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	<title># 45 wunder &#8211; Psycho-Path WordPress-Seite</title>
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		<title>Vom Zoom-Call zur Zoom-Fatigue </title>
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		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jul 2024 01:44:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Wie Online-Meetings uns erschöpfen können JÖRDIS GRASSL. Ob via Zoom, Microsoft Teams, Skype oder Big Blue Button – Videokonferenzen sind mindestens seit dem Beginn der Corona-Pandemie 2020 aus dem Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken, sei das im Studium, auf der Arbeit oder aber auch im privaten Bereich. Virtuelle Meetings haben viele Vorteile im [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading"><strong>Wie Online-Meetings uns erschöpfen können</strong></h3>



<p class="wp-block-paragraph">JÖRDIS GRASSL. <em>Ob via Zoom, Microsoft Teams, Skype oder Big Blue Button – Videokonferenzen sind mindestens seit dem Beginn der Corona-Pandemie 2020 aus dem Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken, sei das im Studium, auf der Arbeit oder aber auch im privaten Bereich. Virtuelle Meetings haben viele Vorteile im Vergleich zu ihren analogen Gegenstücken – die geographische Distanz zwischen den Teilnehmenden spielt keine Rolle mehr, die Arbeit im Homeoffice wird erleichtert, man muss weniger Wege zurücklegen und kann, wenn man denn möchte, alle Meetings in Jogginghosen abhalten. Sie fordern aber auch ihren Preis. Dies legt zumindest das Phänomen der Zoom-Fatigue, eine Erschöpfung durch Videokonferenzen, nahe. </em></p>



<span id="more-2274"></span>



<p class="wp-block-paragraph">Im Frühling 2020 höre ich zum ersten Mal von Zoom. Ich bin gerade dabei, mich auf mein Abitur vorzubereiten, während um mich herum die Welt stillsteht. Meine Freund:innen habe ich zum letzten Mal am Montag, den 16. März gesehen, als wir alle gemeinsam unsere Spinde in der Schule ausgeräumt haben. Seitdem besteht unsere Kommunikation aus Memes und gemeinsamen Stadt-Land-Fluss-Abenden über Discord. Die Welt der videobasierten Online-Kommunikation ist mir also nicht völlig fremd, als ich zu meinem ersten Bewerbungsgespräch für eine FSJ-Stelle über Zoom eingeladen werde. Ich bin aufgeregt, nicht nur wegen der mir bis dahin unbekannten Bewerbungssituation, sondern auch wegen der Plattform, auf der das Gespräch stattfinden soll. Circa eine Stunde vorher laufe ich mit meinem Laptop durch die Wohnung, um den besten Videohintergrund zu finden. Ich überprüfe immer wieder meine Internetverbindung, teste Kamera und Sound und hoffe, dass wenigstens auf technischer Seite alles glatt geht. Das tut es. Das Gespräch läuft gut, ich bekomme den FSJ-Platz. Mit Zoom komme ich auch soweit zurecht, obwohl es zwischendurch ab und an hakt und seine Macken hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem ist viel passiert. Ich habe mein Abitur gemacht, einen Freiwilligendienst geleistet, ein Studium begonnen und einen Nebenjob angefangen. Die letzten Corona-Schutzmaßnahmen sind am 7. April 2023, also vor fast einem Jahr, ausgelaufen, seit ungefähr zwei Semestern habe ich wieder Präsenzlehre. Aber Zoom und die vielen anderen Videokonferenzplattformen sind Teil meines Alltags geblieben, sei das über virtuelle Arbeitsbesprechungen oder hybride Lehreinheiten an der Uni.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ich das finde, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Häufig erwische ich mich in Vorlesungen dabei, mir die Zoom-Veranstaltungen zurückzuwünschen. In einem vollbesetzten Vorlesungssaal fällt es auf, wenn man nebenbei den Campingkocher auspackt und sein Mittagessen aufwärmt, und stumm schalten kann man sich auch nicht, was vor allem in den vorderen Reihen manchmal zum Problem wird. Die Zeiten, in denen jede Lehrveranstaltung über Zoom stattfand, wünsche ich mir trotzdem nicht zurück. Eine Woche mit mehreren langen Videokonferenzen lässt einen mit einer anderen Art der Müdigkeit zurück, die mir in dieser Form seit dem Wiederanfang der Präsenzlehre nicht mehr begegnet ist. Und scheinbar bin ich nicht die Einzige mit diesem Problem. Mit dem Boom von Videokonferenzen zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 häuften sich auch die Berichte über Erschöpfung durch ebendiese, und der Begriff <em>Zoom-Fatigue</em>, oder auch etwas sperriger <em>Videokonferenz-Fatigue</em>, etablierte sich schnell. [1]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-7 wp-block-paragraph"><strong>Was ist Zoom Fatigue?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Zoom-Fatigue bezeichnet man zusammengefasst Erschöpfungssymptome nach einem längeren und wiederholten Gebrauch von Videokonferenz-Tools. [2] Konkrete Symptome, die von Betroffenen empfunden werden können, sind unter anderem eine Reduktion der Konzentrationsfähigkeit, eine erhöhte Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen sowie Schlaf- und Sehstörungen. [3]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tipps gegen Zoom-Fatigue klingen häufig wie allgemeine Hinweise für Menschen, die generell viel an Bildschirmen arbeiten – aktive Pausen, Meetingzeiten begrenzen oder gleich auf Anrufe oder E-Mails umsteigen. [4] Wo liegt dann aber der spezielle Faktor, der die Ermüdung durch Videokonferenzen von anderen Bildschirmarbeiten abgrenzt?</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-8 wp-block-paragraph"><strong>Wie entsteht Zoom-Fatigue? Das Grobe.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich steht die Forschung hier noch ganz am Anfang. Es gibt aber durchaus theoretische Erklärungsansätze für die spezielle Entstehung von Zoom-Fatigue. Rump und Brandt (2020) konnten beispielsweise in einer Befragung drei Kategorien von Belastungstreibern gefunden werden, welche maßgeblich zu dem Empfinden von Zoom-Fatigue bei den Befragten beitrugen. Diese wurden als zwischenmenschliche Aspekte, organisatorische Rahmenbedingungen und Technik bezeichnet, wobei die Autor:innen fehlende menschliche Kommunikation als einen der wichtigsten Treiber identifizierten. So gaben circa 70% der Befragten an, dass sie durch das Fehlen nonverbaler Hinweise während der virtuellen Meetings eine Belastung empfanden, jeweils circa 45% empfanden explizit fehlende Gestik und Mimik als belastend. Weiterhin wurden aber auch fehlende Pausen zwischen oder während der Meetings von circa 45% als Belastung wahrgenommen, sowie technische Mängel in der Umsetzung der Meetings, zum Beispiel schlechte Tonqualität oder eine instabile Internetverbindung. [3]&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Faktoren passen auch gut zu einem konzeptionellen Modell von Döring et al. (2022) zur Entstehung von Zoom-Fatigue, welches zum einen persönliche sowie organisatorische, technische und umweltbedingte Faktoren benennt. Gemeint sind damit beispielsweise individuelle soziodemographische oder kognitive Faktoren, aber auch soziale, entweder in der Interaktion in der Videokonferenz selbst oder im Umfeld einer Person. [1]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-9 wp-block-paragraph"><strong>Wie entsteht Zoom-Fatigue? Die (nonverbale) Kommunikation.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich sind technische und organisatorische Rahmenbedingungen wichtige Faktoren bei der Entstehung von Zoom-Fatigue, aber aus psychologischer Sicht finde ich hier vor allem den bereits erwähnten Aspekt der nonverbalen Kommunikation interessant. So könnte zum Beispiel ein Problem bei virtuellen Meetings, das letztlich zu Zoom-Fatigue bei den Teilnehmenden führt, eine nonverbale Überlastung sein, unter anderem ausgelöst durch das Design von Zoom. Denkbare Faktoren, die zu so einer nonverbalen Überlastung führen könnten, wären dabei die ständige Selbstbeobachtung auf dem Bildschirm, unnatürlicher exzessiver Blickkontakt über eine ungewohnt kurze Distanz oder eine allgemein höhere kognitive Beanspruchung durch die Kompensation fehlender nonverbaler Signale in der Kommunikation. [5]</p>



<p class="wp-block-paragraph">In meiner Recherche bin ich auf ein sehr interessantes Framework von Riedl (2022) gestoßen. Es basiert auf der sogenannten Media Naturalness Theorie (Kock, 2009). Laut dieser sind Menschen durch evolutionäre Bedingungen prädisponiert für eine direkte „face-to-face“ (F2F) Kommunikation, also für das direkte Sprechen und Kommunizieren miteinander, von Angesicht zu Angesicht. Dadurch bringt elektronische Kommunikation, in diesem Fall virtuelle Meetings, bestimmte Probleme mit sich, da diese als weniger natürlich empfunden wird. [6] [7]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Framework legt nahe, dass die Probleme durch fehlende Informationen im Vergleich zu F2F-Kommunikation und durch einen Informations-Overload aufgrund von zusätzlichen Features der Zoom-Benutzeroberfläche zustande kommen. Dieses gleichzeitige Fehlen von Informationen und die Anreicherung der Kommunikation durch neue Features führt zu einem Rückgang der Natürlichkeit der Kommunikation, wie sie normalerweise F2F stattfinden würde. [2]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Riedl (2022) benennt jeweils drei Auslöser in den zwei Prozessen, welche laut seiner Theorie zu einer erhöhten kognitiven Anstrengung und damit auch zu Stress bei den Teilnehmenden eines virtuellen Meetings führen können. Auslöser, die zu einem Mangel an Informationen führen, sind demnach die Asynchronität der Kommunikation, der Mangel an wahrgenommener Körpersprache sowie ein Mangel an Augenkontakt. Die drei anderen Auslöser, welche ein Überangebot von Informationen zur Folge haben, sind Multitasking, eine erhöhte Selbstwahrnehmung während des virtuellen Meetings und die Interaktion mit mehreren Gesichtern während eines virtuellen Meetings. All diese Faktoren. Dies resultiert dann in den Symptomen, die wir als Zoom-Fatigue bezeichnen. [2]</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-10 wp-block-paragraph"><strong>Und was nun?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Erklärungsansätze, die ich hier vorgestellt habe, sind bisher natürlich größtenteils nur das – Ansätze. Sie sind zudem unglaublich vielfältig und Lösungen betreffen teilweise sehr unterschiedliche Forschungsgebiete.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen sind da natürlich Aspekte, die man auf das Design von Videokonferenzplattformen zurückführen kann, wie die nonverbale Überlastung oder fehlende Natürlichkeit der Kommunikation. Dagegen kann man teilweise etwas tun – es wird beispielsweise empfohlen, die Eigenansicht auszuschalten oder andere Ansichtsmodi im Meeting zu verwenden. [4] Aber wie behebt man als einfacher User zum Beispiel das Problem der Asynchronität? Selbst mit Lan-Anschluss bleiben kleine zeitliche Verzerrungen im Meeting, die sich aufsummieren und den natürlichen Fluss der Kommunikation stören können. Und so lange nicht alle Teilnehmenden mit High-End Geräten ausgestattet sind, bleibt es weiterhin schwierig, Gestik, Mimik und Körpersprache über den verpixelten Laptop-Bildschirm so klar und eindeutig wahrzunehmen, wie wenn man sich real gegenübersitzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und zum anderen gibt es Aspekte, die gar nicht so viel mit den Plattformen an sich zu tun haben. Da wären die bereits erwähnten technischen Voraussetzungen der Teilnehmenden, aber auch die Dauer oder Häufigkeit einer Videokonferenz. Es ist anzunehmen, dass wir mit zunehmendem Verständnis für die Entstehung von Zoom-Fatigue auch bessere Strategien entwickeln, um mit umzugehen. Bis dahin helfen vielleicht die Tipps aus der Infobox.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-11 wp-block-paragraph"><strong>Was tun gegen Zoom-Fatigue? Tipps aus der Wissenschaft und aus der Redaktion [3] [4]</strong></p>



<ul class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-block-list wp-elements-12">
<li>Pausen zwischen oder während der Meetings – Aufstehen, Beine vertreten, Augenyoga etc.</li>



<li>Meetings zeitlich begrenzen, sowie in ihrer Anzahl begrenzen</li>



<li>Multitasking vermeiden – keine zusätzlichen Tabs öffnen, parallel keine Mails beantworten etc.</li>



<li>Stimuli auf dem Bildschirm reduzieren – Eigenansicht ausblenden, überflüssige Videoansichten verstecken</li>



<li>Auf andere Kommunikationswege umsteigen – Anrufe, Mails etc.</li>



<li>Wenn möglich, die Videokonferenz in die Natur/in den Garten verlegen</li>



<li>Wenn möglich Anzahl der Teilnehmenden begrenzen</li>



<li>Überlegen, ob eine Teilnahme wirklich notwendig ist</li>
</ul>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-13 wp-block-paragraph" style="font-size:12px">Quellen<br>[1] Döring, N., Moor, K. D., Fiedler, M., Schoenenberg, K., &amp; Raake, A. (2022). Videoconference Fatigue: A Conceptual Analysis. <em>International Journal of Environmental Research and Public Health</em>, <em>19</em>(4), Article 4. <a href="https://doi.org/10.3390/ijerph19042061">https://doi.org/10.3390/ijerph19042061</a><br>[2] Riedl, R. (2022). On the stress potential of videoconferencing: Definition and root causes of Zoom fatigue. <em>Electronic Markets</em>, <em>32</em>(1), 153–177.<a href="https://doi.org/10.1007/s12525-021-00501-3"> https://doi.org/10.1007/s12525-021-00501-3</a><br>[3] Rump, J., &amp; Brandt, M. (2020). Zoom-Fatigue. <em>Institut Für Beschäftigung Und Employability IBE</em>.<br>[4] Fosslien, L., &amp; Duffy, M. W. (2020, April 29). How to Combat Zoom Fatigue. <em>Harvard Business Review</em>.<a href="https://hbr.org/2020/04/how-to-combat-zoom-fatigue"> https://hbr.org/2020/04/how-to-combat-zoom-fatigue</a><br>[5] Bailenson, J. N. (2021). Nonverbal overload: A theoretical argument for the causes of Zoom fatigue. <em>Technology, Mind, and Behavior</em>, <em>2</em>(1).<a href="https://doi.org/10.1037/tmb0000030"> https://doi.org/10.1037/tmb0000030</a><br>[6] Kock, N. (2005). Media richness or media naturalness? The evolution of our biological communication apparatus and its influence on our behavior toward E-communication tools. IEEE Transactions on Professional Communication, 48(2), 117–130. <a href="https://doi.org/10.1109/TPC.2005.849649">https://doi.org/10.1109/TPC.2005.849649</a><br>[7] Kock, N. (2009). Information Systems Theorizing Based on Evolutionary Psychology: An Interdisciplinary Review and Theory Integration Framework. <em>MIS Quarterly</em>, <em>33</em>(2), 395–418.<a href="https://doi.org/10.2307/20650297"> https://doi.org/10.2307/20650297</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>WE ARE WEIRD</title>
		<link>https://psycho-path.de/we-are-weird/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[web9843]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jul 2024 10:39:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[# 45 wunder]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie sonderbare Stichproben unsere Vorstellung der Menschheit beeinflussen HELENE KÜHN. Wenn du das hier liest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du weird bist. Bevor du denkst, ich verurteile dich: diese Abkürzung steht im Englischen für Western, Educated, Industrialized, Rich und Democratic und wurde von Joseph Henrich und seinen Kolleg:innen geprägt. Henrich argumentiert, dass wir weird [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading">Wie <em>sonderbare</em> Stichproben unsere Vorstellung der Menschheit beeinflussen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">HELENE KÜHN. <em>Wenn du das hier liest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du weird bist. Bevor du denkst, ich verurteile dich: diese Abkürzung steht im Englischen für Western, Educated, Industrialized, Rich und Democratic und wurde von Joseph Henrich und seinen Kolleg:innen geprägt. Henrich argumentiert, dass wir weird beziehungsweise im Deutschen sonderbar und damit als Standardversuchspersonen nicht gut geeignet seien, um repräsentativ für den Homo sapiens zu stehen.</em><br><em>Was hat uns weird gemacht? Und wie wirkt sich unsere Sonderbarkeit auf die psychologische Forschung aus?</em></p>



<span id="more-2272"></span>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-20 wp-block-paragraph"><strong>Disclaimer:</strong><br>1. Die binäre Einteilung in <em>weird</em> und nicht-<em>weird</em>, beziehungsweise <em>sonderbar</em> und nicht-<em>sonderbar</em>, ist natürlich stark vereinfacht und der Tatsache geschuldet, dass sie statistische Vergleiche und Zusammenfassungen leichter machen, beziehungsweise dass Ethnizitäten in Studien nicht unbedingt differenziert berichtet werden. Es handelt sich in der Realität weniger um scharf getrennte Gegensätze, sondern um ein Kontinuum, denn Kulturen können sich mischen. Zudem finden sich Unterschiede zwischen Stichproben auch beispielsweise zwischen Generationen oder zwischen Populationen aus ländlichen und städtischen Regionen. <br>2. <em>Weird</em> oder <em>sonderbar</em> bezieht sich sowohl auf das Akronym, als auch auf die Tatsache, dass wir tatsächlich sonderbar sind, also relativ zur Weltbevölkerung in vielen Aspekten eine Ausnahme oder Ausreißer darstellen. Auf einige wird im folgenden Text eingegangen.<br>3. Dieser Text basiert vorwiegend auf der Arbeit von J. Henrich und seinen Kolleg:innen, die sie in dem Paper „The weirdest people in the world?“ [4] veröffentlichten. Außerdem stützt sich der Artikel auf Henrichs Buch „Die seltsamsten Menschen der Welt“ [3]. Studien werden der Einfachheit halber direkt aus diesen beiden Arbeiten zitiert.</p>



<ol class="wp-block-list"></ol>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir Studienergebnisse analysieren und diskutieren, möchten wir diese am liebsten generalisieren. Schließlich klingt es besser und sinnvoller, wenn wir mit unserer Arbeit Erkenntnisse über die Menschheit als Ganzes erhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wen untersuchen wir meistens? Kommiliton:innen aus der Psychologie, oft Anfang 20, oft weiblich, meistens Rechtshänder:innen, … Kurz: eine relativ homogene Stichprobe. Laut einer Untersuchung nutzen psychologische Studien zu 96% <em>sonderbare</em> Menschen, obwohl diese nur 12% der Weltbevölkerung ausmachen. Dabei sind 68% der Versuchspersonen aus den USA, und auch bei den Erstautor:innen handelt es sich zu 73% um Forschende amerikanischer Universitäten. Außerdem sind weit über die Hälfte der Studienteilnehmenden Psychologiestudierende aus dem Bachelor [4].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus ergeben sich zwei Probleme. Erstens: Verhaltenswissenschaftliche Ergebnisse basieren auf Untersuchungen einer wenig diversen Gruppe von Menschen, das heißt es gibt einen <em>Sample Bias</em>. Zweitens: Verhaltenswissenschaftler:innen gehen davon aus, dass alle Menschen zumindest ähnliche kognitive und affektive Prozesse aufweisen und dass ihre Ergebnisse allgemeingültig sind, sodass sie damit das Verhalten der Menschheit, oder des <em>Homo sapiens</em>, erklären können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Begeben wir uns zu den Anfängen des Homo Sapiens. Ursprünglich lebten wir in kleinen Gruppen von Jäger:innen und Sammler:innen. Dabei waren Familienbünde am wichtigsten; es gab keine Schulen, Regierungen oder andere Institutionen und jede Gruppe sorgte selbst für ihr Überleben. Die Menschen legten jeden Tag weite Strecken zu Fuß zurück, aßen insgesamt weniger und tätigten wesentlich mehr körperliche Arbeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Vergleich dazu ist die Umwelt, in der wir heute aufwachsen, mit ihren ergonomisch geformten Stühlen, Autos und fertigem Essen aus dem Supermarkt sehr ungewöhnlich und weit entfernt von unserem Ursprung. Wir sind <em>westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch</em> und haben nur noch wenig mit unseren Vorfahren gemeinsam &#8211; geschweige denn mit nicht-<em>sonderbaren</em> Menschen, auf die diese Eigenschaften nicht zutreffen, die aber den Großteil der Weltbevölkerung ausmachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-21 wp-block-paragraph"><strong>Wie konnte es dazu kommen, dass wir </strong><strong><em>sonderbar</em></strong><strong> geworden sind?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einige Aspekte, die uns <em>sonderbar</em> gemacht haben. Dazu gehören eine Veränderung im Denken über Zeit, Arbeit, Pünktlichkeit und Geduld, sowie eine Entwicklung bestimmter Dispositionen und eines einheitlichen „Ichs“, aber auch religiöse Einflüsse, Veränderungen von Familienstrukturen, und selbst klimatische Faktoren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um nur ein Beispiel zu nennen: Im europäischen Spätmittelalter traten die ersten mechanischen Uhren auf, verbreiteten sich rasant bis in die meisten Kirchen und/oder Rathäuser und bestimmten von da an den Alltag. Dazu zwei interessante Fakten: Erstens, wir sind versessen darauf, Zeit zu sparen, und verbringen den ganzen Tag damit, auf die Uhr zu schauen. Das ist in Jäger- und Sammlerkulturen nie der Fall gewesen. Zweitens, unsere <em>sonderbare</em> Zeitpsychologie lässt sich beobachten, indem man die Gehgeschwindigkeit in verschiedenen Ländern unauffällig betrachtet. Durchschnittlich gehen Menschen in <em>sonderbaren</em> Ländern 30% schneller als in nicht-<em>sonderbaren</em> Regionen. Je <em>sonderbarer</em> ein Land, desto schneller gehen seine Bewohner:innen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Erfindung der mechanischen Uhr veränderte sich auch die Arbeit: Stundenlöhne wurden eingeführt, Pünktlichkeit gewann an Wichtigkeit und Arbeit wurde insgesamt effizienter. So gibt es auch einen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Einführung der Uhr und dem wirtschaftlichen Wachstum. Der Wohlstand trat dabei erst einige Generationen später ein, da es eine Weile dauert, bis das Denken und Handeln von Personen sich anpasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anpassungen im Verhalten und die Entwicklung unterschiedlicher Kulturen hatte auch neuroanatomische Folgen. Zu den Veränderungen gehört unter anderem eine Verdickung des Corpus Callosum, eine Verlagerung der Gesichtserkennung in die rechte Hemisphäre, sowie eine Reduktion der Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, und die Entwicklung des Broca-Areals aus dem präfrontalen Kortex. All diese Umformungen führen unter anderem dazu, dass du diesen Text gerade lesen kannst. Beim Lesenlernen entstehen Netzwerke, die es uns dann ermöglichen, Zeichen als Buchstaben zu erkennen und diese zu Wörter zusammenzusetzen, zumindest solange es sich um ein Alphabet handelt, mit dem man vertraut ist. Das geschieht&nbsp; automatisch und unbewusst, ob wir das gerade wollen oder nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Beispiel für eine veränderte Verarbeitung von Stimuli aufgrund kultureller Einflüsse, ist die rechtshemisphärische Tendenz bei der Gesichtserkennung. Versuchspersonen an westlichen Universitäten zeigten. Das Ergebnis wurde so oft an westlichen Universitäten repliziert, dass man schloss man, dies stelle ein allgemeines Merkmal des Menschen dar. Jedoch handelt es sich mehr um ein Nebenprodukt der Alphabetisierung, die zu neuroanatomischen Veränderungen führte und die sich vor allem in <em>sonderbaren</em> Ländern ausbreitete. Breit alphabetisierte Gesellschaften gab es vor einigen hundert Jahren noch nicht, sodass sich auch unsere Neuroanatomie von unseren Vorfahren unterscheidet.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem, das sich hierbei ergibt, ist zwar eher eine Missachtung des Bildungsstandes (schließlich gibt es auch heute noch eine relativ hohe Zahl nicht-alphabetisierter Menschen) als ein Unterschied zwischen <em>sonderbaren</em> und nicht-<em>sonderbaren</em> Personen, zeigt jedoch, dass kulturelle Einflüsse das Gehirn verändern können und einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf Studienergebnisse und Annahmen über das menschliche Gehirn haben.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verschiedene Entwicklungen haben uns zu dem gemacht, was wir <em>Sonderbaren</em> heute sind:&nbsp; individualistisch, selbstverliebt, kontrollorientiert, nonkonformistisch und analytisch. Damit unterscheiden wir uns nicht nur erheblich von unseren Vorfahren, sondern auch von nicht-<em>sonderbaren</em> Menschen, die laut der Argumentation von Henrich und Kolleg:innen eher dem ursprünglichen <em>Homo sapiens</em> ähneln.</p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-22 wp-block-paragraph"><strong>Wie wirkt sich das Ganze nun auf die psychologische Forschung aus?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Folgenden einige Beispiele&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Räumliche Wahrnehmung</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Abhängig von der Sprache werden Wege, das Farbspektrum oder die Mengen von Objekten auf bestimmte Arten und Weisen beschrieben. In indo-europäischen Sprachen geschehen diese räumliche Beschreibungen egozentrisch, das heißt, ein Ort oder Objekt wird relativ zum Selbst betrachtet. Fast sämtliche anderen Sprachen haben eine allozentrische Sichtweise, das heißt, entweder sind die Beschreibungen geozentrisch (also ausgehend von Himmelsrichtungen) oder objektzentriert (also ausgehend von einem Koordinatensystem um das Objekt). In einer Studie, die niederländische und Tzeltal-Muttersprachler:innen vergleicht, wurde den Versuchspersonen an einem Tisch ein Pfeil gezeigt, der entweder nach rechts (Richtung Norden) oder nach links (Richtung Süden) zeigte. Dann sollten sie sich um 180 Grad drehen und sahen auf einem zweiten Tisch zwei Pfeile, einer der nach links (Richtung Norden) und einer der nach rechts (Richtung Süden) zeigte. Die Aufgabe war es zu bestimmen, welcher der beiden Pfeile dem Pfeil des ersten Tisches entsprach. Abhängig von ihrer Muttersprache antworteten die Niederländer:innen relativ, und die Teltzal-Sprachler:innen absolut. Die relative Lösung ist der Pfeil, der auf beiden Tischen ausgehend von einem selbst nach rechts zeigt; die absolute Lösung der Pfeil, der auf beiden Tischen nach Norden zeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut einer weiteren ähnlichen Studie, die verschiedene Affenarten und vierjährige europäische Kinder vergleicht, zeigen auch kleine Kinder egozentrischer Sprachen eine allozentrische Orientierung, wobei diese „überschrieben“ wird, sobald sie ihre Sprache besser beherrschen [2].</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Analytisch vs. Holistisch</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Sonderbare</em> Menschen denken eher analytisch, nicht-<em>sonderbare</em> eher holistisch. Auf analytischer Ebene werden Objekte von ihrem Kontext distanziert und Verhalten wird auf Basis von Regeln oder Kategorien erklärt und vorhergesagt. Im holistischen Denken wird der Kontext als Ganzes betrachtet, und Dinge oder Verhalten werden auf Basis von Beziehungen zueinander erklärt und vorhergesagt. Prinzipiell sind wir zwar zu beidem fähig, aber unsere Präferenz ergibt sich aus unserer Kultur und unseren Erfahrungen. Wenn beispielsweise Eigenschaften einer Person in einer Situation beschrieben werden sollen, würden analytisch denkende Menschen eher die Person unabhängig von der Situation betrachten und davon ausgehen, dass die Eigenschaften stabil sind. Holistisch denkende Menschen würden argumentieren, dass die Situation die Eigenschaften der Person kontrolliert und dass sie veränderbar sind. Eine Situation zu ignorieren und nur auf Dispositionen zu fokussieren ist ein Ergebnis, dass so oft repliziert wurde, dass man es als „fundamental attribution error“ bezeichnete und daraus schloss, dass es ein allgemein menschliches Verhalten sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seinen Ursprung hat dies in Unterschieden in der Selbstdefinition: independent (<em>sonderbar</em>) oder interdependent (nicht-<em>sonderbar</em>), also Fokus auf eigene Fähigkeiten oder Fokus auf die Rolle in der Gruppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Individualismus vs. Kollektivismus</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Satz „Ich bin ____“ vervollständigen <em>sonderbare</em> Menschen eher mit so etwas wie „Ich bin neugierig“ oder „Ich bin Lehrerin“, jedoch selten mit „Ich bin Sabines Sohn“. Wir fokussieren uns auf unsere Eigenschaften und Leistungen statt auf unsere Beziehungen und soziale Rollen. Unsere eigenen Überzeugungen sind uns wichtiger als die Anpassung an Autoritätspersonen. Wir wollen möglichst eigene Meinungen und Entscheidungen treffen, egal ob diese konform sind mit der Gesellschaft oder nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz dazu ist in kollektivistischen Gesellschaften das Kollektiv am wichtigsten, das heißt das Wohl der Gruppe. Die Menschen identifizieren sich als Teil einer Gruppe, zum Beispiel über ihre Rolle in der Familie oder der Gesellschaft.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem tritt in individualistischen Gesellschaften eher das Gefühl der Schuld in den Vordergrund, während kollektivistische Gesellschaften eher Scham empfinden. Schuld tritt bei uns oft auf, wenn wir das Gefühl haben, nicht den individuellen Normen zu entsprechen, während sich Personen schämen, weil sie gegen soziale Normen verstoßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf Individualismusskalen liegt die USA an einem Extrem, Japan und Deutschland befinden sich eher mittig, und China befindet sich am unteren Ende, ist also am kollektivistischsten im Ländervergleich.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Konformitätseffekt</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem bekannten Experiment von Solomon Asch werden Teilnehmenden eine Referenzlinie sowie drei weitere Linien vorgelegt. Die Aufgabe ist zu bestimmen, welche der drei Linien der Ziellinie entspricht, also dieselbe Länge hat. Die Versuchsperson geht dabei zusammen mit drei weiteren Personen in einen Raum, wobei sie nicht weiß, dass die anderen Kompliz:innen des Versuchsleiters sind. Bei vorher festgelegten Trials geben alle drei Kompliz:innen dieselbe falsche Antwort, bevor die tatsächliche Versuchsperson antworten muss. Ist die Versuchsperson allein, gibt sie in 98% der Fälle die richtige Antwort. Sind die anderen drei Personen dabei, muss sie die Meinung der anderen ausblenden und ihrer eigenen Wahrnehmung trauen, um die richtige Antwort zu geben. Wie oft sie das tut, wird als Konformitätseffekt bezeichnet, und dieser unterscheidet sich beträchtlich zwischen Kulturen: <em>Sonderbare</em> Teilnehmende lassen sich kaum in ihrer Antwort beeinflussen, während sich nicht-<em>sonderbare</em> Teilnehmende eher konform verhalten. Dabei ergibt sich eine negative Korrelation zwischen der Konformität und dem Individualismusindex eines Landes.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Entscheidungen</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell ist es Menschen wichtig, Entscheidungen treffen zu können und Auswahlmöglichkeiten zu haben. Allerdings gibt es Differenzen, wie sehr <em>sonderbare</em> und nicht-<em>sonderbare</em> Personen Entscheidungen schätzen. Beispielsweise ziehen es europäisch-amerikanische Kinder vor, an Aufgaben zu arbeiten, die sie sich selber ausgesucht haben, während asiatisch-amerikanische Kinder bei selbst ausgesuchten und von anderen ausgewählten Aufgaben gleich motiviert sind. Auch gibt es nicht überall dieselbe Wahrnehmung von Wahlmöglichkeiten: So haben <em>sonderbare</em> Menschen eher das Gefühl, die Wahl über ihren Job oder andere Dinge im Leben zu haben und treffen eher Entscheidungen, die mit ihren persönlichen Präferenzen übereinstimmen, als nicht-sonderbare.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell sind US-Amerikaner:innen übrigens am äußersten Ende des <em>sonderbaren</em> Kontinuums: In Experimenten finden sie zum Beispiel Wahlmöglichkeiten besser als andere westliche Personen, das heißt sie ziehen es vor, aus 50 statt aus 10 Eissorten zu wählen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Gemeinsamkeiten</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben all den Unterschieden sei erwähnt, dass es natürlich auch Gemeinsamkeiten oder zumindest Ähnlichkeiten zwischen <em>sonderbaren</em> und nicht-<em>sonderbaren</em> Menschen gibt. So geben über Kulturen hinweg eher Männer als Frauen an, dass ihnen die Attraktivität ihrer Partnerin wichtig ist, während Frauen eher angeben, dass ihnen Ambition in der Partnerschaft wichtig ist. Außerdem finden sich auch die Fünf Faktoren der Persönlichkeit über Länder hinweg, und <em>sonderbare</em> wie nicht-<em>sonderbare</em> Menschen „bestrafen“ Trittbrettfahrer:innen in Studien, das heißt, dass Spieler:innen, die wenig zum Erfolg beitragen, weniger Geld gegeben wird.</p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-23 wp-block-paragraph"><strong>Was bedeutet das für die Forschung?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">All die aufgeführten Experimente kommen zu dem gleichen Schluss: das Verhalten, das bei US-amerikanischen Studierenden (oder anderen <em>sonderbaren</em> Menschen) beobachtet wurde, ist für die Menschheit repräsentatives Verhalten. Lange ging man auch davon aus, da die Ergebnisse vielfach repliziert wurden (natürlich mit ähnlichen Stichproben von Universitäten). Darauf aufbauend wäre es logisch zu schlussfolgern, dass sich Menschen selten konform verhalten, dass sie individualistisch sind und sich mehr auf eigene Leistungen als auf Beziehungen konzentrieren, dass Kinder allozentrisch und Erwachsene egozentrisch denken. Wie wir gesehen haben, stimmt das jedoch nicht. Es handelt sich vielmehr um <em>sonderbares</em> Verhalten, das von anderen Bevölkerungsgruppen sowie von unseren Vorfahren so nicht gezeigt wird und wurde. Damit ist die Standardstichprobe nicht repräsentativ für die Spezies, sondern sie stellen sogar die Ausreißer dar und sind somit eine der am wenigsten geeigneten Populationen, um Ergebnisse zu generalisieren. Außerdem führt es dazu, dass in Studien untersuchte Themen limitiert sind (und Themen wie Rituale und Polygamie, die bei uns nicht so sehr verbreitet sind, weniger untersucht werden). Gering ausgeprägte Verhaltensweisen oder Dispositionen (wie zum Beispiel Konformität) können in <em>sonderbaren</em> Menschen auch nur schlecht erforscht werden können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der Psychologie findet sich das Problem auch in anderen Bereichen: Neurowissenschaftler:innen sind ebenfalls anfällig für denselben Bias, schließlich nutzen sie vorwiegend <em>sonderbare</em> Gehirne für ihre Forschung (Chiao &amp; Cheon, 2010). 90% der neurowissenschaftlichen Studien stammen von westlichen Universitäten und Instituten. Das ist allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass die Technologien zum einen noch relativ neu sind, zum anderen so teuer, dass sie nicht für alle Forschenden zugänglich sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unterschiede gibt es nicht nur in der Anatomie, sondern auch in der Hirnaktivität, zum Beispiel zwischen <em>sonderbaren</em> und ostasiatischen Personen. <em>Sonderbare</em> Menschen zeigen unterschiedliche Aktivität im medialen Präfrontalkortex, wenn sie über sich selbst oder über enge Freunde/Verwandte nachdenken, während Personen aus Ostasien diesen Unterschied in der Aktivität nicht zeigen. Im Bereich der Hirnforschung fehlen zwar noch viele Studien, um weitere spezifische Aussagen treffen zu können, allerdings gilt es als relativ sicher, dass es Unterschiede gibt, ob aufgrund von kulturellen, behavioralen oder anderen Umweltfaktoren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst bei der Verwendung von Schimpansen als Versuchstiere gibt es einen Bias [5]. Sie haben auch ihr eigenes Akronym: BIZARRE (raised in <em>Barren, Institutional, Zoo, And Other Rare Rearing Environments</em>). <em>Bizarre</em> Schimpansen zeigen ebenfalls Verhaltensweisen, die sehr unterschiedlich von ihren Artgenossen in Freiheit sind. Dennoch gibt es auch viele Erkenntnisse aus der Psychologie, die auf Experimenten mit bizarren Schimpansen oder anderen Tieren basieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem wird weiterhin bestehen, weil wir Experimente sehr oft auf vorherigen Studien aufbauen und Hypothesen aus älteren Forschungsergebnissen ableiten [1]. Dementsprechend vertiefen wir unser Wissen auf Grundlage von Ergebnissen derselben homogenen Stichprobe.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ziel des Artikels von Henrich und Kolleg:innen ist vor allem, Verhaltenswissenschaftler:innen auf den <em>Sample Bias</em> aufmerksam zu machen und zu motivieren, ihre Stichproben diverser zu gestalten. Außerdem wird erklärt, wieso sich „unsere“ Psychologie im Laufe der Geschichte so stark verändert hat. Es mag nicht immer das Ziel sein zu generalisieren, die genannten Beispiele mögen Extrembeispiele sein und auch methodische Artefakte mögen eine Rolle spielen. Außerdem kann das Einschließen nicht-<em>sonderbarer</em> Gruppen schon an der Finanzierung scheitern, oder an der Tatsache, dass Journals mehrere Studien oder große Stichproben fordern, was wesentlich einfacher zu erreichen ist, indem man Studierende rekrutiert. Dementsprechend handelt es sich auch um ein institutionelles Problem und nicht nur um einen fehlenden Willen von Seiten der Forscher:innen. Allerdings gibt es Möglichkeiten, auch außerhalb der Universitäten Versuchspersonen zu rekrutieren, wie es in anderen Disziplinen durchaus üblich ist.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im ersten Schritt ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass es einen <em>Sample Bias</em> gibt, um dann zu versuchen, etwas zu verändern, mit dem Ziel in Zukunft menschliches Verhalten umfassender erklären zu können. </p>



<p class="has-white-color has-dark-gray-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-24 wp-block-paragraph">Sehr detailliert nachgelesen werden können die hier aufgegriffen Aspekte in dem Buch „Die seltsamsten Menschen der Welt“ von Joseph Henrich, das 2020 im Suhrkamp Verlag erschien.</p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-25 wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><strong>Quellen:</strong><br>[1] Chiao, J. Y., &amp; Cheon, B. K. (2010). The weirdest brains in the world. <em>Behavioral and Brain Sciences</em>, <em>33</em>(2–3), 88–90. <a href="https://doi.org/10.1017/S0140525X10000282">https://doi.org/10.1017/S0140525X10000282</a><br>[2] Haun, D. B. M., Rapold, C. J., Call, J., Janzen, G., &amp; Levinson, S. C. (2006). Cognitive cladistics and cultural override in Hominid spatial cognition. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences</em>, <em>103</em>(46), 17568–17573. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.0607999103">https://doi.org/10.1073/pnas.0607999103</a><br>[3] Henrich, J. (2022). <em>Die seltsamsten Menschen der Welt: Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde.</em>Suhrkamp Verlag.<br>[4] Henrich, J., Heine, S. J., &amp; Norenzayan, A. (2010). The weirdest people in the world? <em>Behavioral and Brain Sciences</em>, <em>33</em>(2–3), 61–83. <a href="https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X">https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X</a><br>[5] Leavens, D. A., Bard, K. A., &amp; Hopkins, W. D. (2010). BIZARRE chimpanzees do not represent “the chimpanzee.” <em>Behavioral and Brain Sciences</em>, <em>33</em>(2–3), 100–101. https://doi.org/10.1017/S0140525X10000166</p>
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		<title>„Honne und Tatemae“ –  Die Maskerade über dem wahren Gefühl </title>
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		<pubDate>Tue, 09 Jul 2024 04:32:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[MAIKE BORCHARDT. Das Privileg, im Rahmen meiner Asienreise für zwei Monate in Japan zu leben, gab mir die Möglichkeit, die japanische Kultur und gesellschaftlichen Werte besser kennenzulernen. Ich war sehr überrascht, wie meine ursprüngliche Begeisterung für die japanische Kultur und einzigartige Natur im Laufe meines Aufenthalts mehr und mehr von kritischen Eindrücken ergänzt wurde. Ich [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">MAIKE BORCHARDT. <em>Das Privileg, im Rahmen meiner Asienreise für zwei Monate in Japan zu leben, gab mir die Möglichkeit, die japanische Kultur und gesellschaftlichen Werte besser kennenzulernen. Ich war sehr überrascht, wie meine ursprüngliche Begeisterung für die japanische Kultur und einzigartige Natur im Laufe meines Aufenthalts mehr und mehr von kritischen Eindrücken ergänzt wurde. Ich habe viele gedankenanstoßende Beobachtungen und Gespräche über gesellschaftlich-soziale Probleme und psychologische Phänomene machen können, die in mir eine paradoxe Haltung zu diesem Land wachsen ließen. Einige dieser psychologischen Phänomene möchte ich in diesem Artikel beschreiben. Ich möchte betonen, dass diese Gedanken durch meine subjektiven Eindrücke, durch alltägliche Beobachtungen und durch Interaktionen mit einigen anderen Japaner*innen oder in Japan lebenden Menschen entstanden sind.</em></p>



<span id="more-2270"></span>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-33 wp-block-paragraph"><strong>„Honne und Tatemae“ (</strong><strong>本音と建前</strong><strong>)</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mentalität von „Honne und Tatemae“ ist wohl das Phänomen, was mir seit meiner Ankunft in Japan am meisten in den verschiedensten Situationen begegnet ist – daher gibt es wahrscheinlich auch einen spezifischen japanischen Ausdruck für diese Mentalität. „Honne“ (jap. 本音) bedeutet so viel wie echtes oder authentisches Gefühl, welches die Japaner*innen im Alltag in den meisten Fällen hinter „Tatemae“ (jap. 建前), einer Fassade oder Maske, verstecken. Statt die wahren Gefühle oder Bedürfnisse zu offenbaren, wird eine Art unauthentische Maske voller Freundlichkeit und Höflichkeit vor allem in der Öffentlichkeit getragen. In seltenen Fällen wird Honne vor engen, vertrauensvollen Freund*innen gezeigt, aber über den Großteil der Zeit wird die Maske getragen. Die langfristige Problematik ergibt sich vor allem durch die fehlende Übereinstimmung von Tatemae und Honne, da die nach außen gezeigten Gefühle im Gegensatz zu den „echten“ stark voneinander abweichen können. Man möchte im Gegenüber keine Verärgerung provozieren oder einen Konflikt verursachen. Die soziale Harmonie („wa“) wird höher priorisiert und soll durch das Verstecken der echten Gefühle und das Nichtäußern einer kritischen oder abweichenden Meinung aufrechterhalten werden [1]. So sollen beispielsweise auch Stolz und Selbstbewusstsein hinter einer Fassade von Demut und Bescheidenheit versteckt werden. Für ein Kompliment über das Aussehen sollte man sich beispielsweise nicht bedanken, sondern abstreiten, dass es der Realität entspreche. Unfaire oder schwierige Bedingungen am Arbeitsplatz werden vor dem/der Chef*in nicht oder selten thematisiert, sondern ebenfalls hinter einer Fassade von Freundlichkeit und Loyalität verborgen. Psychische Belastungen werden nicht angesprochen, da sie im Gegenüber ein Unwohlsein verursachen und die soziale Schein-Harmonie gefährden würden. Ich persönlich habe die Erfahrung mit Tatemae gemacht, wenn ich unbeabsichtigt ein Verhalten gezeigt habe, welches in geringem Maße von den impliziten sozialen Normen abwich. In diesem Fall hat mich niemand auf mein Verhalten zur Korrektur hingewiesen, da dies als konfrontativ und unangenehm empfunden werden würde. Aus historischer Perspektive haben Honne und Tatemae die japanische Gesellschaft schon seit dem 8. bis 12. Jahrhundert (Heian-Epoche) geprägt [2]. Heutzutage ist diese Mentalität in allen Bereichen von Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft bis zu verschiedensten Formen der Kommunikation wiederzufinden [1].&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich habe ich einige der eben genannten Beispiele zugespitzt dargestellt, aber sie sollen meinen Eindruck von Japan verdeutlichen. Aufgrund von Honne und Tatemae habe ich mich in einigen Situationen sehr unwohl gefühlt, weil ich mir eine authentische Reaktion meines Gegenübers gewünscht hätte, um diese Person besser kennenzulernen oder mich – im Falle eines nicht intendierten Fehlverhaltens &#8211; an Regeln anpassen könne. Auf andere Weise ausgedrückt: Oft war mir die gespielte Freundlichkeit und Höflichkeit einfach zu viel, da ich keine „echte“ Verbindung zu meinem Gegenüber aufbauen konnte. Das hat dazu beigetragen, dass ich zu Beginn meines Japan-Aufenthalts eine Art Kulturschock erlebt habe, den ich in einem modernen und digitalisierten Industriestaat wie Japan weniger erwartet hatte. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-34 wp-block-paragraph"><strong>Sozialer Rückzug von Schule und Arbeit – „Hikikomori“&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Tragen einer Maske zum Verstecken der echten Gefühle kann in einer leistungsorientierten Gesellschaft wie Japan Versagensängsten schüren, die mentale Belastung im Allgemeinen erhöhen und in einigen Fällen zu „Hikikomori“ führen. Dieses Phänomen des sozialen Rückzugs aus Schule oder Arbeit tritt zwar selten auf, aber ist besonders für die japanische Kultur typisch. Betroffene mit Hikikomori verbringen den Großteil ihres Alltags zu Hause und haben kein Interesse oder Motivation, in die Schule oder auf die Arbeit zu gehen. Damit geht auch eine Reduktion sozialer Kontakte zu Freund*innen oder Familienmitgliedern einher. Es können Symptome auftreten, die einer Depression, Angst (u.a. soziale Phobie), Schizophrenie, Entwicklungsstörungen oder einer vermeidenden oder schizoiden Persönlichkeitsstörung nahe kommen [3]. Um eine Abgrenzung von diesen Differenzialdiagnosen vornehmen zu können, gab es bereits Vorschläge für DSM-5-Diagnosekriterien für Hikikomori als kulturgebundenes Syndrom [3]. Der japanische Psychologe Nicolas Tajan argumentiert jedoch dafür, Hikikomori weniger als psychische Störung, sondern eher als Form des passiven Widerstands auf die Belastungen des Bildungssystems und der Gesellschaft zu betrachten [4]. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass diese klinisch-psychologische Symptomatik nicht nur ausschließlich in Japan und damit als kulturgebundenes Phänomen auftritt, sondern teilweise auch in anderen Ländern wie etwa Spanien, Australien, Thailand, Korea und Taiwan [5]. Neben der gesellschaftlichen Belastung spielen natürlich auch andere Faktoren wie etwa schwierige Familienverhältnisse (u.a. häufige Abwesenheit des Vaters) oder die finanzielle bzw. berufliche Situation bei der Entstehung von Hikikomori eine Rolle. Etwa 0.9-3.8% der Japaner*innen berichten darüber, schon einmal in ihrem Leben Hikikomori-Symptome erlebt zu haben [6].</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-35 wp-block-paragraph"><strong>Strenge Arbeitsmoral&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Jede*r von uns hat bestimmt bereits über die strenge und kollektivistische Arbeitskultur in Japan gehört. Es scheint das Normalste der Welt zu sein, Überstunden zu machen, bis in die Nachtstunden zu arbeiten und trotz offiziellem Anspruch auf Urlaub auf Reisen zu verzichten, um den Kolleg*innen nicht zur Last zu fallen. Die Äußerung individueller Bedürfnisse wird als egoistisch und nicht bescheiden betrachtet, was gegen die Harmonie der Gruppe spricht. Es wird erwartet, dass eigene Wünsche und Bedürfnisse (also Individualismus im weiteren Sinne) für die Gesellschaft und den kollektivistischen Teamgeist aufgegeben werden. Außerdem spielen Hierarchien eine sehr große Rolle: Es ist wichtig, dass gegenüber älteren Senior*innen oder länger arbeitenden Kolleg*innen Respekt gezeigt wird. Da sich in der Vergangenheit der Lohn vor allem an der Anzahl der Arbeitsjahre in einem Unternehmen oder in einer Organisation orientierte, versuchen auch bis heute viele Arbeitende, ihren Job unter schlechten Arbeitsbedingungen nicht zu kündigen und ausgeprägte Loyalität nach außen zu vermitteln [7]. Die Kündigung eines Jobs gilt generell als unüblich, da sie den sozialen Ruf einer Person stark schädigen kann. Die streng konservative, hierarchische und kollektivistische Arbeitskultur führt in einigen Fällen zu „karōshi“ (jap. 過労死;Tod durch Überarbeiten, z. B. über kardiovaskuläre Krankheiten durch Stress, oder Mangelernährung)oder „karo jisatsu“ (jap. 過労自殺; Suizid durch Überarbeiten durch zu hohe psychische Belastung) [8] [9]. Laut aktuellen Zahlen des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Soziales ist der Anteil an Arbeitenden mit mehr als 60 Arbeitsstunden pro Woche seit der Corona-Pandemie in vielen Arbeitsbereichen deutlich gesunken, in anderen jedoch auch leicht gestiegen [10]. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-36 wp-block-paragraph"><strong>Trinken nach der Arbeit – „Nomikai“&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Japan ist die Vermeidung von Alkoholkonsum schwierig – es gehört selbstverständlich dazu, nach einem Arbeitstag zu einer „Nomikai“ zu gehen. Eine Nomikai ist eine Art Trinkparty mit Chef*in und Kolleg*innen, welche meist regelmäßig wöchentlich stattfindet und unter Umständen bis in die Morgenstunden dauern kann. Manchmal gehen die Angestellten nach einer Nomikai gar nicht erst nach Hause, sondern direkt wieder auf Arbeit. Diese arbeitsbezogenen Trink-Veranstaltungen dienen nach außen hin hauptsächlich dem Networking und dem Aufstieg auf der Karriereleiter [7]. Allerdings ist in der jüngeren Generation schon häufiger Widerstand gegen diese Trinkkultur zu beobachten. Neben dem Effekt eines entspannteren Auftretens im sozialen Kontext wird das Trinken bei männlichen Arbeitern jedoch auch als Ausdruck ihrer Männlichkeit gesehen [11]. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-37 wp-block-paragraph"><strong>Konservatives Rollenbild der Frauen&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Erzählungen mit in Japan wohnenden Menschen ist mir vor allem das konservative Rollenbild der Frauen aufgefallen. Auch wenn sich dieses Bild in den letzten Jahren schon leicht zu ändern scheint, ist es nach wie vor eher unüblich, dass Frauen nach der Geburt des ersten Kindes arbeiten gehen. Normalerweise übernimmt die Mutter die Rolle der Hausfrau und der fest angestellte Vater kümmert sich um das finanzielle Einkommen der Familie. Generell sind Frauen sehr selten in höheren beruflichen Positionen anzutreffen, da diese meist für die Männer vorgesehen sind. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-accent-color has-text-color has-link-color wp-elements-38 wp-block-paragraph"><strong>Abschließend noch etwas Positives: Hundertjährige auf Okinawa</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bisher habe ich vor allem die von mir eher kritisch erlebten Seiten Japans beleuchtet, und möchte zum Abschluss gern noch ein eher positives Gegenbeispiel bringen: Vielleicht haben einige von euch bereits gehört, dass die sehr weit südlich von den Hauptinseln Japans liegende Insel Okinawa eine der insgesamt fünf „Blue Zones“ dieser Erde ist. Blue Zones sind Gebiete, in denen die Lebenserwartung der dort lebenden Menschen höher als der Durchschnitt ist. Auf Okinawa liegt die Anzahl Hundertjähriger auf 100.000 Personen mit 81 um Einiges höher ist als auf den Hauptinseln Japans (48 Hundertjährige auf 100.000 Personen) [12]. Doch was für einen Lebensstil haben die Inselbewohner*innen Okinawas, wenn sie so alt werden? Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die zum Teil die oben genannten psychologischen Phänomene stark kontrastieren: Die hauptsächlich pflanzenbasierte Ernährung, das Prinzip „hara hachi bu“ (= Magen bei jeder Mahlzeit nur zu 80% füllen) und der weitestgehende Verzicht auf Alkohol und Tabak ermöglichen langfristig einen Ausgleich oder sogar ein leichtes Minus an Kalorienzufuhr sowie insgesamt eine gesunde Ernährungsweise auf Okinawa. Neben einer gesunden Ernährung sind ein hohes mentales und körperliches Aktivitätslevel auch im hohen Alter, sowie das Pflegen eines stabilen sozialen Netzwerks unter Freund*innen und Familie typisch für Okinawa. Die Inselbewohner*innen fallen ebenfalls durch ihre entspannte Lebensweise mit hoher Stressresilienz und durch ihre ausgeprägten Vorstellungen zu „ikigai“ (= Erfüllung durch Lebenssinn finden) auf, welche zu einer hohen Lebenserwartung beitragen können. Ein weiterer Faktor stellt die Spiritualität durch die indigene Religion dar: Die Bewohner*innen Okinawas haben einen festen Glauben an die spirituelle Energie in allem, sodass sie in ausgeprägter Verbundenheit zur Natur und zu ihren Angehörigen früherer Generationen leben [12] [13].&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn ich mit der Lebensweise auf Okinawa ein Gegenbeispiel für die zuvor genannten, eher kritischen Aspekte psychologischer Phänomene Japans gegeben habe, fokussiert dieser Artikel hauptsächlich auf negativ konnotierte Aspekte. Ich möchte betonen, dass ich damit keinesfalls die Intention habe, Japan in „schlechtem Licht“ darzustellen. Es gibt viele weitere, positiv konnotierte und faszinierende Seiten Japans, die ich mit diesem Artikel nicht abdecke. Ich wollte vor allem die kritischen Aspekte herausstellen, da ich sie während meiner Reise in Japan nicht in diesem Ausmaß erwartet hätte. Aber vielleicht bekommt ihr Lust, nach Japan zu reisen und euch selbst ein Bild zu machen, falls ihr noch nicht dort wart! </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-white-color has-accent-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-39 wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><strong>Quellen</strong><br>[1] Trinidad, G. J. (2014). <em>Honne and Tatemae: Exploring the Two Sides of Japanese Society</em>. https://d1wqtxts1xzle7.cloudfront.net/36778161/ThesisH_0026T-libre.pdf?1424936941=&amp;response-content-disposition=inline%3B+filename%3DThesis_Honne_and_Tatemae.pdf&amp;Expires=1694597123&amp;Signature=fOz7-WGU5xchU8nzORcNWxrCgj6VhC5yWpeUtHRtTvAqglFDXlKLlGCmPavP2FGPf3E8P2K55p~JbB~m7gt18yRKEzQHeAOR~7k~SzQMvDX0wDF7sUYmDGhZz5WO7WyUV3C5HE2ogumiPSeSApsQy8gO9PKMxy4J0Tpc0tyq10qp04l3u4TdUtcocEpekIY~DmVrJ0-7JlW95IMTfUQC6xH0NgB7FU-vhuNCcuVxx6MjYE0kElLuyCQZduKRi3IFfvrgUw4Zi2Z4m5mBoybirvwqPEbi6t40yQA3Ft8Q3zUU2ZuxN4J6RHExtyfFE26syv-jIzhB4U1qkt~MvY52Pg__&amp;Key-Pair-Id=APKAJLOHF5GGSLRBV4ZA<br>[2] De Mente, B. L. (2005). <em>Japan Unmasked: The Character and Culture of the Japanese</em>. Tuttle Publishing.<br>[3] Teo, A. R., &amp; Gaw, A. C. (2010). Hikikomori, A Japanese Culture-Bound Syndrome of Social Withdrawal? A Proposal for DSM-V. <em>The Journal of nervous and mental disease</em>, <em>198</em>(6), 444–449. <a href="https://doi.org/10.1097/NMD.0b013e3181e086b1">https://doi.org/10.1097/NMD.0b013e3181e086b1</a><br>[4] Tajan, N. (2021). <em>Mental Health and Social Withdrawal in Contemporary Japan</em>.<br>[5] Kato, T. A., Tateno, M., &amp; Shinfuku, M. (2012). Does the ‘hikikomori’ syndrome of social withdrawal exist outside Japan? A preliminary international investigation. <em>Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol</em>, <em>47</em>, 1061–1075. https://doi.org/10.1007/s00127-011-0411-7<br>[6] Kiyota, A., Usami, M., &amp; Ooosumi, H. (2008). <em>Chiiki renkei shisutemu ni yoru hikikomori shien to ekigakuteki kentou (Support and epidemiological analysis of social withdrawal using a system of regional parternships), Kokoro no kenkou kagaku kenkyuu</em>.<br>[7] Superprof. (2021). <em>Arbeiten in Japan: Japans Kultur und die Besonderheiten</em>. Superprof &#8211; Blog für Lehrer, Schüler &amp; Eltern. https://www.superprof.de/blog/arbeiten-in-japan-kultur-und-besonderheiten/<br> [8] Asgari, B., Peckar, P., &amp; Garay, V. (2017). <em>Karoshi and Karou-jisatsu in Japan: Causes, statistics and prevention mechanisms</em>.<br>[9] Ono, H. (2018). Why Do the Japanese Work Long Hours? Sociological Perspectives on Long Working Hours in Japan. <em>Japan Labor Issues</em>, <em>2</em>(5), 35–49.<br>[10] Ministry of Health, Labour &amp; Welfare. (2022). <em>The 2022 White Paper on Measures to Prevent Karoshi, etc. [Summary]</em>. https://www.mhlw.go.jp/content/11200000/001065344.pdf<br>[11] Nakamura, K. (2015). Paul A. Christensen, Japan, Alcoholism, and Masculinity: Suffering Sobriety in Tokyo. <em>Japanese Studies</em>, <em>35</em>(2), 260–262. https://doi.org/10.1080/10371397.2015.1080343<br>[12] World Economic Forum. (2021, September 29). <em>Want to live a long, healthy life? 6 secrets from Japan’s oldest people</em>. World Economic Forum. https://www.weforum.org/agenda/2021/09/japan-okinawa-secret-to-longevity-good-health/<br>[13] Maxim Mankevich (Regisseur). (2023, Oktober 15). <em>Ayurveda Experte: Die Formel für ein langes &amp; gesundes Leben | Dr. Ulrich Bauhofer (Teil 1/3)</em>. https://www.youtube.com/watch?v=1aSPqVANkvk</p>
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