getan wird, damit so etwas nicht wieder passiert?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, natürlich. Das hat mich ja auch sehr getroffen. Seit ich das Amt angetreten und diese Problemlage geerbt habe, habe ich dafür gesorgt, dass wir das sogenannte Compliance-Management in unserer Universität ausbauen und visibler machen. Wir müssen also sicherstellen, dass die Regeln in den Bereichen gute wissenschaftliche Praxis, zwischenmenschliche Praxis und finanzielle Verwaltungspraxis eingehalten werden. Und das haben wir getan, seit wir im Amte sind. Im neuen Rektorat haben wir die Verfügbarkeit der Informationen zu all unseren Compliance-Officers erhöht. Wir haben Beschwerdestellen für alle drei Bereiche und noch im Dezember 2020 eine neue Satzung für die gute wissenschaftliche Praxis verabschiedet. Weiterhin werden wir Anfang 2022 eine elektronische Beschwerde-Plattform live schalten, wo es möglich ist, anonym online Beschwerden jedweder Art kundtun zu können und dabei die Whistleblower zu schützen. Das war mir ein wichtiges Anliegen – aus diesem unglücklichen Fall heraus.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Die TU Dresden wurde in 62 Amtszeiten von Männern geführt und in zwei Amtszeiten von Frauen. Haben Sie das Gefühl, allein durch die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, als Rektorin anders behandelt zu werden?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist eine schwierige Frage, besonders für eine Verhaltenswissenschaftlerin, weil es keine Kontrollgruppe gibt. Ich kann nicht parallel auf mich als männliche Variante gucken und beurteilen, wie ich dann behandelt werden würde. In der Zusammensetzung unseres Rektorats habe ich darauf geachtet, dass wir eine Parität haben, also gleich viele Männer wie Frauen. Von daher spielt es in unserem Umgang miteinander eine untergeordnete Rolle. Ich erlebe aber im Umfeld der Universität immer mal wieder eine eher traditionelle Orientierung. Da müssen sich manche noch daran gewöhnen, dass sie jetzt einer Frau gegenüberstehen – und dass diese Tatsache nicht relevant ist, sondern dass im Fokus steht, dass diese Frau die TU Dresden leitet. Diesen Eindruck hatte ich manchmal, aber das kann ich wie gesagt nicht eindeutig darauf zurückführen, dass ich eine Frau und kein Mann bin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt noch eine Sache bei Frauen in Führungspositionen, die mir wichtig ist: Es wird auch von Frauen in Leitungspositionen erwartet, dass sie mit mehr Zugewandtheit, Empathie und Geduld agieren, als dies von einem Mann in der gleichen Position erwartet würde. Das Gegenüber ist dann häufig überrascht, wenn das nicht der Fall ist, sondern Sachorientierung und klare Ansagen im Vordergrund stehen. Das wird dann nicht selten gegen die Frau in der Führungsposition gewendet. Da hat unsere Gesellschaft noch Einiges dazuzulernen: Zu vergessen, ob es ein Mann oder eine Frau ist und zu verstehen, dass die Führungsposition im Vordergrund steht und dass damit unabhängig vom Geschlecht bestimmte Zwänge einhergehen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass bei Männern klare Ansagen und gewisses Durchregieren eher verziehen bzw. sogar erwartet werden, als das bei einer Frau der Fall ist.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was würden Sie den Frauen raten?</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist schwierig. Ich würde sagen, es wäre wichtig, dass wir alle unsere Geschlechtsstereotype reflektieren. Man sollte sich – auch als Frau – immer mal fragen: „Warum habe ich diese Erwartungshaltung?“, damit man aus stereotyp-orientierten Verhaltensweisen herauskommt, die uns sicher noch eine ganze Weile begleiten werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Vielen Dank für Ihre Zeit!</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



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<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:100%">
<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Zur Person<sup> [1,2]</sup></strong><br><em>Seit 08/2020</em>: Rektorin der TU Dresden<br><em>2013 &#8211; 2020</em>: Professorin und Gründungsdirektorin, Columbia Aging Center, Columbia University (New York)<br><em>2003 &#8211; 2013</em>: Professorin und Vizepräsidentin der Jacobs University Bremen<br><em>1999 &#8211; 2003</em>: Professorin für Entwicklungspsychologie an der TU Dresden<br><em>1997:</em> Habilitation (Psychologie) an der FU Berlin<br><em>1992 &#8211; 1999</em>:  Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung<br><em>1988 &#8211; 1992</em>: Wissenschaftliche Referentin an der Westberliner Akademie der Wissenschaften<br><em>1988</em>: Promotion (Psychologie) an der FU Berlin<br><em>1978–1984:</em> Studium der Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Clark University (USA)<br><em>1959</em>:  Geb. in Nürnberg</p>
</div>
</div>
</blockquote>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-small-font-size wp-block-paragraph"><strong>Der Fall „Wittchen“ <sup>[4,5]</sup></strong><br>Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen leitete 17 Jahre lang das Institut für Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden und gilt als einer der meistzitiertesten Forscher:innen seiner Disziplin. Zuletzt machte seine Arbeit jedoch Negativschlagzeilen. Zwei seiner Mitarbeitenden erhoben Ende 2018 schwere Vorwürfe gegen ihn: Er soll Daten einer 2,5-Mio. € schweren Studie manipuliert haben. Dabei geht es um die sogenannte Studie PPP (Personalausstattung in  Psychiatrie und Psychosomatik), die der Gemeinsame Bundesausschuss, das zentrale Gremium des deutschen Gesundheitswesens, in Auftrag gegeben hatte. H.-U. Wittchen hatte die Aufgabe die Personalausstattung in deutschen Psychiatrien zu erfassen. Auf dieser Grundlage sollte durch ein neues Gesetz der Personalschlüssel aktualisiert werden. Das Problem: Es nahmen nicht genügend Psychiatrien teil. Statt der von Wittchen angegebenen 93 Kliniken hatte sein Team höchstens 73 besucht. Für die restlichen Kliniken wurden einfach Duplikate der Daten von bereits besuchten Kliniken verrechnet. Diese Art der „Hochrechnung“ hatte H.-U. Wittchen nicht kenntlich gemacht. Aber das ist nicht alles: Er soll Gelder zweckentfremdet haben: Private Reisen und Essen als geschäftlich abgerechnet haben, Konferenzen erfunden und seiner Tochter ohne Arbeitsleistung eine Vollzeitstelle aus Projektgeldern finanziert haben. Weiterhin berichteten Mitarbeitende von einem Arbeitsklima mit Wutausbrüchen, Beleidigungen und Tränen. Die TU Dresden beauftragte daraufhin eine Untersuchungskommission, die nach zwei Jahren die Vorwürfe in ihrem Abschlussbericht weitestgehend bestätigt. H.-U. Wittchen habe seine Mitarbeitenden nicht nur bewusst zur Datenmanipulation angehalten, sondern sei auch bei dem Versuch, die Manipulationen nachträglich zu verschleiern, betrügerisch vorgegangen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. H.-U. Wittchen hat die Vorwürfe bisher abgestritten. Der Betrug ereignete sich noch zu Amtszeiten des TUD-Rektors H. Müller-Steinhagen, die Untersuchungen wurden aber erst im Jahr 2021 abgeschlossen.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:12px">Quellen: <br>[1] https://www.ursulastaudinger.com/de/profil/<br>[2] https://tu-dresden.de/tu-dresden/organisation/rektorat/rektorin<br>[3] https://www.stadtwikidd.de/wiki/Liste_von_Rektoren_der_TU_Dresden<br>[4] https://www.buzzfeed.de/politik/staatsanwaltschaft-ermittelt-faelschungsskandal-psychologie-wittchen-tu-dresden-zr-90356695.html<br>[5] https://www.sueddeutsche.de/wissen/wittchen-faelschung-tu-dresden-ppp-studie-psychiatrie-1.5226427</p>
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		<title>Sinnfragen</title>
		<link>https://psycho-path.de/sinnfragen/</link>
		
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		<pubDate>Sun, 24 Jan 2021 12:30:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Wie geht es einer Psychologiestudentin, die selbst einen stationären Aufenthalt erlebt hat? Was ändert eine Krise an der Sicht auf unser Studium? Verbessert sie eventuell sogar die Empathie gegenüber zukünftigen Patient*innen? Die Gastautorin Paula M.* berichtet von ihrem Jahr. Ein turbulentes Jahr geht zu Ende. Im Februar dieses Jahrs befinde ich mich in den letzten [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie geht es einer Psychologiestudentin, die selbst einen stationären Aufenthalt erlebt hat? Was ändert eine Krise an der Sicht auf unser Studium? Verbessert sie eventuell sogar die Empathie gegenüber zukünftigen Patient*innen? Die Gastautorin Paula M.* berichtet von ihrem Jahr.</strong><span id="more-1595"></span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein turbulentes Jahr geht zu Ende. Im Februar dieses Jahrs befinde ich mich in den letzten Zügen meines Masterstudiums. Ich bin eine der straighten, eine derer, die immer eine 1.0 schreiben und genau wissen, wo sie hinwollen. Gefängnispsychologie steht auf dem Plan. Eine qualitative Masterarbeit in der Sicherungsverwahrung steht. Danach dann die VT-­‐Ausbildung zur Psychotherapeutin, trotz der grausigen Bedingungen. Mein Weg ist linear und klar, wie das ebenso ist als Psychologiestudentin…</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann? Dann fällt mein Kartenhaus auf einmal komplett in sich zusammen. Die Symptome meiner Angststörung erreichen einen neuen Peak (surprise, genau an dem Tag der letzten Klausur meines Studiums) und ich entscheide mich für einen stationären Aufenthalt, weil einfach gar nichts mehr geht. Da sitze ich nun, selbst fast Psychologin, in einer psychosomatischen Klinik und es fällt mir so schwer, in die Patientinnenrolle zu gehen, und vor allem auch, nicht für die anderen Patient*innen die Therapeutinnenrolle einzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Drei und viele Monate mehr vergehen, nach fünf Wochen stationärem Aufenthalt folgen sechs Wochen Tagesklinik. Und mir wird bewusst „Scheiße, ja es kann wirklich jedem passieren.“ Auch unser Wissen schützt uns nicht davor. Nein ich würde sogar sagen, dass es manchmal hinderlich ist, zu wissen, was alles in mir vorgeht und trotzdem hilflos zu sein. Dass mir ständig Dinge einfallen, die Risikofaktoren für eine Chronifizierung sind und sie dann bei mir wiederzufinden. Dass ich genau der Statistik entspreche, in der der erste stationäre Aufenthalt nach durchschnittlich sieben Jahren bestehender Symptomatik erfolgt. Aber am meisten erschrecken mich meine eigenen Vorurteile gegenüber der Psychiatrie. Und irgendwie hat es etwas bittersüßes Selbstwertsteigerndes, dann doch „nur“ in eine psychosomatische Klinik zu gehen. Es war unfassbar traurig, zu merken, dass selbst in mir nach fünf Jahren Studium diese Vorurteile sind. Die Angst vor dem, was da hinter verschlossenen (nun gut, es waren zum Glück offene :-)) Türen passiert. Wie kann es sein, dass selbst in uns Psycholog*innen, selbst in mir als (fast) Psychologin MIT einer psychischen Erkrankung eine Stigmatisierung von Menschen erfolgt, die einen stationären Aufenthalt benötigen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach und nach geht es wieder zurück an die Uni. So vieles in meinem Leben hat sich geändert und ich beginne mich zu fragen, was ich wirklich will. Beginne meinen Leistungsdruck zu hinterfragen. Will ich wirklich weiterhin 14 Stunden am Tag lernen? Denn ja, diese Tage gab es in meinem Bachelor, den ich in Regelstudienzeit mit einer 1.2 abgeschlossen habe. Will ich noch Psychotherapeutin werden? Packe ich das von meiner Psychohygiene her? Nein, im Moment packe ich das nicht. Und die Erkenntnis tut so verdammt weh. Dass dieses einschneidende Erlebnis nicht nur mein Privat-­‐, sondern auch mein Berufsleben so krass verändern wird, das hätte ich nicht gedacht. Viele meiner wunderbaren Freund*innen haben mir zu Beginn gespiegelt, dass ich eine großartige Psychotherapeutin werden würde, weil ich nochmal eine ganz andere Seite unseres Gesundheitssystems kennengelernt habe, als sie es je tun werden. Und zunächst war das ein schöner, heilsamer Gedanke. Denn in meiner Zeit in der Klinik habe ich die andere Seite gesehen, so wie ich es nie gedacht hätte. Und ja, es war verdammt spannend, aber auch anstrengend und mir ist auf eine harte Art und Weise wieder die Schere zwischen all unserem empirischen Wissen und der Umsetzung in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxis bewusst geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein lieber Mensch (und eine Kommilitonin von mir) hat in einem Moment des Zweifels so treffend zu mir gesagt „Paula, wir sind auch verwundet. Wir sind verwundete Helfer, aber wir kennen unsere Verletzungen und wissen adäquat mit ihnen umzugehen und das macht uns aus.“ Und ich finde, das trifft es so passend. Trägt nicht jeder Mensch Verletzungen in sich? Diese zu kennen und vom anderen abzugrenzen, denke ich, das ist eine der Schlüsselqualifikationen, die eine gute Psychotherapeutin ausmachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und deshalb hat diese Krise trotz all der Dunkelheit viele Geschenke mit sich gebracht und das ebenfalls beruflich und privat. Ich habe gelernt, welche Menschen wirklich an meiner Seite sind, wenn es hart auf hart kommt und ich habe einen wundervollen Zugang zur Psychodynamik gefunden. Die Klinik, in der ich war, hatte einen TP-­‐Schwerpunkt und ich glaube, die Therapeutin musste innerlich sehr schmunzeln als wir zusammen meine Anamnese gemacht haben und ich SORKC-­‐Modell-­‐mäßig meine Krankheitsgeschichte dargelegt  habe.  Am  Anfang  der  Therapien  kam  ich  immer  ganz  VT-­‐like  mit  einem  Zettel  in  die Therapiestunden und mir fiel es so unglaublich schwer, mich von dieser krassen (Über-­‐)strukturiertheit zu lösen, die mir im Studium so oft geholfen und im Alltag häufig im Weg gestanden hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Moment mache ich eine Psychoanalyse und, was ich niemals gedacht hätte, es hilft mir so unfassbar! In mir und in der Beziehung mit dem Therapeuten passiert so viel, so viel Neues und Hilfreiches – viel mehr als es in den zwei Verhaltenstherapien der Fall war – und das trotz Angststörung, für die es ja immer heißt</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auf jeden Fall VT!“ (ja, ich hätte es selbst nie geglaubt).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und nun sitze ich mit all diesem Wissen vor meiner letzten Prüfung und schreibe an meiner Masterarbeit herum. Und irgendwie hat sich mein Blick auf das Studium geändert, auf das System, in das wir reingepresst werden und in dem irgendwie gar kein Platz für die eigene psychische Gesundheit ist. Da lernen wir so viel über Risikofaktoren und die negativen Wirkungen von Disstress und kriechen dann selbst auf allen vieren aus dem Hörsaal nach der letzten Prüfung in der Klausurphase. Was also bedeutet uns wirklich die <em>Funktionsfähigkeit </em>eines Menschen? In unserem Studium lernen wir: Mehr als die psychische Gesundheit. Als das Thema in meiner Therapie aufkam, sagte mein Therapeut so passend „Funktionsfähigkeit? Was ein furchtbares Wort, Sie sind doch kein Staubsauger.“, und hell yeah, er hat so recht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum also gibt es im klinischen Master keinen Platz für Zweifel am eigenen Berufswunsch, obwohl wir durch die neue Studie des BDP doch wissen, dass über 20% der Studierenden auch im Master noch ihren Berufswunsch ändern (Adler, Götte, Thünker &amp; Wimmer, 2018)? Warum reden wir in Referaten über spezifische psychische Erkrankungen immer noch über „die“, anstatt über „Personen, bei denen eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde“? Wir sprechen davon so, als wäre das alles ganz weit weg. Dabei wissen wir doch allein durch die Prävalenzen von Affektiven Störungen und Angsterkrankungen, dass das gar nicht sein kann. Eine Freundin und Kommilitonin hat mir letztens erzählt, dass eine Dozentin bei einem Referat zum Thema Borderline zum Plenum meinte „Na von Ihnen hat das ja sicher keiner hier.“ That‘s the stigma, I guess.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein,  an  meiner  Uni  gibt  es  diese  selbst-­ und  wissenschaftskritische  Sicht  nicht  bzw.  wenn  nur selbstorganisiert. Und ja, man könnte argumentieren, dass das an jeder Uni ebenso ist, aber ist es deshalb richtig?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und deshalb wehrt sich gerade alles in mir dagegen, so weiter zu machen. Es kommt mir so paradox vor, dass  das  Auswendiglernen  von  ICD-­‐10  Kriterien  und  aller  drei  Margraf&amp;Schneider-­‐Bücher  eine  gute Psychotherapeutin ausmachen soll, so wie es jetzt bei mir für meine mündliche Abschlussprüfung ansteht. Ja, wir brauchen dieses Wissen und ich bin ein großer Fan von manualisierten Verfahren, die all unseren Gütekriterien entsprechen. Aber nach all dem, was ich dieses Jahr gelernt habe, fühlt es sich irgendwie so</p>



<p class="wp-block-paragraph">falsch an, in dieses Unisystem zurückzukehren, wo ein wirklicher Austausch so schwer möglich ist, sondern es selbst im letzten Mastersemester noch darum geht, wer am besten Auswendiglernen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich will das nicht mehr. Und im Moment bin ich auf der Suche nach einer Möglichkeit, wie ich diesen Weg trotzdem (und vor allem gesund!) zu Ende gehen kann, wo auch immer er mich dann hinführen mag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">*Ich habe lange überlegt und mich dann doch entschieden, diesen Artikel anonym zu schreiben. Es ist einfach so, dass ein Klinikaufenthalt wegen einer psychischen Erkrankung etwas Anderes ist, als ein Krankenhausaufenthalt wegen einer körperlichen Erkrankung – immer noch. Und ich kämpfe dafür, dass es anders wird. Wenn du zu meinem Artikel Gedanken hast, die du mit mir teilen willst, oder sogar selbst einen stationären Aufenthalt hinter dir hast, würde ich mich sehr freuen, wenn du mir schreibst: <a href="mailto:artikel_sinnfragen@web.de">artikel_sinnfragen@web.de</a></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size: 12px;"><strong>QUELLEN</strong><br />Adler, M., Götte, G., Thünker, J., &amp; Wimmer, A. (2018). Meinungsbefragung Psychologiestudierender in Deutschland zur Novellierung des Psychotherapeutengesetzes. Abgerufen am, 12.12.2019, von <a href="https://psyfako.org/wp-­‐content/uploads/2018/10/Meinungsbefragung-­‐Psychologiestudierender-­‐in-­‐Deutschland-­‐zur-­‐Novellierung-­‐des-­‐Psychotherapeutengesetzes.pdf ">https://psyfako.org/wp-­‐content/uploads/2018/10/Meinungsbefragung-­‐Psychologiestudierender-­‐in-­‐Deutschland-­‐zur-­‐Novellierung-­‐des-­‐Psychotherapeutengesetzes.pdf </a></p>
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